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Mittwoche 8. April 1914.
Das ZideiKommitzwesen in Hessen-Nassau.
Das Statistische Landesamt veröffentlicht seine Neueste Aufnahme über das Fideikommitzivesen des preußischen Staates. Es wird abermals bestätigt, daß das Fideikommiß noch nie so begünstigt worden ist wie in der jüngeren Zeit, trotzdem, die Nationalökonomie es als schädlich für die Entwicklung unserer Agrarwirtschaft ablehnt. Ende 1912 ist es in Preußen bereite so weit gekommen, daß 7 Prozent der gesamten Staatsfläche dem freien Verkehr entzogen und fideikommissarisch gebunden waren. Heute umfaßt die preußische Fideikommißfläche rund 2% Millionen Hektar, Me sich in der Hand von nur 1160 Inhabern befinden. Was das heißen will, wird erst ganz klar, wenn man sich daran erinnert, daß die leistungsfähigste landwirtschaftliche Betriebsform, die m i t t e l b ä u e r l i ch e, schon mit 5 bis 6 Hektar mittleren Bodens auskommt, um eine Familie vollständig zu ernähren. Bestanden im Jahre 1850 erst 516 Fideikommisse, die 1(4 Millionen Hektar umfaßten, so kamen seitdem 761 „neue Fideikommisse mit einer fast ebenso großen Fläche hinzu. Das ist um so merkwürdige r, als die Bedenken gegen den gebundenen Großgrundbesitz bereits in den dierziaer Jahren so groß waren, daß sogar die V e rfass n n g s u r k u n d e von 1860 das Flderkommrß aufhob: zwei Jahre darauf wurde das allerdings wie- der rückgängig gemacht. In einzelnen Zähren unseres neuen Jahrhunderts ist der Neuzugang ein ganz u n g e w ö h n I i ch g r o ß e r gewesen, so 1904 mit nicht wemger als 138 000 pr. Morgen und 1908 sogar rnrt 190 000 Morgen. In vielen Fällen umfassen die Fideikommisse eine größere Bodenfläche, als manche L a n d- kreise sie haben. So sind 38 Fideikonimisse mehr als 10 000 Hektar groß und weiter 63 mehr als 5000 Hektar. Einzelne Kreise werden vom .Fideikommiß fast e r- drückt, wie der westfälische Kreis Wittgenstein, wo 53 Prozent der Kreisfläche im Fidelkommiß gebunden iü Da,u umfassen die gebundenen Flachen rm allgemeinen^Sen Koben, wie das Statistische Landesamt aüs dem Grundsteuerreinertrag nachwerst, und auch
der Waldbestand steht vielfach auf Ackerboden, der aus diese Weise seinen Beruf verfehlt hat. Überhäuft geht aus der Statistik hervor daß das F?deckormmtz: noch prel mehr als der Großgrundbesitz an sich wie bevölkerungspolitischer Hmst-ck zu wünschen ubug
läßt. Einen Vergleich mrt bauerlMn Bezirken halten Fideikommisse gar nicht aus. Das geht be on - aus den Aufstellungen hervor, die das StatstMaw E Uber die Viehbestände auf den Fideckommißgulern macht, und für die Landflucht gr» dasselbe.
Das Dorado des Fideikomnnßwesens ist ^tannt- lich Ostelbien. besonders die Provinz Dchlesten. deutschen Westen tritt das Fideikommiß nicht so m sew hast auf, aber auch hier hat mancher Kreis eme ^ider- kommißlast auf sich, an der er schwer zu tragen hat.
In H e s s e n - N a s s a u ist es 'besonders d r Krms Schmalkalden, wo sich das m erster Lime »eiieno
Morgen'Ausgabe.
