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Samstage 2t, März 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 158. » 62. Jahrgang«

politische Übersicht.

Ropps Nachfolger.

Von besonderer Seite wird uns geschrieben:

Die Frage, wer der Nachfolger des verstorbenen Kar­dinals Kopp werden wird, wird bereits erörtert. Der erste Name, der genannt wurde, ist der des Bischofs Dr. Schulte in Paderborn, des Antipoden Kopps im Streit zwischen paritätischen Gewerkvereinen und rein katholischen Arbeiter­organisationen. Sein Hervortreten bei dieser Gelegenheit hat stark die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Aber in den für den jungen Paderborner Bischof bezeichnenden An­schauungen ist dies doch nur ein Nebenpunkt. Wichtiger ist folgendes. Bischof Dr. Schulte steht auf dem Boden des modernen Staates und der modernen Gesellschaft. Er will die Entwicklung nicht zurückschrauben, sondern der Kirche unter den Zeitverhältnissen ihren Einfluß sichern, ihre Wirkungsmöglichkeiten erhalten und er­weitern. Damit stößt er bei Integralen stark an; aber das schadet kaum. Hiernach wäre Dr. Schulte ein recht passender Kandidat; jedoch heißt es, daß er keine Aussicht habe. In der Tat sind schon seine verhältnismäßige Jugendlichkeit und die Kürze seiner bisherigen bischöflichen Tätigkeit Umstände, die es auffällig erscheinen lassen würden, wenn auf ihn die Wahl zum Fürstbischof von Breslau fiele. Die stärkste An­wartschaft hat vielmehr, wie man annimmt, Bischof Bertram in Hildesheim. Auch er ist bei der Regie­rung ausgezeichnet angeschrieben, dagegen bei den Streitigkeiten zwischen Gewerkvereinen und Fachab­teilungen sowie zwischen Kölnern und Integralen nicht'her- vorgetreten. Wenn noch andere Namen genannt werden, so ist dies ganz willkürlich. Die Zahl der in Betracht Kommen­den ist eben klein, weil der Kreis sich auf die deutschen Bischöfe beschränkt.

i wir und England.

Die deutsch-englischen Verhandlungen mögen verlaufen, wie sie wollen (vielleicht verlaufen sie gut), jedenfalls aber lassen die englischen Ministerreden nichts, auch nicht das Ge­ringste davon merken, daß die Gruppierung der Mächte und die Stellung Großbritanniens zu uns irgend­wie durch diese Verhandlungen beeinflußt werde. Auch die neueste Programmrede des Sir Edward Grey ist vom ersten bis zum letzten Wort auf die Tatsache eingestellt, daß es einen Dreibund und daneben einen Dreiverband gibt, zu dem England gehört und dem es bis heute unbedingt treu­bleiben wird. Wie sehr wir uns vor trügerischen Hoffnungen in dieser Hinsicht zu hüten haben, dafür sollte uns schon das Verhalten unserer Gegner in Ost und West bestimmend sein. Man hat bis heute noch keinen Ton des Zweifels an der englischen Zuverlässigkeit aus Paris oder Petersburg ver­nommen. Das aber wäre sicher geschehen, wenn ein Grund dazu vorläge. Wie gesagt, es kann ja mit unseren Aus­einandersetzungen, die wir seit langer Zeit, seit auffallend langer Zeit, mit London haben, schließlich noch ganz vortreff­lich gehen, nur dürfen wir, wenn wir die Gegenwart be­trachten, die Wirklichkeit nicht verschieben, und diese Wirk­lichkeit ist, daß England offenbar seinen Vorteil in dem engen Verhältnis mit Paris und Petersburg findet. An diesem Urteil ändert sich auch nichts Wesentliches durch die Erklärung Sir Edward Greys, daß England seine Stellung nicht durchaus von starken und festen Bündnissen abhängig machen sollte, die dem Reiche starke und feste Verpflichtungen auferlegen und ihm seine Stärke in solchem Maße nehmen

würden, daß es in Lebensfragen von der Unterstützung anderer Mächte abhinge. Sir Edward Grey sagt damit nur, was die Welt längst weiß, nämlich, daß ein formelles Bündnis mit den Ententegenossen nicht besteht. England wahrt sich die Freiheit seiner Handlungsweise, es macht sich damit den Ententefreunden erst recht kostbar und wertvoll, es benutzt diese Freiheit auch, wie namentlich wir vom deutschen Standpunkt aus anzuerkennen haben, häufig genug im Sinne einer nützlichen Vermittlung zwischen den beiden Mächtegruppen, aber von alledem bis zu einer An­näherung an uns ist der Weg doch unendlich weit.

