igcitc 2 , Morgen-Ausgabe, 1. Blatt.
„Der Goethe-Bund erblickt in diesem Gesetzentwurf eine Erneuerung der immer wiederholten bedauerlichen Versuche, die Staatsgewalt zur entscheidenden Instanz in Fragen Ser Kunst und künstlerischen Sittlichkeit zu machen. Der Entwurf findet das entscheidende Merkmal für die Strafbarkeit des Zurschaustellens bildlicher Darstellungen nicht in dem tatsächlich „gefährdenden" Charakter der Darstellung, sondern in dem Umstand, daß die Möglichkeit einer Gefährdung der Jugend das „Ärgernis" eines beliebigen Erwachsenen zu er- reaen geeignet ist. Damit ist für willkürliches Ein- grenen künstlerisch urteilsloser Personen, vor allem subalterner Organe des öffentlichen Srcherherts- diensteS, freiester Spielraum gegeben. Dieser Entwurf schädigt das unbefangene künstlerische Schaffen, gefährdet das zu hoher Blüte gediehene graphische Kunstgewerbe Deutschlands aufs empfindlichste und reizt in letzter Linie zum ge- Hermen Handel mit strafrechtlich jetzt schon verbotenen Darstellungen. Zum Schutze der Jugend gibt es nur ein wahrhaft wirksames Mittel: ihre Erziehung zur unbefangenen und gesunden Auffassung des Lebens und der Kunst und chre systematischer Versorgung mit gesunder geistiger Nahrung. Der Goethe-Bund fordert alle Freunde der freien Entwicklung unserer Kunst zum Protest gegen die geplante „kleine Lex Heinze" und zur positiven Mitarbeit an der Gesundung unsere Jugendbildung auf." (Wir haben gegen den Entwurf kürzlich in einem Leitartikel ähnliche Bedenken geltend gemacht. Schrift!.)
--- Die katholische Presse Elsaß-Lothringens hat sich zur besseren Förderung ihrer Bestrebungen in eine Preßgesell^chaft zusammen geschlossen. Dieser liegt vornehm!,ch die Aufgabe ob, von einer Zentrale aus Propaganda für dre Verbreitung der katholischen Presse Elsaß-Lothringens zu machen. Als solche ist dar Parteisekretariat der Zentrumsparte, zu be-
f^ cr Vereinsverband akademisch gebildeter Lehrer
Deutschlands hält vom ö. bis 8. April seine 6. große Tagung rt München ab. Er umfaßt die Gesamtzahl aller m famt- ichen deutschen Bundesstaaten bestehenden Landes- oder Pro- mzialvereine höherer Lehrer und ist m,t fernen 24 000 m 0 Vereinen zusammcngefahtcn Mitgliedern einer der größten Verbünde Deutschlands. Auch die dcutfchen Ausland - ch u l e n sind in ihm vertreten. Wie d,e letzte Dresdener "aqunq (1912'), an der gegen 1000 Gaste teilnahmen, wird uch die heurige Münchener einen glänzenden Verlaus nehmen md für das deutsche BildungSweseu wichtige Fragen behan- eln.' Der erste Tag ist bestimmt für die Vertreterverfamm- ung mit Gegenständen geschäftlicher und interner Natur,
: a Verwendung der Kaiserjubiläumsspende des Verbandes n Sähe von 110 000 M., der zweite Tag für die öffentlichen Verhandlungen, bei denen das Deutschtum rm Aus-
and. die Jungdeutschlandbewegung die
oissenschaftliche Fortbildung der höheren iebrer, die freiere Gestaltung des Unterrichts aus der Db er stufe, die Hauptstoffe bilden. Der Festvortrag behandelt vas Thema „Die höhere Schule als Erzieherin fürs U-ikn". Der dritte Tag bringt Führungen durch die Sehens- oürdigkciten der Stadt und Ausflüge, u. a. einen nach der iltberühmten Nachbarstadt Augsburg. Äln festlichen Veranstal- uwn sind geplant: ein echt Münchener Empfangsabend m oofbräuhaus eine Festvorstellung im Reftdenztheater und ein -chlußmahl im Bayrischen Hof. Gleichzeitig wrrd noch eme ileihe bayerischer Standes- und Fachverbande sonderver- ämmlungen abhalten.
