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Kreitag. 20. März 1914.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 13Z. » 62 . Jahrgang.
Für elsaß-lothringischen Frage.
Man schreibt uns aus dem Reichsland:
In dem in Nr. 93 des „Wiesbadener Tagblatts" veröffentlichten geistvollen und mit dem Worte „Gärungsprozeß" die Lage in Elsaß-Lothringen scharf und treffend kennzeichnenden Artikel des Professors Dr. Martin Spahn in Straßburg i. E. befindet sich die nachstehende beachtenswerte Stelle: „Dagegen er
fährt die Schulpolitik von allen Seiten eine oft schneidend scharfe Kritik. Sie hat in den letzten Jahren wiederholt Wellen hinüber in das allgemein politische Leben des Landes geschlagen, die besser vermieden worden wären. Auf jeden Fall wird die neue Regierung ernst nachzuprüfen haben, ob das Schulwesen den gesteigerten Anforderungen an die staatsbürgerliche Erziehung und die kulturpolitische Beeinflussung der Heranwachsenden Generation nachgekommen ist."
Um den tieferen Sinn dieser drei Sätze richtig zu erfassen, muß man die Entwicklung des höheren und niederen Unterrichtswesens in Elsaß-Lothringen unter deutscher Herrschaft kennen. Die höheren Schulen sind, von den drei bischöflichen Gymnasien in Stratzbnrg, Tillisheim und Montigny und dem protestantischen Gymnasium in Stratzbnrg abgesehen, staatlich und konfessionell gemischt: der Religionsunterricht in den
drei anerkannten Bekenntnissen wird meistens von Geistlichen erteilt, welche vom Oberschulrat dazu berufen werden und für jede Unterrichtsstunde 2 M. erhalten. An den Beratungen der Lehrer nehmen sie nicht teil; auch wird beim Abiturientenexamen in Religion nicht geprüft. Wenn bei Versetzungen von Beamten und Offizieren von oder nach Preußen die Söhne derselben in elsaß-lothringische oder preußische höhere Unterrichtsanstalten übernommen werden, so stellt es sich stets heraus, daß die elsaß-lothringischen Anstalten den preußischen im Unterrichtsstoff sowie in der Beherrschung desselben gleichwertig sind, während die elsaß-lothringischen Volksschulen im Durchschnitt höher stehen als die Volksschulen im Osten des Reichs. Was soll nun gerade in Elsaß-Lothringen nachgepruft werden, das nicht auch in Preußen nachgepruft werden müßte? Und was ist mit den Worten .Staatsbürger, liche Erziehung" und „kulturpolitische B e e t n „ slussung" gemeint? Sollen die Schüler nicht nur geistig ausgebildet, sondern auch nach bestimmten Richtungen hin beeinflußt werden? k>le„ ist vom elsässiichen Landtagsabgeordneten Müller ttt der Nachmittagssitzung vom 11. März d. I. verlangt. Die Schristleitung.) .
Vielleicht gibt das Weitere Klarheit: Die Aufsicht
in den meist konfessionell getrennten VolO-schnlen führen seit 1871 staatlich angestellte und besoldete K r e i s s ch u I i N s p e k t o r e n im Hauptamt, , bleiche den Bezirkspräsidien unterstehen. Doch wurde dadurch der Einfluß der G e i st l i ch e n als Schnlinspektoren zunächst nicht wesentlich berührt. Während zur französischen Seit in den schwach besuchten Volksschulen die Lehret welche teilweise geistlichen Orden (Schulbrnder
ohne Schulamtsprüfung) angehörten, oft so gering besoldet waren, daß sie private Wohltätigkeit in Anspruch nehmen mußten, wurden unter deutscher Herrschaft die durchweg weltlichen Lehrer gleichmäßig, aber immerhin noch recht kärglich besoldet. Ihr Streben war seitdem darauf gerichtet, eine ihrer Vorbildung entsprechende Besoldung zu erhalten und von der Ortsschulinspektion der Geistlichen befreit zu werden. Den Lehrern in diesem ihrem Streben soweit wie möglich entgegenzukommen, hatte sich der Präsident des Oberschulrats Dr. Albrecht gleich beim Antritt seines Amtes im Interesse einer gediegenen Volksbildung zur Aufgabe gemacht. Die Schwierigkeit, diese Ausgabe zu lösen, war groß; denn in Anbetracht der noch aus französischer Zeit stammenden geringen Wertschätzung der Volksbildung und somit der Arbeit der Volksschullehrer mußte er mit dem Widerspruch im Landesausschuß und besonders bei der einflußreichen katholischen Geistlichkeit rechnen. Sein im Januar 1908 gemachter Vorschlag, die Besoldung der Volksschullehrer auf die