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Verlag Langgasse 21

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Zonntag» 22. März 1914.

Morgen'Ausgabe.

Nr. 137« » 62. Jahrgang.

Vre sranzSsifche Nrisis.

Von Dr. Joseph Bayer.

. Frau Henriette Caillaux, geborene Raynouard, ge- iMedene ClarÄie, sitzt, von ihren eigenen Rokoko- Döbeln umgeben, in der Zelle der Louise Michel und '£ r Madame Steinheil und wartet auf ihre Frei­sprechung: Gaston Calmette, dessen hitzige Feder sie zu • Wflcrer Rachetat getrieben, ruht in der kühlen Erde; ipr Gatte ist über Nacht vom Oberseldherrn der Politi­ken Kämpfe zum Minister a. D. geworden; sein »College Monis ist ihm vorläufig nachgefolgt und nun ^stt in dem I n t r i g e n - D r a m a, das sich, mit kine- ^atographischer Geschwindigkeit abgespielt, eine kleine ( j Q ufe ein. Alle Faktoren des politischen Kampfes, Minister und Miuisterstürzer, Machthaber und gesetz- bsbende Körperschaften sind für den Augenblick ausge- l^Qltet und die Entscheidung über die künftigen Ge­schicke des Landes liegt nicht in ihrer Hand. Die Ent­scheidung soll in wenigen Tagen fallen und die Span­nung ist ungeheuer. Alle Erwartung konzentriert sich \ nuf die Arbeit des großen Untersuchungsausschusses, “ e r nun über Gerechte und Ungerechte zu Gericht sitzen Und mit moralischer Macht dem Lande zur Klarheit und Wahrheit helfen soll.

So hat es Jean I a u r d s verkündet, der als der Ersitzende dieses Ausschusses in kritischer Stunde zur Mntralfigur des französischen Staatslebens geworden '' ist. Und selbst, wenn die richterlichen Befugnisse, die ^ nun für die Kommission verlangt, ihm vom Senat verweigert werden, so wird der Spruch, zu dem er ge­langt, für die öffentliche Meinung entscheidend sein. Don ihm wird es abhängen, ob das radikale Di i n i st e r i u m, in dessen Schoße Caillaux und i Dicmis tätig waren, am Ruder bleibt, von ihm wird es abhängen, ob die Partei des Fortschrittes, der demo­kratischen, freiheitlichen und friedlichen Entwicklung, aber ob die koalierten Mächte der Reaktion, die Militaristen und Nationalisten, die Klerikalen und Chauvinisten die Wahl des nächsten Monats machen •» und damit die Geschicke Frankreichs während der näch­sten vier Jahre beherrschen. Von ihm ward es abhan­den, ob Madame Caillaux oder ihr Opfer schUeßlich recht behält, ob der Finanzminister der vorige Woche aus dem politischen Leben verschwändet oder über kurz V; . ober lang als Ministerpräsident zuruckkeyrl.

Gewiß als Mitstreiterin in einem so großen Kampf 1; m die politische Macht hat sich Frau Eorllaux mcht ge­kühlt. Ihre Tat war ein Akt der personlrchen Rache. Die 39-äbriae Frau mag dem Mann, um dessen wmen sie einen anderen verlassen., in, herzlicher^,Leidenschaft

''Uqetarr sein oder nicht. Jedenfalls war sie an- seiner Beste glückstch. sie zeigte sich mit Stolz an der Sest bes von den Frauen Vielbegehrten, sie nahm tnl an Mnen glänzenden Verhältnissen, sie sonnte sich m seinem Ausstieg und sie fühlte nichr als leder andere dre Dolch Ache mit. die Calmettes brutale Polemik sert Mon- len fort und fort gegen ihren Gatten geführt. CaM ... ist ein Mann, der sich beherrschen kann, er begnüg

sich mit einigen Dementis und zeigte nach außen Ruhe, Würde und Verachtung. In seinen vier Wanden mag er die Leidenschaft, den Haß, der ihn zu vernichten strebte, mit Ausbrüchen gleichen Hasses erwidert haben. Der Gemütszustand, in den die Frau geraten sein mag, läßt sich denken. Aber erst als der, Gegner ganz über die Grenze des Erlaubten hinausgmg und ein ganz intimes Schreibe n, das, in der Zeit vor ihrer jetzigen Ehe, an sie selber gerichtet war, rm Faksimile veröffentlichte, verlor sie ganz und gar , me Nerven. Sie handelte als Frau und als Französin. Was kümnierte sie die Einkommensteuer?

