Wiesbadener Sagblatt.
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Samstag« 11, Bpril 1914.
Kbend-kiusgabe.
Nr. 170. » 62. Jahrgang.
Die Politik 6er Woche.
Osterstimmung, frohe versöhnliche Feststimmung sucht uns die Widrigkeiten des Alltagslebens vergessen zu machen. Die Parlamente, die den immer mehr wachsenden Arbeitsstoff doch nicht völlig erledigen konnten, sind in die Ferien gegangen, unsere Minister befolgen das gute Beispiel der Parlamentarier, die ihnen sonst nicht gerade vorbildlich sind.
Die leidige Briefangelegenheit, das Schreiben, das der Kaiser an die Landgräfin von Hessen gerichtet hatte und das den meisten Zentrumsblättern einen vorzüglichen Lese- und Unterhaltungsstoff bot, ist inzwischen durch die bündige, leider nur etwas spät gekommene Erklärung im Kanzlerblatt endgültig abgetan, daß solche Redewendungen, welche die Mitglieder der katholischen Kirche schwer reizen mutzten, nicht gebraucht worden sind.
Die Angelegenheit des neuen Statthalters in den Rerchslanden ist noch nicht erledigt, obwohl Graf Wedel, der bisherige Inhaber des Amts, längst alle Abschiedsehren von der Bevölkerung, Adressen, Diplome, Fackelzüge in. Empfang genommen hat. Sein Nachfolger dürfte nachgerade gefunden sein und wenn es — wie es allgemein heißt — der preußische Minister des Innern Herr v. Dallwitz wird, so wird es wohl auch nicht allzu schwer gewesen sein, für diesen einen Ersatzmann zu finden. Einer ganz leichten Aufgabe geht ja der Nachfolger des Grafen Wedel nicht entgegen. Die Stimmung in den Reichslanden ist, obwohl die Angelegenheit Zabern schon etliche Wochen zurückliegt, noch keineswegs eine ruhige. Das zeigte erst die Kammerverhandlung am Dienstag, die mit der einstimmigen Annahme eines Mißbilli- gungsvotums wegen des Schulerlasses des neuen Staatssekretärs, des Grafen Rödern, endete. Wenn's bei dieser einen Mißbilligung bliebe, so wird es den Grafen Rödern nicht-weiter gereuen, daß er Straßburg mit Potsdam vertauscht hat.
Jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches ist nicht allzuviel Erfreuliches zu erblicken. In Rußland, in dem man noch immer drei harmlose deutsche Luft- schiffer — wider besseres Wissen — als Spione betrachtet und festhält, um sie am liebsten nach den Eisfeldern Sibiriens zu verschicken, wächst die Mißstimmung gegen Deutschland immer mehr. Die Witzblätter können sich nicht genug daran tun, alles Deutsche in der zotigsten Weise herunterzureißen. Man macht gar kein Hehl daraus, daß die Verstärkung der Rüstungen, die mit großem Eifer betrieben werden soll, sich jetzt vor allem gegen den westlichen Nachbarn, gegen Deutschland, richtet. Aber im Reiche des Zaren rst zwischen Wollen und Können stets ein sehr weiter Weg gewesen, Mit der Durchführung der Heeresverstärkung, dem Ausbau der Flotte, der Ergänzung und neuzertuchen Ausgestaltung des Festungsgürtels wird es darum noch eine geraume Weile dauern: dazu kommt, daß m dem Lande, wo man in der Knute und in der Verschickung nach Sibirien das beste Mittel gegen das Aufiermen
Ostertage am Gardasee.
Von Bertha Freifrau v. Nauendorf.
Das Osterfest wirft seine Schatten voraus. In den Konditoreien wird fleißig gerührt und gebacken, und schon prangen die Produkte in den kleinen Auslagen: Ostereier aus Schokolade, so glänzend lackiert, daß man sich darin spiegeln kann, Ostertauben aus Mandelteig, bis zur Unkenntlichkeit mit Früchten belegt, auf dem Magen ein großes glänzendes Schokoladenei.