Lan- deskasse zu übernehmen, die Volksschullehrer dadurch zu Staatsbeamten zu machen und in die ent- sprechende Klasse der Staatsbeamten einzureihen, scheiterte gleich an dem Widerspruch des damaligen Staatsrats, welcher sich entschieden gegen diese Änderung und im ganzen auch gegen eine Minderung des Einflusses der Geistlichkeit erklärte. Doch war er dafür, diesen Einfluß in streng gesetzliche Grenzen zu bringen. So kam das Gesetz vom 24. Februar 1908 zustande: Dadurch wurde die Ortsschulaufsicht ganz beseitigt und die Volksschule in schultechnischer Hinsicht lediglich den Kreisfchulinspektoren unterstellt. Für die materiellen Interessen der Volksschulen wurde ein O r t s s ch u l v o r st a n d aus dem Geistlichen, dem Lehrer und einer der Größe des Orts angemessenen Zahl von Gemeindegliedern unter dem Vorsitz des Bürgermeisters zusammengesetzt. Der Pfarrer behielt nur die Aufsicht über den Religions unterricht in der Weise, daß er dem Unterricht in Religion beiwohnen und hinterher etwaigen Bemerkungen dem Kreisschulinspektor zur weiteren Veranlassung mitteilen kann. Auch wurde eine allmähliche Erhöhung der Lehrergehälter, allerdings in noch immer bescheidenen Grenzen, erreicht. Als man sich der Tragweite dieses Gesetzes zugunsten der Lehrer und ihrer Unterrichtsführung bewußt wurde, da setzte der von Dr. Spahn so schön für die Allgemeinheit gekennzeichnete. Gärungsprozeß _ auch hier mit großer Lebhaftigkeit ein. Ein „organisches Schulgesetz" begann man zu fordern; es gelte die Kin- der für eine höhere Aufgabe als die irdische vorzu- bereiten. Besonders müsse der Unterricht rm französischen, wie er im kleinen französischen Sprachgebiet be- siebt, in den Volksschulen von ganz Elsaß-Lothringen verbindlich werden, Elsaß-Lothrmgen, so hieß es in den Volksversammlungen und im Landtag, sei ein Grenz- land, seine Bevölkerung müsse die spräche des Nachbarlandes kennen. Der Einwand, daß dann doch auch die Franzosen, welche an der deutschen Grenze wohnen, Deutsch lernen müßten, überhörte man rmd blieb bei der Forderung des französischem Unterrichts in allen Volksschulen des Grenzlandes Elsaß-Lothringen. Da-
Vnmisckrs Valnrlrven.
Skizzen von Waltüer Schulte vom Brühl.
XLVIII.
Spniienscheinchrn.
Meine kleine DackeMnÄin ist ein schnurriges Vieh- interessiert sich für alles und jedes und ist immer aus oem „(mi vive". Wenn sie in ihrem Körbchen neben meim. Schreibtisch scheinbar tief schlafend liegt und plötzlich E Schlappohren ein wenig bewogt, dann gcht irgend etwas m ber Nähe vor. Und eben geht allerlei vor, denn es regt in der Natur und die Frühlingsgefühle machen sich f**. der winzigsten Jnsektenbrust geltend. Vorhin erst ft»?* bet Hund auf einen Brummer, aus eine dicke, blaue Schmeißfliege, die bei mir Freilogis bezogen hatte und sich nun de« Winterschlaf aus den Augen wischte. . Jetzt hat Minka, o\t Mir gemeinniglich Männe nennen, wieder etwa? Neues. »« hat die spitze Nase gehoben und starrt wie hypnotisiert nach
dem Blumenfenster im. Erker, der wie ein Futterhäuschen
am Vogelbauer meinem, Hause an,geklebt ist. Dort an /er Fensterscheibe ist es lebendig geworden, sehr lebendig. Kleine, reiskorngrotze Pünktchen krabbeln da unermüdlich aus und niedert Eine Kolonie Marienkäferchen ist erwacht. Weiß der Kuckuck, wie sie in mein Zimmer gekommeu ist. Gemeinsam hat die Bande wohl im Herbst ein Ritzchen im Fensterrahmen entdeckt, oder eines hat es gefunden und die frierenden Genossen darauf aufmerksam gemacht. So halben sie sich „wie Wichtelmännchen eingeschlichen, unbemerkt, haben den bösen Winter in meinem Heim verschlafen. Manche Arten sind 1/ Von einem großen Gemeins-lnnstriob beseelt. Einige australr- sche, als Schildlausvertilger in die Obstplantagen K/li- forniens eingeführt, bilden gar so gewaltige, winterliche
Schlasgesellschaften, daß sie in Säcke geschaufelt und als ein wertvolles Haüdelsprodukt waggonwetse nach Gegenden ver- werden, wo sie in befallenen Plantagen den Blatt- und SchÄdläusen den Garaus machen Men. Sie tun das mit einer bewundernswerten Gründlichkeit, dermaßen, daß fast nur durch Hilfe dieser freundlichen Tiere dort die Obstkultur möglich wird.