macht; umfaßt doch sein Fideikommiß nicht weniger als 32 Prozent der ganzen Kreisfläche. Auch rm Kreise Gelnhausen sind es 18 Prozent und in den Kreisen Ziegenhain, Witzenhausen, Rotenburg und Wolshagen mehr als 10 Prozent. Alle genannten Kreise liegen rm Kasseler Bezirk, während im Wiesbadener der Unterlahnkreis mit 7,4 Prozent Fiderkommrß- släche zu nennen ist. Ende 1912 waren in der Provinz 78 000 Hektar in 107 Fideikommissen gebunden, ^m Jahre 1850 gab es erst 49 Fideikommisse mrt 40 000 Hektar Umfang. Besonders stark war die Fiderkommrtz- bildung in den fünfziger und sechziger Jahren. . Von den 37 Hess en-nass au ischen Landkr eise n haben nur zwei (Schlüchtern und Hünfeld) kerne Frder- kommißfläche. Das Schwergewicht des hessen- nassauischen Fideikommisses liegt mit 64 000 Hektar, darunter 46 000 Hektar Waldung, in der nördlichen Provinzhälfte. Die Hauptsitze sind folgende Krmse: Gelnhausen 11 872 Hektar, Schmalkalden 9045 Hektar, Zregenharn 8186 Hektar, Rotenburg 6569 Hektar, Witzenhausen 5148 Hektar, Wolfhagen 5083 Hektar. Auf diese sechs Kreise mit zusammen rlber 46 000 Hektar entfallen also allein 60 Prozent der gesamten Fideikommißfläche der Provinz. Im Wiesbadener Bezirk hat nur der Un t e r I a h n k r e rs zirka 3000 Hektar Fideikommißfläche, und 6 weitere Kreise je über 1000 Hektar. Wenn alle diese Zahlen im Vergleich zu den ostelbischen auch bescheiden genannt werden müssen, ebenso auch der Einfluß des Fideikommisses bei uns lange nicht so groß ist wie z. B. in Schlesien oder Pommern, io gibt es doch auch in unserer Provinz Fideikommisse von gewaltigem Umfang. Drei sind zusammen über 19 000 Hektar groß und sechs 17 428 Hektar. 11 weitere haben zusammen ebenfalls über 17 000 Hektar Umfang. Diese 22 Besitzungen verfügen über 64 000 Hektar, also fast 70 Prozent der ganzen Flder- kommißfläche der Provinz. Auffallend .zahlreich sind demgegenüber wieder die kleineren Fideikommisse. 29 sind unter 100 Hektar groß, 18 von 100 bis 200 Hektar 26 von 200 bis 600 Hektar und 14 von 500 bis 1000 Hektar. Unter den Besitzern sind zwölf f u r st l t che Standesherren und neun Grafen. Don den (8 adligen Inhabern w o h n e n n u r 2 6 aus ihren Fideikommissen. Auch iwch dieser Richtung zeigt also das Fidmcikommiß einen Mangel, der nur dazu beitragt, seine übrige üble Wirkung noch zu verstärken.
Bekanntlich haben die liberalen Parteien des Abgeordnetenhauses Anträge eingebracht, mehrere hundert Millionen Mark zu Zwecken der In n en ko lo n Nation bereit zu stellen. Es sollen um der immer ver- hängnisvoller werdenden Landflucht entgegen zu wirken und um eine rationellere Ausnutzung des Bodens im Interests der Volksernährung M erreichen, bauer- liche^und Landarbeiterstellen eingerichtet werden. Aber angesichts der geschilderten unaufhaltsamen Weiterbildung des heimatlichen Bodens auf dem Fideikommißwege entsteht doch die Frage, woher da das Land für die angestrebte Jnuenkolomsatwn genommen werden soll. Dazu sind dre Inhaber der Fider kommisse zu Hunderten in den gerade für diese Ange
Nr. 165. * 62. Jahrgang.
legenheit entscheidenden Verwaltungsstellen vertreten, in den Kreistagen und Provinziallandtagen, in den L and Wirt schafts- k a m m e r n und landwirtschaftlichen Staatskommissionen. Und ihrer 121 sitzen außerdem noch im H e r r e rill a u s e, das alle etwaigen Beschlüsse des Abgeordnetenhauses erst zu sanktionieren hat. Da erscheint es mehr als fraglich, ob auf diesem Wege die erstrebte Jnuen- kolonisation jemals voll erreicht werden wird. Es ist im Gegenteil nach anderen Erfahrungen, die wir reichlich machen mutzten, die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß bei einer unvorsichtigen Fassung des Kolonisationsgesetzes schließlich der eigentliche Zweck völlig verfehlt wird und die Millionen unter Umständen sin einer Weise Verwendung finden, an die niemand von den liberalen Parteien gedacht hat.
politische Übersicht.
„Antiklerikal."