Palmsonntag in Salö- Milchige Schleier bedecken See und Sonne. Das himmlische Gestirn kämpfte einen harten Kampf, bis es den Nebel aufgesogen hat; dann aber brachen seine Strahlen siegreich durch. Der grüne Papagei am Lungo lago wurde aus seinem Bauer gelassen und spazierte stolz auf der Steinbrüstung des Balkons auf und ab. Seine Herrin bewohnt eines der neuen Häuser am Kai, eines jener Häuser, die vor zehn Jahren nach dem Erdbeben . entstanden. Die Baulichkeiten, die vorher den See einsäumten, waren so altersmüde, daß die Erde gar nicht viel zu wackeln brauchte — kraftlos sanken sie in sich zusammen. Damals wütete gerade der Jugendstil in seiner schlimmsten Form. In diesem Stile tvurden die neuen Häuser gebaut.
Auf den Treppenstufen des schönen Doms aber steht der Geistliche und liest unter freiem Himmel mit eintöniger stimme den Andächtigen aus dem Heiligen Buche vor. Ein Dutzend Buben halten die geweihten Olivenzweige, zu dicken Büscheln gebunden, in den schmutzigen Händen. Erst ein heimliches Kitzeln mit den feinen Zweigen, ein Knuffen und Puffen. Schließlich schlagen sich die Buben die Zweige um die Ohren und die schönste Balgerei ist im Gange. Fast ohne ßch zu unterbrechen, wirft der Geistliche ein „Silentium" zu
neuer Gedanken sieht, es an inneren Gärungsstoffen nicht fehlt. In Finnland fühlt man alles eher als „Väterchens" Liebe. Kleinrussen und Polen können sich auch nicht über allzu^große Zärtlichkeit beklagen.
Mrt berechtigter Scheu blickt man in Schweden auf den russischen Bären, der gar zu gern seine Tatzen in skandinavischen Boden einkrallen niöchte. Diese Besorgnis, der wohl zuerst der berühmte schwedische Forschungsreisende Sven Heddin unverhohlen Ausdruck gegeben hat, ist auch auf Norwegen übergegangen, in dem man ganz offen —- wer hätte das vor wenigen Jahren in Christiania gewagt — für ein schwedisch- norwegisches Bündnis eintritt. Man will auch Dänemark einbeziehen. Diese militärische Allianz, die ihren Stützpunkt in Deutschland finden soll, will nichts anderes als die Wahrung der Unabhängigkeit der skandinavischen Länder. Man fühlt die guten Absichten des russischen Nachbars nur zu deutlich; daher weisen auch bei den Neuwahlen in Schweden die Rüstungsfreunde nicht unerhebliche Fortschritte auf.
Begegnet man im hohen Norden dem Friedenszaren mit merklicher Kühle und steckt seine Sendboten unbarmherzig als Spione ein, so ist Mariannens Liebe noch immer von der gleichen Glut. Freilich in der dritten Republik sieht es nicht zum Besten aus. Die letzten Zuckungen des Parlaments, das vor seinem Auseinandergehen nicht einmal den Staatshaushalt für 1914 erledigen konnte, haben das moralische Ansehen der gallischen Republik nicht gerade gefestigt. Die Kammer hat zugeben müssen, daß im Fall Rochette die Finanz auf die Politik und diese wiederum auf die Justiz unstatthafte Einwirkungen vorgenommen und daß Finanz und Politik mit diesen eigensüchtigen Manövern Erfolg gehabt haben. Der bisherige Erfolg dieses Verdikts, das den Eindruck einer gewissen Offenheit macht, war, daß Generalstaatsanwalt Fab re nunmehr endgültig seines Amtes enthoben worden ist. Allzu hart ist die Strafe nicht; denn er wird Mitglied des Kassationshofs. Es wird trotz des Rochette-Skandals, - trotz der Caillauz>Briefe alles so ziemlich beim alten bleiben und die gebrandmarkten Politiker eilen in ihre Wahlkreise, um sich die eben abgelaufenen Mandate von den Wählern für die nächste Legislaturperiode erneuern zu lassen.
Auch Asquith mußte sich sein Mandat erneuern lassen, was allerdings ohne unionistische Gegenkandidatur geschah. Die Homerulebill ist so gut wie angenommen, selbst wenn sie das Oberhaus ablehnen sollte. Denn die vom Kabinett Asquith . 1911 durchgesetzte „Parlamentsakte" bestimmt, daß jede Gesetzesvorlage, die — wie die Homerulebill — vom Unterhause in drei aufeinander folgenden Tagungen angenommen wurde, auch ohne die Zustimmung . des Oberhauses Gesetzeskraft erlangt. Freilich! Zwischen der parlamentarischen Erledigung und der praktischen Durchführung der Homeoule klafft noch ein drohender Abgrund, über den die Brücke noch nicht geschlagen ist. Aber wer wird sich durch solche Fragen— ,die albanische bietet ja noch größere Schwierigkeiten tue Osterstimmung trüben lassen!
den Buben hin, die sich auf eine Weile beruhigen. Später verkaufen sie den Fremden ihre geweihten Zweige.
