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lRontÄgz 6. Kpril 1914.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 162. » 62. Jahrgang.

Graf Witte.

O Berlin 5, April,

In sehr bemerkenswerter Weise ist Graf Witte Neuerdings stärker als seit Jahren in den Vordergrund u getreten. Wir hören seinen Namen in den Mitteilun­gen aus Petersburg beinahe täglich nennen. Wir haben in jüngster Zeit erfahren, daß er vor einer Reihe don Jahren für ein r u f f i f ch - d e u t f ch - f r a n z ö f i- s ch e s Bündnis gewirkt hatte, und diese Enthüllung K-ar vor allem darum wichtig, weil sie zu der Frage Mivang, aus welchen tieferliegenden Gründen der russi­sche Staatsmann wohl gerade jetzt solche Herübernahme eines wahrlich nicht gleichgültigen Vorganges aus der Abgeschlossenheit der Geschichte in die lebendige Politik des Tages für nötig befunden haben mochte. Jedenfalls Macht Graf Witte durchaus den Eindruck, als bereite er sich aus eine neue umfassende und tiefgreifende / staatsmännische Tätigkeit vor. Wie man weiß, fanden dor etwa vierzehn Tagen in seiner Wohnung Konferen­zen statt, an denen mit dem Ministerpräsidenten Sorem j k i rt auch die meisten anderen Minister teil- nahmen und die der Vorbereitung der Han d eI s v er­trag s v e r h a n d lu n g e n mit uns galten. Die , Vermutung, daß Graf Witte mit der Führung dieser Verhandlungen beauftragt werden soll, hat mehr als die Wahrscheinlichkeit für sich, sie darf als Gewißheit gelten, Angesichts dessen wuß es uns nun aber beson­ders interessieren, mit welchem Argwohn dre Franzosen auf die Möglichkeit blicken. Wir verzeichnen es ohne weitere Hinzufügung (es bedarf ja auch keiner weiteren Erläuterung), daß der Pariser „Temps" soeben tn ? einem gegen den Grasen Witte gerichteten -Artikel die leitenden russischen Kreise davor warnt, diesem Staatsmann einen entscheidenden Einfluß auf den künftigen deutsch-russischen Handelsvertrag einzu- räumen. In Berlin, so meint der „Temps", würde Man frohlocken, wenn tatsächlich die Vorbereitung aus den Handelsvertrag unter die Oberleitung des er- klärten Deutschenfreundes Witte gestellt toürv mit der Deutschfreundlichkeit wollen wir

hier nich?'näher" untersuchen, Graf Witte treibt ja nntitrrtpmaf’ russische Politik, das hat er immer, getan, das^ist^ine Selbstverständlichkeit, und so braucht sich nicht immer ein Einklang zwischen Russisch und putsch zu ergeben. Aber an den Ansichten, Absichten und -aten vieler seiner Vorgänger und der meisten l^flen russi­schen Staatslenker gemessen, macht Graf Witte aller­dings eine andere Figur als seine Herrn^ Mitrust n n

hohen und höchsten Stellungen: er ist vor allem em e u r o v ä i s ch e r Mensch. Man lgat das schon gewußt, man vergegenwärtigt es sich gerade m diesen schwieri­gen Zeitläuften um so lieber, wenn man stm nul Sem Wesen und der Tätigkeit des Grafen Witte etwas naher beschäftigt, wie es seit einiger Zeit dem deutschen Publu kum durch ein noch lange nicht genügend gewurdwtes Buch möglich geworden ist. Unter dem schlMen El . Vorlesungen über Volks- und Staatswirtschaft negt in zwei starken Bänden ein Werk des Grafen Witte kor (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt), aus ^m man einen außerordentlich starken Eindruck von der Bedeu- tnng des russischen Staatsmanns erhalt, ^ms Witte bielt wie er in dem Vorwort Mitteilt, m den Havren 190()' bis 1902 dem Großfürsten Michael Alexandro- witsch Vorlesungen über » und StaatMiE. H m dies? Vorlesungen tm Gedächtnis aufMrimnn,

W-»

Kunstformen der )M*nx im Golf von Neapel.

