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Dienstag» 14. April 1914.
Abend-Ausgabe.
Nr. 172. «- 62. Jahrgang.
veteranenhilfe.
Von Konteradmiral z. D. Schlieper.
Für die deutsche Jugend wird mit Recht in den letzten Jahren vieles getan. Mit Interesse und Zu- stlmmung folge ich den Ausführungen eines Richard Nordhausen im „Tag", höre von dem Zauber, den der Name Freiherr v. d. Goltz auf unser „Jungdeutschland" ausübt; aber über allem Jungen soll man doch wieder der bedürftigen Alten nicht vergessen. Wohl leben unsere ehemaligen Veteranen aus den großen Kriegen m einem Paradiese der Erinnerung hehrer Taten, dem einzigsten, aus dem sie nicht vertrieben werden können. Indes, sie können davon allein nicht leben, und da ist's denn auch echt deutsche Pflicht, ihnen den Lebens- abend nach Möglichkeit sonniger zu gestalten, besser gesagt — weniger traurig! Wer im lieben deutschen Vaterlande „Vereine und Verbände" gründet, der darf dies nicht immer mit zu großen: Optimismus tun. Um w freudiger darf man aber sein, wenn man feststellen kann, daß ein neues, ganz von Patriotismus, Kameradschaft und Nächstenliebe durchdrungenes Unternehmen seine Früchte trägt. Ein solches Unternehmen ist der „Reichsverband zur Unterstützung deutscher Veteranen" (Berlin W. 9, Potsdamer Straße 126), der unter dem Präsidium des Generals der Infanterie Freiherrn v. Lyncker den Vorsatz zur Abtragung eines Dankes an die hilfsbedürftigen ehemaligen Kämpfer in immer ausgedehnterem Maße in die Tat umsetzt. Nicht im Widerspruch, nicht im Gegensatz zu bestehenden Dingen, sondern ergänzend, organisierend, Härten und Schärfen mildernd — immer den Gedanken verfolgend, daß der hilfsbedürftige Veteran, mag er später auch mal Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben haben, in erster Linie mit leinen Knochen, seinem Blute geholfen hat, das Deutsche Reichs neu erstehen zu lassen. Das soll ihm nicht vergessen werden! So mancher schlechte Mensch wird stein- alt in Rüstigkeit und Niedertracht, ohne etwas geleistet zu haben — so mancher einst fröhliche deutsche Kämpfer aber fristet auf Krücken und von Schmerzen geplagt ein kümmerlich Dasein, sein Eisernes Kreuz am schwarz- weißen Band mit Wehmut betrachtend. Doch — ihm will der Reichsverband gleichfalls helfen; er soll's mit mehr Genugtuung, soll's wieder mit Stolz und Freude ansehen.
Die Arbeit des Reichsverbandes ist im Jahre 1913, trotzdem sie erst zu Ostern des vergangenen Jahres ausgenommen werden konnte, von einem sehr anerkennenswerten und erfreulichen Erfolge begleitet gewesen. Ist es doch gelungen, in der erst Währigen Tätigkeit ein Reinvermögen von 200 009 M. zu sammeln und laufende Einnahmen in einer Höhe von 40 000 M. sicherzustellen. Diese Erfolge haben den Verband veranlaßt, schon zu Weihnachten des vergangenen Jahres 30 000 M. zur Unterstützung von rund 1500 hilfesuchenden Veteranen berettzustellen. Diese Unterstützungen wurden zur Behebung vorübergehender Notlagen teils einmalig gegeben, teils erfolgten sie entsprechend den Grundsätzen des Verbandes als laufende Unterstützungen von monatlich meist 10 M. Wieviel Not und Elend dadurch gelindert wurde, beweisen die zahlreichen, von zittrigen Veteranenhänden geschriebenen Dankesbriefe, die als die schönste Genug-
Feuilleton.
Kestdrn;-ThLater.
Sonntag, den 12. April, zum erstenmal: „Müllers." Schwank in 3 Akten von Fritz Friedemann-Frederich.