Und doch ist, das darf nicht übersehen werden, Caillaux' entschiedenes und entschlossenes Eintreten, für die Einkommensteuer unb für die Erstreckung dieser Steuer auf die französische Staatsrente Quell und Ur- spruilg der giftigen Kampagne gewesen, die der den Einflüsterungen der Großfinanz so zugängliche „Figaro" gegen ihn in Szene gesetzt hatte. Mit großem Geschick hatte er es verstanden, durch eine, Verständi­gung mit den Parteien der Linken die Reaktion um die schönste W a h l p a r o I e, die sie hätte brauchen können, zu bringen. Von Caillaux beraten, fanden Radikale und Sozialisten mit den Fragen der Wahlreform und der dreijährigen Dienstzeit sich vorläufig ab und die Forderung der direkten und gleichmäßigen Besteuerung zur Bestreitung der ungeheuren Kosten für die Heeresvermehrung und den Marokko- Feldzug trat in den Vordergrund. Von dem Wider- stand, den diese gerechteste und uns heute so natür­liche dünkende Form der Besteuerung mit dem „De­klarationszwang" in den besitzenden Klassen Frankreichs findet, vermögen wir uns kaum eine Vor­stellung zu machen. Es ist diese Auflehnung gegen jeden staatlichen Eingriff in die Geheimnisse des ge­liebten Sparstrumpfes eine Eigentümlichkeit des fran­zösischen Nationalcharakters. In Deutsch l a n d wie in England gehören diese Steuern M den s e st e st e n Stützen der Staatsfinanzen, in den Vereinigten Staaten haben sie sich soeben erst glatt und mit, über- raschendem Erfolge eingeführt. Ülnter Earllau x Führung konnten die Radikalen hoffen, , bei den Wahlen dieses Prinzip zum Siege zu fuhren und damit die Hoffnungen der Reaktionäre vom verkappt- nationalistischen Flügel Briand-Barthon bis m die Reihen der Offen-Klerikalen und Royalisten hinein zu­nichte zu machen. D a h e r die Führerschaft des a r i st o- kratischen Boulevard-Blattes berdem Kampf gegen den Finanznnnister, daher die Eose Skandal-Kampagne Calmettes und ihre Unterstützung durch die Mitglieder des letzten Kabinetts. Daher die Wiederanfwärmung der Rochette-Affare trt der Kam­mer durch Delahaye und der große "Eoup oe^ frühe­ren Ministerpräsidenten Barthon, der am letz>.en Mon- tag die Kammer in io ungeheure Auf g mg verletzte.

Von allen Sorgen und Problemen die das Land be­schäftigen, von der Anleihe, über die Barthou stürzte, von dem Finanzplan, den Caillaux dagegen aufstellte, von Programmen und PrinKM" I heute kern Mensch mehr. Der Vorwurf der Doppelzüng igkeit, den

Calmette noch in der letzten Veröffentlichung, die ihm das Leben kostete, gegen Caillaux erhoben hatte, ist ab­getan. Jetzt dreht sich alles um die Beantwortung der Frage, ob der Marineminister M o n i s m der Montag- Sitzung der Kammer gelogen oder ob der General­staatsanwalt Fabre in dem merkwürdigen Protokoll vom 31. März 1911, das Barthou in derselben Sitzung verlesen, sich „g e i r r t" hat. In diesem Protokoll, das Fabre zu seinem eigenen Gebrauch damals ange­fertigt, erklärt dieser, daß Monis ihn am 22. März habe zu sich kommen lassen und ihn ausgefordert habe, die Verhandlung des Prozesses gegen den Grundungs- schwindler Rochette bis zum Herbst zu vertagen, denn die Verhandlung könne dem Finanzminister Caillaux Un g eie g enh eiten schaffen m dem Augenblick, in dem er mit der Liquidation der Orden, der Affäre des Crüdit Foncier und anderen ähnlichen Dingen zu tun habe. N i e, sagt Fabre, habe er eine ähnliche Erniedrigung erlitten. Dieser Auslage aber steht strikt diejenige des Präsidenten des Appell­hofs, Bidault de l'Jsle, entgegen, der vor der früheren Rochettekommission bekundete, die Vertagung, des Rochette-Prozesses sei nicht infolge der Dazwrschen- kunft des Generalstaatsanwalts, sondern auf einen da­mals von der Verteidigung gestellten Antrag er- folgt. Monis hat bekanntlich glattweg verneint, daß er dem Staatsanwalt einen solchen Auftrag gegeben habe. Noch ein anderer Umstand spricht nicht sehr für die Beweiskraft des berühmten Protokolls: ^Brrand der damals Justizminister war, hatte das Schriftstück in einem eisernen Kassenschrank ausbewahrt und es bei seinem Rücktritt seinem Nachfolger Barthou übergeben. Dieser aber hat, als er das Ministerium verließ, das amtliche Schriftstück in seine Tasche gesteckt und mitgenommen und er trug kein Bedenken, sich selbst vor dem Parlament als Inspirator des Herrn Calmette in dieser Angelegenheit zu ent- larven.

