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Dienstag, 17. März 1914.
Morgen'Ausgabe.
Nr. 127, ♦ 62. Jahrgang.
Die Zuffragettenanarchie.
Kein Tag . ohne eine Propagandatat der englischen Wahlrechtsfurien. Das Verbrechen der Suffragette Rr ch a r d s o n, das fast einen symbolischen Anstrich hatte, da es sich gegen die Venus, die Verkörperung der Schönheit und Anmut im Weibe, richtete, ist bereits durch einige andere, wenn auch weniger sensationelle Missetaten überholt worden, , woraus hervorgeht, daß selbst die . verblüffend prompte Justiz, mit deren Hilfe man die Attentäterin alsbald nach frischer Tat aus sechs Monate ins Gefängnis geschickt hat, nicht abschreckend zu wir- ken vermochte. Jetzt ist wieder eine ganze Horde Suffragetten, darunter sogar eine sechzigjährige Matrone, ins Gefängnis gesteckt worden, weit sie im Hause des Ministers Mac Kenna sämtliche Spiegelscheiben einschlngen. Aus der Wolke ohne Wahl fällt der Strahl. Heute Fensterscheiben, morgen Gemälde, dann wieder angezündete Landhäuser und zerstörte Renntribünen, und selbst vor der Vergiftung von Hunden zu Demonstrationszwecken sind die Wahlweiber nicht mehr zurückgeschreckt. Von der Zerstörung eines Gemäldes und der Vergiftung eines Tieres ist zum Schluß bis zunr M e n s ch e n m o r d e n kein großer Schritt mehr. Wer will dafür garantieren, daß im Lande des Spleen nicht auch dieser Schritt noch gemacht wird.
Wenn der deutsche Nationaldichter Schiller lange nach seiner Aufforderung, „ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben", durch die Schandtaten der französischen Petroleusen zu dem minder freundlichen Urteil gekommen war, „da werden Weiber - zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Spott", so wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die heutigen englischen Suffragetten es noch ärger und mindestens konsequenter treiben. Im übrigen ist es ja eine alte und wissenschaftlich bestätigte Erfahrung, daß gerade das „schwache Geschlecht", an dem unsere Dichter so gern die Milde, Zartheit und Sanftmut rühmen, sehr leicht in das entgegengesetzte Extrem verfällt. Der berühmte italienische Arzt Lombrose hat das in seinem Werke „Das Weib" psychologisch zu begründen versucht, indem er schreibt: „Die Grausamkeit ist
die Reaktion eines schwachen Geschlechts gegen den Widerstand und die Hindernisse des Lebens. Das schwache Weib muß, da es seinen Gegner nicht vernichten kann, ihn mit allen kleinen Waffen der Grausamkeit quälen, um ihn kampfunfähig zu machen. Die Grausamkeit der Frau ist ein Produkt ihrer Anpass u n g an die Lebensbedingungen, sie ist wre die List eine Folge ihrer Schwäche."
Bei den Attentaten der Suffragetten treten zwei Momente hinzu, die nicht zu übersehen sind; emmat die Massensuggestion, der das weibliche Gemüt von jeher besonders leicht unterlag, und zweitens die H y st e r i e, die ja ebenfalls vorwiegend eine werdtiche Spezialität ist und durch die auch — die Hysterie ist ja meist mit einer gewissen körperlichen Unempsind- lichkeit verknüpft — die absolute „Wurstigkeit der
Stimmrechtshyänen gegen die über sie verhängten Strafen zu erklären ist.
Allerdings nur zur Hälfte zu erklären. Zur anderen Hälfte aber dadurch, daß die Suffragetten mit einiger Sicherheit darauf rechnen können, daß sie sich nach kurzer Zeit aus dem Gefängnis h e r a u s h u n^g e r n. Frau Pankhurst, die Oberkdmmandierende der Suffragetten, hat in dieser Beziehung soeben erst wieder ein ermunterndes Beispiel gegeben. Ihr Hungerstreik hat zu einen: glatten und schnellen Erfolg geführt, denn man hat sie wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen. Und Marie Richardson, die das Attentat auf die Venus des Velasquez begangen hat, ist eine anerkannte Hungerkünstlerin, die hinter ihrer ^Herrin und Meisterin schwerlich zurückbleiben wird. Solange die englischen Behörden sich durch die Nahrungsverweigerung der Suffragetten bluffen lassen, werden sie trotz der schnellen' und neuerdings auch scharfen Justiz gegen diese Propaganda der Tat, J>te sich in keiner Weise von den Attentaten der Nihilisten und Anarchisten unterscheidet, nichts ausrichten. Und es liegt auch eine starke Inkonsequenz harin. Wenn die Suffragetten das Wahlrecht für sich fordern und in dieser Überzeugung den Hungertod wählen, so soll man diese freie Wahl respektieren, wobei wir es, nebenbei bemerkt, immer noch für zweifelhaft halten, ob sie es wirklich bis zum Verhungern treiben würden.
