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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Sroitag. 27. März 1914.

Morgen - Ausgabe. ,«>.. «. o-hr»»»«.

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Die Enthüllungen des Grafen Witte.

Der frühere russische Finanzminister und spätere Ministerpräsident Graf Witte hat durch die „Nowoje Wremja" in mehrfachen Artikeln mitteilen lassen, daß er seinerzeit für ein russisch-deutsch-sranzösisches Bünd­nis gearbeitet habe, und er hat seine Überzeugung aus- gedrückt, daß, wenn er länger im Amte geblieben wäre, dies Bündnis apch hätte Zustandekommen können. Die Mitteilungen der „Nowoje Wremja" stießen zuerst auf Unglauben, man wollte sich nicht an den Gedanken ge­wöhnen, daß Graf Witte gerade dieses, die st 8 r k st e Deutschfcindschaft propagierende Blatt dazu ausersehen haben könnte, das Sprachrohr dieser Ent­hüllungen zu sein. Wir erfahren indessen aus Berliner politischen Kreisen, daß die Berufung der „Nowoje Wremja" auf den Grafen Witte, den sie freilich als Inspirator nicht nennt, aber doch hinlänglich deutlich be­zeichnet hat, als widersinnig keineswegs angesehen zu werden brauche. Man kann selbstverständlich nicht wissen, ob Gras Witte in der Tat hinter den Angaben des reaktionären Blattes steht, aber in der Sache selber wird kein Hindernis gefunden, einen Zusammenhang zwischen ihm und dieser Zeitung in der vorliegenden Angelegenheit anzunehmen. Da man in Berlin natur­gemäß wissen mutz, ob die Ausgrabungen bes russischen Staatsmanns einen sachlichen Wert haben, so bedeutet also die Anerkennung der möglichen Glaubwürdigkeit der „Nowoje Wremja" nicht wenig. Würde es sich bei den Enthüllungen um Behauptungen handeln, für die das Moment der Kontrolle durch die deutsche Reichskanzlei und ihre Aktenstücke fehlt, so wäre ein bedenkliches Schwindelmanöver ohne weiteres auf­gedeckt. Vermutlich also gibt es Handhaben zur Kon­trolle, und darum verdienen die Angaben des Peters- burger Organs doch wohl Beachtung. Wir werden in­dessen darauf aufmerksam gemacht, daß die Auszüge, die sich deutsche Blätter von der Newa haben melden lassen, nur einen Teil dessen bringen, was die „Nowoje- Wremja" wirklich geschrieben hat. Der eminent deutsch­feindliche Charakter des Blattes kommt m dem, was es aus Eigenem zu der Darstellung des Grafen Witte hinzufügt, wieder einmal zum stärksten Aus­druck. Namentlich der erste bezügliche Artikel (über den zweiten liegen erst kurze telegraphische Berichte vor) wirrt die Mitteilungen des Grafen Witte und die Kommntare des Blattes so durcheinander, und zwar offenbar absichtlich und wohlüberlegt, daß dre Sache einen ganz anderen Anschein gewinnt. Vielleicht haben einige' Andeutungen aus dem Munde des früheren Ministerpräsidenten dem Blatte doch die Möglichkeit zu seinen krassen Hinzufügungen geboten, vielleicht auch kommen diese Zusätze ausschließlich auf die Rechnung der „Nowoje Wremja". Genaueres darüber laßt Nw rm Augenblick nicht feststellen. Manches freilich, was m der „Nowoje Wremja" noch zu lesen war, kann u n - möalich aus das Konto des Grafen Witte gesetzt wer­den.' So legt das Blatt u. a. die Mitteilungen Wittes dahin aus, daß eine der Grundbedingungen für oa^>

Der Briefträger.

Von Betty Weber (Luxemburg).

Zu meinen besten Freunden gehörte immer -nein Brief­träger. Ich bin überzeugt: Wer sich mit seinem Brieprager nicht zu stellen weiß, hat einen 'schlechten Charakter.

Wenn die Briefträger noch keinen Schutzheiligen W s,

so emflfchle ich ihnen den Erzengel Gabriel. Er brachte dre folgenschwevste Botschaft, die die Geschichte kennt, me Pol­schaft, von der eine neue Weltordnung begann, die ganze Christenheit ruht aus seinen Schultern.

