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«ltiag- iür die Morgen-Ansg. bi» S Uhr nachmittags. Berliner Redaktion des Wiesbadener TagblattS
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Sonntag, 5. Kpril 1914.
Morgen 'Kusgabe.
Nr. 16 !. o 62. Jahrgang.
Regierung und Reichstag.
Gtn ganzes Bündel von Ermahnungen, Warnungen und auch Drohungen wird den Reichstags-Mitgliedern in die Ferien nachgeschickt. Wenn der Reichs- rag nicht nach den Ferien schneller arbeitet, soll er iurch die Schließung statt der Vertagung der Session bestraft werden, und die Mitglieder werden alsdann um den Vorteil der Eisenbahnfreikarte kommen. Zu- glerch wrrd in verschiedenen offiziösen Korrespondenzen erklärt, der Reichstag müsse in der Konkurrenzklausel- .rage „unbedingt" einlenken, weil die Regierung nach einem Scheitern des Gesetzentwurfs unter keinen Um- l QI rr?,. etnt ® neuen derartigen Entwurf einzubrinaen beabsichtige. Eine andere offiziöse Korrespondenz ver- Uchert, daß der Bundesrat einstimmig beschlossen habe, ver^ Vorlage über die Wiederaufnahme im Disziplinarverfahren in der vom Reichstag angenommenen Fassung nicht zuzustlmmen, falls der beschlossene Zusatz über die zu gewahrende Einsicht in die Personalakten aufrecht- erhalten bleibe. Das alles sieht nicht nur nach Un- »reuiidlichkeit gegenüber dem Reichstag aus, sondern man bekommt auch den Eindruck, als mache es dem Bundesrate ein gewisses Vergnügen, den Reichstag an die Wand zu drücken. Der Bundesrat ärgert sich offenbar beträchtlich über die Volksvertretung, und das driickt er denn mit einer Unbekümmertheit aus, von der man nicht sagen kann, daß sie geeignet sei, die Beziehungen der beiden Körperschaften zu verbessern. Was die Frage der Konkurrenzklausel betrifft, so mag es schon sein, daß eine bessere als die vom Reichstag gefundene Form möglich ist, aber dann sollte man den üblichen Weg der Kompromißverhandlungen ein- schlagen, der in solchen Fragen von mehr technischer als voUtischer Natur stets der empfehlenswerteste ist, und mit einigem Entgegenkommen von beiden Seiten loürde sich unschwer eine Verständigung erzielen lassen. DieAnkündigung, daß im Falle desBeharrens des Reichstags bei seinen Beschlüssen unter keinen Umständen ein neuer derartiger Entwurf vorgelegt werden würde, entspricht weder der sachlichen Zweckmäßigkeit noch dem Grundverhältnis zwischen Regierung und Volksvertretung. Nicht der Reichstag würde bei einem Verzicht ans wiederholte Behandlung der Materie leiden, sondern die Angestellten im Handelsgewerbe wären die Leidtragenden, und schon um ihretwillen darf keine Regierung, die höhere Gesichtspunkte im Auge hat oder doch haben soll, einen Zwist mit dem Reichstag dahin erweitern, daß ansehnliche Schichten der arbeitenden Bevölkerung die Opfer einer kleinlichen Zänkerei werden. Wir geben zu, daß es sich in bezug auf den Gesetzentwurf, betreffend die Wiederaufnahme im Disziplinarverfahren, etwas anders verhält. Hier kommt in der Tat eine Prinzipienfrage zum Ausdruck. Nach den Beschlüssen des Reichstags soll der Bernte, der gegen seine Disziplinierung Revision einlegt, die Möglichkeit haben, aus /der Einsicht in seine Personalakten zu erfahren, was seine Vorgesetzten hinter fernem Rücken über ihn Schwarz auf Weiß niedergelegt, haben, wie sie über ihn urteilen, ob sie, ihm gerecht werden, ob sie ihm ein Unrecht zugefügt haben, und auf welche
Nachdruck vrrbatr.v
Die Schuld des Chauffeurs.
Kriminal-SkWS von Walter Brügge-Ballon.
