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Verlag Langgaffe 31

„Tagblatt-HauS".

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„Tagblatt- Haus" Nr. 6650-5».

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Montag, 23. März 1914 ,

flbcnö • Kusgabe.

Nr. 138. » 62. Jahrgang.

Oie Reife öe§ Uaisers.

Kaiser Wilhelm hat gestern abend seine Reise nach e Korfu, die ihn über Wien und Venedig führt, ange- reten, ohne daß die Statthalterfrage vorher bnt;chieden worden ist. Noch dieser Tage war mit auf­fallender Entschiedenheit behauptet worden, daß die Er­kennung des preußischen Ministers des Innern von i Dallwitz zum Statthalter von Elsaß-Lothringen ebenso ivie dessen Ersetzung durch den Oberpräsidenten von Windheim beschlossene Sache sei, und daß die Bekannt­gabe bei dem Berliner Besuch des derzeitigen Statt- Mlters erfolgen werde. Aber Gras Wedel ist nach ^-traßburg zurückgekehrt, Kaiser Wilhelm ist von Ber- abgereist und die Statthaltersrage ist noch nicht gelöst; vielmehr wird offiziös verkündet, daß die Ent­scheidung über die Nachfolge des Grafen Wedel nicht Unmittelbar bevorstehe.

Die dazu von einer sich offiziös gebärdenden Seite gegebene Erläuterung, daß der S t a t t h a l t e r, «essen früheres Abschiedsgesuch durch die vorläufige Weiterführung der Geschäfte erledigt worden sei, erst i Noch ein neues Gesuch einreichen müsse, ist natür- uch n i ch t e r n st zu nehmen, denn Graf Wedel hat sich mehrere Tage in Berlin aufgehalten, und es char dabei zur Einreichung und zur Genehmigung eines Demissionsgesuches mehr als hinreichend Zeit. Man wird sich sogar aus dem Fall des Ministers M o l t k e entsinnen, daß ein Entlassungsgesuch viele ; Monate nach der Einreichung, und nachdem es schon vergessen war, urplötzlich genehmigt werden kann. So bleibt nur die Annahme, daß die Kandidatur des Ministers v. Dallwitz, die tatsächlich vom Reichskanzler dorgeschlagen war, im letzten Augenblick aus S ch w i e- ri gleiten oder Bedenken gestoßen ist, mögen die Bedenken nun in der scharf ausgeprägten politischen s Richtung des Ministers oder die Schwierigkeiten in der Neubesetzung des Ministeriums des Innern liegen. Jedenfalls wird, wie wir hören, die Entscheidung über die Besetzung des Statthalterpostens, wobei auch der Name Rheinbaben wieder neben dem des Herrn > d. MKwitz genannt wird, erst in Korfu erfolgen. Der L Kaiser hat Herrn v. BethmannMollw einge- laden, die Osterferien als fern Gast auf Schloß Ach i lbe i o n zu verleben, und der Kanzler wird A rr- sang April dorthin abreisen, nicht nur zu Er- !l dolungszwecken, sondern auch, um dem Kaiser Vor-- ^ r a st zu halten, wobei aller Voraussicht nach me Ent- scheidung über die Statthalterfrage erfolgen wird.

Im übrigen kamt der Umstand, daß der deutsche Kaiser die Fahrt nach den: Süden, die im vergange­nen Jahre infolge der Balkan wirren an. fallen Mußte", nunmehr angetreten hat, doch als ein stmercs .. Kennzeichen einer weltpolitischen ..Ents P a n- Nnng begrüßt werden. Es ist selbstverständlich, daß der Monarch sich nicht auf längere Zeih von Deutsch­land entfernen würde, wenn die jüngsten Alarm- rufe über eine angeblich unvermeidliche „deurfai-

Feuilleton.

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Restdrnz-Tkeaker.

Samstag, den 21. März: „Der blinde Passagicr". Lustspiel in 3 Akten von Oskar Blumenthal und «su-i st a d e l b u r g. Regie: Dr. Herm. Rau ch. .