* Verband Deutscher Waren- und Kaushäuscr, E.^B. Der oebigl erschienene 11. Jahresbericht des „Verbandes Deutscher Narcn und Kaufhäuser. E. V." für das Jahr 1913 bietet m iewobnt w Weise einen überblick über die gesamte wirtschaftliche -E im Jahre 1913 und über alle interessierenden Fragen der wiitelstandsbewegung Die Warenhaus- und Filmlsteuer- “ Kartell- und Konventionswesen, soweit
s die Interessen deS Detailhandels berührt, f'nden emaehende Vürtssauna Andere Abschnitte des Jahresberichtes befassen sich Ä den, Gesetze aeaen den unlauteren Wettbewerb, dessen S^Mntna eine eingehende Kritik erfährt den Bauordnungen, 'crs^nen Angelegenheiten des Detailhandels der Sozial- >elit>k 'und der inneren Verbandstatigkeit. linier den ver- ch'edknen Fmaen des Detailhandels werden besonvers aus- ?!; r y? narrt der .Handwerkerorganisationen, die
Len und WbS ster zur MiKiedschaft heranzuziehen be- S , "s -in-ückaewiesen. Der Anhang bungt verschiedene
mndelt iind zurimaewic em ^ Wig sowie
ÄfÄÄ®lm«ße n über das Wettbewerbs-
Mchlsnkl-'ae im6 Vei-wattung.
Der vierte preußische Richtertag tritt am 2. Jum m Bielefeld zusammen. Auf der Tagesordnung fteht u. a.. D e Be. lätiaung des Richters im öffentlichen und, w-rtEaftlichen Leben /Berichterstatter: Amtsgerichtsrat Professor Dr. Bern- lmk-Berlin), die Vereinfachung deS Geschäftsganges der
MresdKdenipr Tl-gb^tr.
Justizbehörden nach innen und außen (Berichterstatter: Land-
gerichtsdirektor Dr. Freytag-Torgau).
k^eer unv Klotts.
Eine Kanalfahrt des 2. Geschwaders. Am Donnerstag, den 19. März, wird das 2. Geschwader der Hochseeflotte im Verbände von Kiel die Fahrt nach der Nordsee antreten.
„Sport im Heer". Unter diesem Titel erscheint von jetzt ab als Beiblatt zum „Militär-Wochenblatt" eine sportliche Monatsschrift für die Armee. Zu ihrer Einführung bemerkt die Schriftleitung und der Verlag u. a.: Das Interesse am Sport ist, wie im ganzen Volke, so auch im Heer während der letzten Jahre gewachsen. Namentlich ist durch die im Jahre 1910 in Deutschland stattfindenden Olympischen Spiele (6. Olympiade) neuerdings ein kräftiger Ansporn zur Steigerung sportlicher Leistungen aller Art gegeben. In dieser Zeitschrift soll besonders alles, was in der Armee das Verständnis für die Vorberatungen zur Olympiade fördern kann, veröffentlicht werden. Über Anlage und Inhalt der Zeitschrift im einzelnen gibt die vorliegende erste Doppelnnmmer Auskunft; sie enthält: Armee-Wett
kämpfe in Berlin (5. bis 8. Juni 1914); offizielle Mittei- lungen des Ausschusses für die militärische Vorbereitung der 6. Olympiade; Ausschuß zur Vorbereitung der Armeewett- kämpfe und der Olhmpiade-Teilnehmerliste an dem ersten Olympia-Vorbereitungskuvsus. Mitteilungen der Ausschüsse der Generalkommandos und der Offizier-, Sport- und Turnabteilungen. Ausschreibung des 10. Berliner Armee-Gepäckmarsches. Aufsätze sportlichen Inhalts von Oberleutnant p. Reichenau, Oberleutnant Meyer, Hauptmann Roesler, und Kapitänleutnant Frhr. v. Maltzahn. „Sport im Heer" erscheint monatlich im Verlag von E. S. Mittler u. Sohn, Berlin, und kostet jährlich 2 M.
Ausland.
England.
Das verschwundene Signalbnch. London, 18. März.
Die Untersuchung über das Verschwinden des geheimen Signalkodexes des Kreuzers „Queen", des Flaggschiffes des Vizeadmirals Burney, hat bisher kein definitives Resultat ergaben. Da man gegen niemanden von der Mannschaft Verdacht hegt, so ist der übliche Urlaub bewilligt worden.
Nnftland.
Ein durchgehender Zug Moskau - Wladiwostok. Petersburg, 17. März. Vom 1. Mai ab wird auf der 8000 Werst langen Strecke Moskau - Wladiwostok ein durchgehender Schnellzug verkehren.
Südamerika.
