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Dienstag, 31. März 1914.
Morgen - Ausgabe. rir. i»,.. &2. Jahrgang.
Immanuel RanL über die NichL- beftätigung des Pfarrers §uch§.
Große Männer weisen in die Zukunft, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Gegenwart Grenzen abstecken und testen Boden der Erkenntnis bereiten. Was im Reiche des Geistes gilt, das gilt nicht bloß für jetzt und heute, das gilt immer. Die Reinoldigemeinde in Dortmund soll den hessischen Pfarrer Fuchs nicht als Nachfolger Traubs bekommen, so will es der Ober- trrchenrat. Pfarrer Fuchs hat in keiner Weise gezeigt, daß er den inneren wie den äußeren Anforderungen des Dortmunder Pfarramts nicht gewachsen sein würde, aber er ist für Jatho eingetreten, und darum soll er als Geistlicher m die preußische Landeskirche nicht aufgenommen werden! Hätte sich diese Tragikomödie zu Kants Zeiten ereignet, so würde der gewaltige Genius sie nicht besser haben schildern und beurteilen können, als er es in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1784 „Was ist Aufklärung?" getan hat. Würde Kant heute leben,
^.ßte er sich, wenn er in der Dortmunder Sache das Wort nehmen wollte, genau so wie damals äußern Keiner kann das, worauf es ankommt, besser als Kant darstellen. Darum wollen wir ihm das Wort zu diesen Vorgängen geben. Also schrieb Kant in jenem Aufsatz: --Ein Geistlicher ist verbunden, seinen Katechismusschülern und seiner Gemeinde nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Vortrag zu tun, denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhafte in jenem Symbol und Vorschläge wegen besserer Einrichtung des Reli- gions- und Kirchenwesens dem Publikum Mitzuteilen. Es ist hierbei auch nichts, was dem Gewissen zur Fast gelegt werden könnte. Denn was er zufolge seines Amts, als Geschäftsträger der Kirche, lehrt, das stellt er als etwas vor, in Ansehung dessen er nicht freie Gewalt hat nach eigenem Gutdünken zu lehren, sondern daß er nach Vorschrift und im Namen eines anderen vorzutragen angestellt ist. Er wird sagen: unsere Kirche lehrt dieses oder jenes; das sind die Beweisgründe. deren sie sich bedient. Er zieht alsdann allen praktischen Nutzen für seine Gemeinde aus Satzungen, die er selbst nicht mit voller Überzeugung unterschreiben würde, zu deren Dortrag er sich gleichwohl anheischig machen kann, weil es doch nicht ganz unmöglich ist, daß darin Wahrheit verborgen läge, auf alle Fälle aber wenigstens doch nichts der inneren Religion Widersprechendes darin angetroffen wird. Denn, glaubte er das letztere darin zu finden, so würde er sein Amt mit Gewissen nicht verwalten können; er müßte es nreder- legen." _
Nachdruck verbale»
Provenzalische Wandertage.
Von Erich Köhrcr.
Von Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs, geht die Bahn, die den Reisenden gen Süden 'führt, viele Stunden an der Rhone -entlang. Tausende eilen jährlich hier in den prachtvollen Luxuszügen der P. L. M. den Gestaden des Mittel-. meeres zu, um die volle Schönheit der Klauen Küste zu genießen. Die Reize der Landschaft, durch die sie dcchinsausen, tauchen im Fluge vor ihnen .ans, aher nur wenige verlassen den Zug, um näher die Eigenart der Landschaft kennen zu lernen, die ihnen kaum bemerWar wind. Allmählich freilich tritt hierin ein Wandel ein. Hier und da hört man doch ein- mal insbelsondere von der eigenartigen Schönheit der Provence reden, und die P. L. M. wirkt durch die Einführung trefflicher Veübindungen immer stärker für die Erschließung dieses Landes. In ihm vereinigen sich Kunst und Natur zu Eindrücken von unvergeßlicher Schönheit und um die gewaltigen Zeugen der Vergangenheit schlingt die Gegenwart holdeste Kränze. Dies Land darf man nicht im Fluge durchhasten. Hier lohnt es sich zu verweilen und mit dem Wanderstab in der Hand seine reizvolle Eigenart und seine große Geschichte aus nächster Nähe kennen zu lernen.
