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$v eitag, 13. März 1914.

Morgen »Ausgabe.

Nr. 121. ♦ 62. Jahrgang.

Orthodoxe unter sich.

Über die unsachliche, oft persönlich gehässige Art, wie in der orthodoxen kirchlichen Presse der Kampf gegen den kirchlichen Liberalismus geführt wird, sind schon wiederholt entrüstete Klagen laut geworden. Man hat den Eindruck, daß es jenen Blättern weniger um eine sachliche Auseinandersetzung mit der gegnerischen Auffassung zu tun ist als um eine Aufrechterhaltung ihrer Machtstellung um jeden Preis. Eine andere Mei­nung als die ihre soll in der Kirche nun einmal keine Geltung haben. Es ist kein Kampf um die Wahrheit, der mit geistigen Waffen ausgetragen wird und der innerhalb des Protestantismus jederzeit sein gutes Recht hat, sondern ein nackter Kampf um die Macht, bei dem jedes Mittel recht ist.

Ein solches Urteil klingt sehr hart und wer es mit seiner Verantwortung ernst nimmt, wird es nicht ohne gute Gründe aussprechen. Um solche Gründe abvr braucht man nicht verlegen zu sein. Besonders wertvoll sind in dieser Hinsicht einige Vorgänge der letzten Zeit, und zwar um deswillen, weil sich bei ihnen der Kampf nicht gegen die liberale Gegner, sondern gegen die besonne­neren und auf Verständigung bedachten Elemente in den eigenen Reihen richtet. Diese Vorgänge sind in der Öffentlichkeit nicht genügend beachtet worden, so daß es sich schon verlohnt, sie im Zusammenhang zu würdigen.

In der „Konservativen Monatsschrift" schrieb seit einiger Zeit Professor Dunkmann die kirchliche Rund­schau, dogmatisch und kirchenpolitisch ein streng ortho­dox gesinnter Mann, der nicht nur für das Apostoli­kum, sondern auch für die lutherischen Bekenntnis­schriften unverminderte Geltung in der Landeskirche fordert. Allerdings hat er ein paarmal, z. B. im Fall Lahusen, seine orthodoxen Gesinnungsgenossen zur Mäßigung ermahnt und vor Übertreibungen gewarnt. Die Folge war, daß sich Berliner christlich-konservative Kreise, unter ihnen ein angesehener Universitätspro- feffor, hinter den Verleger der „Konservativen Monats­schrift" steckten, und ihn, wahrscheinlich unter Hinweis auf geschäftliche Schädigung, bewogen, Dunkmann zu kündigen. Das geschah denn auch und eine Rundschau für die Oktober-Nummer, die Dunkmann bereits ein- gesandt hatte, wurde nicht mehr abgedruckt.

Dieselben anrüchigen Mittel wurden gegen den Herairsgeber der Zeitschrift „Dienet einander , Liz. Eckert, angewendet, rrnd zwar gleichfalls ausschließlich aus dem Grunde, weil er es gewagt hatte, fernen orthodoxen Freunden ihre skrupellosen Machenschaften vorzuhalten und ihnen gründlich den Text zu leien. Sofort ergossen sich maßlose Zornesausbruche der orthodoxen Presse, vor allem des „Reichsboten und der „Positiven Union", über ihn. Aber dabei blreb es nicht; man griff auch hier wieder zu dem verwerflichen Mittel der geschäftlichen Schädigung. Ganz unver­blümt sprach man davon, daß Eckerts Vorgehen aus den Abonnentenstand seiner, Zeitschrift nicht ohne Einfluß sein werde, ein Wink mit dem Zaunpfahl, der gar Nicht mißverstanden werden kann. Und selbst das genügte einigen „Unentwegten" nicht. Das Stärkste leistete sich der christlich-soziale Reichstagsabgeordnete Mnmm. Er wandte sich an die 44 Herren, die auf dem Titelblatt von „Dienet einander" als Mitherausgeber und Mit­arbeiter genannt waren, mit der Aufforderung, Eckert die Mitarbeiterschaft zu kündigen und ihre Namen aus

Das Perserfest.

Von G. Kleibömer (Konstantinopel).