Der Vergnügungsdampfer „Viktoria Luise »egt Hamburger Hafen bereit zur Abfahrt nach dem Rordkap- -a Passagiere werden eingeschifft und mit Musik und .yu feierlich empfangen. Die Schiffssirene heult, Ankerketten raffeln, die Maschine stampft, und während die Restenoe noch aufgeregt durcheinander gurrlen, setzt sich das Schul un­ter'den Klängen eines fröhlichen Marsches bedächtig rn Be­wegung. Die steilgiebeligen, altertümlichen Häuserfronten, welche die Hasenstratze säumen, gleiten langsam vorüber, uns sie idyllischen Ufer von Blankenese tauchen auf. Dann wrro Nus der Fernblick verschlossen und das lustige Spiel kann be­sinnen. ■

Die beiden Schwankdioskuren hatten diesmal eine wrri- lich nette Idee. Die Stimmung des Hauses wird bei dem Leben und Treiben an Deck sehr angeregt, weil sich jeder nnt Vergnügen ähnlicher Szenen erinnert, und da diese tatsäch­lich ganz echt gezeichnet sind und die Verfasser einen wirklichen Eiteren Lebensausschnitt auf die Bühne gebracht haben, kann sich auch der Anspruchsvollere ohne späteren Ärger unbedem- sich von dem allgemeinen Frohsinn anstecken lassen. Die Musterkarte der Passagiere ist sehr ergötzlich zusammengestellt. Typische Erscheinungen treten auf, wie die unentwegten Dauerskatspieler, das maritime Reisegigerl und vor allem das ^eise-Ekel, eine Art Ungeziefer, dessen Betätigungsdrang keine Grenzen kennt. Ängstliche Reisende fragt es, ob sie 'M Testament schon gemacht hätten, denn man könnte nie wissen, Und es seien schon ganz andere Schiffe gesunken. Abseits '»sende Pärchen, durch aufdringliches Geschwätz zur Berzweif- treiben, hält das Reife-Ekel für seine eigenste den Begeisterten sucht es ihre Freude auszureden

russische Abrechnung" begründet wären, wenn die deutsche Diplomatie nicht überzeugt wäre, daß irgend welche Verwickelungen auf internationalem Gebiet zur­zeit nicht in Sicht sind. So liegt die politische Bedeutung der Kaiserreise schon darin, daß sie st a t t f i n d e t. Aber nicht nur darin, sondern sie er­hält ihr Gepräge weiter durch den heute Montag­nachmittag erfolgenden Besuch beim Kaiser Franz Joseph in Schloß Schönbrunn, durch die am Mitt­woch in Venedig stattfindende Zusammenkunft mit dem König Viktor E m a n u e I, der auch der im Kabi­nett Salandra gebliebene Minister des Auswärtigen Marquis di San Giuliano beiwohnen wird, und endlich durch die am Freitag erfolgende Visite beini Erzherzog Franz Ferdinand auf Schloß Miramar.

Es wird bei _ allen diesen Besuchen an Gesprächs­stoff, an politisch bedeutsamem Gesprächsstoff nicht fehlen. Durch die gewaltigen Verschiebungen und Um­wälzungen auf dem Balkan sind der Diplomatie des Dreibundes neue, schwere Aufgaben erwachsen. Vor allem die, dafür zu sorgen, daß der Einfluß des Drei­bundes auf dem Balkan nicht durch den wieder sehr rührigen Zweibund znrückgedrängt werde. In der albanischen Frage hat die österreichisch-italienische Poli­tik einen Erfolg errungen; zurzeit aber geht der diplo­matische Kampf hinter den Kulissen darum, ob Rumänien und die Türkei in Zukunft auf der Kredit- oder der Debet feite das Dreibundes ver­zeichnet werden sollen, während zugleich Bulga­riens Stellung noch ungewiß ist. Jedenfalls kann die Tatsache festgestellt werden, daß durch die Lösung des albanischen Problems nichi nur die Beziehungen zwi­schen der Donaumonarchie und Italien enger geknüpft worden sind, sondern daß der Dreibund überhaupt die Belastungsprobe der Balkankrisis besser bestan­den hat als der Dreiverband, bei dem mancherlei Disfe- renzerc Nicht'nur zwischen England und dem Zweibund, sondern auch innerhalb des Zweibundes zu verzeichnen waren.

Der mehr denn je gesicherte Bestand des Dreibundes, der auch in. den Besuchen Kaiser Wilhelms bei den bei­den befreundeten Monarchen zum Ausdruck kommt, be­deutet eine Garantie des Friedens, der gegenüber uns alle Alarmgerüchts und auch etwaige pansläwistisch. französische Treibereien nicht zu schrecken brauchen, schon weil das Zarenreich durch die innere Gärung geschwächt, Frankreich durch schwere Affären (Caillcmr, Monis, Rochette-Skandal) in Anspruch genommen ist, und im Britenreichs durch den ernsten Homerule- und Ulster­konflikt der Wille zum Frieden verstärkt wird, der in den jüngsten Reden Greys und Churchills zu deutlichem Ausdruck gelangt ist. So steht die Mittelmeerfahrt des deutschen Kaisers, wie sie dem Frieden dient, im Zeichen des Friedens. * . _

Die Abreise des Kaisers aus Berlin.