Einen schwunghaften Handel treiben die Obstfrauen mit Zitronen. An• die Mauern ihrer tiefliegenden Läden haben sie die goldgelben Früchte mit Laub und Stielen angebunden. Daneben liegen gleich die Kasten zum Versand. ?lls Muster ohne Wert werden viele Tausende als Ostergruß verschickt. Doch wie lange wird das noch währen. In einigen Jahren ist die Zitronenzucht am Gardasee ern Märchen, und der kleine Ort Limone wird seinen Ramen zu Unrecht tragen. Noch säumen zwar die Zitronen-Trerbhauser das rechte Seeufer ein, aber schon sind streckenweise die Scheiben zertrümmert, das Gemäuer abgebröckelt, das Holz verfault. Krank und elend muten die Bäume an, gelb ist das Laub, gelb, jj e { n UTt j> runzelig sind die Früchte. Die italienische Regierung hat die Fracht von Sizilien nach dem Ausland für Zitronen so verbilligt, daß die Zucht hier sich nicht mehr bezahlt macht.
Drei Tage vor Ostern. Der Fremdenverkehr hat sich bis ins Ungeahnte gesteigert. Erst war hier im Grand Hotel eine fast unheimliche Stille, man fühlte sich säst als Alleinherrscher. Nun überflutet jäh ein Andrang alle Räume, die Stille ist dahin, Gartentische werden zu Eßtischen und selbst die Badezimmer zu Schlafgemächern.
Da tönt von der Straße das Zusammenschlagen schwerer Glocken. Drei mächtige Ochst" werden auf der Landstraße von Salö nach Gardone getrieben. Langsam und bedächtig, Schritt für Schritt ziehen sie ihren Weg. Wundervolle Tiere, gelbweis;, fett, mit schönen Köpfen, voll gutmütigen Ausdrucks. Ihr helles Fell glänzt in der Sonne. Prächtig haben die Treiber sie geschmückt. Rote Bändchen tragen sie um die Schwänze, dem vordersten und größten steckt sogar ein Lorbeerzweiglein kokett im roten Schleifchen. Ihre Hörner sind von langen Lorbeerzweigen umwunden. Die enge Straße, den Boulevard von Gardone, nehmen die mächtigen Leiber ganz
Die englische presse.
Von unserem Londoner Mitarbeiter.
— London, 9. April.
Da die Presse nun einmal alle Richtungen im öffentlichen Leben vertritt und jede Partei ihre eigenen „Organe" haben muß, so kann man mit einer einigermaßen geschickten Zusammenstellung von Auszügen leicht „die Presse sagen lassen, was man will". Es kommt eben alles darauf an, was für eine Zeitung dieses oder jenes gesagt hat. Im eigenen Lande weiß man nun wohl so ziemlich Bescheid — wenigstens der erfahrene Zeitungsleser kennt die verschiedenen Marken —, aber in bezug auf die ausländische Presse ist man naturgemäß im allgemeinen weniger unterrichtet. Und doch ist eine gewisse Kenntnis davon, um die Beurteilung der internationalen Politik zu ermöglichen, von der größten Bedeutung. Das gilt auch insbesondere von der Presse Englands, das in neuerer Zeit mehr und mehr auch in die festländische Politik einzugreifen beflissen ist und dessen Zeitungen in dem öffentlichen Leben eine ungewöhnlich große Rolle spielen.
Wie oft wir uns aber auch in scharfem Gegensatz zu ihnen befunden haben, so kann uns das noch nicht hindern, ihre hohe Bedeutung und achtunggebietende Stellung im allgemeinen rückhaltlos ainzuerkennen. Die englische Presse steht sehr hoch, wenn auch wohl nicht ganz so hoch, wie ihre'Ver- treter selbst so gern geltend machen und vollends manche Männer im öffentlichen Leben — die vielleicht für ihre eigenen Reden oder sonstige Zwecke sich eine „gute Presse" zu bereiten wünschen — nie müde werden, ihnen eingureden. Besonders ibestcchemd ist da gleich die äußere Ausstattung englischer Zeitungen. Und wenn wir lediglich die Elle als Maßstab anlegen dürften, so müßten wir ihnen auch sofort den ersten Platz zuerkennen. Freilich ist der gewaltige Umfang der einzelnen Nummern zum guten Teil auch nur darauf zurückzuführen, daß ein ganz erklecklicher Raum den Sportnachrichten gewidmet und noch viel mehr mit Anzeigen ausgefüllt wird.
