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Verlag Langgasse 21

„TagI>lau-H,uS".

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12 Ausgaben.

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„Tagblatt-HauS" Nr. 6850-53.

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«W'wkd'7°M7^.MÄ^iskuhr^achonn^ Berliner Redaktion des WiesbadenerTagbtatts: Berlin-WilmcrSborf. Giintzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 451. Wen undmm

Freitag. 10. Kpril 1914.

Morgen-Ausgabe.

Uv. 169. ♦ 62. Jahrgang.

P^T" Wegen des Karfreitags erscheint die nächste „Tagblatt"-Ausgabe am Samstagnachmittag.

Berlin als Seehafen.

Zur Eröffnung des Großschiffahrtswegcs.

(Von unserer Berliner Redaktion.)

Es klingt ein wenig kühn; es ist ein Wechsel auf die Zukunft, aber doch einer auf kurze Sicht, dem durchaus nicht das Odium der Phrase von der „Seestadt Leipzig" anhaftet; in wenigen Wochen, zu Anfang Mai, soll dre Eröffnung des Großschiffahrtsweges Berlin-Stettin erfolgen. Eine Vorbesichtigung der Anlagen durch die Minister der öffentlichen Ar­beiten, des Handels und der Finanzen fand bereits vor kurzein statt.

Mit der Vollendung der neuen Wasserstraße hat ein Werk seinen Abschluß gefunden, das in seiner Groß­zügigkeit, technischen Vollendung und wirtschaftlichen Bedeutung weit über die Grenzen Preußens hinaus, auch im industriellen und kommerziellen Binnenlande des Reiches die Aufmerksamkeit zu erregen geeignet ist. Der neue Schisfahrtsweg. der nach nur sechsjähriger Bauzeit — im Sommer 1908 erfolgte der erste Spaten­stich — nunmehr der Übergabe an den Verkehr harrt, stellt in der Hauptsache eine Verbindung dar zwischen Spree und Oder und somit zugleich zwischen Berlin einerseits und Ostsee und Weichsel andererseits, im weiteren Sinne aber auch einen neuen binnenländischen Verkehrsweg von der Ostsee zur Elbe bezw. Nordsee. Die große wirtschaftliche Bedeutung der neuen, mit einem Kostenaufwand von etwa 43 Millionen Mark fer­tiggestellten Wasserstraße liegt — neben der vorstehend angedeuteten Eigenschaft als neues Bindeglied zwischen unseren wichtigsten kommerziellen Verkehrszonen — vor allem in ihren Dimensionen und den dadurch geschaffenen Transportmöglichkeiten begründet. Wäh­rend nämlich die einzige seitherige Verbindung zwischen Spree und Oder, der schon zur Zeit Friedrichs des Großen geschaffene, den heutigen Anforderungen in­dessen längst nicht mehr genügende Finow-Kanal, nur Schiffen von 170 Tonnen (170 000 Kilogramm) Tragfähigkeit Durchlaß zu gewähren vermochte und bei seinen nicht weniger denn 13 Schleusen den Güter- transport zur kleinen Ewigkeit dehnte, gestattet der Großichifsahrtsweg, dank seiner durchschnittlichen Breite von 33 Metern und einer Tiefe von 3 Metern, das Passieren von Kähnen mit 600 bis 800 Tonnen Lade­gewicht. Im übrigen weist der neue Kanal nur eine Schleusentreppe und zwei weitere Schleppzugschleusen auf, die bei ihren enormen Abmessungen von -Do Metern Länge und 19 Metern Breite die gleichzeitige Aufnahme eines Schleppzuges von 6 der erwähnten Kahne ermög. lichen, so daß in derTat sozusagen in einemZuge sich eine Gütermenge im Gewicht bis zu 4 800 000 Kilogramm auf dem Kanal bewegt und mithin von der Ostsee zur Reichshauptstadt und vier versa ohne Umladung be­fördert werden kann. Eine Leistung, die allen Respekt erheischt und vielleicht sinnfälliger in Erscheinung tritt, tvenn man sich vergegenwärtigt, daß der Riesenmagen eines einzigen solcher 6- bis 800-Tonnen-Kahne allein

Karfreitagsprozesston.

Von Pierre Loti.

Seit bald fünfzehn Jahren, seitdem ich das Osterfest in Jrun, in basischen Landen verbringe, ist mir -- rcy weiß nicht weshalb — besonders ein Eindruck in der Erinnerung zurückgeblieben. Das ist der Augenblick, da die Karfreitags- Prozession in die düstere Kirche tritt, und jäh uach der Er­regung des altertümlichen Umzuges sich über die alte, ne,ne Stadt das Schweigen breitet.