Van all den Völkern, die in buntem Gemisch sich durch Stambuls Gassen drängen, fallen dem Beobachter leicht die Perser auf. Ihnen scheint Allah eine der schönsten Gaben versagt zu haben: das Lachen. Dunkel, fast finster ist ihr Blick, im Gegensatz zu den Türken tragen sie eine schwarze Kopl- bcdeckung, und nur selten sicht man einmal, daß sich im Ge­spräch das Gesicht eines Persers zum Lachen verzieht. <3 m allgemeinen laufen in der Stadt am Goldenen Horn die Menschen achtlos aneinander vorüber, und wie Christen um Türken durchweg ohne Berührung neben einander leben, >o, vielleicht noch in weiterem Matz Christen und Perser. Die Völker, die täglich Zusammentreffen, kennen,sich nicht. Eine von den seltenen Gelegenheiten, in das Gefühlsleben, über­haupt in die Welt der Perser zu schauen, ist das seltsame und etwas grausame „Perserfesi". Es ist der Butztag der Perstr, an dem sie sich zurückerinnern an iden Tod Husseins, des Enkels ihres Propheten Mohammed. Ein tragisches Gejchlck hat diesen sympathischen Menschen getroffen, und als Mär­tyrer lebt er in lebendiger Erinnerung bei den Persern fort.

Der 10. Muharrem, der Tag der Totenklage um Hussein, war auch diesmal wieder ein Schauspiel von höchster Dra­matik. Am Vorabend, als der kurze Tag zu Ende ging,, MS ein ungewöhnlicher Menschenstrom hinüber in das türkische Stambul; sonst pflegen bei Sonnenuntergang hie Europäer

dem Titelblatt streichen zu lassen, und erreichte auch, daß auf dem Umschlag der November-Nummer sieben Namen fehlten. Für ein solches Verfahren fehlt einem der parlamentarische Ausdruck.

Wäre eine Steigerung möglich, so möchte, man sagen, daß der Superintendent Brüssau in Pasewalk, jetzt in Eilsleben bei Magdeburg, noch schlimmere Er­fahrungen machte. Aus Anlaß des Falles Traub ließ er eine Broschüre erscheinen „Der evangelische Pfarrer

— Beamter oder religiöser Charakter". Er lehnte den Traubschen „Linksradikalismus" natürlich sehr ent-, schieden ab und betonte mit Nachdruck das Beamten­verhältnis des Pfarrers zur Landeskirche. Sein Ge­rechtigkeitsgefühl nötigte ihn aber, auch den „Rechts­radikalismüs" der Unentwegten zu tadeln und ihn als ebenso schädlich und kirchenzerstörend zu bekämpfen. Zur Veranschaulichung wies er auf das Verhalten der „Rechtsradikalen" im Fall Lahusen hin, der zu einer förmlichen Hetze ausgeartet sei: Mochten ,das alles auch unleugbare, offenkundige Tatsachen sein, ungestraft sollte Brüssau nicht auf sie hingewiesen haben. Eine scharfe Fehde hob an; man drohte ihm mit dem Staats­anwalt. Aber das war nur das Vorspiel; denn das Endziel war, nicht ihn zu widerlegen, sondern ihm den Mund zu stopfen. Die Korrespondenz des, „Allge­meinen Positiven Verbands" übernahm die Fort­führung des Kampfes, lehnte aber — wie bezeichnend!

— Brüssaus Antwort angeblich wegen zu großer Länge ab, so daß er genötigt war, sie auf eigene Kosten drucken zu lassen und zu versenden. Es sollte ihm wenig helfen; denn wie mit einem Schlage schlossen sich ihm die Spalten der orthodoxen Presse, für die er früher viel geschrieben hatte, und sich an liberale Blätter zu wenden, verbot ihm sein streng orthodoxer Standpunkt. So war er, ohne jegliche Möglichkeit sich zu verteidigen, den Angriffen seiner Gesinnungsge- nassen wehrlos ausgeliefert. Und das alles nur wegen seiner mutigen Unparteilichkeit auch nach rechts; daß die Verdächtigungen gegen seine Rechtglänbrgkert grundlos sind, beweist schon allein seine, Brussaus, Zugehörigkeit zum Vorstand der „Positiven Union".