Wir haben nicht bedauert, der Einladung zu „Müllers" gefolgt zu sein, denn die Unterhaltung war gut. Hier und da war's zioar ein klein wenig langweilig, und wir hatten mehrmals minutenlang das Gefühl: jetzt fängt die Gesellschaft zu gähnen an! Jedesmal aber stellte sich zur rechten Zeit ein Witzchen oder ein Witz ein, und „Müllers" und ihre Gäste tauten auf und wurden fidel. Die „Müllers" sind neun Köpfe stark, wenn man Vater und Sohn v o n Müller dazurechnet; daß es trotzdem so gut wie, gar keine Verwechslungen gibt, ist eine bemerkenswerte Tatsache. Der Berliner Grundspekulant und Millionär Hugo Müller hat einen Sohn, eine Tochter und eine Schwester. Der junge von Müller möchte die Tochter, der alte van Müller (konservatives W- d- R.) die Schwester heiraten. Die von Müller brauchen Geld. Der Sohn des Grundstücksspekulanten hält's mit der Nichte des Dr. Sally Braun, liberales M. d. R. und Jude. Am Schluß bcS ersten Aktes stellen sich drei Brautpaare vor und die konservativen von Müllers legen entschieden Protest gegen die Einführung der jungen Juden in den Müllerschen Familienkreis ein. Man merkt auch bereits, daß Fräulein Ilse Müller und Dr. med. Ärtur Braun (der Einjährige) vom Autor für einander bestimmt sind, und der gutmütige Zuschauer freut
tuung für die geleistete mühevolle Arbeit dem Verbände zugingen.
Eine wertvolle Arbeit für den weiteren Ausbau der Organisation des Reichsverbandes ist sodann im Jahre 1913 durch Veranstaltung einer statistischen Umfrage bei den deutschen Städten geleistet worden, durch die festgestellt wurde, welche Fürsorgevereine in den einzelnen Städten des Reiches bestehen, wie ihre Vermögensverhältnisse liegen und unter welchen Bedingungen die Unterstützungen erfolgen. Der Reichsverband hat auf diese Weise ein brauchbares Material bekommen, das für die Arbeit der lokalen Organisationen, insonderheit soweit es sich um die Herbeiführung des Zusammenschlusses resp. Zusammenarbeitens der einzelnen Fürsorgevereine handelt, von besonderer Bedeutung werden dürfte.
Dem Reichsverband zur Unterstützung deutscher Veteranen sind im Jahre 1913 beigetreten rund 6000 Mitglieder, ferner zeichneten einen einmaligen Beitrag gleichfalls rund 6000 Damen und Herren. Unter den Mitgliedern resp. einmaligen Gebern befinden sich: 166 Städte, 197 Offizierkorps, Bezirkskommandos und Offizierklubs, 31 Innungen, 29 wirtschaftliche Vereine und Verbände.
Diese Zahlen beweisen, daß die Reichsverbandsidee auf fruchtbaren Boden gefallen ist, und lassen eine weitere kräftige Entwicklung des Reichsverbandes erhoffen?)
DeutschsZ Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der König von Bayern empfing gestern mittag im kleinen Thronsaale der Residenz den sächsischen Gesandten Geh. Logationsrat von Stieglitz in Antrittsaudienz im Beisein des Ministerpräsidenten Grafen Hertling.
* Der weitere Aufenthalt des Kaiserpaarcs auf Korfu. Der Kaiser und die Kaiserin sowie die Königin der Hellenen und deren Umgebungen nahmen am Sonntag in Korfu an dem Ostergottesdienst in der Schloßkapclle teil, den Militäroberpfarrer Geheimer Konsistorialrat Goens abhielt. Um 11 Uhr begab sich der Kaiser nach der Stadt Korfu, wo er mit der königlichen Familie vor dem Stadtschloß,der am Sonntag stattgefundenen großen Prozession zusah, zu der die Bevölkerung der ganzen Insel zusammengeströmt war. Mittags fand im Achilleion Familientafel statt, an der der König und di? Königin von Griechenland, die Prinzessinnen Helene und Irene sowie Prinz Paul teilnahmen. Nachmittags wurde auf der „Hohenzollern" in Gegenwart der Majestäten das übliche Eiersuchen (Orangensuchen) für die Mannschaften veranstaltet. Am Montag hörte der Kaiser Vorträge der Chefs des Zivil-, Marine- und Militärkabinetts und des Gesandten v. Treutler. Zur Frühstückstafel waren geladen: Graf und Gräfin Ouadt, der griechische Minister des Äußern Streit und der Maler Marschall. Der Kaiser verlieh dem Minister Streit den Roten Adlerorden 1. Klasse. Der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Baron v. Wangenheim, der auf Aufforderung des Kaisers nach Korfu fährt, hat sich gestern an Bord des Dampfers „Lorelei ‘ eingeschifft. In griechischen und türkischen diplomatischen Kreisen legt man
*) Der Jahresbeitrag für ordentliche Mitglieder de- Reichsverbandes beträgt 6 Dl.. iur außerordentliche Mitgliede 1 M. Beitrittserklärungen oder.auch einmalige Spende: nimmt entgegen: Dr. Morck. Wiesbaden. Kirchgasse 78, ode auch der Reichsverband zur llnterstutzung deutscher Veteranen Berlin W. 9, Potsdamer Straße 126, direkt.