Ich weiß nicht recht, warum man Rheinfahrten und Elbefahrten macht, aber keine Rhonefahrten. Auch das Tal der Rhone vereinigt, in sich in bunter abwechslungsreicher Fülle all jene Schönheiten, die den Ruhm der Leiden anderen Flüsse begründet haben. Dörfer und Städte begleiten ihren Lauf, stolze Burgen recken sich ihr zur Seite empor, gewaltige Felsenrücken senken sich hinab zu rsbenübersponnonen Hängen und eine Sonne voll Glanz und Glut streut ihren Segen darüber. Bei Viviers springt plötzlich messerscharf ein Festen in den Fluß vor, um den die Bahn kaum noch ihren Weg findet. Starke Befestigungen schirmen die Höhe, als wollten
*) Auf seinem brovemmlischen Gute ist. wie wir bereits berichteten. Fröderic Mistral, der Sänger der Provence, verschieden. Der nachfolgende Artikel gibt einen Mick in das eigenartige Land, dem er und das ibm ganz gehörte.
Kant schreibt weiter: „Aber sollte nicht eine Gesellschaft von Geistlichen, etwa eine Kirchenversammlung oder eine ehrwürdige Classis (wie sie sich unter den Holländern selbst nennt), berechtigt sein, sich eidlich auf ein gewisses unveränderliches Symbol zu verpflichten, um so eine unaufhörliche Vormundschaft über jedes ihrer Glieder und vermittelst ihrer über -das Volk zu führen und diese sogar zu verewigen? Ich sage: das ist ganz unmöglich. Ein solcher Kontrakt, der auf immer alle weitere Aufklärung vom Menschengsschlechte abzuhalten geschlossen würde, ist schlechterdings null und süchtig; und sollte er auch durch die oberste Gewalt durch, Reichstage und die feierlichsten Friedensschlüsse bestätigt sein. Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine Erkenntnis zu erweitern, von Jrrtümern zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen. .... Aus eine beharrliche, von niemand öffentlich zu bezweifelnde Religionsverfassung auch nur binnen der Lebensdauer eines Menschen sich zu einigen, und dadurch einen Zeitraum in dem Fortgänge der Menschheit zur Verbesserung gleichsam zu vernichten und fruchtlos, dadurch aber wohl gar der Nachkommenschaft nachteilig zu machen, ist schlechterdings unerlaubt. Ein Mensch kann zwar für seine Person und auch alsdann nur auf einige Zeit in dem, was ihm zu wissen obliegt, die Aufklärung aufschieben; aber auf sie Verzicht zu tun, es sei für seine Person, mehr aber noch für die Nachkommenschaft, heißt die heiligen Rechte der Menschheit verletzen und mit Füßen treten. Was aber nicht einmal ein Volk über sich selbst beschließen darf, das darf noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen: denn sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben daraus, daß er den gesamten Volkswillen in dem seini- gen vereinigt. Wenn er mir darauf sicht, daß alle wahre oder vermeinte Verbesserung mit der 'bürgerlichen Ordnung zusammen bestehe, so kann er seine Untertanen übrigens nur selbst machen lassen, was sie um ihres Seelenheils willen zu tun nötig finden; das geht ihn nichts an, wohl aber zu verhüten, daß nicht einer den anderen gewalttätig hindere, an der Bestimmung und Beförderung desselben nach allem seinem Vermögen zu arbeiten. Es tut selbst Seiner Majestät Abbruch, wenn er sich hierin mischt, indem er die Schriften, wodurch seine Untertanen ihre Einsichten ins reine zu bringen suchen, seiner Regierungsaufsicht würdigt, sowohl wenn er dieses aus eigener höchster Einsicht tut, wo er sich dem Vorwurf aussetzt: Caesar