1 Der Unbeteiligte wendet sich voller Entrüstung und Ekel von solchem Treiben ab, das höchstens in den Ge­wohnheiten der ultramontanen und sozialdemokratischen Pr-'ffe sein Gegenstück findet. Man begreift auch, wenn den also Behandelten bittere und entrüstete Urteile über daS Gebaren ihrer „Freunde," , entfahren, und findet sein eigenes Urteil nur bestätigt, , wenn etwa Eckert zu dem Schluß kommt: „Wer em eigenes Urteil Bit haben und es selbständig zu vertreten sich „erlaubt, wird unbequem und man sucht ihn „herauszudrangeln', um ihn mundtot zu machen." Gegen dre positive Presse UN allgemeinen erhebt er den Vorwurf, sie habe vielfach die Allüren der „schlechten Presse'^ angenommen, rede von den Liberalen wie von schlechten Menschen und leiste Großes in Verzerrung von Tatsachen. Brüssau aber zeigt, wo der eigentliche Feind sitzt, wenn er dem „Allgemeinen Positiven Verband dre Umlage ent­gegenhält: „Nach seiner ursprünglichen Anlage war er eine notwendige positive Bildung. Seit er rrp Berlin in die Hände der dortigen extremen. Kirchenpolitiker gefallen ist, hat er gelernt, mit unkirchlichen und un- geistlichen Mitteln zu kämpfen, er prägt Schlagworte rn Hanf. . und wird zu einer , Treppe dre wenig gegen die großen Feinde der Kirche, aber drei, gegen bas Kirchenregiment handelt in -wnen, wie sie auf dem Be rliner'Pflaster ü blich ft™- — Wohlgemerkt,

hin-unterzugehen nach Pera. Durch die steile schmale Straße, die hinauf zum Seraskierat führt, zogen alle denselben Weg. Links und rechts türmen sich große turkistyr „Karawansereien („Hans") auf, schöne, charakterisiffche^Gebäude. Vor dem Tor, das auf den inneren Hof führt, stehen -L-chutzleute. Ein- heimische halten sie zurück, Fremde lassen sie gehen. Drinnen 'm Hof, in iben ich oft eingetreten bm, um mich.dieser male­rischen Winkel, bi? wie -schöne Klosterlreuzgange wirken, zu freuen, hat sich schon eine große Menge europäischer Zu­schauer gesammelt. Auch die Perser selbst sind in großer Zahl h'er versammelt. Einen Umgang ™ an -durch ausge­spannte Seile frei. Kaum ist die Sonne hinunter und damit der neue Tag angebrochen, so hören vmr der Straße her klagende Töne einer Klarinette, Paurenscylage dazu. Nur eine Reihe abwärtssührender Halbtöne von eigenartig melo­dischem Klanig wind unermüdlich wiederholt. Irgendetwas klopft einen merkwürdigen Takt dazu. Und da zieht die selt­same Schar auf den Hof. Fackelträger <*" den Seiten. Aus einer Petroleumkanne gießen sie in d°e großen flammenden Fackeln von Zeit zu Zeit neue Nahrung. Cm Pferd voran, am Zügel geführt. Schwarzverhangen. Es ist das leere Streitroß Husseins. Ein Geistlicher, er und alle Teil- uehmsr in schwarzem Gewand — '0$* und klagend

singt er die Leidensgeschichte Husseins. Ein zweites Pferd folgt. Eine lebende Taube ist daraus gebunden und zwei größere Flügel dazu. Cs ist Husseins reine Seele. Hinter den Pferden'kommt eine eigenartige Büßerschar: Männer, die ihr schwarzes Gewand auf dem Rücken zerrissen haben und

das sind Urteile von Orthodoxen über Orthodoxe, wie sie schärfer auch von Liberalen nicht gefällt werden könnten.