Allerdings besteht ein Unterschied zwischen dem Erzengel Gabriel und einem schlichten Briefträger. Dieser hat z. B. keine Flügel, und das ist schade. Wenn den Briefträgern einmal Flügel wachsen, wird ihre Arbeit zum Genuß werden. Eier brauchen sie ja deshalb noch nicht zu legen.

Ich denke mit Rührung an den ersten Briefträger, der in meinen Kindererinnerungen herumgeht. Er hatte emen blauen Kittel an, einen schweren Krückstock mit Eisewpltze und einer Pfeife im Griff, und große Plattfüße. Wenn er bei uns durchging, war sein Brieffack noch dick «esMwllen und schwer. Abends war der Sack leer und leicht. Anders zuweilen der Briefträger. Besonders, wenn aus den Dörfern seines Bestellganges Kirmes war.

Er schloß würdevoll den Briefkasten auf, der an der Frontmauer der Schule hing, nahm die Briefschaften heraus, die zufällig drin waren — meist war ja der Kasten leer — und drückte ein kleines Stempelchen, das inwendig am Deckel befestigt war, auf. seinen Kontrollbogen. Eine hohe Gunst

beabsichtigte Bündnis die Rückgabe Elsaß- Lothringens an Frankreich hätte sein müssen, wofür wir durch die Einverleibung der deutschen Pro­vinzen Österreichs zu entschädigen gewesen wären. Wenn Graf Witte derartig absurde Vorschläge zu machen sich erlaubt hatte, würde man ihn in Berlin selbstverständ­lich gar nicht erst angehört haben. Es ist aber auch an sich ganz undenkbar, daß Graf Witte diesen Un­sinn nicht etwa ausgesprochen, sondern auch nur im verschwiegenen Busen erwogen haben könnte. Dazu ist er viel zu klug und zu einsichtig. Die von uns gleich bei der Wiedergabe der ersten Drahtnachricht über die Veröffentlichung ausgesprochene Vermutung, daß die „Nowoje Wremja" mit den merkwürdigen Enthüllungen einen Keil zwischen uns und Österreich- Ungarn treiben möchte, bekommt durch die an Wahnsinn grenzenden Kommentare, von denen wir hier eine kleine Probe gegeben haben, immerhin' eine nicht ganz phantastische Grundlage, aber ob so oder so, Graf Witte selbst hat jedenfalls zu einem Vertreter jenes Blattes von seinen Vorschlägen gesprochen, die ein Bündnis der genannten drei Mächte zum Ziele haben sollten.

Wir wollen uns nicht beim Nachweise der äußerst triftigen Gründe aushalten, aus denen der Wittesche Gedanke fehlschIagen mußte. Für den Augenblick ist es wichtiger, zu fragen, weshalb der russische Staats­mann diese Darstellung in die Welt gehen läßt. Zweierlei ist vorstellbar: er kann seinem Lande einen Dienst erweisen wollen, indem er bei uns die Ansicht erweckt, daß innerhalb der russischen „Gesellschaft" doch immer noch Tendenzen am Werke sind, die nicht bloß ans ein gutes Verhältnis zu uns, sondern auf eine end­gültige Beseitigung der europäischen Kriegsgefahr ab­zielen, wie sie hauptsächlich durch die andauernde deutsch­französische Spannung immer wieder wachgehalten wird. Es kann aber auch sein, daß Graf Witte für sich selber arbeitet, indem er den gegenwärtig an der Macht befindlichen Männern das Rezept verdirbt und die öffentliche Meinung im Rußland schärf daraus hin­weist, daß es noch anders Möglichkeiten als einen Krieg mit den Zentralmächten gibt, um dem Zarenreiche die angeblich fehlende. größere Bewegungsfreiheit zu ver­schaffen. Daß die Diversion des Grafen Witte von G o r e m y k i n und Ssasonow als St ö r u n g ihrer Kreise empfunden wird, dafür spricht im übrigen die neueste offiziöse Kundgebung der russischen Regie­rung, die, wie mitgeteilt, in mehreren Petersburger Blättern erklären läßt, daß die auswärtige Politik des Reichs nach wie vor auf dem Bündnis mit Frankreich und auf dem Einvernehmen mit England beruhe. Da­mit wird man namentlich in Paris zufrieden sem kön­nen. Man wird sich dort allerdings überhaupt nicht be­ruhigt gefühlt haben. Was auch immer die .Absichten des Grafen Witte sein mögen, so passen seine Ent­hüllungen zu der wirklichen SachIage rn Europa so wenig, daß sie, rein für sich betrachtet und ohne Rück­sichtnahme auf persönliche Bestrebungen, eure historisch vollkommen abgeschlossene Episode schildern, von der zu den heutigen Verhältnissen kein noch so beschei­dener Brückenrest, geschweige denn eine tragfahrge Bahn hinüberführt. __