Rumänisches und weiteres.

Den österreichischen Politikern kann man jedenfalls nicht vorwerfen, daß sie das veränderte Verhältnis ihres Staates zu Rumänien auf die leichte Achsel nehmen. Wir haben uns, gestützt auf die Ansichten namhafter politischer Persönlich­keiten, vor eirugen Tagen hier über die Verschiebungen der Lage an der unteren Donau geäußert, und wir können jetzt eine Ergänzung zu diesen Ausführungen geben, die ein be­sonderes Interesse beanspruchen darf. Durch die Freundlich­keit von Professor Dr. Ludwig Stein, den Herausgeber der Monatsschrift „Nord und Süd", sind wir instandgesetzt Wör­den, eine bedeutsame Veröffentlichung, die das A p r i l h e f t enthalten wird, schon jetzt kennen zu lernen und einiges da­von mitzuteilen. Der Verfasser nennt sich „Austriacus"; er nimmt, wie wir hören, innerhalb der österreichischen Welt eine hervorragende Stellung ein, und er zeigt auch in mehr als einer Ausführung, daß er mit den politischen Gebieten, wo Wind und Wetter gemacht werden, wohlvertraut ist. Der Verfasser bemüht sich selbstverständlich ungemein, Rumänien davon zu überzeugen, wie sehr es seinen Lebensinteressen schaden würde, wenn es den russischen Lockungen nachgeben wollte. Die einzige nützliche Politik für Rumänien sei und bleibe die Anlehnung an den Dreibund, zugleich aber eine weitgehende Verständigung mit Bulgarien und der Pforte. „Alle Welt weiß", so schreibt „Austriacus", „daß Rußland die Verfügung über die Meerengen in die Hand bekommen will. Gelingt ihm dies, so werden russische Kriegsschiffe jederzeit an Konstantinopel vorüberfahren und fremden Kriegsschiffen, die etwa zu Hilfe eilen wollten, den Weg versperren können. Rumänien aber wäre, wenn es mit Rußland in Konflikt ge­riete, im Schwarzen Meer rettungslos cingeschlossen; mit anderen Worten: wenn Rußland die Durchfahrt zu beherr­schen vermag, sind die Türkei, Bulgarien und Rumänien ihm ausgeliefert." Das ist gewiß richtig, wie es ferner auch richtig ist, wenn „Austriacus" den Rumänen zuruft, sie.brauchten russische Drohungen nicht zu fürchten, das Verhältnis zu Österreich-Ungarn biete ihnen seit Jahrzehnten einen festen Rückhalt, und so lange Rumänien diesen Schutz genieße, brauche es nicht zu besorgen, daß es vielleicht wieder als Durchzugsland für russische Truppen werde drenen müssen. Wie gesagt, das trifft durchaus zu, wre denn „Austriacus" mit allen seinen Darlegungen, Mahnungen, Warnungen und Beschwörungen in jedem Punkte im Rechte ist. Aber das Mißliche an der Sache bleibt es, daß es neben dem öster­reichisch-ungarischen auch einen russischen Standpunkt gibt, von dem aus die Dinge naturgemäß anders aussehen, und daß es der russischen Diplomatie offenbar gelungen ist, den maßgebenden Bukarester Persönlichkeiten diesen anderen Anblick in verlockender Farbigkeit so zu zeigen, daß die Folge ein bedenkliches Schwanken der rumänischen Entschließungen geworden ist. Vielleicht ist das sogar noch eine zu günstige Auslegung, vielleicht schwankt Rumänien gar nicht mehr, sondern hat bereits eine Wahl

getroffen, mit der man in Wien nichts weniger als zufrieden sein müßte., Indessen soll man sich auch vor übertriebenem Pessimismus hüten, und das kann in diesem Falle leichter ge­schehen, weil „Austriacus", abweichend von den sonstigen Wiener Stimmungen, eher einen optimistischen und jedenfalls einen vertrauenerweckend sicheren Grundzug aufweist. Sein umfangreicher Aufsatz, auf den wir hier nur andeutend Hin­weisen konnten, wird sich, sobald er erschienen ist, auch Be­achtung zu verschaffen wissen.

Deutsches Reich.

* Ein Verband der deutschen Stellenvermittler ist be­gründet worden, dem sofort sämtliche 19 Stellenvermittler- Vereinigungen im Deutschen Reiche und -mehrere hundert Einzelmitglieder beigetreten sind. Der Verband Hat. seinen Sitz in Berlin (Eichendorffstr-aße 7) und ist in das'gerichtliche Vereinsregister eingetragen. Er bezweckt den Schutz und die Förderung der Rechte der Stellendenmittler sowie die Wah­rung der gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder.

