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Verlag Langgasse 81

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»W^°M?ra.E«u»a^»'3 Ubr^-chmitt^t Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-WilmcrSdmf. Günbelstr. 86. Fcrnspr.: Amt Uhland 450 u. 451.

Donnerstag« 9. LZ.pril 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 157, » 62. Jahrgang.

Wer ist der preutzenbund?

In der Politik hat man sich nicht immer bloß mit dem zu beschäftigen, was ist, sondern es verlohnt sich nicht selten, auch das zu betrachten, was sich selber klugerwelse aus der Welt schafft. Auch plötzliche Lücken sind lehrreich und können Ausschlüsse geben; auch das Negative kann positiv sein. Die Beobachtung von politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Strömun­gen und Bewegungen pflegt ihren Stoff allerdings nicht gewissermaßen von dieser Kehrseite her zu be­handeln, aber uns dünkt, daß das ein Mangel ist. Man wird sich über viele Erscheinungen klarer, indem man ihren gegenwärtigen Stand und Zustand, auch wenn es sich am Ende uni die Verflüchtigung eines früheren Zustandes handelt, gerade an diesem früheren mißt. Um ein Beispiel zu geben, so kann man von partiku- laristiichen Tendenzen im Sinne derer, die noch in den siebziger Jahren lebendig waren, heute nicht mehr sprechen, und diese Frage ist aus den Wesensbedingun­gen unserer politischen und nationalen Entwicklung völlig ausgeschaltet worden, nicht durch irgendwelche bestimmte oder greifbare Einwirkungen, sondern in ganz natürlichem Fluß des deutschen Lebens. Es ist aber ratsam und nützlich, sich das gelegentlich einmal klarzumachen, schon damit die Jüngeren unter uns, die den ehemaligen Partikularismus höchstens vom Hören­sagen kennen und ihn sich jedenfalls nicht ins Geblüt und ins Gemüt eindringen lassen, an dem Gegensätze erfahren, um wieviel organischer heute der Reichsgedanke in das Bewußtsein der gesamten Nation eingefügt ist. Derartige Beispiele ließen sich noch manche anführen, wir wollen aber nicht bei ihnen verweilen, sondern es will uns ersprießlich erscheinen, an unmittelbare, vielmehr erst wenige Wochen zurück­liegende Vorgänge anzuknüpfen und diese sozusagen negative Betrachtungsmethode an den merkwürdigen Schicksalen des Preußenbundes zu erproben.

Was ist aus ihm geworden? Lebt er noch? Oder, wenn er sich zum Schlummern zurückgezogen hat, ist anzunchmen, daß er wieder aufwachen und seine ver­letzenden Angehörigkeiten erneuern wird? Jedenfalls werkt undfie&t man nichts von ihm. Vollkommen st i l l e ist es in diesem Winkel ostelbischer Betätigun­gen geworden. Über 200 echtpreußische Leute hatten sich, wie man sich erinnert, in der Hochflut der Zaberner Vorgänge im Zimmer der konservativen Landtags- sraktion zu Berlin zusammengetan, um herausfordernde Reden zu halten oder zu beklatschen, die sämtlich darauf abgestimmt waren, das Reich mit mehr preußischem Geiste als bisher zu erfüllen und den Leitern außer­halb der schwarz-weißen Grenzpfähle, aber auch inner­halb ihrer, soweit sie westlich der Elbe leben, ihre ver­dammte Pflicht und Schuldigkeit zur Uuterord- n u n g unter die ostelb ischen Gebote und Verbote

einzuschärfen. Dabei ging es freilich zu, wie wenn Lebenwesen, die von der Vorsehung für andere Da­seinsmöglichkeiten eingerichtet sind, in einem Porzellan­laden herumwirtschaften. Es gibt so viele Scher­ben, daß selbst den Hintermännern dieser selt­samen Veranstaltung bange zumute wurde, und die tragikomischen Taktlosigkeiten, die eigentlich allen Red­nern, aus dem Preußentage passierten, nahmen den Gegnern eigentlich vollauf die Ausgabe ab, diesen gründlich mißlungenen Vorstoß noch besonders zurück­zuweisen.

Es ist zu konstatieren: Der Preußenbund besteht

nicht mehr. Kaum je hat eine Organisation aus dem gegnerischen Lager ein so schnelles und so gründliches Fiasko erlitten. Grade je planmäßiger die Sache an­gelegt war, um so bemerkenswerter ist ihr vollkomme­ner Schiffbruch. Die Rede des Grafen Jork von Wartenburg im Herrenhause, die dem Reichskanzler klarmachen wollte, daß er die preußischen Interessen preiszugeben in Gefahr fei, diese Rede mit­samt dem entsprechenden Beschluß der erlauchten, edlen und geehrten Herren von der Ersten Kammer, sodann die korrespondierenden Ergüsse der konservativen Führer in: Abgeordnetenhause, endlich der Preußentag, das alles sah nach einem wohlvorbereiteten Feldzuge unter der schwarz-weißen Fahne aus und nun ist über allen Wipfeln Ruh, die echtpreußischen Leute haben sich selber eliminiert, mindestens die Öffentlichkeit b e h a g t ihnen nicht, sie haben sich ihr Jena zu­gezogen. Es ist ja weiter nichts darüber zu sagen, es handelt sich nur um eine Feststellung, aber sie ist doch notwendig, damit man eingedenk bleibe, welche husaren­mäßigen Keckheiten sich diese Gesellschaft erlauben zu dürfen glaubte. Würde die Erinnerung daran hin­schwinden. so würde man vielleicht verleitet sein, von den ostelbischen Konservativen besser zu denken, als sie es verdienen.

politische Übersicht.

Oie Nleinrussen.

Es ist von ungewöhnlichem Interesse, eine bedeut­same internationaleFrage", die allem Anschein nach eine große Rolle zu spielen berufen ist, bei ihrem ersten Entstehen zu beobachten. Die meisten Probleme, mit denen sich die Politik zu beschäftigen hat, sind uns von der Vergangenheit überliefert, jetzt aber sieht man gleichsam in die Wiege einer neuen Frage hinein, näm­lich der kleinrussischen. Der aufmerksame Betrachter kann neuerdings beinahe täglich die Zeugnisse dafür sammeln, wie diese Angelegenheit, von der bis vor kurzem kaum irgendwo gesprochen wurde und mit der die wenigsten eine bestimmte Vorstellung verbanden,

langsam, aber stetig, aus Nebeln in die hellste Beleuch­tung und in den Bereich der Tatsächlichkeit eintritt. Zwischen Petersburg und Wien hat ein anmuti­ges Spiel begonnen, ungefähr nach der Regel:Wirbst du um' meinen Ruthenen, so werbe ich um deinen Ukrainer oder Kleinrussen oder auch Ruthenen (wie man's _ nun nennen will)." Russisches Geld wühlt in Galizien und sucht die Ruthenen dem Donaureiche abspenstig zu machen; in Kleinruß- la n d wieder horcht man hoch auf, da Lockrufe von der Donau her ertönen. Bei aller Ähnlichkeit dieser Be­mühungen ist der. Unterschied doch groß. Die Russen strengen sich nämlich sichtbarerweise u m s o n st an, dir. g a l i z i s ch e n Ruthenen halten treu zu Habsburg, da­gegen gärt und brodelt es in den weitgedehnten klein- russischen Gebieten, von deren 8 0 Millionen Ein­wohnern immer mehr und mehr ein ukrainisches Sonderbewußtsein bekommen. Vollzieht sich einmal die Auseinandersetzung zwischen Österreich-Un­garn und Rußland, dann könnte Wien Trümpfe in der Hand haben, die Petersburg nicht zu stechen vermag. Das alles ist ja erst im Werden, aber es gestaltet sich, und diesem Prozeß zuzusehen, hat, abgesehen davon, daß er wichtig ist, noch den besonderen Reiz des Unge­wöhnlichen.

Italien und der Aufstand in Eprrus.

(Von unserem römischen Mitarbeiter.)