sie den Eingang in die Provence wehren, für welche die Fehscnveste von Donzere die klimatische Grenze bildet. Sehr bald merkt man, daß ntra in der Provence ist. Denn man sieht die Spuren des Herrschers, der über der blühenden Landschaft seine Geißel schwingt, sieht die Wege, die er gefahren ist, sieht 'die Ehrenposten, welche die Menschen ihm gestellt haben. Stramm ausgerichtet wie Soldaten stehen Koniferen in langen Reihen durch die Landschaft. Sie sind die Pasten für den Mistral, den Wind der Provence. Denn der Mistral, der die Glut der provenzalischen Sonne erträglich macht, der den Segen der Fruchtbarkeit über die weiten Felder des Landes trägt, ist ein junger toller Herrscher, der in all zu großem Eifer auch Rebstöcke und Olivestbäume dem Mutterschoß der Erde entreißt und mit sich davonträtzt. In Tarascon lernte ich seine Macht kennen, als er aus dem Boulevard die Stühle des Cashs durch-einander-würfelte und
die Fensterläden höhnend zuwarf. Und doch hat dieser wilde Gesell einem ehrwürdigen Manne den Namen gegeben, der der Künder und Sänger der Provence geworden ist. Wenn FrSdhric Mistral zu den Volksfesten in Arles erscheint, wehen die Tücher, flattern Fahnen, grüßen Blumen und -tausend schöne Fra-u-enaugen, und das Volk huldigt dem Dichter wie einem König. Denn dies Volk ist sticht nur von der südlichen Sonne leicht erregbar geworden, im Guten und im Bösen, leicht zu ^begeistern und leicht zu verführen, sondern ihm ist auch durch die Geschichte der Jahrhunderte hindurch die Liebe zur Kunst und die Empfänglichkeit für künstlerische Eindrücke ins Mut übergegangen.
Nicht immer freilich ist die Achtung tu> r f> er ® un ,p. sam in die Erscheinung getreten. -Fassungslos sicht man im Papstpalast in Avignon, in dem Papstzirnmer, das mit herrlichen Fresken aus dom Leben des heiligen Johannes geschmückt ist. Hier hat ein Wahnwitz sämtliche Figuren der Köpfe -beraubt und nur zwei Madonnen strahlen noch ganz erhalten in lichter Schönheit. Man_ soll freilich nicht die ..Kunstpflege" einer vergangenen Zeit schänden, wenn man sieht, wie in unseren Tagen der gewaltige Bau verrestcmriert wird. Man würdigt erst richtig die Leistungen der deutschen Burgenrestaurierunyen, wenn man gesehen hat, wie hier eines der kostbarsten Baudenkmäler entstellt wird. Der Papstpalast stellt einen riesenhaften Komplex dar, der in sich Eindrücke -
von est supra grammaticos, als auch und noch weit ' mehr, wenn er seine oberste Gewalt" so weit erniedrigt, den geistlichen Despotismus einiger Tyrannen in seinem Staate gegen seine übrigen Untertanen zu -unterstützen."
So Kant. Wir würden das Gewicht dieser prachtvollen Ausführungen verringern, wenn wir etwas hinzusetzen wollten. Kant bedarf keines Kommentators. Er fragt in seiner Abhandlung, ob wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter leben, und er antwortet: „Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung." Er rühmt sein Zeitalter als „das Jahrhundert Friedrichs, der es verdient, „von -der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit-, wenigstens von seiten der Regierung, entschlug und jedem frei ließ, sich in allem, was Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen". Er fährt fort: „Unter ihm dürfen verehrnngswürdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenen Symbol hier oder da abweichende Urteile und Einsichten in der Qualität der Gelehrten frei und öffentlich der Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine Amtspflicht eingeschränkt.ist."
Und nun sehe und lese man, wie der Evangelische Oberkirchenrat Kants Erbe verwaltet!
Das Ergebnis öer Reichstags- winterarbeit.