So sehen die Gegner Caillaux' und der jetzigen radikalen Regierung aus, das sind die Waffen, mit denen die dem PräsidMeirPoincarS ergebenen natio­nalistischen Führer das Kabinett der demo­kratischen Reform aus dem Sattel zu heben suchen. Sie haben kein Gefühl dafür, wie sehr sie sich selbst durch die Aufdeckung ihrer unanständigen Machenschaften bloßstellen und rechnen nur darauf, daß die Untersuchung, die nun vor der großen Kommission beginnt, eine Anzahl Mitglieder des Kabinetts unheil­bar kompromittiere. Sie rechnen mit keiner Teilkrisis mehr, sondern mit dem Sturze der ganzen Regierung. Dann wollen sie noch vor den Wahlen sich der Gewalt bemächtigen und alle Dinge nach ihrem Wunsche lenken. Aber fie' können sich sehr verrechnen. Denn Anklägern, die mit so bedenklichen Mitteln arbeiten, steht, wre es die öffentliche'Meinung heute schon tut, auch jede rrch- terliche Kommission mit natürlichem Mißtrauen gegenüber rind sie fordert nun zu der Behauptung des Generalstaatsanwalts den noch ausstehenden Beweis. Wird er geliefert, so ist es noch immer fraglich, ob das Kabinett Doumergue daraus Konsequenzen für sich zu

Na-bdruck Verbote»

Die Banknote.

Van Luise Kach - Schicht.

Bei Bergrat Jenson gab cs Gesellschaftsabend. .,

Eine fröhliche Runde saß nach der auserlesenen Mai 8 den grohgezogenen Speisetisch, den eleltrgcyes Licht r ch

üch überflammte. . «i-istalt

„Es must eigentlich ganz mterchcmt in .^h-er „ln sein", ließ sich Major Elbner aus einem Geffprach her ■ >

er mit seinem Sitznachbarn führte, vernehmen. « a

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eines

schon öfter den Wunsch, bie Inneneinrichtung e

Hauses kennen zu lernen!" . .

, Das liehe sich ja machen", erwiderte der junge,

'Kisch- Sekundärarzt gefällig. „Wenn es Ihnen ernst m schrem Wunsche ist, Herr Major, können wir gleich ein-.

^ag bestimmen." -

„Und mich laden Sie nicht ein, Herr Doktor? Gott, v surchtibar interessant mutz es bei Ihnen sein!" rief JMgem, die achtzehnjährige, vergötterte Tochter des HauseS.

„Aber, liehe Genie", rügte die Bergrätin, „das sin- kerne Andrücke für junge Mädchen; nicht wahr, Herr Doktor?"

. „Warum nicht, gnädige Frau", sagte der Arzt mit einem keinen Lächeln, „warum nicht? Ich bin der Ansicht, daß man "och junge Mädchen aus guten Häusern das Leben kennen lftucn lassen soll, wie es ist, daß man seine Schattenseiten Otcht verschweigen und verhüllen darf. Die jungen Damen ^°Onen dann nie so grausam enttäuscht werden, als es der 8-c-ll ist, wenn sie unsere Erde, wie sie ein glückliches Eltern­haus vorzauberte, nur als Paradies betrachten."

„Da'hat der Herr Doktor nicht so unrecht", erwiderte ^r Bergrat, der sonst sehr schweigsam war und nur selten seine Meinung abgab.