sich, daß der von Herrn Willy Schäfer als verlebte Jammergestalt dargestellte Referendar Egon von Müller um den forschen und fetten Bissen kommt. Die Geschichte ist schwer zu erzählen: es fehlt ihr der rote Faden, der stark vom Anfang zum Ende leitet. Die beiden Mitglieder des Reichstags geraten aneinander; der Konservative wcmdelt sich beim Anblick der Witwe Frau Ruth Braun plötzlich in einen Inden- freund; Frau Ruth wehrt sich gegen die Heirat ihrer Tochter mit dem christlichen Müller; Frau Ruth gibt dem Paare ihren Segen, als der alte Nathan Braun telegraphisch erklärt, daß es nicht auf die Religion, sondern auf das Herz ankomme; Herr Hugo Müller, der Grundstücksspekulant, und Herr Dr. Sally Braun haben gleichzeitig die Absicht, der stattlichen Ruth (Frl. S a l d e r n machte eine vornehme, liebenswürdige Witwe aus ihr) einen Heiratsantrag zu machen, wobei sie das Publikum vorzüglich unterhalten ; beiden wird von der Witwe, die eben erst den alten von Müller abblitzen ließ, abgewinkt, ehe einer van einen recht den Mund auftut, woraus sich ebenfalls eine hübsche Szene ergibt, die viel Vergnügen macht; ein Wiener Schneider Hugo Müller fällt durch die Fixigkeit und seinen Wiener Dialekt angenehm auf (Herrn Commer siel die > Aufgabe zu, ihn darznstellen; er machte seine Sache gut). Dem alten von Müller gab Herr Hager die Steifbeinigleit und geistige Beschränktheit, die einen alten Lebemann immer zu einer drolligen Figur machen; Herr Ziegler war ein robuster Grundstücksspekulant und Spaßvogel, und Herr Bertram bot als Dr. Sally Braun eine musterhafte Leistung feiner Charakterisierungskunst. Die Mädels wurden von den Damen Horsten (Ilse Müller)
dieser Reise die größte Bedeutung bei, da man glaubt, daß er mit dem Kaiser über die Jnselfrage Rücksprache nehmen wird.
* Die Korfureise des Reichskanzlers. Der Reichskanzler hat, nachdem die Besserung im Befinden seiner Gemahlin weitere Fortschritte gemacht hat, gestern früh die Reise nach Korfu angetreten. Bei seiner Ankunft in München, um 6,14 Uhr abends, wurde der Reichskanzler in Begleitung seines Adjutanten, Oberleutnants Frhrn. v. Sell, am Bahnhof von dem preußischen Geschäftsträger, Prinzen Sayn-Wittgen- stein-Sayn, dem Legaiionsrat Edlen v. Stockhammern aus dem Ministerium des Äußern empfangen. Der Reichskanzler stattete dem bayerischen Ministerpräsidenten Grafen von Hertling einen längeren Besuch ab und folgte dann einer Einladung des Grafenpaares v. Hertling zum Abendessen. Gestern abend 11,25 Uhr setzte der Kanzler seine Reise nach Korfu fort.