Ausschreitungen in Peru. New Dork, 18. März. Nach einer Meldung aus Lima ist cs dort gestern abend vor dem Hanse des früheren Vizepräsidenten Leguia, der unter dem in- zwischen verbannten Präsidenten BillinOurst dieses Amt bekleidete, zu Ausschreitungen gekommen. Die Polizei griff die Menge an und sprengte sie auseinander. Dabei wurden über 20 Personen verwundet. Leguia war nach der Städt zurückgokehrt, um unter Berufung auf sein Amt als Vizepräsident an die Stelle Billinghursts zu treten, der durch eine provisorische Regierung ersetzt worden ist.
klsken.
Ein Aufruhrprozeß in Indien. Delhi, 17. März. Heute begann der Prozeß gegen 13 Personen aus Delhi und Lahore, die verschiedener Verbrechen, darunter des Aufruhrs und der Übertretung des Sp r e n gsto fsg e s etzes, angeklagt warem
Luftfahrt.
Rettungsboote für die englischen Wasserflugzeuge.
London, 18. März. Die britische Admiralität beschloß, daß alle von Marinefliegern benutzten Wasserflugzeuge in Zukunft ein kleines Rettungsboot mitführen sollen, das u n t e r- halb des Flugzeugs angebracht ist. Es ist aus Zedernholz hergestellt und mit kleinen Rudern, einem Steuer und einem Segel versehen. Das Gewicht beträgt nur 30 Pfund. Das Boot kann zwei Personen aufnehmen und mit größter Leichtigkeit ins Wasser gesetzt werden.
Ein Protest gegen den Flug um die Welt. New Dork, 17. März. Gegen den von der panamerikanischen Ausstellung vorgeschlagenen und vom hiesigen Aeroklub unterstützten Wettslug um die Welt haben sich in der letzten Sitzung der Aeronautic Society gewichtige Stimmen erhoben. Vertreter von Curtiß, Wright, Moisant und Sloane und der Aeroklubs von Pennsylvanien weisen energisch auf die geringe Wahr
einen Eindruck; im Senat begrüßte man Caillaux sogar mit
besonderer Sympathie. Ermge Zestungen krrtrfterten ttotz er in Paris herrschenden Solidarität recht scharf dre Ber ffentlichung eines so intimen Privatbrieses. Welchen Zweck erfolgte Calmette? Schon früher hatte er durch Monate hm mrch einen Politiker mit ähnlicher Gehässigkeit verfolgt. DelcassK. Die einen wollten auf pathologifchcm Gebiet o e Verklärung suchen, sprachen von starker Überarbeitung, me ?en Chefredakteur schon einmal zu einer Kaltwasserkur gezwungen hätte. Die andern flüsterten, daß der „Figaro letzthin schlechte Geschäfte gemacht halbe, daß hinter den av- sichtlich übertriebenen Attacken gewisse Grotzsinanziers stunden, die Caillaux um jeden Preis beseitigen wollten.
Aber solche persönliche Anfeindung ist in. der Republik aichts ganz Ungewohntes; die Gattin des Finanzministers mußte kalten Lächelns die Verleumdungen gegen ihren Gatten anhören können, da sie aus politischeim Milieu hervorgingcn, auch wenn sie in einem Biatte las, daß die Perlenkette an ihrem Halse mit preußischem Golde bezahlt worden sei! Die Veröffentlichung des ersten intimen Briefes im „Figaro" erklärte nicht den Mord. W'r wevden sehen, daß tiefere Gründe die Ministersgaitin zu ihrem wohlüberlegten Schritte trieben. Zunächst hier die Vorgeschichte des Briefes, so wie sie in politischen Kreisen kolportiert wird: Caillaux liebte die Frau eines Attaches im Unterstaatssekretariät der Schönen Künste, setzte deren Scheidung durch (der Mann wurde Steuereinnehmer) und unterhielt während des kurzen Trennungspro- zesses eine sehr vertrauliche Korrespondenz. . Dann heiratete er, ohne dauerndes Glück zu finden. Der jetzt bekannt gewordene Brief soll ihm erst ausgeliefert worden sein, als er sich zu einer Jahresrente von IS ygg Franken entschloß. Alber das Original des Briefes war vorher photographiert worden unv soll zu einem neuen „Anieiheversuch" in Höhe von 50 000 Franken aeaen Auslieferung der Platte gedient haben. Die
Weigerung zog schlimme Folgen nach sich — im „Figaro" wußte man den Wert des Briefes zu schätzen. In zweiter Ehe beigrifsen, hatte Caillaux natürlich auch eine zweite Livbeskorrespondenz geführt.. Und auch Briefe dieser neuen Idylle waren, wer weiß wie, in die Hände Ealmettes geraten. Man munkelte von einem romanweisen, in Fortsetzung erscheinenden Feuilleton voll skandalöser Einzelheiten, Die Ministersgattin erfuhr davon uüd fuhr aus den Justizpalast, wo ihr ein hoher Beamter erklärte, jedes Einschreiten wäre unmöglich; es bleibe nichts übrig, als der Veröffentlichung stillschweigend beizuwohnen, da Beleidigungsprozesse dieser Art meistens sehr lange dauerten, nur noch mehr Aufsehen erregten und gar mit -der Freisprechung des Beklagten endigen könnten! Madame Caillaux, die gsschiedene Frau von Löo Claretie, eines Mitarbeiters vom „Figaro" und Sohnes vom verstorbenen Direktor der Eomödie Frangaise, faßte ihren Entschluß. Sie mußte wissen, daß die angedrohte Veröffentlichung tatsächlich den Untergang ihres Mannes bedeutete; denn sie führte ihren Plan mit kältester Überlegung aus.