Jene Zentrumsblätter, denen der anscheinend fette Bissen des Kaiserbriefes entgangen ist, bekommen jetzt einen Knochen hingeworfen, daran sie, wenn sie mögen, saugen können. Graf Hoensbroech erzählt in seinem soeben erschienenen Buche „Das Zentrum", der Kaiser habe zu ihm im Jahre 1896 (beim Abschied nach einer eineinhalbstündigen Unterredung) gesagt: „Seien Sie überzeugt, lieber Graf, ich bin antiklerikal bis auf die Knochen, und meine Regierung wird es durch mich sein." An der Richtigkeit dieser Meldung ist gewiß nicht zu zweifeln, gewisse klerikale Hetzer werden aber auch gar nicht an ihr zweifeln wollen, sondern die Sache wird ihnen, zumal nach dem Mißgeschick mit dem Kaiserbrief, vermutlich ganz willkommen sein. Sie werden ohne Mühe, ohne Apparate das Kunststück fertigbringen, Klerikal und Katholisch durcheinander zu mischen, so daß „Antiklerikal" im Handumdrehen in „Antikatholisch" umgewandelt werden kann. Daß beides grundverschiedene Dinge sind oder doch sein sollten und zum Teil wenigstens wirklich sind, das wird die Leute vom Schlage des bayerischen Zentrumsabgeordneten Jaeger nicht weiter beirren. Fraglich muß es allerdings erscheinen, ob es wohlgetan vom Grafen Hoensbroech war, diese Mitteilung zu machen. Schon um Mißdeutungen vorzubeugen, hätte er eS sich überlegen sollen, ob die Zeit reif und geeignet ist, ein Bekenntnis des Kaisers zu berichten, das dermaßen selbstverständlich ist, daß man sich beträchtlich verwundern müßte, wenn die Gesinnungen des Kaisers von anderer Beschaffenheit wären. Indessen, der Ausspruch ist nun einmal bekanntgegeben worden, und so wird man mit einiger Neugier zu erwarten haben, was die Wortführer des Klerikalismus aus ihm und mit ihm machen werden.
Heilpadagogik.
Von Oberlehrer Dr. Kr-rrß möller, Berlin.
Moderne Zeiten kennzeichnen sich durch moderne Wissenschaften. Eine modern angewandte Wissenschaft, die gegenwärtig in aller Stille einen bemerkenswerten Umwandlungsprozeß durchmacht, ist die wissenschaftliche Pädagogik. Schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat sie den Weg verlassen,-den ihr die starre Psychologie Herbarts lange Zeit
Anna Schramm.
Zu ihrem 80. Geburtstage (8. April 1914).
Von Erich Köhrer.
Als ich der Portierfrau .des alten Berliner Kanal vor dem Halleschen Tor aus chre Frage nach memem Bea-chr Zurufe: „Schramm"!, öpmet sie mir mit ^enoem
Gesicht das Portal. Unwillkürlich wird die VorsteL g dem Besucher wach, daß das köstliche Lachen, an &
Menschenalter lang die Theaterfreunde sich bege«stert Y , hier seine Quelle hat und mit der ganzen Macht der 18 Kraft selbst auf die verstocktesten,Gemüter berede nd tturkü Und diese Vorstellung klrngt noch rn mir nach, als uch ersten Etage in dem freundlichen, gemütlichen 3w« nl ü der Greisin stehe, deren Name Whrzehntelang auf den Ü der Lstchen Bühne die höchste Lebensfreude £
und die nun trotzdem, noch zu früh ftlr ihre heiße Sch 0 nie,- lick, am Abend eines tatenreichen Lebens fteyt.
"Mit einem Lächeln, das dem rumglichen Antlitz fas n Charme der „furchtbar netten" Jugend wtedergrbt, no g 1 mich zum Sitzen und droht zugleich mit dem Finger, „-pcy freue mick, lehr über Ihren Besuch. Aber Sie tun Mir un. recht, ich werde noch garnicht 89 Jahre alt!"^ S-e wird ordentlich lebendig bei der Verteidigung ihrer „fügend • ich beule an die merkwürdige Tatsache, daß ich «n emem halben Dutzend verschiedenen Stellen Anna SchramMZ Alter ebenso oft verschieden angegeben gefunden, habe und sp K sehr ernsthaft verweisend von der Koketterie der Frarwn, Sie ihr Alter niemals ehrlich angeben wollen. Anna Schramm freilich war wenigstens in ihrer Kunst stets so ehrlich, so natürlich, so echt, daß in ihrem Eharaikterbilde , als Frau ,c,e kleine Eitelkeit um ,o reizvoller wirkt, wenn sie sich «^1 mit schelmisch blitzenden Augen gegen meine schnöden Unter, stellungen verwahrt.