Immer geschieht das an einem noch nicht ^vollen vruy- lingsabend, dessen laue Luftschon ein wenig berauscht, aber an dem die Blättchen der Bäume des Platzes, den die Kirche mit ihren hohen, strengen Mauern überragt, sich kaum entfaltet

Seit den fünfzehn Jahren, seitdem ich die Prozession kenne, ist sie unverändert geblioben. Dieselbe Musik ertönt, dieselben heiligen Männer und Frauen aus bemaltem Holz werden herumgetragen, dieselben baskischen Fischer mll den harten Zügen und den glattrasierten Wönchsge-sichtern stellen die zwölf Apostel, mit römischer Toga bekleidet, dar. Nur sche ich sie von einem zum anderen Jahr älter werden . . .

Dieselben bescheidenen Beterinnen, die in ihren langen, schwarzen Gewändern die drei heiligen Frauen sein sollen und in Tränen aufgelöst hinter Ehri-sti Sarg dayerschreiten. Nur sche ich sie von einem zum arideren Jahre alter werden ....

Immer die Hunderte alter Bauern mit festem und traurigem Gesichtsausdruck, die mit der Kerze in der Hand folgen.

Sind sie alle nach langem Zug durch die Stadt unter dem höben, schon dunklen Kirchenportal verschwunden, dann kommt

die Ladung eines ganzen Güterzuges von etwa 40 Wagen zu schlucken vermag!

Es liegt angesichts dieser Zahlen auf der Hand, welche eminenten Vorteile im Hinblick auf eine schnelle Ausfuhr oder Warenversorgung Berlins und des weiteren Inlandes durch gewaltige Erspar­nisse an Zeit und Fracht bei der gleichzeitigen Beförde­rung großer Gütermengen, mit einem Wort: welche außerordentliche Wirtschaftlichkeit der neue Wasserweg zu bieten verspricht.

Aber auch die rein technischen Eigenschaften des neuen Werkes sind hervorragend und wohl der Beach­tung wert. Der Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin ist in dieser Beziehung ein Panamakanal en miniature. Wie bereits kurz erwähnt, benötigt der neue Wasserweg bei einer Gesamtausdehnung von nahezu 100 Kilometern in der Hauptsache nur zweier Schleusengruppen: der gewaltigen Schleusentreppe in

der Nähe von Hohenfinow — dem Besitztum des Reichskanzlers —, und der Schleppzugschleusen bei H o h e n s a a t e n, an der Mündung des Kanals in den Oderstrom. Insbesondere die erstgenannte Schleusen­treppe darf als ein Novum und achtunggebietendes Wunderwerk auf dem Gebiete moderner Tiefbaukunst gelten. In vier mächtigen Stufen mit drei Zwischen­bassins gleicht diese geniale Schleusenanlage bei einer Ausdehnung von mehr als einem Kilometer denselben Höhenunterschied von fast 40 Metern aus, zu dessen Überwindung der altehrwürdige Finowkanal 13 Schleusen gebrauchte! Nicht minder originelle und be­merkenswerte technische Kunststückchen haben sich die Er­bauer geleistet, wenn sie unweit Eberswalde den Kanal — jeder guten alten Gepflogenheit zum Hohn — wie auf einer Brücke über die Berlin-Stettiner Eisen­bahnstrecke und an einer anderen Stelle gar über einen kleinen Fluß, die Ragöse, hinwegführen! Eine Ähn­lichkeit mit seinem großen Verwandten, dem P-anama- kanal, hat der Großschiffahrtsweg noch in einer anderen Beziehung aufzuweisen gehabt; auch er hat seinen Ingenieuren durch Bodensenkungen, an der Nieder- finower Schleusentreppe, einen Streich gespielt; die Zähmung des Widerspenstigen hat die Vollendung des Werkes um ein ganzes Jahr verzögert.

Doch nun sind alle Schwierigkeiten überwunden; die neue Wasserstraße ist fertiggestellt und bereit, ihren Beruf zu erfüllen. An dem einen Ende liegt Stettin, der erste preußische und dritte deutsche See­hafen, mit seinem jährlichen Seeverkehr von weit mehr als 6 Millionen Tonnen. — auf der anderen Seite die Reichshauptstadt, die durch den neuen Kanal ein gutes Teil dieser 6 Millionen nun für sich erhofft. Um dem zu erwartenden Güterverkehrsstrom indessen nicht un­vorbereitet gegenüberzustehen, ihn vielmehr mit offenen Armen aufnehmen zu können, trifft letzt auch Berlin seine Vorkehrungen: in aller Stille erfolgte dieser Tage im Nordwesten Berlins — auf dem Gelände des ehe­maligen Johannisstifts am Plotzensee, wo der Groß­schiffahrtsweg seinen Ausgang nimmt — der erste Spatenstich für den projektierten W e st h a f e n. Schon wird auch eine eifrige Bodenpolitik getrieben. Staat und Gemeinden, Charlottenburg. Spandau, Oranien­burg usw., haben sich hier Grund und Boden gesichert,

für mich jener Augenblick unfagjoarer Melancholie auf dem jetzt schweigsamen, mittelalterlichen Mötzlich fühle ich

die abendliche Kühle, während die Vuft noch von Weihrauch durchschwängert ist und den Boden Tagende von WachIflecken bedecken, die im Vorbeiziehen von den ve>cheidenen Kerzen der Armen tropfen . . .

Eugen dMlbert.

(Zu seinem 50. Geburtstag am 16. April.)

Von I. C. Lusztig.

Ein Manu wie Eugen d Albert ist so recht der Typus einer Übergangsperiode im Leben der Kunst, denn in ihm ver­körpert sich in ganz merkwürdiger Weise die Veränderlichkeit, die Leiben und Temperament, Nuance und Farbe in die künst­lerische Tätigkeit, in das Aus- und Abwogen des Kunstleibens hineinbringest. Er ist „seines Zeichens" Pianist. Wer ihm das aber heute ins Gesicht sagen wollte, der begegnete wahrscheinlich einer scharfen Abweisung. Denn das kleine Männchen mit dem Besthovenkopft könnte bei aller persön­lichen Lieb-enswüstdigkeit recht schroff werden, wenn man ihn aus der Klasse der universellen Musiker auNscheiden wollte und ihm ein klar bemessenes Tätigkeitsfeld zuweisen würde. Was andere, eifrig Strebende mit ihrem Herzblut erkämpfen, — den höchsten Gipfel der reproduzierenden Kunst zu er­reichen, das gilt ihm heute nichts. Er, wie so manche, die ihn umgeben, haben sich vom Klavier äbgewandt, denn ihr Lebens­ziel ist das freie Schaffen geworden. Es mag als kein Urteil über die anderen Leistungen gelten, wenn hier ausgesprochen wird, daß es doch noch herrliche Zeiten waren, in denen Eugen dÄlibert noch mit -ganzer Seele dem Klavier gehörte und als der souveräne Beherrscher dieses Instruments in der Kunst-

um als Anlieger des so verheißungsvollen Werkes der­einst auch ihren Vorteil zu finden.

Es steht zu hoffen, daß alle diese Rechnungen stim­men und die an das große Unternehmen geknüpften wirtschaftlichen Erwartungen Berlins, Preußens und des weiteren Verkehrshinterlandes sich erfüllen nrögen. Wenn aber -allmählich auch die mannigfachen Kanal­pläne der süddeutschen Bundesbrüder an Rhein und Main, Neckar und Donau noch zur Wirklichkeit werden, dann wird schließlich das ganze Reich, von zahlreichen „Grvßschiff-ahrtswegen" wie mit leben­pulsierenden Adern durchzogen,., erst so recht den Meeren und damit dem wirtschaftlichen Wohlstand nahegerückt sein. Und vor dieser verlockenden Perspektive darf schon heute mit dem Recht, das der Optimismus ver­leiht, der Titel „Berlin als Seehafen" stehen, als schönes Symbol für jenen anderen, in seinem tiefsten Sinn noch der Zukunft vorbehaltenen Begriff: Deutschland als Seestaat! M. B.

Deutsches Reich.

A Eine zentrale AusknnftSstelle für Elektrizitäkswefen. Wie wir,hören, beabsichtigt die preußische Staatsrogier-ung eine zentrale Auskunftsstelle für Elektrizitätswesen ins Leben zu rufen. Es handelt sich darum, -eine amtliche Auskunf-ts- stelle zu schaffen, bei der die Gemeinden bei Anlage von Elektrizitätswerken objektiv beraten werden und die nament­lich eine sachgemäße Verteilung der zentralen ländlichen elektrischen Kraftstationen gewährleisten soll. Außerdem soll dem Institut eine gewisse polizeiliche Funktion gegeben werden, indem es als Aufsichtsbehörde wirken soll. Die ganze neue Behörde ist als -eine Parallele zu der be­kanntlich der Aussicht des Ministeriums des Innern unterstellten Königlichen Landesanstalt für Wasserhygieue gedacht. Vorverhandlungen für die Schaffung des neuen In­stitutes sind bereits seit Wochen im Gange; die Frage ist noch, ob das neue Amt dem Ministerium des Innern oder dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten unterstellt wird.

— Ein Schandfleck der Kultur. Es ist beschämend für uns, daß in einem Zeitalter von so hoher kultureller Blüte wie.dem jetzigen ein Krebsschaden an dem Marke des* Volkes frißt, den wir nicht mir Stumpf und Mie-l auszurotten ver­mögen. Die weibliche Jugend ist eS, die ihm zum Opfer fällt: dem internationalen Mädchenhandel. Wieviel ist dar­über nicht schon in den Tageszeitungen geschrieben worden, wieviel Mädchen sind nicht schon nachweislich von brutalen und gewissenlosen Menschen verschleppt worden, und wieviel Mädchenhändler hat man nicht schon -gefaßt! Nach statistischen Feststellungen sind in den letzten Jahren von deutschen Häsen aus Mer 4000 Mädchen verschleppt worden. Und nicht allein von Ausländern wird dies verdammenswerte „Gewerbe" be­trieben, auch in unserm Vaterlande finden sich Leute, ent­menscht genug, Leid und Schande frivol in deutsche Familien zu tragen. Vom Niederrhein aus wurde kürzlich, wie Zeitun­gen meldeten, Mädchenhandel betrieben, und die Ermittelun­gen ergäben, daß der Führer der Bande aus der Nähe von Düff-Ädof stammt und die Unterhändler in den Kreisen der Schausteller und Kirmesreisenden zu suchen sind. Auch aus Opladen und Saarbrücken kamen Ähnliche Meldungen. Es wird noch viel zu tun geben, ehe die Bekämpfung des Mäd­chenhandels, unterstützt: von den schärfften gesetzlichen Maß­nahmen, befriedigende Erfolge zeitigt, aber es -steht fest, daß man mit den Bestrebungen, ihn wieder aus der Welt zu

weit regierte. Als der junge Künstler von Weimar aus in die Welt hinausstürmte, als er, durchflutet von den mäch­tigen Eindrücken, die Franz Lijzts Wesen und Kunst auf ihn ausübten, der staunenden Welt zeigte, wie man wirklich künstlerisch Klavier spielen muß. da war er noch voll jener Ideale, die da fordern, die Meisterwerke unserer Klassiker so wieiderzugeben, wie ihre Schöpfer sie erdacht hatten. Und so ging es viele hindurch, !bis plötzlich die erste große

Cäsur in seinem Leben eintrat und er den schöpferischen Musiker in sich entdeckt hatte. Da zog er die Hand von den Tasten _ und begann zu komponieren. Vorerst eine Klaviersuite, das Opus 1, ein Stück, nach dessen Vollendung er ruhig hätte zu gestalten aufhören können, denn es war ein Meisterwerk, kräftig und lebensfähig genug, um seinem Er­finder -eine dauernde Stellung im Rahmen der Kla-vieNlitera- tur zu sichern. Dies aber war nur die Schwelle, von der er sich in höhere Sphären aufzuschwingen suchte. Man erfuhr dadurch, daß in diesem kleinen Pianisten mehr noch stecke als die Fähigkeit, abgerundete und formvollendete Gebilde durch seine eigene Kunst von neuem erklingen zu lassen. Nun ließ er das Üben üben sein, schrieb und schrieb, und „Der Rubin",. das erste dramatische Werk, erblickte das Licht der Welt. Die Klavierschwärmer begannen für seine Entwicklung als Pianist zu fürchten. Aber es zog ihn doch immer wieder an den Flügel.

So zog er nun, schon von -bedeutendem Ruhm gekrönt, von Ort zu Ort, spielte, spielte heute sauber, morgen unrein, stellte heute einen Beethoven hin, vor dem musikalische Herzen er­schauernd sich beugten, um morgen dann in fast unbegreif­licher Gleichgültigkeit nur die Umrisse zu zeichnen, welche die Grenzen des Kunstwerkes darstellen. Und so oft nun seither die Perioden wechselten, in denen der Meister seiner alten Liebe, dem Klavierspiel, huldigte, um dann -das Instrument