Also ich soll euch wieder mal ein Erlebnis von mir erzählen? — Na, schön denn, ich habe da eine Geschichte auf Lager, die euch interessieren wird. Aber Ruhe am Tisch kitte ich mir aus! ■ _
Ihr wisst, ich hatte Anfang des JahreS eine kleine Iwei- Zimmer-Wohnung in der Princeton Street. Gerade keine sehr angenehme Gegend, da in der Räche des Hafens, aber es war eben Ebbe in meiner Kasse, und ein jeder kann ja nicht in der fünften Avenue wohnen. Eines Abends, ich las oben den »New Aorker Herald", hörte ich vor dem Hause unten ein Auto Vorfahren. „Nanu", denke ich, .„wer erhält denn.hiar so vornehmen Besuch?" Da kommen auch schon Schritte. die stiegen herauf, und ein paar Augenblicke später klopft es lräftig an meine eigene Tür. — Einen Korridor gab es in der Wohnung nicht, die Zimmer lagen direkt am Treppenflur, st- Ehe ich noch rufen konnte, ging die Tür auf und herein lhazierte ein ziemlich großer, schlanker Herr im feierlichen Gchrock und einen spiegelnden Zylinder auf dem Kopfe.
Bei dem bewegten Leben, das ich während der letzten sechs pahre in diesem schönen Lande geführt hatte, hätte ich eigentlich an Überraschungen aller Art gewöhnt sein können. Aber, swl' mich der Teufel, wenn ich je die Fassung verloren habe, so war ,das jetzt der Fall. Ich stand steif da wie eine Bild- wule und starrte aus großen Augen auf meinen Besucher. A^eses scharfgeschnittene Gesicht mit der hohen Stirn, der Udlernase und dem hervorspringenden Kinn war mir gut ge- ^ug bekannt. Ich hatte es schon tausendmal gesehen, wenn ouch nicht in natura, fo doch in allen möglichen Mbildungen,
Einflüsse unzutreffende Eintragungen zurückzuführen sein mögen. Das ist allerdings nichts Geringes, was die Reichstagsmehrheit da beansprucht, und man kann sich ganz gut vorstellen, daß bureaukratische Gemüter einen nicht bloß gelinden, sondern sehr heftigen Schreck bekommen, wenn sie hören, wie fortan in das Dunkel der Disziplinarakten hineingeleuchtet werden soll. Aber ein Einwand ist gegen solche Besorgnisse zu machen, und seine Triftigkeit ist unwiderleglich. Nämlich was jetzt dem Reichsbeamten gewährt werden soll, das haben mehrere süddeutsche Bundesstaaten, ihren Beamten auch bisher schon verstecktet, und weder die Disziplin hat darunter gelitten, noch sind anderweite Unzuträglichkeiten für das Staatsgefüge die Folge gewesen. Man kann vielmehr annehmen, daß die bloße Tatsache der Ermöglichung solcher Einsichtnahme dazu geführt hat, daß die Disziplinarakten mit größerer Vorsicht behandelt werden und daß sie nichts enthalten, was nicht der Kontrolle durch eine unter Umständen notwendig werdende, also gerad-e bei der Einleitung eines Disziplinarverfahrens sich ergebende Nachprüfung erwiesen werden kann. Warum denn überhaupt geheime Führungs- register? Aber der Bundesrat will nun einmal die Einsicht in die Personalakten nicht zulassen, und wenn er bei der Weigerung bleibt, so wird der Reformentwurf allerdings nicht zustandekommcn. Auch in diesem Falle würde der Reichstag nicht der Leidtragende sein, sondern die Best inten wären es. Beide Drohungen offizroser Korrespondenzen, die auf die Konkurrenzklausel bezügliche und die andere betreffend das Dis- ziplinarverfahren, erinnern ein wenig an die bekannte Berliner Redensart: „Warum kauft 'mir Vater keine
Handschuhe? Es geschieht ihn, ganz recht, wenn mir die Hände erfrieren."