* Zur Durchführung der Fleischbeschau. In letzter Zeit sind wiederholt Fleischvergiftungen vorgekommen, bei denen Zweifel an der ordnungsmäßigen Durchführung der Fleischbeschau hervorgeitreten sind. In einem ministeriellen Rundschreiben wird infolgedessen darauf hingewiesen, daß die mit der Beaufsichtigung der Fleischbeschau betrauten Beamten von der . Feststellung einer Fleischvergiftung oder des Ver­dachtes einer solchen alsbald Kenntnis erhalten müßten, damit sie möglichst schnell weitere Ermittelungen Mer die Art der Ausübung der Beschau im einzelnen Falle anstellen könnten. Die entsprechenden Anweisungen sind demgemäß ergangen.

Varlamentarisches.

Der Wohnungsgesetzcntwurf. Die 11. Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberatung des Wohnungsgesetz­entwurfs nahm einstimmig einen Antrag des Zentrums an, den Vereinen und Korporationen, welche die Gewähr für eine ordnungsmäßige Verwaltung bieten, Darlehen zur Errichtung von Ledigenheimen zu gewähren.

Deutsche Schutzgebiete.

Ein scharfer afrikanischer Protest gegen den Abgeord­neten Erzberger. Der „Wirtschaftliche Verband der Nord- bezirke" (Sitz Tanga) gibt seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, daß das Forum des Reichstags die Stätte abgab, von der aus ein deutscher Reichsbote gegen deutsche Männer in deutschen Kolonien schwere Beschuldigungen er­heben durfte. Er bedauert, daß er keine gesetzliche Handhabe hat, um gegen die Verbreiter derartiger beleidigenden An­schuldigungen, die unter dem Schutze der parlamentarischen Immunität erhoben werden und die in ihrer Verallgemeine­rung durchaus unbegründet sind, vorzugehen. Er erwartet von der Loyalität des Reichstagsabgeordneten Erzberger, daß er nach der Erhebung des schweren Vorwurfs, die Einge­borenen würden systematisch betrogen, nunmehr auch mit Namen hervortritt, damit eine Bestrafung der Schuldigen er­folgen kann. Falls dieser billigen Forderung nicht ent­sprochen wird, sind seine Behauptungen als frivole Ver­leumdungen zurückzuweisen.

Heer und Slolte.

Schiffsbewegungen. Eingietiroffen: S. M. S. „Hansa" am 17. März in Kiel. S. M. S. „Geier" am 17. März in Tanga, S. M. Flußkanonenboot Tsingtau am 17. März in Samshui, S. M. S. „Tiger" am 18. März in Schanghai.

Nachdruck verbaten.

Die Kunst, jung ;u bleiben.

Von Dr. Hans Wantoch.

„Ja, dazu, mem Lieber", sagen die Leute, „bin ich nun allerdings zu alt." Mit einem recht Wevlegenen Lachem sagen sie es, Männer von 49, von 35 und auch solche von ou Jahren, wenn man ihnen eine Gebirgstour, 2000 Met« steu bergan vorschlägt, oder den Rausch einer jung durchtomen Rächt. Das nämliche ist ihre glatt ab-tuende Antwort bei mm Rat, den Mechanismus ihres Berufes, der nicht recht vom Fleck geht, der ihnen über ist, mit entschlossenem HaiwgnN in andere Bahnen zu drängen. Und wiederum dasselbe trag sich verschanzende Wort, so oft ihnen der Wunsch sich regt, eine neue nützliche Sprache zu lernen, zu ihrem Ergötzen >em un­bekanntes Musikinstrument zu spielen oder sonst eine Be­reicherung in ihr Leben zu bringen, zu deren Gewinn sie syre bequemen Kräfte elaitffch anspannen müßten. Immer sprwgt dann dieses Wort mit der trägen Abwehvgeberde auf: bin zu alt dazu." Ein kleines, fchüchternes Lächeln voll müder Melancholien dringt dabei in ihr Gesicht. Sie scheuen zurück. Sie haben den Mut nicht zu erneuernder Keckheit. Denn dies ist ihre panische Angst — men- merkt es deutlich an ihren Zügen, die verlegen und hilflos auseinandersallen — dies nämlich: sie fürchten, sich zu blamieren, sie fchen sich m karikaturistischer Vision als kleine Buben, die vor dem Sprachprofessor, dein Musiklehrer, dem Meister Leben nicht bestehen und sie pvallen zurück vor einem törichten Mißlingen. So gering, so winzig klein ist ihr Zutrauen in die eigene Ge­wandtheit, in ihr Geschick und besonders in ihre Anmut, Ganz

bersteift dünken sie sich, Männer von 40 von 35 und selbst Von 30 Jahren, die noch tausend Möglichkeiten und das un» endliche Bevorftchen des Jungseins vor sich haben.