S. Rom. 7. April.

Das Verhalten der Wiener offiziösen Presse, die dem Fürsten von Albanien den Rat gab. alles zu ver­meiden, was eine Intervention Italiens Hervorrufen könnte, hat in Italien sowohl in den parlamentarischen wie in den Regierungskreisen ganz offensichtlich Ein­druck gemacht Man fühlt sich hier um so mehr ver- letzt, als diese wenig dreibundfreundlich gedeutete Mahnung der Wiener Organe gerade in dem Augen­blick kommt, wo der italienische Außenminister Marchese di San Giuliano sich beim Kofferpacken befindet, um die schon einmal, im vergangenen Spätsommer, wegen der bekannten Zwischenfälle von Triest aufgeschobene Rerse zum Leiter der österreichisch-ungarischen Außen­politik nach Abbazia anzutreten. Während einige italie- ursche Blätter von Taktlosigkeit sprechen, gehen andere noch einen Schritt weiter und fordern San Giuliano geradeswegs auf, die geplante Reise endgültig aufzu­geben,um Österreich zu verstehen zu geben, daß für Italien nach Herrn di San Giulianos eigenen Worten die Zeit der unterwürfigen Politik vorüber sei".

Auch dieser kleine Vorgang beweist wiederum, eine wie wenig angenehme bundesgenössische Temperatur zwischen Italien und Österreich noch immer herrscht. Für den Fall ernster Konflikte ist es mit der Harmonie der beiden Bundesgenossen schlecht bestellt. In Archen der blutigen Auseinandersetzung zwischen Albanien und

Londoner Leben.

8um Besuch des englischen Herrscherpaares tn Eng­

lische Minister in Berlin. Theater Unarten. Da«Ein­spielen" des englischen Publikums. Granmlle Parker über deutsche Theater-Besucher. Büfett und Garderobelturm. - Ist die deutsche Polizei schüchtern?

London, 7 . April.

König Georg und Königin Mary rüsten sich zu ihrem festlichen Besuch in Paris, der nächstens stattfinden d>ird; und da die republikanische Regierung dem Parlament eine besondere Vorlage zur Bewilligung von 320 000 Mark für einen würdigen Empfang der königlichen Gäste eingereicht > hat, so werden die Festlichkeiten gewiß mit äußerstem Glanz and sicher auch unter lebhafter Teilnahme der Bevölkerung auf beiden Seiten vor sich gehen, die in der üblichen Weise vornehmlich in einem Festessen beim Präsidenten Poincarö sowie bei den städtischen Behörden und ans der britischen Bot­schaft, in einer Galavorstellung in der Oper und einer Parade gipfeln werden. Es wird hier besonders betont, daß dies des Königs erster offizieller Besuch bei einem fremden ?andesoberhaupt ist, und daß der Besuch in Berlin zur Ver­mahlung der Prinzessin Viktoria Luise nur privater Natur Dar. Niemand wird auch etwas daran nuSzusetzen haben, daß sie Ehre des ersten Besuches Frankreich erwiesen wird. Frank­reich ist der nächste Nachbar, undder beste Freund", wenn Mich die Freundschaft heute nicht ganz mehr sodick" sein mag, tote sie zur Zeit König Eduards gewesen. Überdies handelt es sich auch vor allem um eine Erwiderung des Besuchs, den der Präsident der Republik letzten Juni in London abstattete, find zudem hat ja Berlin auch schon seinen Besuch gehabt, Denn er auch »nur privater Natur" war. Die Engländer Mögen sich also völlig darüber beruhigen, daß sich irgend je­mand zurückgesetzt fühlen könnte.

Dagegen darf es uns wohl eine besondere Genugtuung gewähren, daß britische Minister gerade Deutschland so bielfach besuchen, und die Genugtuung darf um so größer sein, als sie mit der ausgesprochenen Absicht kommen, dort beson­ne, in ihr Fach schlagende Dingezu studieren". Der jetzige ^roßkanzler, Lord Haldane, begab sich, als er noch Kriegs-

minister war, wiederholt nach Deutschland. Herr Lloyd- George hat dort Studien zu seinem Krankenversicherungsge­setz gemacht und. der Unterrrchtsminister sowie der neue General-Postmeister hielten sich noch in den letzten Wochen Studien halber" in Deutschland auf. Andere wären jeden­falls auch höchst willkommen. Und sollten nicht auch deutsche Minister ihren englischen Kollegen einiges abgucken können?

Es gab eine Zeit, da waren deutsch-englische Besuchsaus­tausche der verschiedensten Berufe an der Tagesordnung. Bürgermeister, Journalisten und auch die Geistlichkeit haben sich gegenseitig besucht und angefeiert und die Besuche haben gewiß zur Besserung der Beziehungen zwischen b en Reiben Ländern etwas beigetragen na, wenn auch nicht so gar viel! Wie, wenn nun Minister, wenn die ganzen Kabinette sich Besuch und Gegenbesuch machten und ^persönlich einmal recht gründlich miteinander aussprächen. Es würde gewiß zur Klärung mancher immer noch etwas zu wünschen übrig lassender Verhältnisse beitragen, llnd können wir nicht alle noch voneinander lernen?