„Bitte, bitte, Mama!" "bettelte Genie, indem sie ihre schlanken Hände ineinanderlegte. , . .

„Was bleibt mir anderes übrig wssn, wenn

alle gegen mich sind? Aber —

Tobsüchtige .

ist wirklich keine Gefahr, daß

„Seien Sie ganz außer Sorge, gnädigste ^^rau , be- igte sie der Irrenarzt. „Ich werde ore größte Vorsicht

Ml"

ruhigte sie der Irrenarzt, walten lassen." . . „

„Nun denn -— wenn cs euch Sp^o ma )

„Spatz, Mama?" sagte Genie vorwurfsvoll. „Wann

also, Herr Doktor?" ,

„Fräulein, Sie werden die Freundlichkeit haben, Genie

zu begleiten." ,. .

Die Bergrätin wendete sich an die bwtz um einige Jahre ältere Musiklehrerin ihrer Tochter, die nver die Ferienzeit ganz zu Gaste ins Haus geladen war, sich dafür aber um Genie zu bemühen hatte. ...

Die junge Lehrerin verneigte stw• *

„Sagen wir, Donnerstag um 3 "r-r, wenn es so paßt", schluig der Doktor vor. - „ .

„Gut!" entschied Genie. „Wo treffen wir uns?"

„Ich werde mir erlauben, die Damen mit unserem Wagen abzuholen." , „ t

„O, wie fein!" rief Genie voll Entzücken aus.

„Da schuüts den Schlankel an! entriisicte sich scheiubar Major. „Weil er jetzt schönen snnFen Da.nien die Anstalt zeigen kann, kommt er gleich mit dem Wagen und hat mich, den eigentlichen Schöpfer der Idee, natürnch ganz vergessen."

„O, durchaus nicht!" lachte der Sekundärarzt. „Ich wollte Sie eben bitten, sich um diclse Stunde gleichfalls bereit zu halten; wir werden vor Ihrem Haufe halten."

„Ein scharmanter Mann, der junge Sekundärarzt",-sagte der Major später zur Frau des Hauses, . als sie bei einer Tarockpartie beisammen saßen, dväörcnd die Jugend sich im Garten erging. „Das wäre eine Partie für Fräulein Genie!"

Der Major durste sich als langjähriger ^reund dev Hauses diese Bemerkung erlauben. .„ . ..

Ich denke noch gar nicht daran, lieber Ma;or! lachte dre Berorätin geschmeichelt; aber der freudige Blick, mit dem sie bald darauf das Paar willkommen hieß, das durch Re offene Tür trat, widersprach ihren Worten.

*

5Bunft 3 Uhr fuhr Doktor' Hans Breitensiein vor dem Hause der Bergratsfamilie vor. Er lenkte selbst das hübschst Gespann, das der Anstalt gehörte und den Ärzten zur Ver­fügung stand.

" Die jungen Damen waren fertig angekleidet und kamen in weißen Leinenkleidern, die leichten Mäntel über dem Arm, die Treppe herabgeschritten.

Mau setzte sich mit fröhlichen Worten zurecht, und der Wagen fuhr ab, von Mamas Warnungsrufen (begleitet.

“©te Bergrätin sah mit gerunzelter Stirn den fröhlich Enteilenden nach. Wie sie wieder reizend ausgesehen hatte, diese Julia! Um vieles schöner als ihre Tochter, sie mutzte es sich, wenn auch ungern, eingLstehen. Sie bedauerte, es nun, Genies Bitten nachgegeben und die Musiklehrcriu über den Sommer zu sich geladen zu haben. Wer — nun dauerte eS f-a nicht mehr lange, und sie würde sich später hüten, die schöne Julia ihren Abenden zuzuzichen. Und es würde doch keiner, trotz ihrer Schönheit, das arme Mädchen^ bevorzugen, da Genie doch ein ansehnliches Vermögen als einziges Kind milbllkam und dabei ein sehr hübsches, gebildetes Mäd­chen war.

■ Die Bergrätin griff beruhigt nach ihrer Zeitung.

Die drei aber, die ins sommergoldene Land hinaus­fuhren, das schwer von Duft u>nd Reise war, ahnten nichts von der Bergrätin schwarzen Gedanken. Oder doch? Der immer gutgelaunte Major war eingestiegen, aber Julia hatte nur ein zerstreutes Lächeln für seine Bomühungen, die Mäd-