Vom moralischen Standpunkt aus braucht man über diese Vorfälle kein Wort zu verlieren; für jeden an- ständigen Menschen steht das Urteil fest. Sucht man aber kirchenpolitisch zu ihnen Stellung zu nehmen, so wird man sie nicht für eine vereinzelte „Ausnahme halten können: Drei Fälle, in diesen 3 Fällen jedes­mal streng orthodox Gesinnte, aber Besonnene und ge­recht Denkende die Angegriffenen, und jedesmal die­selbe Kampfesweise: keine Spur von sachlicher Behand­lung, sondern persönliche Verdächtigungen, Drohungen, Einschüchterungsversuche und geschäftlicher oder geisti­ger Boykott. Mit Gewalt soll der Gegner zum Schwer- gen gebracht werden, gleichviel mit welchen Mitteln. Diese Kampfesweise ist typisch, sie wird ja gegen den Liberalismus jeden Tag angewendet und zeigt sich in unseren Fällen, gegen rechts gewendet, einmal in schönster Reinkultur.

Man mag den Positiven gern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in ihrer Mehrzahl vielleicht über diese Vorgänge ebenso denken wie wir und jeder anständige Mensch überhaupt. Worauf es aber an­kommt, ist dies: Diese kleine Gruppe der „Unent-

wegten" hat die Macht und — braucht sie, rücksichts- los. Man denke an die gleiche Erscheinung auf politi- schein Gebiet: hier wie dort eine kleine Gruppe, aber mit starkem Arm und noch stärkerer Rücksichtslosigkeit. Ihrem Terrorismus beugen sich die ruhigen und be- sonnenen Elemente, und wagt wirklich einmal einer, ihnen die Maske abzureißen, so ist er gar schnell er- ledigt. Das beweisen all diese Vorgänge, von Lahusen bis Brüssau. Daß es für den, Liberalismus , dieser Gruppe gegenüber nur eines gibt: Kamps bis aufs

Messer, ist klar. Darum ist es aber notwendig, sie stets sorgfältig im Auge zu behalten.

Wollte man die Vorgänge als innere Angelegenheit der preußischen Landeskirche betrachten, man fühlt sich in der Rolle des Tertius gaudens doch nicht recht wohl. Heutzutage besagen doch solche Grenzlinien nur noch wenig. Der Personenwechsel hinüber und herüber, sonstige persönliche Berührungen und die gemeinsame Organisation über die landeskirchlichen Grenzen hin­weg, lassen einen strengen Grenzschutz nicht mehr zu. Die Nassauische Kirchliche Rechte gehört z. B. demselben „Allgemeinen Positiven Verband" an, dessen Korre­spondenz im Falle Brüssau eine moralisch so, bedenk­liche Rolle gespielt hat. Und so gehen die Fäden, hin und her. Niemand wird Bürgschaft dafür leisten wollen, daß dieser Geist der „Unentwegten", dem Macht vor Recht und vor Wahrheit geht, sich nicht auch in unseren kirchlichen Kämpfen bemerkbar machen könne. Dann wird es aber gut sein, wenn man sich rechtzeitig mit dem Feind vertraut macht. Vorsicht war noch stets besser als Nachsicht. 8. 8.

politische Übersicht.

Die Geschäftslage öes Reichstags.

Seit Jahren tobt bekanntlich ein stiller, aber er- bittertcr Kampf zwischen dem Reichstag und dem Bundesrat über die Freisahrtkarten der Abgeordneten. Wiederholt ist von der Mehrheit und zuletzt sogar ein- stimmig vom Plenum, des Reichstags dör Wunsch aus-

das nackte Fleisch mit Kettengeißeln taktmätzig peitschen, daß die Haut bläulichschwarz sich färbt oder gar das zerrissene rohe Fleisch sich geigt. , . , . ,

Und hinter diesen unheimlichen Gesellen schreitet lang­sam wie ein Leichenzug eine große Menge persischer Männer, junge und alte, arme und reiche. Sie haben sich die Brust entblößt und schlagen sich den Körper mit der Hand. Auch taktmäßig nach der Musik. Es ist der eigenartige Rhythmus, dieses Klatschen, das wir schon vorher hörten. „_Unb hinter diesen Männern kommt die grausigste Schar: in zwei Reihen, hüben und drüben eine, schreiten die Männer weiter, während sie ihren Körper nach der anderen Seite hingewendet haben und sich 'u fanatischer Erregung unablässig: „Hussein!

Hassan!" zurusen. Aus weißem Stoff hat man ihnen Um- hänge über den Oberkörper gelegt, und wie sie um den Hof gezogen sind und nun wiederkommen, da tragen sie breite Schwerter in den Händen und reißen sich damit über, den ge­schorenen Kopf. