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Samstage 28. März 1924.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 147. » 62. Iahrgang.
Italiens Militür- und auswärtige Politik.
(Von unserem römischen Korrespondenten.)
, 8. Rom, 26. März.
^.as eben erst gebildete Kabinett Salandr-a hat seine erste Partielle Mmisterkrisis hinter sich. Die Geschichte verleiben ist rm höchsten Maße lehrreich und bedeut» 1 a m für die D r e i b u n d p o l i t i k Italiens und läßt un- sur die Zukunft nichts Gutes ahnen. Man konnte die Geschichte dieser Krisis unter dem .Gesichtspunkt der Auflehnung der Generale gegen die Politik ver Kabinette Giolitti-Salandra betrachten. Für den init der Entwicklung der Dinge in der letzten Regie- rungszeit Giolittis Vertrauten enthält sie nichts Neues Sse bringt die letzte Erklärung für die Ursache der Gwlittischen Demission. Sie sagt uns mit dürren Worten, warum der Mann, der das Vertrauen der Nation in einem vorher nie gekannten Maße besitzt, die Flinte ins Korn warf und ohne äußerlich sichtbaren • ™ mit seiner überraschenden Amtsniederlegung einen Akt der Fahnenflucht beging.
Schönfärberei wäre jetzt ' vom Übel. Deutschen d hat vor allen anderen Reichen das eminenteste Interesse an der Weiterentwicklung -der italienischen Heeres- und Flottenpolitik, die vor dem Beginn einer gefahrvollen Krisis steht und schwere Umwälzungen auch auf dem Gebiet der äußeren Politik Italiens heraufbeschwören kann. Darum wollen wir die Dinge mit dem richtigen Namen nennen.
Herr Giolitti hatte schon vor einem Jahre große Neurüstungen für Heer und Marine angekündigt, seine Regierungsvorlagen aber mit Rücksicht auf die Kammerwahlen in der Tasche behalten. Auch in der neuen Kammer beschränkte er sich auf Andeutungen allgemeiner Natur und hütete sich wohlweislich, das Geheimnis der Militärvorlage zu entschleiern. Sein Kriegs- niinister Spingardi bekam es schon im Herbst mit der „Krankheit" zu tun und wurde nicht eher gesund, als bis Giolitti ging. Nun hätte der letztere sehr gern den verdienten Herrn Spingardi seinem Amtsnachfolger Salandra mit ins neue Kabinett geben wollen. Denn erstens wußte keiner so gut wie Spingardi, wie sehr die Magazine und Provianthäuser während des libyschen Krieges geleert und nicht wieder ausgefüllt wurden und wieso es kam, daß die Feldzugsrechnung verhältnismäßig niedrig blieb. Zweitens erschien Spingardi, als Mitverantwortlicher für die Vergangenheit, auch am ehesten prädisponiert,. den neuen Rüstungskarren in den Gang zu . bringen. Herr Salandra batte denn auch Herrn Spingardi schon in die offizielle neue Ministerliste ausgenommen. Der General aber lehnte entschieden ab, das neue Spiel mit den alten Karten wieder zu beginnen, und Herr Salandra bat den General P o r r o, Spingardis Nachfolger werden zu wollen. Porro aber, der, offenbar gewarnt, das Spiel durchschaute, stellte Bedingungen, die kein Salandra annehmen konnte, ohne
Italiens Finanzmisere vor aller Welt bloß- zulegen. In nahezu achttägigen Unterhandlungen for» derte Porro eine Heere sv e rme h ru ng um 50000 Mann (von 275 000 auf 325 000 Mann Effektivbestand) bei 80 Millionen Franken Mehrkosten pro Jahr sowie 600 Millionen Franken außerordentliche Ausgaben für das Heer, die auf drei Jahre zu verteilen wären. Als Salandra nicht nachgab, lehnte auch Porro ab. Nun ist Generalleutnant G r a n d i als K r i e g s m i n i st e r gewonnen worden, und zwar, wie man bestimmt behauptet, „gewonnen auf könig- lichen Befehl!"
Die öffentliche Meinung ist mit diesem Ausgang natürlich in keiner Weise zufriedengestellt worden. Denn die Annahme ist gerechtfertigt, daß auch Grandi wider bessere Überzeugung das bitterböse Amt übernommen hat, für das die beiden anderen Kandidaten die Verantwortung nicht übernehmen zu können glaubten. Wer ist nun im Recht: Giolitti-Salandra? Oder die Generale? Die Antwort kann nicht gegeben werden, ohne zu fragen: wie stellt sich der Minister, des Äußern zu dieser ihn ungemein interessierenden Frage. Zunächst kann nur folgende Antwort gegeben werden: Giolitti wie sein Nachfolger Salandra wollen mit Rücksicht auf die ungelösten Steuer- und Finanzfragen, daß die auswärtige Politik Italiens dem Lande so wenig wie möglich Opfer bereite. Auch in Venedig wird man sich darüber unterhalten haben. Italien wäre es gewiß recht, wenn durch den russischen Druck Österreich sich in der Lage sähe, seine Truppen zu einem großen Teile von der italienischen Grenze zurückzuziehen. Ein Sieg der Generale über Giolitti-Salandra hätte auch dem Dreibund einen neuen Elan gegeben. Jetzt indessen müssen wir auf neue Verständigungen Italiens mit den: Dreiverband gefaßt sein. „Ententen" haben oft den Vorzug der Billigkeit.
Zicherheitseinrichtungen und Neuexungen im Eisenbahnbetrieb.
— Berlin, 26. März.
Zur Einleitung des heutigen Festabends im Ministerium der öffentlichen Arbeiten hielt Geheimer Oberbaurat Hoogen einen Vortrag über Sicherungseinrichtungen im preußischen Eisenbahnwesen, und führte dabei etwa folgendes aus: Durch die stetige Steigerung der Fahrgeschwindigkeit und des Zuggewichtes einerseits und die starke Zunahme der Verkchrstnchtigkeit andererseits ist das Gesahrmoment im Eisenbahnbetrieb fortwährend gewachsen. Trotzdem ist erfreulicherweise die Sicherheit nicht znrückgegangen. Die bildlichen Darstellungen der Betriebsunfälle von 1880 bis 1912 lassen vielmehr erkennen, daß der steigenden Linie der Verkehrsdichtigkeit auf den preußischen Staatseisenbahnen eine stark fallende Linie der Unfallziffern gegenübersteht. Auch die Eisenbahnunfälle im engeren Sinne — die Entgleisungen und Zusammenstöße —- haben seit 1880 erheblich abgenommen. Die für eine Reihe von Jahren in einem
Schaubild zum Vergleich dargestellte Zahl solcher Unfälle ans den amerikanischen Bahnen zeigt deutlich die günstige Stellung der deutschen, insbesondere der preußischen Bahnen. Bezüglich der Tötungen und Verletzungen von Reisenden bei solchen Eisenbahnunfällen stellt sich der Durchschnitt der letzten 10 Jahre am günstigsten für die preußischen Bahnen. Am nächsten steht ihnen England. In Preußen kam hiernach auf etwa 90 Millionen Reisende, in England auf etwa 70 Millionen Reisende eine Tötung eines Reisenden bei einem Eisenbahnunfall. Wesentlich ungünstiger steht Frankreich, vor allem aber Amerika. Einem pflichtbewußten, gutgeschulten Personal gebührt ein gut Teil des Verdienstes an diesem günstigen Ergebnis. Nicht minder aber liegt es auch darin begründet, daß die preußische Staatseisenbahnverwaltung es stets als ihre erste Aufgabe angesehen hat, die technischen Einrichtungen ihrer Bahnen auf der Höhe zu halten. Oberbau, Betriebsmittel und Bremsvorrichtungen sind mit zunehmendem Verkehr verbessert; besondere Aufmerksamkeit ist vor allem den Signal- und Sicherungseinrichtungen zugewendet worden. Hier steht neuerdings die Frage im Vordergrund der Erörterungen, ob nicht im Eisenbahnbetrieb in weiterem Umfange, als bisher, an die Stelle der verantwortlichen Tätigkeit der Bediensteten die Wirkung selbsttätiger mechanischer Einrichtungen zu sehen sei. Es kommt das besonders in Frage für die Regelung der Zugfolge und zum Schutz gegen das Überfahren der Haltesignale. Für die Zugfolge ist in Deutschland matzgebeno das Fahren in Raumabstand. Dabei ist Vorbedingung für das Ab- oder Durchlässen eines Zuges die Feststellung, daß der voraufgefahrcne Zug sich unter Deckung der nächsten Zugfolgestelle befindet. Die Feststellung erfolgt durch telegraphisches Zugmeldeverfahren oder durch die sogenannte elektrische Streckenblockung. (Der Verlauf einer Zugfahrt bei elektrischer Streckenblockung nach preußischem System wird am Modell vorgeführt.) Es findet dabei eine Mitwirkung des Zuges statt, indem der Zug bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof das Signal hinter sich auf „Halt" wirft und so sich selbst deckt; ferner ist die