Diese Augen sind nicht die einer alten Frau. In ihnen lübt noch die fröhliche Vergangenheit, rn ihnen funkeln , noch die Erinnerungen an all die Trrumpb on me!^ als sieben Jahrzehnten. Denn solange drerü Anna schramm der Kunst, da sie als sechsjähriges Wadelchen zum^evsten Mal die Bühne betreten hat. Mit dem Schuhgeist Lilly ,m „Donau- Weibchen" hat ihre Laufbahn begonnen und zMreiche Kinderrollen haben an ihrem Anfang gestanden. Das Elternhaus förderte die natürliche Begabung des Kindes und Roderrch Benedix, der Lustspieldichter, vollendete die handwerkliche Ausbildung. SÄtsam freilich mutet es uns an die wir sie nur als zierliche Alte, als behäbiges Mütterchen kennen oder die frühere Generation von der Hinreißenden Soubrette erzählen hören, wenn wir uns d,e Schramm in den ersten Rollen vovstellen, die sie als Evach,eue Schauspielerin spielte. Denn das Nippfigürchen steckte sich m den Panzer der Jungfrau von Orleans und warf mit den Jamben der ge- waltmsten Heroinengestalten um sich. Er,t >m Wallnerthcater in Berlin, Anfang der sechziger Fahre, tmirde ihre wahre Bc- actbung erkannt. Zu den beiden männlichen Helden der Ber- liner Posse, zu Helmevding und Neuiche, gesellte fte sich als Vor- kämpferin für ein Genre, das wir heutzutage wieder zu entdecken beginnen. Uns erscheinen jene Stücke freilich reichlich antiquiert, aber die Persönuchkenen, die noch die,Ausführungen jener Zeit erlebt habsn, sprechen heute noch Mit schwärmerischer Verzückung vom „Milchmädchen von^ Schöneberg", „Drei Paar Schuhe", „Das erste Mittagessen ustv. Und immer erkennt man aus de» Schilderungen dieser Zuschauer wie aus den zeitgenössische» Kritiken, daß man in der Schramm nicht nur das hübsche Weibchen verehrte, ^sondern daß man die künstlerische PersönKchkeit anerkannte. Sicherlich wirkte das entzückende Mädel, in dessen Bilder aus jener Zeit man sich wahrhaftig noch jetzt verlieben könnte, sehr stark auf die Augen der Zuschauer, sicherlich benebelte ihr ausgelassenes Temperament, ihre köstliche Heiterkeit die Sinne.
Aber der Eindruck dieser äußeren Vorzüge wurde wesentlich verstärkt durch die erstaunliche EharakterisierumgSgabe der Künstlerin, die jede Rolle zu einem Typus zu schaffen und ihre Menschen mit einer nie versagenden Sicherheit leLendig zu gestalten wußte. Im Vortrage der Couplets war ihre Pointierung voUbildlich. die nie einen Witz unter den Tisch fallen ließ, nie aiber auch durch Outrierung ausdringlich wirkte. Sie war schon früh eine in sich so abgeschlossene, gefestigte künstlerische Persönlichkeit, daß selW die Gastspiel- rersen, die sie nach nur zweijähriger Tätigkeit am Friedrich- WAHelmstadtischen Theater unternahm, ihr nicht schadeten und daß ihre Begabung auch nicht verfiel, als sie vier Jahre lang, in einem kurzen Eheglück mit tragischem Ausklang, Ver Kunst entsagte.
Vielleicht hatte gerade der Kummer ihrer Kunst einen Zug eingefügt, der vorher noch fchlte. Denn als sie nun zum zweiten Male den Kampf um den Erfolg begann, siegte sie im Reiche der komischen Mütter im Beifallsstürmen von ungewöhnlichen Formen. Sie höb sich im Wallnercheater aus den Possen und Schwächen» in denen sie die Natur vertrat, so sichtbar hervor, ihr künstlerischer Hunger schrie so laut nach dem Brot ernsthafter Betätigung, daß das Berliner Hos- theater es wagte/ die Possenspielerin für seinen klassischLn Wirkungskreis "zu holen. In den 22 Jahren sert, ihrer Berufung (1891) hat Anna Schramm reichlich, bewreisen, wie gut das Hostheater mit diesem Wagemut gefahren ist. In klassischen Werken wuchsen ihr eine gunze Reihe beträchtlicher Rollen wie die Marthe Schwertlein, Juliens Amme, Dajah zu, deren Beldeutung für daS ganze Werk sie ins rechte LW rückte, und daneben fand sie im Lustspiel und Schwank nsch genug Gelegenheit zur Erreichung kräftigerer komischer Wirkungen. Ihre Lotte Piepenbrink und ihre Hanne („Wie d» Alten sungen") haben auch uns Jüngere oft erheitert. Si« haben es um so mehr, als in dem oft etwas sehr klaffisch ge- spreizten Ton des Berliner Hofschauspiels sich die Natürlich'