Jedenfalls kann es als ausgeschlossen gelten, daß die Suffragetten mit ihren verbrecherischen Taten das erstrebte Ziel erreichen werden, und wenn es nochmals zu einer Abstimmung im englischen Parlament über die Frage des Wahlrechts für die Frauen kommen sollte, so würde es jedenfalls mit noch größerer Mehrheit a b g e I e h n t werden als vor zwei Jahren. Im übrigen brauchen wir in Deut s ch l a n d wohl keine Besorgnis vor ähnlichen Agitationsmethode:: der
Frauenrechtlerinnen zu hegen, und man darf gegenüber ängstlichen Gemütern daran erinnern, daß der Gesamtvorstand des Bundes deutscher Frauenvereine vor nicht zu langer Zeit eine Erklärung erlassen hat, in der es hieß: „Wir sind überzeugt, daß die Anwendung von Gewaltmitteln zu dein Wesen und den Zielen der Frauenbewegung in einem grundsätzlichen Widerspruch steht." Und die Kundgebung schloß mit der beherzigenswerten Mahnung: „Wir sind überzeugt, daß die
Frauenbewegung ihre Erfolge nur ton der a u f- bauenden Kraft der positiven Leistungen der Frauen erwarten kann. . Die Wirkung dieser Leistungen kann durch ungesetzliche^ Kampfesmittel nur beeinträchtigt und zerstört werden/
Deutsches.Reich-
X Zwei interessante Neichstagsersatzwahlen. Am heutigen Dienstag, den 17. März, finden Kwei Reichstagsersatz- wcchlen statt, und zwar in Posen 2 (Samter-Birnbaum-Obor- nik) und Sachsen 14 (Borna). Man sieht dem Ausgange dieser beiden Nachwahlen mit Spannung entgegen, weil cs leicht möglich ist, daß die Parteien, welche seither im Besitze der
Mandate waren, sie einbützen. Samter-Birnbaum-Schwerin- Qbornlk war seit 1874 ohne Unterbrechung im Besitze der Polen und zuletzt durch den Grafen Mielzynski, der am 20. D-^emocr 1913 seine Frau un!d seinen Neffen erschoß, vertraten. 1912 erhielten die Polen von 30 112 Stimmen 15 857, die Konservativen 13 164 und die Sozialdemokraten 1084. Die Polen hatten also nur 800 Stimmen über die absolute Mehrheit aufgebracht. Sie halben als Kandidaten den Prälaten Klos aus Posen ausgestellt, während die deutschen Parteien den konservativen Rittergutsbesitzer v. Haya (Radlitz) aufgestellt haben. Letzterer ist katholisch, weshalb man hofft, daß auch ein beträchtlicher Prozentsatz der deutschen Katholiken für ihn eintritt. Geschieht das, dann werden die Polen wenigstens in die Stichwahl gedrängt. — Borna war bisher durch den bekannten Reichsparteiler v. Liebert vertreten, welcher 1912 in der Stichwahl mit 13 081 Stimmen über den Sozialdemokraten Rhssel mit 13 058 Stimmen gesiegt hatte. In der Hauptwahl standen 11566 sozialdemokratischen 7331 , reichs- parteilerische und 7217 nationatliberale Stimmen gagenüber. Für die Rechte kandidiert wieder v. Liebert, für die National» liiberalen Landtagsabgeordneter Nitzschke, den auch die Fortschrittliche Volkspartei unterstützt. Da der Vorsprung der Reichspariei vor den Liberalen 1912 nur 114 Stimmen betrug, ist es leicht möglich, daß diesmal die Nationalliberalen statt der Reichspartei mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl gelangen. Dann würde das Mandat von der Rechten an die Linke übergehen. Der Wahlkampf in diesem Kreise war äußerst heftig.