Freigabe des rückliegenden Signals davon abhängig, daß der Zug an einer bestimmten Stelle des Glesses einen Kontakt befahren hat. Letzteres ist eine wichtige Vervollkommnung des letzten Jahrzehnts. ' Geht man in der Mitwirkung des Zuges noch weiter, indem man dem Zuge auch das Stellen der Signale von „Halt" auf „Fahrt frei" überträgt, so entsteht die sogenannte selbsttätige Streckeu- blockung, die in größerem Umfang zuerst auf den amerikanischen Bahnen eingeführt und dort sehr weit ausgebildet ist. Neuerdings hat sie bei Stadtschnellbahnen Eingang gefunden, z. B. auch bei der hiesigen Hoch- und Untergrundbahn. (Die Wirkungsweise wird am Modell voraeführt.) Sie macht die Besetzung mancher Posten mit Beamten unnötig und stellt Signal auf „Fahrt frei" in dem Augenblick, in dem die Vorbedingungen dazu erfüllt sind. Jede unnötige Verzögerung wird daher vermieden. Das ist für Stadtschnellbahnen von Bedeutung. Sie kommt daher auch bei Elektrisierung der Stadtbahn in Frage. Für Fernbahnen liegt in der selbsttätigen Streckenblockung keine Erhöhung der Sicherheit. Zum Vergleich wird noch das englische Blocksystem vorgeführt. Es zeigt im allgemeinen nur den Zustand der Strecke — ob frei oder besetzt — an. Signalverschluß und Mitwirkung des Zuges wird damit — abgesehen von Stadtbahnen — nur selten verbunden. Den Einrichtungen, die das überfahren
Der Sänger der Provence.
Zu Mistrals Tode.
Von Dr. Paul Landau.
„Seit den homerischen Gesängen der Griechenwelt ist kein solcher Strahl ursprünglicher Poesie aufgegangen. Heute habe ich es ausrusen dürfen: Homer!" Mit diesen Worten hat Lamartine in dem berühmten Briese an den provenzali- schen Dichter Rebould den Weltruhm des jungen Sängers der „Mireio" aus der Taufe gehoben, und als sich dann in Deutschland zuerst Hermann Grimm mit seiner starken Begeisterung für den neuen „Genius ans dem Sonnenland" einsetzte, da trat auch ihm wie unbewußt das Bild der „Sonne Homers" zum Vergleich vor die Seele. „Frankreich hat in unserm Jahrhundert einen Dichter hervorgeibracht, dem Apoll zu diesem Gebrauche einen Haufen Pfeile vor die Füße schüttelte, den Pro-venzalen Mistral", schrieb er in einem Aufsatz über den Mistral geistesverwandten Maler Eugene Bnr- nand. „Dieser hat der Provence den uralten Ruhm neu aus- gefrischt, das Land der Gesänge und der herzbewegenden Abenteuer zu sein — der Dinge, die wir gern hören. Den Schrei zum Himmel auftönenden Jubels, das Stöhnen meer- tiefen Kummers . Wie Homier eine Enzyklopädie dessen hildet, was zu seiner Zeit das Vaterland seiner Helden erfüllte, an geistigem wie an leiblichem Inhalte, wie dasselbe Dantes Gedicht für Italien, Shakespeares Dichtung für Eng. land und der Goethes für Deutschland nachgesagt werden kann, so enthält Mistrals Mireio den Inbegriff per Provence: Land, Charaktere und Gedanken deS Volkes." Mit jener gastfreundlichen Liebe, mit der wir Deutschen fremde Schönheit so gern bei uns aufnehmen, hat die aufopfernde Hingabe unserer besten Romanisten diesen Sänger Erforscher und keistigen Führer seines Volkes, der wie wohl kein anderer Dichter der Weltliteratur der Repräsentant seines Landes genannt werden darf, unserem Schrifttum erobert. Wir dürfen
sagen, daß wir den großen D «Hingeschiedenen mit größerem Recht einen der Unseren nennen können als jede andere Nation, die Provence natürlich ausgenommen, der er ihr ein und alles war und bleiben wird. Denn auch die Franzosen, die ihm: so lärmend zugejubelt, . haben in der vom Dichter selbst veranstalteten Übersetzung seiner Werke aus dem Provenzalischen ins Französische nur einen schwachen.kühlen Abglanz seiner leidenschaftlich glühenden Wortkunst, und Paris, das ihm so gehuldigt und das der stolze Bauer von Mail- lane verflucht hat, saih in seinen Gesängen nur eine modische Spielerei. Die Deutschen aber haben in dem schönen übersetzungswerk, das vor allem August Verbuch, dann aber auch Nikolaus Walter und Franziska Steinitz Mistral gewidmet, dem Sänger der Provence eine Auferstehung in " fremder Zunge bereitet, die dem klassischen Lande der Übersetzer alle Ehre macht. Wir können heute das ganze-Werk dieses großen Meisters genießen, fast in derselben Frische und Ursprünglichkeit wie im Original, wenn nicht eben doch die Sonne des göttlichen Südens einen warmen Hauch und eine heiße Süßigkeit darüber gebreitet, die nur die „goldene Sprache" dieses Landes ausstrahlt.