* Ein Konflikt zwischen Ärzten und Eisenbahnerkrankenkassen in Schlesien. Zwischen der Ärzteschaft des Schweidnitzer Bezirks und der Eisenbahndirektion ist infolge der Anstellung von zwei eigenen Bahnärzten für den Schweidnitzer Bezirk durch die Eisenbahndirektion ein Konflikt ausgebrochen. Für die Eisenbahnerkrankenkassen bedeutet die Anstellung die Aufkündigung der freien Ärztewahl. Als Antwort hierauf beschlossen die Ärzte von Schweidnitz, Zappten, Königszelt, Saarau und Leutnantsdorf, den Eisenbahnbeamten und dessen Kassenmitgliedern sowie deren Angehörigen von jetzt ab keine ärztliche Hilfe mehr angedeihen zu lassen, abgesehen von dringenden Fällen.
* Ein belgischer Kostcnbeitrag zur Bugra. Die belgische Regierung hat einen namhaften Betrag zur Beteiligung Belgiens an der Leipziger Weltausstellung für das Buchgewerbe und die Graphischen Künste bewilligt.
Herr und Klotrs.
Der Besuch der atlantischen Division in Südamerika.
AuS Santiago de Chile, 13. April, wird berichtet: Die lbeigersterten Feiern zu Ehren der deutschen Seeleute setze» sich in Valparaiso fort. Der Marnreminister gab dem Admrral und den Offizieren des Geschwaders ein Diner. Die Schiffe wurden von zahlreichen Gesellschaften und Bereinigungen sowie den deutschen Kolonien in Santiago und Valparaiso besichtigt.
Kuslanö«
Frankreich.
Drei deutsche Fremdenlegionäre in Tonking gefallen.
Paris, 14. April. Wie aus Saigon gemeldet wird, sind bei den letzten Kämpfen mit den chinesischen Banden an der Grenze von Tonking u. a. drei deutsche Fremdenlegionäre gefallen, und zwar Manick aus Klangen in Elsaß-Lothringen, Mathis aus Mutzig und Reick aus Reutlingen (Württemberg).
England.
Ein Suffragcttenüberfall auf eine Arbeiterversammlung. London, 13. April. Die unabhängige Arbeiterpartei hielt gestern in Bradford eine Versammlung ab, die plötzlich durch das Eindringen von Stimmrechtlerinnen lärmend unterbrochen wurde. Eines der Weiber konnte man nur an einen Stuhl gefesselt mit Mühe fortschaffen.
Schweden.
Das Befinden des Königs. S t o ck h o l m, 13. April. Der Krankheitsbericht vom 12. April besagt: Der König hat einen ruhigen Tag ohne Schmerzen verbracht so-
und Erler (Hedwig Braun) und die jungen Herren von den Herren Beug (Richard Müller) und Bauer lDr. Braun) flott und munter gespielt. Das ausverkaufte Haus nahm den Schwank mit lebhaftem Beifall aus. c.
Dus Lunst und Leben.
* China und kein Ende. . . Aus Berlin wird uns ge
schrieben: Rach der Gelben-Kammerspiel-Jacke bei Reinhardt nun im Theater der Königgrätzerstraße „Sr. W u" von fß e rnOTt und Owen. Und der verrät sich noch deutlicher als Skhmoker-Ware für den Kinogeschmack. Im Grunde eine handfeste Moritat, diese Geschichte des chinesischen Arztes seiner Ehre, der aus Rache für die Verführung seiner Tochter (sie tötet er prompt) die Mutter des britischen Don Juans als Lösegeld für den in seinen Händen gefangenen Sohn besitzen will, aus Versehen aber das von dieser englischen Lady Lucrezia zu ihrer eigenen Rettung bereitete Gift trinkt, worauf ein^ allgemeines ©rahnen der Beruhigung erfolgt. Das Genre solcher Stücke gehört eigentlich nicht in den gewohnten Kreis unserer Betrachtung. Es sei daher nur kurz, die ausgezeichnete Darstellung dieses Publikumsreißers, dessen einzige Eigenschaft für uns in seiner „Fadenscheinigkeit" besteht, hier verzeichnet. Voran Meinhardt als Mandarin sans peur et sans reproche. F. P.
* Dannstädter Frühlingsfestspiele 1914. Das Groß- herzogliche Hoftheater in Darmstadt veranstaltet, wie uns aus Darmstadt berichtet wird, auch in diesem Jahre sechs Fystvorstellungen im Rahmen von Frühlingsssstspielen, zu denen deutsche Meisterdirigenten und Sänger von inter-