Von Oberlehrer Dr. H- Scharff (Wiesbadeni- )

Die mustergültig eingerichtete zoologische Station 'n Neapel wurde anfangs der siebziger Jahre unter den groß ' Schwierigkeiten von dem deutschen Professor Anton D i « S: fte sicht heute noch unter -den vielen nach chrem im' ersiandeUen biologischen Stationen an erster S e. SÄ I» »C», mm Teil »»!., m park dicht am Meer und gibt deni jungen Naturforscher e ne geradezu ideale Gelegenheit, die überaus reiche Tierwelt des Meeres kennen zu lernen. Die Gäste der Station haben s ct.. freien Zutritt zu dem großen öffentlichen Aquarium im ® - SÄ Station und können sich an den häufigen « fJ. r i en lbeteiliqen, um auch mit dem Leben in der freien Natur und dem Fang der Tiere bekannt zu werden. Außor- dem echält man täglich jedes gewünschte lebende Material, das in der Nacht oder am frühen Morgen von den Fischern der Station gefangen wurde. Was dem Neuling in erster Linie auffällt, das ist der außerordentlich große Reichtum an unaebeuerlichen Formen und Farben, den die Tierwelt oes Meeres ausweist. Er ist eine unerschöpfliche Quelle ästhet'fche'i

Genusses und erinnert immer wieder an die schönsten Erzrug-

»Hs^ einem Lichtbildervortr«, den der Verfasser an, dem letzten Jahresfest des -Nassau-s che n Verein, für Naturkunde gehalten hat. Dre Red.

überließ er die Konzepte dem Großfürsten. Auf mehr­faches Ersuchen, diese Konzepte herauszugeben, ließ er sie jetzt mit Genehmigung des Großfürsten in der Ge­stalt erscheinen, in der er sie dem Großfürsten zu über­geben pflegte. Dieses imponierende Buch nun — im­ponierend durch seinen Reichtum an Tatsachen, durch seine klare und kluge Beherrschung aller volkswirtschast- lichen Fragen und Probleme, durch die stete fruchtbare Beziehung zwischen Theorie und Praxis — hat in dem bekannten russischen Schriftsteller Joseph M e l n i k, einem der besten und wirksamsten Vermittler „zwischen russischem und deutschem Geistesleben, einen Übersetzer und Herausgeber gefunden, wie ihn sich Graf Witte ge­eigneter nicht denken konnte. Die deutsche Ausgabe ist selbstverständlich mit Genehmigung des Verfassers er­schienen, und die umfangreiche Einleitung , zeigt beinahe auf jeder Seite, daß sie aus engen Beziehun­gen zum Grafen Witte die eindrucksvolle Möglichkeit einer ungemein intimen und Ausschluß gebenden „Dar­stellung gewinnen konnte. Melnick schildert die Schöpfer­tätigkeit'Wittes als des Reformators des russi­schen Finanzwesens und der modernen russischen Industrie, die Einführung der Goldwährung, die Schaffung einer ungeheuren Goldreserve, die erstaun­liche Zunahme des Budgets, die rapide Verdichtung des Eisenbahnnetzes, die Steuerreformen, die Hebung der technischen Hochschulen und Handelsschulen, für die er vorzügliche Lehrkräfte, manchmal auch radikal denkende Gelehrte, heranzog. Gegenwärtig, wo die Handels­vertragsfragen akut zu werden beginnen, hat es ein be­sonderes Interesse, durch Melnik zu erfahren, daß Graf Witte den Handelsvertrag von 1904, den er mit dem Grafen Biilow in Norderney abschloß, ein „rein politi­sches Geschäft" nannte, das von dem unseligen Kriege mit Japan diktiert war. Wie Graf Witte über den Fürsten Bismarck dachte, dafür kann Melnik einen be­sonders interessanten Beleg beibringen. „Die Mensch­heit", so sagte der russische Staatsmann, „glaubt mehr den erfolgreichen Taten als den Meinungen. Fürst Bismarck, der so viel geleistet und solchen Erfolg hatte, steht über aller Kritik der heutigen Generation. Er hat das faktische Recht erworben, die Nation, dre er zur Größe emporgehoben, sogar mit für die Deutschen selbst verdeckten Karten auch weiterhin zu leiten." In dieser Verehrung der großen Persönlichkeit ist der unbeugsame Willensmensch und. verantwortungsfrohe Staatsmann zu hören, der selbst manchmal das Recht auf „verdeckte Karten" für sich in Anspruch nahm. Bon dem umfang- reichen Buche des Grafen Witte kann hrer selbstverständ­lich nur mit einem dringend aufmerksam machenden Hinweise gesprochen werden. Wer über Rußland und die russischen Zustände unterrichtet sem will, dem liegt es ob. auch ein klares Bild von dem Manne zu gewin­nen, der mehr als emrMl umd stets mrt entscheidender Kraft in den Gang der Politik semcs ^andes ernge- ariffen hat. Ein Wegweiser zu dreier^ Erkenntnis aber ist das setzt auch dem deutschen Publikum zugängliche Buch des Grafen Witte. __

Die Lage in Lpirus.