Heuer schon ziemlich früh haben die Reichsboten Ferien gemacht; sie haben nicht gewartet, bis die Osterzeit da ist. Und dabei ist noch eine Menge recht notwendiger Stoff nicht cmf- gearbeitet. Die zweite Lesung des Reichshcmshalts ist noch' längst nicht erledigt. Es fehlt in der zweiten Lesung noch der Etat des Auswärtigen, wobei die einzige Gelegenheit ist, ausführlich die auswärtige Politik zu erörtern. Der Winter hat eine Menge Fragen in den Vordergrund gerückt: den Streit um die ägäischen Inseln, die armenische Frage in Kleinasien, die deutsche Milrtärmissian in Konstantinopel, die Abkommen mit England und Frankreich über Kleinafien, die Bildung des albanischen Staates, die russischen Kriegsrüstungen ustv. Über alle diese Fragen mutz der Reichstag sich äußern — gründlich und überlegt. Der Reichstag muß allmählich lernen, auch in auswärtigen Fragen ein Wort zu sprechen und die Richtung mit zu beeinflussen. Unter Bismarck mochte eS hingehen, daß man der Regierung die auswärtige Politik alS besondere Domäne überließ. Heute muß die Volksvertretung selbst nach dem Rechten sehen. Gerade in der letzten Zeit sind ziemlich viel Klagen über den diplomatischen Dienst laut geworden, und Kommissionen im Reichstag haben sich wiederholt bemüht, Reformvorschläge zu machen.
Der Reichstag hat weiterhin nach Ostern sich noch mit dem Militär -und Marineetat zu befassen. Hier ist der
'von grausiger Größe mit reizvollem Stimmungen vereinigt. Gang.wundervoll find die Fresken in einzelnen -Räumen- und besonders in dem Garderobezimmer für Gäste, das vollständig mit Darstellungen des ländlichen Lebens ausgemalt ist, wird man überrascht von der Schönheit der -Komposition, noch mehr aber von der Leuchtkraft der Farben, welche die Jahrhunderte überdauert hat. Aus den Fenstern schweift der Blick über die malerische Stadt mit ihren vielen Türmen, über die gold- glänzende Mariem-statue auf dem Turm des Domes und -über das Tal der Rhone hinaus in die gesegnete Provence. Köstliche Stille träumt in den Gängen des wundervollen alten Parkes, der sich auf der Höhe hinaufgieht bis zu -dem Felsen- rand, der steil hinabfällt zur Rhone. In den Fluß hinaus wachsen die Reste einer alten Steinbnücke, die vor mehr als 700 Jahren von München gebaut wurde.
Jünger als der Ruhm Avignons ist der Ruf deS Städtchens TaraScon. 6hm hat erst Alphons Daudet zum W-N - ruhm -verhaften, als er seinen Tartarin in Tarascon zur Welt kommen und jjort dort aus seine berühmten Reifen unternehmen wetz, schon früher freilich hat Tarascon eine Rolle gespielt, als tn dem Schloß an -der Rhone der Schäfer, könig Rens Hm hielt und die Troubadours hier das Lob schöner Frauen sangen. Noch st-cht das!Schloß, -aber -es spiegelt sich jetzt rot traurigen Fenstern in der Rhone. Eiserne Gitter spannen sich davor, und keine heiteren Lieder flattern von dort in -die Welt, sondern nur die Seufzer und Klagen der Gefangenen, die hinter diesen Mauern ihre Verbrechen büßen. Stolzer reckt auf der anderen Seite der Rhone über dem Städtchen Deaucaire das Schloß gleichen Namens aus den Ruinen seinen dreieckigen romanischen Turm empor. Man wandert lm Dämmer des Abends durch die stillen Straßen nach der ,-chvnen Kettenbrücke, die die beiden Orte verbindet, und sieht van der Höhe des Schlosses Beaucaire die scheidende Sonne ihre letzten Purpurgrüße nach dem -Gefängnis, das einmal ein Königssitz war, hinübersenden. Die Rhone sängt die Grüße auf und s-chlin-at sie mit tausend kleinen Schnellen hinab. ^Allmählich verblassen die Farben und sieghaft steigt die Nacht im -durchsichtig klaren Äther empor. -Dann fitzt man in 'der Abendkühle am Boulevard und schlürft aus -einer blitzenden Karaffe prickelnden Ehainpagner. Die Straßen, die unter der Glut der Tagessonne still gelegen haben, «Wd«