war es, wenn wir uns den Stempel aus den Daumen drücken durften, und wer solche Gunst erfahren hatte, gab beim etwaigen Händewaschen sorgfältig »cm, daß er diese Spur staatlicher Fürsorge und Allmacht nicht vorzeitig verwischte.

Einmal hatte der alte Briefträger mir ein Bilderbuch versprochen. Er vergaß es. Ich erinnerte ihn von Zeit zu Zeit daran. Er fuhr sich dann immer rn komlichem Erschrecken hinter die Ohren und sagte: Ein andermal.

Er ist gestorlben, ohne sein Versprechen gehalten zu haben, aber nie war mir ein Bilderbuch >o lieb, wie dieses, das ich nie bekommen hatte.

So ist ja die Hoffnung auch ijstP,sr schöner, als die Er­füllung. Der Briefträger ist schueWch das Sinnbild der Hoffnung. Der Geldbriesträger aber ist die Sehnsucht.

Später, als ich anfing, heimliche Briefe botl einem heim­lichen Schatz zu bekommen, war mit der Briefträger ein treuer Herzensvertrauter und Vostillorz d'amour. Er hütete die Briefe her und hin eifersüchtig vor den Augen aller Unberufenen.

Sind Sie nie durch dämmerdunklen Wald einem Brief­träger entgegengegangen, der vielleicht einen heimlichen Liebesbrief für Sie im Sack hatte. Dann können Sie nicht wissen, mit welcher Rührung ich an meinen alten Bricsträger denke. .

Der umgekehrte Briefträger heißt Letterbox. Die Letter­box, das Brieffach, ist sozusagen auch ein passiver Briefträger. Aber sie ist ohne Poesie, denn sie geht nicht durch den Wald, sie kann niemals einen blauen Kittel haben, niemals einen Krückstock mit Pfeife im Griff, niemals Plattfüße und nie­mals heimliche Liebesbriefe tm Sack.

politische Übersicht.

Zur Lage öer Gffizieraltpensionäre

wird uns weiter geschrieben:

Der Klageruf „des sehleirden Dankes des Vater­landes" für die alten pensionierten Offiziere — die Altpensionäre — hat die Aufmerksamkeit und die Teil­nahme in einem jedem erweckt, der die Verhältnisse ge­nauer kennt und sich an der Hand der komplizierten Ge­setze ein selbständiges Urteil zu bilden vermag. Hier­zu gehört zunächst die Kenntnis des Militär-Pensions­gesetzes vom 27. Juni 1871, welches noch heute trotz aller scheinbarer Verbesserungen die Grundlage für die Pensionssätze der Altpensionäre insofern bildet, als das pensions säht ge Diensteinkommen der damaligen Zeit noch heute bei diesen unv e r- ändert beibehalten worden ist. An einem Beispiel wird dies am klarsten werden, indem wir, aus der Mitte heraus, einen Hauptmann 1. Klasse mit 25 Dienst­jahren nehmen. Dieser erhielt, angenommen 1881 verabschiedet, bei einem pensionsfähigen Dienstein­kommen von — noch heute bestehend — 5030 M. bei lOjähriger Dienstzeit = 2 “/ s „, bei 25jähriger Dienstzeit = 3ö/ sn _ 2201 M., welchen Betrag alle die beziehen, welche nicht an einem Kriege teilgenommen haben. (Bei Bedürftigkeit kann dieser Betrag aus 2400 M. erhöht werden. 8 7 Gesetz v. 31. Mai 1906.) Die Kriegs- Invaliden dagegen bezogen unter denselben Vor­aussetzungen, erst seit dem Fahre 1894 eine Aufbesse­rung durch s y' m — 2515 M. Erst durch Gesetz vom 31. Mai 1906 erhielten sämtliche Kriegsteilnehmer die Vergünstigung von S5 / eo , vorliegend eine Pension von 2937 M., indes heute ein Offizier ohne Krieg (mit einem erhöhten pensionsfähigen Diensteinkommen von 5627 M.) eine Pension von jährlich 3285 M. bezieht, mithin mehr als der Kriegs-Altpensionär 348 M. jährlich, und 1084 M. jährlich mehr als der Pensionär ohne Krieg (mit 6030 M. pensionsfähigem Dienst- einkommen).