Koritza noch nicht in den Sünden der Aufständischen.

* Köln, 4. April. Die ..Köln. Ztg. meldet offiziös aus Berlin: Die Meldungen über dw Vorgänge Koritza scheinen sich von Übertreibung^ f gehalten zu hcLen. Immerhin sind die wirklichen Ereignisse ernst ge­

nug. Koritza wurde von epirotischen Banden angegriffen, mit Unterstützung von Leuten, die sich in Koritza selbst ver­steckt gehalten hatten. Die albanische Gendarmerie unter der Führung niederländischer Offiziere übernahm tatkräftig die Verteidigung Koritzas. Die Verteidiger erhielten Unterstützung durch 'die Bewohner der Umgegend, unter denen sich sowohl mohammedanische wie christliche be­fanden. Der Kampf war lang.und hartnäckig. Die An­greifer wurden aber schließlich gezwungen, sich zu er­geben, so daß dieser epirotische Ansturm auf Koritza als abgeschlagen gelten kann. Inwieweit diese Vorfälle die Diplomatie beschäftigen werden, sicht noch dahin.

Hilfe für Koritza.

wb. Konstantinopel, 6. April.. Nachrichten aus Elbasan besagen, daß der Gouverneur O k i s - P a s ch a an der Spitze von 2000 Albanesen dem bedrängten Koritza zu Hilfe ge­eilt ist.

Die Mobilmachung.

wb. Durazzo, 5. April. Die Vorbereitungen für die Mobilmachung sind bereits im Gange. Fürst Wilhelm er­hielt zahlreiche Depeschen, in denen die Bevölkerung ihre Ent­rüstung über die Vorgänge in Epirus ausspricht und sich ihm zur Verfügung stellt. Der Fürst beglückwünschte die Königin von Holland telegraphisch zu dem Verhalten des Majors Rueller, der sich übrigens auf dem Wege der Besserung befindet. Es sind von neuem Nachrichten über Grausamkeiten der Aufständischen eingetrofsen.

Der Anteil Griechenlands an den Kämpfen.

wb. Durazzo, 5. April. Aus dem nördlichen Gpirus sind von albanischen Regierungsbeamten Telegramme eingelaufen, die besagen, daß die albanische Gendarmerie nicht mchr nur Komitatschis, sondern auch aus regulären griechischen Truppen zusammengesetzten Banden gegenüberstehe. Von seiten der Aufständischen würden Geschütze und Mibrailleusen

Da die Auf- de Ver­stärkungen erhielten, wagten sie sich, immer mutiger wer­dend, nunmehr an .größere Plätze, welche die Gendarmerie nur noch mit größter Mühe halten könnte.

Die bevorstehende Antwort der Tripelentente auf die griechische Note.

* Wien, 4. April. Wie dem Korrespondenten der „Wiener Allgemein'ön Zeitung" in Paris von einer maßgebenden Per­sönlichkeit mitgeteilt wird, hat die f r a nz ö s i sch e Regie­rung in den letzten Märztagen der englischen und t u sfisch en Regierung den Entwurf einer Rote zugehen lassen, welche die Ä n t w o r t auf die griechische Note enthalten soll. In dieser Note schlägt die französische Regierung vor, daß die Machte Griechenland mitteÄen lassen, sie würden all ihren Einfluß bei der albanischen Regierung geltend machen, damit diese den E p i r o t e n umfassende religiöse und'kulturelle Freiheiten gewährt. Ferner sollen sich die Mächte damit einverstanden erklären, daß die bereits bekannte G r e n z b e r i ch t i g u n g bei Argyrocastro durchgeführt werde, und daß auch später nach vorgenommener Grenzreguilieruntz die Wünsche Griechenlands bezüg­lich einer etwas nördlicheren Grenzlinie bei Koritza berücksichtigt werden. Betreffs der I n s e l f r a g e sollen die Mächte bei der Pforte ihren ganzen Einfluß austven- den, damit die Neutralität von C h i o s und M h t i - lene nicht verletzt werde. Die englische Regierung hat den französischen 'Vorschlägen bereits ihre Zustimmung gegeben; von Rußland steht die Antwort noch aus.