In Mistral ist nach vier,hundertjährigem Schlummer das Wunder der provenzalischen Troubadourkunst zu einein neuen reicheren und glänzenderen Leben evwacht. Die Sehnsuchtsträume des französischen Südens nach einem mächtigen lateinischen Reich und nach einer lichtdurchströmten, krafterfüllten Lebenskultur, die durch den Albigenlserkreuzzug im 13. Jahrhundert so jäh vernichtet worden waren, sie sind in Mistral und in der literarischen Bewegung um ihn machtvoll wiedererwacht, und wenn auch so manche dieser Phantasien, bösonders die politischen, leere Illusionen blieben, so ist doch aus dieser herrlichen Erneuerung einer großartigen Vergangenheit, aus dieser innigen Vermählung der Poesie mit Heimat und Volk ein unvergänglicher Besitz hervovgMüht: die Dichtung Mistrals, der all seine Genossen, denen manch schönes Lied gelang, durch die universale Größe und die ge
staltende Kraft seines Schaffens überragt. Fm alten Kernland an der Rhtzne, im schönsten Winkel der provenzalischen Erde, ist Mistral herangewachsen, mitten in einer durch ihre Kontraste üppiger Fruchtbarkeit und düsterer Wildnis überwältigenden Landschaft, unter den wundervollen Zeugen der antiken und mittelalterlichen Kultur, die einst hier ihre leuchtenden -Schwingen entfalteten und zu Arles und Avignon in gewaltigen Denkmälern emporvagen. Und all dies, die Sprache, die Kultur und das Volkstum der Vorväter, hatte der .Hranchiman" aus dem Norden verdrängt und unterdrückt; aus der provenzalischen Mundart war ein Gewirr von Dialekten geworden, von denen jeder Anspruch auf Geltung erhob. Das Verdienst, in Mistrock die Eindrücke der Kindheit zum Lebensovangeliuin gemacht zu haben, gebührt seinem Lehrer aus dem Gymnasium in Avignon Roumanille, der in ihm das Feuer der Heimatliebe und Heimatkunst für immer, entzündete. Roumanille ist der eigentliche Begründer jenes Dichterbundes, dessen Höhepunkt Mistral darstellt. Ihm schloß sich der lUNge Bauernsohn, nachdem er am trockenen Jus auf der Umverst.at Aix nur wenig Gefallen gefunden hatte, mit ganzer Seele an, um ein Dichter zu werden und ein Freund seines Volkes, und ein Bauer zu bleiben sein Leben lang.
Die Avrgnoner Dichtergruppe, deren erste Veröffentlichung, . eine Anthologie, 1852 auch das erste -dichterische Debüt Mistrals darstellte, vereinigte sich 1854 in der historisch gewordenen Versammlung von FontfHgugne in einem engen Bund zur^sprachlichen, künstlerischen und sozialen Wiedergeburt des iL-üdens, und Mistral gab ihnen den geheimnisvollen, me recht erklärenden Namen „FKlilbres", der -aber wohl nichts weiter als „Büchermacher" bedeutet. Die Sprache, in der die Fölibres -dichteten und die auch das meisterhaft gghandhabte. Instrument unseres Dichters wurde, ist nach der trefflichen Definition Morfs eine neue südsran-zösische'Literatursprache, der die Mundart von St. R«my, der Dialekt des unteren Rhgnetals, zu Grunde gelegt ist und die durch Ableitungen und Lehnwörter. aus dem Französischen, durch eine Mer-