Gegen Mittag hatte sie M't ihrem Gatten das Mahl eingenommen; dann war der Minister nach dem Senat gefahren, wo er abermals in der Debatte das Wort ergriff — ohne zu ahnen, daß seine Frau schon rn den Morgenstunden ihren Revolver gekauft hatte. Gegen 5 Uhr pflegen die Redakteure auf dem „Figaro" zu empfangen; Madame Caillaux erschien pünktlich und nahm in k crtt Platz- Nie
mand wurde auf die einfach schwarz ^gekleidete Dame aufmerksam, nicht einmal der Diener, olbfchon sie erklärt hatte, ihren Namen nur in verschlossenem Kuvert dem EheffLdakteur übevbringen zu lassen. Gaston Calmette langte erst nach 6 Uhr auf den, „Figaro" an, begleitet von^Paul Bourget, dem bekannten Acadömicien und Romanschriftsteller. Als er in seinem Bureau den Namen der Besucherin las und Bourget ihm abriet, sie zu empfangen, er: »Ich kann einer
Donnerstag, 19. März 1914. Nr. 131.
scheinlichkeit eines Erfolgs und die aus einem Fehlschlag resul
tierenden Schäden hin. An stelle des Wettflugs wird ein Überlandflug über Nordamerika oder ein Wettflug New Dork- Panamakanal und von da nach San Francisco angeregt.
Kus Stadt und Land.
wLesbaLenEr Nachrichten.
konfessionell oder simultan?
II.
In der Debatte, die der Antrag auf Errichtung einer katholischen Erziehungsanstalt im Kommunallandtag hervorgerufen hat, führte der Abgeordnete Dr. H e l f f aus Frankfurt a. M. aus: Das Gesetz müsse man natürlich respektieren, aber das Gesetz sage nicht, es müsse eine konfesstonelle Einrichtung getroffen werden, sondern nur „so weit möglich", und namentlich für die Einzelerziehung. Das habe schon die Vormundschaftsordnung und jetzt das Bürgerliche Gesetzbuch gesagt. Der einzelne müsse in einer entsprechenden Familie nntergebracht werden, obgleich aus dem Zwang der Not auch dort oft das Gegenteil vorkomme. In den Ausführungsbestimmungen seien auch die Worte „in der Regel" enthalten. Gerade die n a s s a u i s ch e n Mitglieder des Landtags seien in erster Linie berufen, dafür zu sorgen, daß das, was seit jeher in Nassau rechtens gewesen sei, bis zum letzten Moment verteidigt werde.
Leider versagten gerade die nassauischen Abgeordneten zum Teil; sie streckten aus Opportunitätsgründen die Waffen, obwohl sie durchaus nicht davon überzeugt zu sein brauchten, daß gegen den Bescheid des Ministers nichts zu machen sei. Dann waren sie auch in den I r r t u m verfallen, der sich am besten mit den Worten bezeichnen läßt, üie der jetzt nach Berlin versetzte Landesrat Augustin gebrauchte: »Es handelt sich darum, den Zöglingen religiöses Leben beizubringen. Dabei ist man aber an die Konfession gebunde n." Die nassauischen Abgeordneten mußten wissen, daß unsere Simultanschule keine religionslose Schule ist, daß also eine Erziehungsanstalt nicht der religiösen Erziehung entbehren muß, weil sie simultan ist. Und sie mutzten ferner wissen, daß die gemeinschaftliche sittliche Erziehung von Zöglingen verschiedener Konfession absolut nicht das Nebenhergehen der konfessionell religiösen Unterweisung ausschließt. „Die religiöse Erziehung sei bei dem übereinstimmenden Urteil aller Sachverständigen technisch absolut notwendig, um aus den Fürsorgezöglingen brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu machen", erklärte der stellvertretende König!. Landtagskommissar. Auch wenn man das zugibt, läßt sich das nicht gegen die simultane Einrichtung einer Erziehungsanstalt verwerten, weil diese die religiöse Erziehung nicht ausschließt. Es wurde weiter gesagt, die Fürsorge schulentlassener Zöglinge habe nichts mit der S i m u l t a n s ch u l e zu tun. Darauf wurde von einem Pädagogen im „Allgemeinen Schulblatt" sehr treffend erwidert: „Unter Schule ist das ganze Unterrichts- und Srziehungswesen in allen seinen Differenzierungen zu verstehen, und wenn die Errichtung einer Erziehungsanstalt in Nassau mit irgend etwas nichts zu tun hat, dann ist es die Konfession. Das ist simultaner Grundsatz, an dem wirNassauer treu fest- halten müssen."