Verlegung der internationalen Truppen an die Südgreuzr?

«'Mm, 6. April. Bestem Vernehmen nach hat Italien bei den anderen Großmächten den Antrag gestellt, di« inter­nationalen Kontingente von Skutari nach der südalba-

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verwendet, die griechische Artilleristen bedienten. Dc ständischen von griechischer Seite fortwähren!

niste unseres "heutigen KunstgeweobeS. ^Nur ist bei den Kunst-

iormen der Natur dre ästhetische F t großer und

reiner, weil sie mühelos im Spiel der Wellen hervorgezauber scheinen, weil es lebende K u n s s weil

wir uns sagen müssen, daß öteie bet Aus-

druck des Nützlichsten und Zweckniatz'Slten sind.

Und doch ist der Zusammenhang Stmjchen Natur und Kunst lange Zeit nicht genügend Geltung gekommen. Bis vor einigen Jahrzehnten hat das T'« m unserer Kunst eine ganz unbedeutende Rolle gespielt, obwohl gerade die bildende Kunst in ihren frrchesten Anfängen „on Tier- dapstellungen ausgogangen ist. Wrr wissen, daß der Mensch der Eiszeit, der Hunderttausende von Jahren twr unserer ge­schichtlichen Zeit in den Höhlen Sudfrankreichs hauste, seine ersten Wandgemälde und Schnitzereien nach den wilden Tieren fertigte, die er in der freien Natur beobach.ete und aus der Japd erlegte. Auch die primitioon^ Zeichnungen heute noch lebender Naturvölker, wie der Buschmänner over gewisser ^ndianerstämme, wie sie Ver Geograph von o e r e t n e n auf seinen Forschungsreisen im Innern Südamerikas antraf, stellen immer wieder zuerst Tiere dar. Wenn mir weiter denken an die vorzüglichen Tierdavstellungen der assyrischen, babylonischen und ägyptischen Kunst, an die griechische Plastik und Schmiedökunft oder an die dekorative Kunst der Japaner :nd Inder, dann müssen wir uns um so mehr wundern, daß V-i uns die Tierdarstellung, von wenigen Ausnahmen, wie inigen holländischen Tierstücken oder einigen guten Stilisic- ungen des Rokoko abgesehen, so sehr vernachlässigt wurde, ganz besonders von der dekorativen Kunst.

Die dekorative Kunst benutzte für ihre Arbeiten in der Regel einen alten Ornamentenatlas oder ein Stilalbum, ohne überhaupt an die Natur zu denken. Heute ist es anders ge­worden. Die Künstler gehen bei ihren Studien aus­nahmslos von der Natur aus. Wenn wir in eine Kunst- gcwebboschule kommen, sehen wir jeden Schüler, auch den jüngsten Anfänger mit einem Blatt oder einer Blume in der Hand arbeiten, andere zeichnen nach Schmetterlingen oder größeren lebenden Tieren, und wieder andere vertiefen sich in das Studium der plastischen Anatomie des menschlichen Kör­pers. Die alten Gipsmodelle und Vorlagen sind verschwun­den. Es ist den bildenden Künstlern klar geworden, daß ihre Kunst nur dann vor jeder Kritik bestchen und dauernde Aner­kennung finden kann, wenn sie aus der R a t u r h e r a u s - gewachsen ist, und nicht, wie manche neuere Kunst, mit ihren phantastischen Seikensprüngen das innerste Weisen der Natur verspottet. Dazu ist^ es aiber unbedingt erforderlich, daß sich der Künstler eine geradezu naturwiffenschastliche Kenntnis der Einzelsormen erwirbt. Nur eine solche sorweräne Beherrschung des Ganzen und aller Einzelheiten ermöglicht eine charakteristische, das Leben und die Bewegung zum Aus­druck bringende Darstellung und sie berechtigt erst zu einer stilisierenden Ggstaktung.

In der Tat finden wir heute immer wieder, daß die wahren Künstler ausgezeichnete Naturtbeobachter sind, und st kommt es, daß wir heute überall prächtigen Tierdarstellungen begegnen, nicht nur in der Malerei, wo Leute wie K u h n e r t, Kroener, Zügel, Liljefors und viele andere so vo»- zügliche TierLiider aemalt baben. und in der Plastik (man