* Berlin, 23. März. Der Kaiser hat gestern abend seine Reise nach Wien, Venedig und Korfu vom Bahnhof

und im Angesicht der nordischen Raturschonherten spricht es born Essen, wer kennt Pas Reise-Ekel nichts Gut pointierte Bonmots, leichte Fracht, geben der vergnügten Stimmung immer wieder neue Nahrung. Auch eme bescheidene Art von Handlung trägt zur Unterhaltung bei, die sich aber weiter nicht breit macht; doch geschieht genug; ein rn Scheidung be­griffenes Pärchen schwört sich Liebe und Treue rn verbesserter, von allen — Fehltritten befreiter Auflage, em anderes, das die Reise als kleines, erotisches Abenteuer auffaßte (wenig­stens er) wird von Akt zu. Akt legitimer und steuert schließlich in geradlinigem Kurs auf Standesamt und Kirche zu, ein drittes Pärchen demonstriert die Liebe auf den ersten Blick. Wer es geschieht noch viel mehr, was lldoch vorenthalten sei, um den blinden Passagier, Gott Amor, mcht zu erbosen, wenn wir alle seine Schliche und Ränke verraten.

Das neu einstudierte Stück wurde unter Dr. Rauchs Leitung von dem auf Kriegsstärke gebrachten Personal (alle Mann waren an Bord) flott und munter gegeben. Die Szenen auf dem Schiff gelangen ausgezerchnet, Sensible be­haupteten, Seeluft zu riechen. Alle Mrtwrrkenden waren mit Elan bei der Sache, und der blinde Passagier konnte eine sehr vergnügte Auferstehung feiern. a.

Konzert.

Im gestrigen 6. Si nfoniekonz er t des Königl. Theater-OrchesterS gelangte G. Verdis „R e q u i e m" zur Ausführung. Das Werk ist hier schon wiederholt — zu­letzt 1900 und 1907 — durch den „Cäcrlien-Verein" zu Gehör gebracht worden. Mitglieder dieses Vereins bildeten auch gestern die Kerntruppen der Ausführenden; Mitglieder des „Wiesbadener Männergesang-Bereins ^ und des „Königl. Theaterchors" und sonstige Gesangsbeflissene, die gern dem Rufe des altbewährten Führers, Herrn Prof. Franz Mann- st a e d t, gefolgt waren, vervollständigten . den stattlichen Singechor, welcher der Aufgabe mit frühlingsfrischer Ent­schlossenheit und Freudigkeit gegenübertrat und durch Sicher-

Friedrichstraße aus angetreten. Bor dem Bahnhof hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Auch der Fern­bahnsteig und der gegenüberliegende Bahnsteig der Stadt­bahn waren dicht mit Menschen besetzt. Vor Uhr fuhr "der Kaiser vor dem Bahnhof vor und begab sich in das Fürsten- zimmer. Hier hatten sich zur Verabschiedung eingefunden: der Kronprinz und die Kronprinzessin, Prinz Eitel Friedrich, Prinz und Prinzessin August Wilhelm, Prinz Oskar, der Stadtkommandant von Berlin, General v. Bonin, Oberstall­meister Frhr. v. Esebeck, General v. Chelius, der Gouverneur von Berlin, General v. Kessel, und der Reichskanzler von Betbmann-Hollweg. Fünf Minuten vor &y 2 Uhr fuhr der aus acht Wagen bestehende Hofzug vor. Unterdessen war der Bahnsteig durch ein Polizeiaufgebot äbgesperrt. Das Ge­folge des. Kaisers bestieg den Zug. Gleich darauf bestieg der Kaiser den Bahnsteig und schritt zwischen der Kronprinzessin und der Prinzessin August Wilhelm seinem Salonwagen zu. Der Kaiser umarmte und küßte beim Abschied die Prin­zessinnen, schüttelte den Prinzen die Hand und bestieg den Zug. An dem Fenster der Wagentür blieb er stehen und unterhielt sich mit seinen Söhnen und deren Gemahlinnen, bis der Zug sich in Bewegung setzte.

Österreichische Begrüßungsartikel, wb. Wien, 22. März. Die Blätter widmen dem deutschen Kaiser herzliche Begrüßungsartikel, in denen sie den Monarchen als Freund des Kaisers, als treuen Verbündeten und Schirmer des Friedens willkommen heißen. Das „Fremd enblatt" schreibt: „Es ist ein Freund, der am nächsten Montag zum Freunde kommt. Mit aufrichtiger Herzlichkeit und echter Sympathie begrüßt die ganze Öffent­lichkeit den illustren Gast, der, nicht dem Zwange höfischer Etikette folgend, sondern, geleitet von der Freundschaft, seinem verehrten Bundesgenossen diesen Besuch abstattet." Das Blatt gedenkt auch der bevorstehenden Zusammenkunft des deut­schen Kaisers mit dem Erzherzog Franz Ferdinand und sagt: „Wieder erkennen die Völker mit Genugtuung, welch innige Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung den deutschen Kaiser und den österreichischen Thronfolger verbinden. Das ist eine weitere Bürgschaft für die Festigkeit der Allianz und für das herzliche Verhältnis der Herrscher­häuser, Staaten und Völker." Das Blatt schließt: „Ein frohes und aufrichtiges Willkommen ruft Wien dem erlauchten Gaste zu. In der ganzen Monarchie weckt dieser verehrungsdolle, aus treuem Herzen dringende Gruß lebhaften Widerhall. Der Träger der deutschen Kaiserkrone mag^ überzeugt sein, daß die Gefühle, die in Österreich-Ungarn für ihn herrschen, un­verändert geblieben sind."

Die Ulster-Rebellion-

Audienzen und Ministerbesprcchungeu. vb. London, 22. März. Der König befahl gestern abend den Feldmarschall French zu einer Audienz. Feldmarschall Roberts wurde nachmittags vom König in Audienz empfangen und später in das Kriegs- ministerium berufen, wo er mit dem Feldmarschall French eine Unterredung hatte. — Warineminister Churchill hatte heute zwei Besprechungen mit A s q u i t h. Auch der Chefsekretär für Irland, Birrell,

heit und musikalische Exaktheit allgemein befriedigte. Die klanglichen Wirkungen waren so günstig, wie sie bei der — ungünstigen Akustik des Theaterpodiums nur irgend sein konnten. Verdis Musik ist bei ihrer melodiösen Art verhält­nismäßig leicht ausführbar: an die Ausdehnung der Stimmen, die Treffsicherheit und die Kunst der Einsätze werden nur echt gesangliche Forderungen gestellt; um so höher sind hier die Ansprüche an die Klarheit des Stimmengewebes, an die Schönheit und Reinheit des Tones und an den musikalischen Ausdruck, der mit südländischer Lebendigkeit empfunden sein will. Auch nach dieser Richtung zeigte sich der Chor nicht übel diszipliniert und folgte den Andeutungen des Dirigenten in allen Nuancierungen und Akzentuierungen mit williger Hin­gabe. So durfte man sich der vielfachen Schönheiten des Werkes recht wohl erfreuen, zumal auch die Solisten Befrie­digendes boten, — ganz abgesehen von der künstlerischen Ge­diegenheit und Akkuratesse, welche uns in der instrumentalen Wiedergabe seitens der Königl. Kapelle entgegentrat.

Daß wir von Verdis „Requiem" keine so weihevoll kirch­lichen Eindrücke wie etwa vom Brahmsschen Requiem zu er­warten haben, ist bekannt. Aber trotz des leichter wiegenden kontrapunktischen Aufbaus und Empfindungsgehalts bewahrt Verdis Musik dem gewaltigen Stoff gegenüber eine durchaus würdige und dabei eigenartige —- eben ganz in der romani­schen Gefühlswelt wurzelnde — Haltung. Die dramatische Bewegung ist vorherrschend; warme sinnliche Melodik und weich schwelgerische Harmonik wenden sich nicht vergebens an die Empfänglichkeit des Hörers. Die religiöse Stimmung unterhält nahe Beziehungen zu der von farbenfreudigem Glanz und Schimmer getragenen kirchlichen Mystik Italiens, und da — liegt ja auch ein Anflug von Theatralik nicht all­zufern.

Aus den Einzelnummern hoben sich gestern als besonders eindrucksreich hervor: das in schöner chorischer SteigeruM aufgebaute, zuerst vom Soloquartett gebrachte „Kyrie"; bal „Dies Irae" — ein Tongemälde von anschaulicher Prägnanz