Auch die, die da bei mir lebendig geworden sind, scheinen mir rechte Blattlausvertilger zu sein, denn ich habe ihrer oft an Kolonien dieser Schädlinge schmausend betroffen. Sie sind schwarz mit sieben gelben Punkten aus lebet Flügeldecke, daher der schöne Name: Ooccinella <3 ua tuo:röecimpustulata,
das Vierzehnpunktige. Sie sind lauge nicht so groß als der allbekannte Siebenpunkt, Zeptswprmotata, das Marienkäferchen, Sonnenschcinchen, Herrgattskatbchen, das es bis zu der Größe einer Linse bringt. ' Aber ob die Käferchen nun schwarz mit .gelben Punkten sind oder gelb mit schwarzen Flecken, oder ob sie schwarz sind mit roten Makeln oder rot mit schwarzen Tüpfeln, keines kann smne„Familie verleugnen. Nicht umsonst heißen sie „Kugelkafer , denn sie bilden hochgewöGte, unten platte, halbku,gelformrge oder auch elliptische Körper, und da die Grundfarbe ihrer Flügeldecken meistens rot ist, so hat man sie wrssemchaftlich. aber nicht vollkommen korrekt „Coccinellidae >■ ^ ’• "eine Scharlachrote, genannt.
Die Käfer in ihrer glänzenden ^ysilnpanzerung, dem Hautskelett, sind durchweg interessante, HAbsche Gesellen, und wer sic ohne Voreingenommenheit betrachtet, der kann selbst einem solchen Schmutzfink, wie dem brau metallischen Roßkäfer, Reize abgewinnen. Aber die säubern Marienkäferchen, die Somienscheinchen, hat ein jeder gern. Zumal der erwähnte Siebenpunkt vereingt .das Wohlwollen aller guten Menschen auf sich. Nur ein Heidschnuckenschäser, des Aberglaubens
neben gab es eine Reihe von Einzelfällen, welche die Kritik hüben und drüben herausforderten und „in das allgemein politische Leben des Landes Wellen schlugen". So der Fall Wettolsheim: Hier gerieten Pfarrer und Lehrer in unliebsamen Streit. Auf Grund der ange- stellten Untersuchung kamen Oberschulrat und Bischof überein, beide zu versetzen. Gegen den Lehrer aufgewiegelte Väter wollten ihre Kinder nicht in den Religionsunterricht des Lehrers gehen lassen und behielten sie ganz zu Hause. Da ihnen wegen dieser Schulversäumnisse Strafmandate zugingen, riefen sie die Gerichte an und wurden in zweiter Instanz zur Zahlung verurteilt. Hätte die. Regierung zur „Vermeidung von Wellen" die Sache vertuschen oder dem Pfarrer recht geben sollen? Beides wäre als Schwäche ausgelegt worden und hätte höhere „Wellen geschlagen". Zu dem gleichen Ergebnis muß der Unbefangene in den anderen Fällen kommen: im Fall der „missio eanouiea", ob der Bischof diese dem Lehrer einseitig entziehen darf, im Fall eines wissenschaftlichen Hilfslehrers, der durch seine Wahlagitation sein Amt vernachlässigte, im Fall eines Vikars, der in einer Religionsstunde Quartaner Wahlaufsätze schreiben ließ usw. Es lag im Interesse des staatlichen Ansehens, in jedem Fall den Tatbestand ohne Voreingenommenheit festzustellen und die gestörte Ordnung wiederherzustellen. Jedenfalls beweisen diese Fälle nichts gegen die Güte des Unterrichtswesens in Elsaß-Lothringen.