Wir sind doch auch durch die naffauische Simultanschule gegangen und wissen aus eigener Erfahrung, daß die Religion darin durchaus nicht zu kurz kommt. Mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der religiösen Erziehung von Fnrsorge- zöglingen läßt sich also ebenfalls nicht die Behauptung begründen, daß die Landeserziehungsanstalt notwendigerweise konfessionell eingerichtet werden müsse. Es ist wirklich unverständlich, wie Mitglieder des Kommunallandtags, die sich selbst als überzeugte Anhänger der Simultanschule bezeich- neten, ohne sich zu wehren, den simultanen Charakter der Landeserziehungsanstalt preisgeben konnten. „Es hätte", schrieben wir nach den vorjährigen Kommunallandtagsverhandlungen, »in Berlin sicher Eindruck gemacht, wenn der Kommunallandtag mit großer Majorität an seinem früheren Beschluß fest gehalten hätte; das wäre zugleich eine beachtenswerte Kundgebung für unsere nassaui» sche simultanschule gewesen." Man hat es indessen bedauerlicherweise vorgezogen, zu kapitulieren, ohne den Versuch gemacht zu haben, sich zu verteidigen.
Ein Hauptargument der Mehrheit, die im Kommunallandtag für den^ konfessionellen Charakter der Landeserziehungsanstalt entschieden hat, wurde dem Bescheid! des Ministers entnommen, in der er folgende Behauptung aufstellt: „Tatsächlich haben auch alle Kommunalverbände, die an die Erbauung eigener Anstalten herangetreten
Frau nicht die Türe verschließen." Bourget ging und Madame Caillaux wurde eingefüihrt. Der Diener hatte noch nicht die Türe hinter sich geschloffen, als schon fünf Schüsse dicht hinter einander krachten. Redakteure, das ganze Personal strömten zusammen — Calmette lag am Boden, Madame Caillaux stand Gleich und unbeweglich vor einem Bücherschrank. Als man auf sie eiüdrang, rief sie; „Ich denke nicht daran zu fliehen! Ich.schieße auch nicht mehr, der Revolver liegt hier . . Sie deutete aus die Waffe, die sie auf den Tisch gelegt hatte. In der allgemeinen Bestürzung wurde dem Verwundeten, der von drei Kugeln rm Unterleib getroffen worden war, ein Notverband angelegt. Er kam wieder zur Bosinnunig, bat mit schwacher Stimme um Verzeihung für die Mühe, die er verursache, übergab selbst Freunden seine Briefmappe mit gcheimen Dokumenten und sagte, als man ihn aus einer Tragbahre nach dem Ambulanzwagen davontrug: „Ick habe nur meine Pflicht getan ... Ich Hab; niemand etwas zu Leid tun wollen . . ." Viele seiner Angestellten weinten. Denn ein so so finsteres Aussehen er hatte, war Calmette persönlich als fein; liebenswürdiger, gefälliger Mann bekannt. Ehemals trat er als Boulevardchroniksur hervor, glänzte iveniger durch Witze als durch journalistische Criindungen — ,,-une idf e Par jour", wie Villemessant, der. Begründer des „Figaro", verlangt hatte. Die Art und Weise, in der er es zum Direktor des großen Blattes gebracht, geigte seinen ungewöhnlichen Ehrgeiz: er hatte die Tochter eines der Hauptaktionäre geheiratet und ließ dann die Oberleiter, die feine Fveunde. und Gönner gewesen waren, aus die Straße setzen — sie gingen nicht freiwillig und mußten durch Gerichtsbeschluß auS der Redaktion vertrieben werden. Von dem dreh- fusististhrn Organ wurde der „Figaro" wieder zu einem arifto- kratifchrn.Leibiblatt, das in derisebben Nummer für Poincargs Präsidentschaft cintrat und gleicherweise den bonapartistischen wie orleanistiischen Prätendenten zur Verßüguna stand. ES