* Ein Wort für die Einheitsschule. Man schreibt uns: „Die von echter Liebe zu unserem Volke getragene Sonntagsbetrachtung „Mehr Ehrfurcht" von Pfarrer Encke in Sinn erwähnt unter anderem besonders die Einheitsschule als eine wirksame Einrichtung, das Verftehenlernen und die Wertschätzung der verschiedenen Volksschichten untereinander schon in den Kinderjahren anzubahnen. Der Volksfreund schreibt: „Trotz allgemeiner Schulpflicht und Wehrpflicht, trotz des demokratischen Reichstagswahlrechts, trotz aller patriotischen Festreden und Feiern, die unsere Zusammengehörigkeit als eines einigen Volkes von Brüdern betonen, sind wir auf dem besten Wege, uns in Kasten und Klassen voneinander abzuschließen.. . . In Dörfern und kleinen Städten (wo die Einheitsschule in der Tat ist) lernt man einander kennen, in großen (wo man die Einheitsschule nicht mehr kennt) ist das unmöglich. Welch heilsame Wirkung könnte da eine Einheitsschule haben, wo, in den ersten Schuljahren wenigstens, die Kinder von reich und arm, hoch und niedrig, untereinander säßen."
* Der „Brcmserlatz gegen die städtischen Oberlehrer"
scheint wirklich zu existieren, denn die neueste Nummer des „Phil. Blattes" meldet zu einem aus Harburg mitgeteilten Fall zwei neue, ähnlich liegende Fälle aus Altena i. W. Auch dort gestattete das Provinzialschulkollegium Münster die Anrechnung des Militärjahres auf d.as Besoldungsalter zweier Oberlehrer am städtischen Realgymnasium nicht mit derselben Begründung wie im Harburger Falle: Keine Besserstellung als an Staatsanstalten!
* Kriegervereine und Parteien. Die „Kyffhäuser-Korre- spondenz" schreibt: Wie sorgsam die Kriegervereine darauf bedacht sind, sogar den Schein zu vermeiden, als ob sie Parteipolitik trieben, zeigt folgende in der „Parole", dem Blatte des deutschen Kriegerbundes, veröffentliche Bekanntmachung de?
Die Flottenreile nach Westafrika und Südamerika.
V.
Linientaufe — Südwcstafrika.
Schön war es in Kamerun, wunderschön, aber 'die feuchte Hitze wurde auf die Dauer fast unerträglich. Wir P™ selbst jn den oberen Decks, besonders in den Kasematten, mehr als 40 Grad Celsius. Ohne dringenden Grund ging man nicht in die Batterie; das Geschützexerzieren war aus den frühen Morgen verlegt, aber auch dann war es reine Kleinigkeit. Gegessen und geschlafen wurde stets auf oem Oberdeck, das in der dunklen Nacht einen merkwürdigen Cm- druck machte mit den Hunderten von schlafenden Gestalten, die in Hängematten an jeder nur möglichen Stelle sestge. macht hatten und kreuz und quer, Mer- und durcheinander
kigen. . r
Nun ging es einem frischeren Süden entgegen — uoer zunächst über die Linie. — Wochenlang war schon von dem Feste geraunt worden, das zur Feier der Linientaufe vor sich gehen sollte. Die Schneider und Mechaniker hatten bis spat in die Nacht hinein mit geheimnisvollen Privatarbeiten zu tun, und der Oberbootsmannsmaat aus dem Rootsmanns- hellegat schien überaus gründlich darin aufzuklaren; er saß bis 2, 3 Uhr nachts und — dichtete. Mancher sah dem großen Ereignis nicht ohne einige Besorgnis entgegen, und allenthalben bildete es schon Wochen vorher den tzauptgesprachs- stofi Der mit Spannung erwartete Abend vor dem großen Feste war endlich da. Ju Musterungsdivrsionen war die Mannschaft achtern angetreten, da kam Triton mit 6 Negertrabanten an Steuerbord vorne Wer und „preite" das Scknff an (rief an). Ais er vom Kommandanten und ersten Offizier empfangen, mit Hoheit und Würde nach achtern ging, um die Mannschaft zu mustern und den Besuch seines Herrschers
Neptun für den nächsten Tag in einem eindrucksvollen Gedicht anzukündigen, da war die Stimmung für das Fest gesichert.