Hierzu kam nun 1906 noch eine Härte ohne­gleichen: Der Abgeordnete Erzberger setzte es durch, daß die VerstümrneIungsznIage von 1080 M. ans 900 M. herabgesetzt wurde und so geschah es, daß bereits seit 1901 bestehende, auf Lebenszeit bewilligte derartige Zulagen am 31. Mai 1906 um 180 M. gekürzt wurden. ^ „ r ,

Hierdurch also wurde der bewilligte Mehrbetrag an Pension von 422 M. auf 242 M. wieder herabgesetzt. Dieses nur nebenbei, um zu beweisen, wie bestehende gesetzliche Zulagen auch wieder genommen werden kön­nen. Die Gerechtigkeit mutz verlangen, daß das pen­sionsfähige Diensteinkommen als Grundlage der Pen­sion für die Altpensionäre mit dem Gesetz vom 31. Mm 1906 gleichgestellt wird.

Ein alter Offizier mit genPier Gesetzeskenntnis.

Russisch-Rumänisches.

O Berlin, 25. März.

Über vermeintliche ungewöhnliche Freundschafts- reise Rußlands an Rumänien gehen seit einigen oen Nachrichten um, die nicht übersehen werden

Nus Kunst und Leben.

* Das Schülerthcater bes Zaren. Aus Petersburg wibd berichtet: Bereits in den nächsten Monaten wird in der russischen Hauptstadt mit dem Bau eines neuen kaiserlichen Theaters begonnen, das ausschließlich der russischen Jugend dienen wird und nur Schülervorstellungen veranstaltet. Der Vorkämpfer dieses schönen Planes war General Wojeikoff, der Generaladjutant des Zaren, dessen Vorschläge und An- regungen vom Kaiser mit Eifer ausgenommen und unterstützt werden. Der Hauptgrund für das Entstehen des neuen Theaters ist die Tatsache, daß die kaiserlichen Bühnen nur sehr selten imstande sind, Vorstellungen für die Schuljugend zu veranstalten. Der Zar aber will, daß seine Bühnen der künstlerischen Erziehung der Jugend zugute kommen, und hat angeordnet, daß der Neubau des kaiserlichen Schülertheaters mit aller Beschleunigung durchgeführt werde. Bereits in zwei Jahren wird das neue Haus seine Pforten öffnen und Peters­burg damit die erste Stadt sein, die ein großes, nur der Jugend bestimmtes Theater besitzt.

* Ein Denkmal bes englisch-amerikanischen Friedens. Zur Erinnerung an die hundertjährige Dauer des Friedens, der zwischen Großbritannien und den Bereinigten . stauten besteht, haben eine Anzahl englischer Damen amerikanischer Geburt beschlossen, ein Denkmal in Washington zu errichten. Das eigenartige Monument, das auf dem Kapitol in WaHmg- tan seine Ausstellung finden soll, wird eine Statue William Pitts sein. Die Kommission, an deren Spitze Lady Paget steht, hat die Ausführung des Bildwerkes dem Bildhauer F. Denwent Wood übertragen, nachdem sein Entwurf den meisten Beifall gefunden hatte.