Als vS Manteuffel vor seinem Amtsantritt als Statthalter von Elsaß-Lothringen den großen Geschichtschreiber Ranke fragte, wie man die Elsaß-Lothringer am leichtesten für das Deutschtum Zurückgewinnen könne, erhielt er die pythische Antwort: „Wenn Sie die katholische Geistlichkeit gewinnen, werden Sie die Elsaß- Lothringer für das Deutschtum zurückgewonnen haben." Wie viel Mühe sich Manteuffel auch gab, es gelang ihm weder das eine noch das andere. An Leib und Seele gebrochen, siechte er dahin. Zu spät sah er ein, daß er mehr geschadet, als genützt hatte.
Vielleicht schwebt dem Verfasser des eingangs erwähnten Artikels ■ ein ähnlicher Rat für die neue Regierung des Reichslands vor: „Er H L h t in den Schulen den Einfluß der Geistlichkeit, dann werden die Elsaß-Lothringer wieder zurückgewonnen werden." In der Tat ist auch in dieser Hinsicht die Schulfrage neuerdings wieder aufgerollt worden. (Dies ist besonders in der Nachmittagssitzung des elsaß-lothringischen Landtags am 11. d. Mts. geschehen. D. Schrift!.) Ob aber im Falle einer solchen Lösung der Schulfrage nicht statt der erhofften Wirkung noch schärfere Gärungen ein- setzen und höhere Wellen schlagen würden?! Man ist eben weder im Landtage noch in der Bevölkerung über die etwa notwendigen Änderungen im höheren und niederen Unterricht einig, sondern steht sich schroff gegenüber. Wie beim gärenden Most, so dürfte es unter diesen Umständen auch in der Schulfrage allein richtig sein, ohne jeden gewaltsamen Eingriff den natürlichen Klärungsprozeß abzuwarten, jedenfalls aber größere Änderungen nicht ohne Fühlung mit dem ganzen Reich, wo das Streben nach einer einheitlichen Schulreform sich geltend zu machen sucht, in Angriff zu nehmen.
voll, klagte mir einmal, wenn seine Schafe einen: solchen „Käbers" fräßen, dann wär's gefehlt, dann gingen sie auf wie ein Ballon" und müßten elendiglich zerplatzen.
Alle möglichen Kosenamen hat man dem Tierchen gegeben, und da es als ein niedliches Lebewesen von reizender Gewandung früher wahrscheinlich der deutschen Lieblings- göttin, der Freia, heilig war, haben die christlichen Apostel mit kluger List den Spieß umgedreht und den Heidengötterkäfer schleunigst der Mutter Gottes als Marienkäfer oder gar dem Herrgott selber als Herrgottskäferchen zugesprochen. Bei vielen .europäischen Völkern ist das so. Bei den Engländern wurde er auf die Art zum „Ladybird", bei den Franzosen zur „Va«lie ä Tlicu oder zur „Bete de la vierge" und die Holländer neunen die lieben Kerschen: „ortzen lieven Heers beestjes". Unzählig sind auch bei uns seine Schimeichelnameu. Mer interessanter noch «ks seine etbnographisch-mhtholoyi- schen Beziehungen sind seine biologischen.
Man hält die Kugel- und Marienkäfer im allgemeinen durch die Bank für nützlich, eben wegen ihrer Vorliebe für Blattlausbraten, unter deuett denn auch viele der wohl in 1000 Arten auf der ganzen Welt verbreiteten Familie gründlich aufräumen, sowohl in ihrem Käfer- als in ihrem Larvenzustand. Sic sind dabei so gierig, daß sich ihre warzigen. Iboüstigen Larven oft einander selber auffressen, wie denn die Coleoptera, die Deckflügler, die Käser, insgemein furchtbare Fresser und zum Teil mordlustige Räuber sind. Ein Tiger oder ein Leopard ist beispielsweise nur ein bescheidener Waisenknabe an Mordluist gegen einen Goldschmied- oder Feuerkäfer, der vor unfern Füßen dahinhastet, und ein Wolf, der in eine Schafherde einfällt und Dutzende von Hämmeln abwürgt, ist ein frommer Knockt Fridolin gegen einen Marisnkäfer, der in eine fanfte MilchrMerde der Ameisen, in eine Blattlauskolonie, einfällt. Unser liebes Sieben-