Kleine Mädchen, Backfische von heute, machen aus dem Wort eine reizende Koketterie: „Wie wäre es, meine Damen, wenn wir einmal diese Wiese herunterllesen: wer zuerst an- kommt?" „Aber Herr Doktor, was Sre für komische Ein­fälle haben, dazu sind wir ja doch schon em wenig zu alt." Und sogar die kleine Trudl sagte es jungst aus der niederge- beugten Fülle ihrer zehn Jahre, als wir vor einem wunder- Ichönen Ringelspiel standen. Da kam sie aber schön an, «Gut, Trudl," sagte ich, ..dann fahre ich eben allein." Aber knapp var dem Schalter, der den Zutritt zu der schwindeligen Seligkeit kreisrunder Bewegung erschuetzt, zupfte mich je­mand am Rock: „Ach, Herr Doktor, vielleicht konnte ich doch mit." Und dann war es so wirbelig schon, so über die Maßen und berauschend lustig, daß mich Trudl zehn Schritte vom Ausgang gang von selber auf einAwerws Karussell aufmerk­sam machte: hier könnte man es vielleicht auch versuchen.

Trudl nämlich ist ein wundervoll unphiiosöiphjschos Stück Lebendigkeit. Die tut' und übeötäßt anderen die Strapaze, sich Gedanken zu machen. Sie glaubt sich in diesem Augen­blick zu alt und findet sich im nächsten durch den Gegenbeweis der Handlung damit ab, daß sie es nicht ist. Trudl aber öünkte mich weit über ihre Jahre und weit hinaus über die Engheit ihrer persönlichen Existenz, wie ein Symbol all der Verzagten, wie ein Ausdruck für alle diese ängstlich^ trägen und törichten Menschen, die allen „Ich möchte gern" und „Vielleicht bekäme es mir", die all ihren jung aussprühenden Wünschen mit dem einen greisenhaft verhärteten Wort den Kopf abschlagen. Diese Menschen haben eine wahnwitzige Angst vor dem Sterben. Sie sagen „das Zeitliche segnen",

sie sagen „heimfinden" und haben eine heilige Scheu vor dem resoluten Wort Tod, als würde sein Klang ihn selbst be­schwören. Wer mitten in der saftigen Vollkraft ihrer Leben­digkeit verpacken sie sich ängstlich in das Beistehende, trauen sich nicht um Haaresbreite aus ihm heraus, als hätte der Tod für morgen, längstens übermorgen seinen leibhaftigen Be­such angesagt, als stünde cs wirklich nicht mehr dafür. Mitten in Saft und Kraft vergessen sie, daß es immer noch Zeit und daß in jeder Minute Rhodus ist. Aber die Angst, die heillose Angst vor dem Ende! Die rückt dem Menschen mrtt- wegs hart an den Leib, sind mit trefflicher Ironie wandelt sich die Angst vor dem Tode in eine lähmende, festklainmerndc Furcht vor dem Leben.

Ganz aus den Gedanken „Unwiderruflich" und „Ein für allemal" ist es erbaut. Mit 24, mit 18, mit 14 Jahren lagt sich der Mensch fest, wenn der kleine Büb in die Lateinschule kommt, wenn er seine Kollegien aus der Universität belegt oder auch schon als winziger Fant, wenn er zu irgend einem Meister in die Lehre geht. Man heißt das in Österreich „Befähigungsnachweis". Drüben aber, über dem großen Wasser, versucht sich der Zahntechniker von heute -morgen an einem Brückenbau, und der bankrotte Schühwarenfabrikant etabliert über eine Woche eine Küstenreederei. Das Miß­lingen an einem Ort bedeutet ihnen nur den Ansporn zu neuem Boden. Offiziere fangen dort als Schuhputzer an, und Schuhputzer enden als Multimillionäre. Und aus der wirbeligen, atemlos sich bestrebenden Tausendundeinen Nacht des Versuchens und Mißlingens, Wiederlbeginnens und end­licher Erfüllung ragt wundervoll leuchtend ein Lebe::, das als Sinnbild und Symbol unverzagter Jugendlichkeit erscheint. Schlank steht sein Zeichen aus allen Dächern unserer Häuser, ein harter Wegweiser empor. Dieses Leben nämlich hieß