Nun aber die Frage, ob Schließung oder Vertagung der Session! Es ist wahr, der Reichstem hat viel kostbare Zeit mit allzu ausgedehnten Beratungen über mehrere Etats, vor allem derr des Reichsamts des Innern verbracht und verbraucht. Indessen ist das eine herkömmliche Erscheinung, daß man, statt sich über sie zu erregen, lieber fragen sollte, woher sie kommt. Wenn der Reichstag Jahr für Jahr viele Wochen auf allerdings unendlich ausgedehnte Unterhaltungen über Spezialfragen des Etats verwendet und wenn er in dieser Hinsicht ein in keinem anderen Parlaments vorstellbares Bild barbietet, so muß schon die regelmäßige Wiederholung des Vorgangs dazu an- reizen. nach dem Warum zu forschen. Aus nichts kommt nichts. Der Grund aber beruht darin, daß wir nur einen Schein konstitutionalismus haben, daß die Regierung nach dem Reichstag nur gerade so viel fragt, wie es schlechterdings unvermeidlich ist, daß sie sich aber nicht im geringsten bemüht, einen intimen Einklang mit der Volksvertretung zu finden. Der Reichstag kann zehnmal Wünsche äußern, so lehnt sie der Bundesrat hinterher ab. Der Reichstag könnte manchmal eher den Himmel bewegen und sich geneigt machen als den Bundesrat. Der Reichstag würde sich vollends um jede Wirkung und jede Einwirkung bringen, wenn er das, was er zu wünschen und zu fordern hat, nicht mindestens dreimal sagte und es jedesmal noch mit aller Kraft und Deutlichkeit, auch mit aller Umständlichkeit
von denen zu jenxr Zeit die illustrierten Zeitschriften und Schaufensterauslagen wimmelten. Kein Zweifel, der Mann ba vor mir war niemand anders als — -der Präsident von Amerika!
Wäre ich hierzulande auf die Welt gekommen, so würde ich ihm,wahrscheinlich, nachdem sich das, erste Erstaunen aelogr, mit einem gemütlichen „Wie.geht'?' .Herr Präsident!" die Hand geschüttelt haben. Aber als gebürtiger Europäer konnte ich mich dazu nicht entschließen. Ich begnügte mich mit einer stummen Verbeugung und rückte ihm dann einen Sessel herbei. Er nahm Platz, stellte den Zyliffder sorgfältig neben sich auf den Teppich, schlug ein Bein über das andere und sah mich aus halb zusämmengekniffenen Lidern eine Weile behaglich an. Dann sagte er: „Altes Kamel!"
Nun lacht ihr, und ich kann euch versichern, ich c^t dasselbe, wenn auch erst nach ein paar Sekunden, die ich benötigte, um ein möglichst dummes .Hkficht zu schneiden. „Tom Howard!" rief ich, mir auf den Schenkel klatschend: „Du bist es! — Da Sin sich ja nett hereingefallen. Ein Wunder ist das aber nicht. Die Maske ist großartig! Kein Theaterfriseur könnte dir das nachmachen."
„Ach was, die Maske", knurrte er. „Ms wenn es damit getan wäre! Sie nützt einem verd - . . wenig, wenn man es nicht versteht, die Sprachweise, Körperhaltung, Gesten und alle sonstigen Eigentümlichkeiten deS Originals anzunehmen. Ich war acht Tage in Washington und bin dort meinem Vorbild wie ein Schatten -gefolgt, umjede Einzelheit seines Wesens bis ins kleinste zu studieren. Na, die Mühe war wenigstens nicht umsonst. Ich glaube jetzt demPräsidenten nicht weniger zu gleichen, als ich in früheren Fällen dem Richter Parker dem Bankier Addock und dem Komponisten Herrings geglichen habe."
Um es gleich zu sagen, mein Freund Howard war auf den
unterstriche. Hätten wir eine organische Übereinstimmung zwischen Regierung und Reichstag, mag man das nun parlamentarisches System oder sonstwie nennen, so würde in einem Tage erledigt werden können, wozu jetzt Wochen nötig sind.
Die gereizten Vorhaltungen an die Adresse des Reichstags nützen gar nichts; so klug wie seine Tadler ist der Reichstag auch. Man schaffe vernünftige Zustände, gesichertere Grundlagen des Zusammenwirkens, und der Reichstag wird so schnell arbeiten, wie er es gern möchte, wenn ihn nicht die Verfahrenheit und Schiefheit unseres ganzen politischen Systems immer wieder daran hinderte.
Dis Iurückeroberung des MsnfchLn.
Von Pfarrer Fritz Philippi (Wiesbaden).
Füv das Großstadtzeitalter bedarf es keiner langatmigen Erörterung, daß unser bürgerliches Dasein und die gesamte Bezrehungswelt der Menschen untereinander unter die Übergewalt der Wirtschaftsfrage gekommen ist. Ich sehe darin das Besondere und Neue der menschlichen Lebenssituation, daß die Wirtschaftswelt als s e l b st ä n d i g e Größe dem Menschen gegenübertritt und die Persönlichreitswelt bevormundet bis in ihre innersten Angelegenheiten. Im agrarischen Zeitalter der Menschheit war die Wirtschaftswelt ein zwar oft eigensinniger. aber der Untertänigkeit sich bewußter Knecht. Im industrialistischen Zeitalter ist der Fabrikherr der erste Angestellte seines Werkes.