Und es wurde ein großartig schönes Fest! Vom Admiral bis zum Jüngsten hinunter stand an diesem Sonnabend, den 17. Januar, alles im Banne des Dienstes Neptuns. So entwickelte sich eine gemeinsame Freude und Fröhlichkeit, wie man sie einträchtiger und ungestörter kaum erleben kann, voller Farben und' Pracht, voller Kamst und Humor, voller Derbheit uüd Urwüchsigkeit, und dom E roh, nie taktlos, nie häßlich. Es war ein urdeutsches S3oI--^r e lt-
Hier nur der festliche Aufzug Neptmis: Voran die Musik, wunderbare, mit einem Schurz aus Käbengarneu bekleidete Figuren, deren Haut und Haare mit Hufe von vielem Potlot glänzend schwarz gerieben waren, um die auf alten Zinken den komisch ernsten altbekannten _ Lrmenmarsch unermüdlich immer von neuem bliesen. Dahinter ernst und würdig die Polizeigewalt des Herrschers, dunre Uniformen, die Brust mit Sternen besät, den breiten 1 Überglänzenden Säbel gezogen, Riesenrevolver in den Gürteln, altmodische Hüte über den falschbärtigen Gesichtern, st. erzwangen sie Wegsfreiheit und ließen den Unglücklichen erzittern, der gehofft hatte, sich vielleicht von der Taufe drücken zu können. Denn der Aktuar bei ihnen hielt ein Riesenverzcichuis, in dem jeder, aber auch jeder, der noch nicht getauft war — und das waren die meisten — sich gedruckt fand. Und dann der Herrscher selbst mit seiner hohen Gemahlin, acht cl J ier ^'suduugZsufftte, gezogen von Schwarzen — ein $3® der Würde und Hoheit. Ungeheure Mengen von Werg hatten herhalten müssen, um den Mceresbeherrscher mit einem Rresenbart und seine Gemahlin mit der gleichen Mähne auszustatten, und die schweren Kronen auf ihren Häuptern trugen das Ihre dazu bei, daß das meengisbietcnde Paar in der Tropenmirtags- sonne trotz sonst geringer Bekleidung Ströme edlen Schweißes vergoß. — Es folgte der Hofstaat: dar Astronom mit Uhr,
Sextant, Karte und Doppclglas, Instrumenten von reichlich
fünfmal natürlicher Größe; der Barbier _ mit der riesigen Holzschere und dom unendlichen Rasiermesser, das die tröstliche Aufschrift trug „Blut will ich sehen" und der Doktor „BrechdaSbein" mit einem enormen Instrument, an dem ein mächtiger „altbackscher" Zahn baumelte, der jedem gezogen werden sollte, der sich ungebührlich benahm. Und so weiter viele prächtige Gestalten, zum Schluß die Waschbären, die schnaufend und brummend dahertrollten und den Beginn ihrer' Tätigkeit nicht abwarten konnten, bei der sie 900 Personen der Besatzung des Schiffes nu Taufbade vom Schmutze der nördlichen Zone säubern sollten.
Endlich hatte man den Thron erreicht, und Neptun (unser Bootsmannshellegatunteroffizier) Hub seine selüstge- dichwte Begrüßungsrede an:
Des wilden Meers und seiner Geister,
j jfef, der Pole finsterer Nacht
Erstreckt sich mein Reich und meine Macht. . .
IA^u.noch saß ich im Moevesschloß,
or S D'./ion,. mein Getreuer, hoch zu Roß
-Urs stürmischer Woge gezogen kam
Und ich van Eurer Ankunft vernahm.
Er meldete mir: Deinem Schloß Naht sich ein deutscher Eisenkoloß:
Nach Süden hin geht seine Reise.
Am Heck steht der Name S. M. S. „Kaiser" . . Seid mir gegrüßt, Ihr schwarzweißroten Färben, Die ruhmgekrönt sich überall entfalten.
Seid mir gegrüßt, Ihr deutschen Kerngestalten, Die sich der Wwt Bewunderung erwarben,
Aus gutem Samen svrossen volle Garben,
So will es der Mtur allweises Walten . . . Wohlauf, Ihr deutschen Jungen.
Frisch auf die See! — Hinaus!
Für Deutschlands Ruhm gerungen
Und stets „Volldamvf voraus!"
Neptun lieh sich von seinem Aktuar die Offiziere des Schiffes einzeln vorstcllen und jeder bekam eine gereimte kleine Ansprache mit mehr oder weniger kleinen Spitzen, die