Der Vertrieb der Zeitungen ist in England ein ganz anderer als bei uns. Die Post nimmt keine Bestellungen entgegen. Die Verbreitung liegt hauptsächlich in den Händen von Zeitung'Khändllern, bei denen man bestellt, was man haben will, auf Tgge, Wochen oder auch längere Zeit hinaus, und die gewöhnlich einen Rabatt von 25 Prozent von den Expeditionen erlangen. Viele nehmen auch im Vorbeigehen ihren Bedarf in diesen Läden oder kaufen die Blätter auf offener Straße. Und es geschieht wohl namentlich mit Rücksicht auf diese Käufer, daß die Zeitungen von den schmackhafteisten'der von ihnen dargebotenen Gerichte eine besondere Speisekarte Herstellen, die dann von den Zeitungsläden oder auch von den die Straße entlang eilenden Zeituwgsbuben uns entgegengehalten wird. Und nach dem jeweiligen „Menü'' wählen sich manche dann erst ihre Zeitung aus.
London ist in so ausgeprägtem Maße der Mittelpunkt des aeiistrgen wie materiellen Lebens dieses Landes, daß die Provinzpresse im Vergleich zu der hauptstädtischen weniger in Betracht kommt. Wohl haben auch Manchester, Liverpool, Gdinburg, Dublin und andere Städte Blätter von mehr als nur örtlicher Bedeutung, aber wir dürfen uns bei einer nur flüchtigen Beobachtung der Presse hier wohl auf die hauptstädtischen beschränken.
Und da wird uns zunächst sofort auffallen, wie gering die Zahl der Tageszeitungen Londons ist, viel geringer als die von Berlin oder Paris, obschon diese doch an Einwohner.
ein. Ein paar Spaziergänger flüchten erschrocken rechts und links in die kleinen Läden. Der Schrecken ist überflüssig, denn die Tiere tun niemand etwas zu Leide. Vor dem Metzger wird Halt gemacht. Der fährt prüfend mit der Hand über die Rücken, kneift hier und da ein wenig und nickt dann beftiedigt Neben mir sagt ein Italiener mit einem halben Bedauern im Ton: „Ihr Todesurteil ist gesprochen." Langsam ziehen die geschmückten Trere wieder ab. Sie ahnen nicht, daß es ihr letzter Weg war. ... Schon am nächsten Tage hat die Metzgerei ein festliches Aussehen bekommen. Sauber geschlachtet, mit einem gewissen Geschmack sortiert, hängen die saftigen -chsenbraten in dem Laden. Bis zur Decke reicht das Fleisch, von Lorbeerzweigen unterbrochen. Rechts und links der Tür steht man kleine Osterlämmchen, auch sie mit Grün geschmückt, aufgerichtet, als ob sie noch lebten. Aber ihre Augen sind gläsern und starr. Für die Fremden ist gesorgt.
Ostern in Salö. Leise rauscht der Regen. Die Glocken des Doms klingen voll und dumpf durch die feuchte Luft. In dem großen Raum ein dämmeriges, mystisches Dunkel. Gespenstisch weiß lösen sich die hellen, goldgestickten Chorröcke der Geistlichen aus den Schatten. Still brennen die Kerzen. Die steinernen Fliesen spiegeln das leise Licht wider. Sie sind feucht geworden von den Fußspuren der vielen Besucher, die da flüstern, die kommen und gehen, andächtig beten oder auch um sich schauen. Der Chor singt; ein Violinsolo folgt, dann Einzelgesang. Der Weihrauch schwingt in schweren Wolken durch den Raum, benebelt die Sinne und benimmt den Atem. Wer es ist zu viel Bewegung in der Kirche, es kommen zu viele Menschen nur als Zuschauer.
Wenig ist im Hotel geschehen, um das Osterfest zu feiern. Aber Gewohnheit und Suggestion müssen Helsen. Als blaßgefärbte Ostereier herumgereicht werden, da freuen sich selbst die Großen, und trotz Regen und Nebel scheint es durch den Raum zu klingen: „Fröhliche Ostern!"