Die schwächste Seite des deutschen Theater­wesens ist nicht diesseits des Vorhangs zu finden. Der fürchterliche deutsche Ernst" verlangt geordnete Zustände, auch wenn es sichnur um Vergnügungen" handelt. Kommt ein Deutscher im Theater zu spat, so wird er wenn er nicht gleich in die Ecke gestellt wird- wenigstens schuldbewußt und so lautlos wie möglich seinen Platz aufsuchen. Sonst wehe ihm! Wie anders in England, von Italien gar nicht zu reden, wo das Theater und vollends die Oper vor allem, als eine Stätte geselliger Zusammenkünfte betrachtet wird. In England wird eine tiefe Verehrung vor der Kunst nur durch die Tiefe des Kleiderausschnitts und die makellose Steifheit des Vorhemds befrackter Männer zum Ausdruck gebracht. Aber man kommt sehr oft zu spät. wird in den englischen Theatern sogar vor dem eigentlichen Stück erst noch ein be­sonders kleines Stück gegeben, die vornehmen Theaterbesucher einzuspielen". Ja, ich hörte in der Oper einmal, als jemand auf Eile drängte, daß ihm sein Begleiter zurief:Es wird ja erst die Ouvertüre gespielt."

Kommt Mri Bull auch zu spät, so hindert ihn das nicht, mit dem ganzen Selbstbewußtfein eines Briten auf seinen

mmm

Platz zuzuschreiten. Hier entledigt er sich erst seines Über­ziehers, den er den ganzen Abend bei sich behält, und legt den Hut unter seinen Sitz, während Mrs. Bull ihren kostbaren Opernmantel auch wohl noch länger anbehält, so lange bis die Umsitzenden ihn genügend haben in Augenschein" nehmen können. Auf dem Platze selbst wird erst das Programm ge­nommen und nun wird erst ein Pineeneg hervorgehalt, die Logenschließerin dafür zu bezahlen, die die Herrschaften auf ihren Platz geleitet hat und nun die Umsitzenden noch einmal stört, indem sie sich zurückzieht und denselben Auftritt mit einem inzwischen eingetretenen andern Paar wiederholt

Immer hübsch vornehm, aber der - ich möchte beinahe sagen - weihevolle Hauch - weihevoll jedenfalls im Vergleich zu En^and der wohl tu einem deutschen Theater herrscht, ist rn England nicht zu verspüren. Diese Wahrnehmung hat sich mw oftmals aufgedrangt. Vielleicht ist sie unbegründet gEg! - vielleicht nur emepatriotische Voreingenommen­heit . ~ ch da 1 Pracht sich nun auch der bekannte englische

Theaterleiter Granville B a r k e r ganz in demselben Sinne aus, der eine Plauderei über deutsche Theater in der Daily Mml nnt dem Ausruf beginnt:Wer möchte nicht ein Theaterbesucher in Berlin sein" und indem er zunächst.die Reichhaltigkeit des Spielplans deutscher Bühnen rühmt und auch über ihre sonstigen Leistungen recht anerkennend sich aus­spricht, vor allem das Verhalten des Publikums in Deutschland lobend hervorhebt, wo sich jedermann pünktlich einstelle und niemand irgend welche Störung verursache, wo nicht einmal viel Verfall geklatscht, ja nicht einmal laut gelacht werde nur um andere nicht zu stören.

Ich war einmal in Bayreuth mit einem Engländer, und als wir vor Beginn des letzten Aktes wieder in das Theater traten, fand ich einen fremden Herrn auf meinem Platze. Er behauptete, es sei sein Platz. Ich rief den Logenschließer heran, der rhn aufiorderte, seine Nummer vorzuweisen. In demselben Augenblick ging aber auch schon der Vorhang in die Höhe. Der Logenschließer lies schleunigst davon. Der Herr blieb auf meinem Platze sitzen und ich stand daher hatte den ganzen Akt hindurch zu stehen! Das war nun wohl ein Mißgeschick, gegen das auch die beste Theaterleitung nicht ge­feit sein kann, für das ich aber von meinem "englischen