Es war anders geplant von dem Menschengeist, der die' Maschine erfand. Die Maschine sollte Zeit machen, und der Men,ch sollte endlich es gut haben. Frei und selbständig wollte er sein. Nun ist der Mensch ein Handlanger der Maschine, und in dem unzerreißbaren Netz der Wirtschaftsfragen ist die Persönlichkeitswelt gefangen. Der Wirtschaftsgedanke schaltet nicht allein souverän in seiner Fabrikhalle, auf den Wersten und dem Weltmarkt. Nein, wir sind in der gespensterhaften Gefahr, daß alles, wa- wir zum persönlichen Leben rechneten, Beruf, Lebensbetätigung, unter eine unglaubliche Fremdherrschaft gerät. Unser Leben soll nicht mehr Menschenangelegenheck, sondern Wirtschaftssache sein. Die Wirtschaft hat sich an den Platz des Menschen gestellt und will unser Dasein bewirtschaften.
Aus der angemaßten Souveränität der Wirtschaftswelt das Menschendasein zurückzuerobern, ist die Zeitaufgabe des Menschengeschlechts, die auf Sein oder Nichtsein gestellt ist. Der Mensch muß s i ch haben, sonst kann er nicht atmen. An Stelle des Wirtschaftsbrauchs muß wieder Mensche n- fi11 e treten.
Aber diese Zurückeroberung des Menschenlands aus dem wirtschaftlichen Absolutismus findet allenthalben nur den Glauben an seine Unmöglichkeit. Es ist eine Massensuggestion. daß „dagegen nichts zu machen sei". Man kommt in pen Geruch eines Schwärmers oder Sonderlings, wenn man für möglich und nötig hält, daß einmal eine Zeit kommt, die den allgemeinen Befreiungskrieg des Menschen aus der Wirtschaftssklaverei ausruft.
Worauf gründet sich solche Sonderlingshoffnung? Ich antworte: auf die Struktur des inneren Menschen. So sehr die wirtschaftliche Grundlage sieh verändert hat, so unveränderlich bleibt die innerliche Grundlage der menschlichen Existenz
höchst wundersamen Trick verfallen, unter der Maske irgend einer allgemein bekannten Persönlichkeit den Leuten die Taschen auszurauben. In solchen Fällen redet er, in seiner jeweiligen Verkleidung, auf der Straße, aber auch in Museen, Lesesälen und sonstigen öffentlichen Orten vorher dazu aus- ersehenL Personen an. Seine Opfer sind über die unverhoffte „Ehre" stets sehr erfreut und nichts liegt ihnen ferner als der Gedanke, daß der berühmte A. oder X. sie während des Gesprächs um ihre Geldborien erleichtern könnte. Wenn sie dann ihren Verlust gewahr Werren, ist Howard natürlich schon längst über alle Berge.
„Diesmal halbe ich es auf Eurtis Stainford oder richtiger gesagt, auf lerne Banknoten abgesehen", erklärte Howard jetzt auf meine Frage. .
..Was? ! stainford? rief ich. „Der Multimillionär und
Eisenibahniomg?
„Ganz recht! steht im Begriff, wach Europa hinüber- zilfahren. Dort must er früher einmal aus irgendwelche Weise Arger mit ^Kreditbriefen Qel)a6t haben. Kurzum, er nimmt schon Uff -zahren niemals mehr solche mit hinüber, sondern Kassenscheine, d>.e er in der inneren Brusttasche seiner Weste astfbcw.ahru. Die Abfahrt seines Dampfers", fuhr Howard fort, „war auf heute nachmittag 2 Uhr festgesetzt. Eine knappe 'stunde vorher gelang es mir, Stainford • im Zentral» Park abzufangen. Er begrüßte das vermeintliche Staatsoberhaupt sehr liebenswürdig und zeigte sich überhaupt von seiner angenehmsten Sette. Ich merkte indes bald, daß der alte Fuchs dafür seine guten Gründe hatte. Mit ein paar geschickten Wendungen brachte er nämlich das Gespräch auf die „North Kentucky Bahn", für die er gewisse Vorteile zu er, reichen wünfchte."
„Ah, sehr gut", unterbrach ich Howards Bericht. „Und während er dir sein Anliegen vortrug, nahmst du ihm . .
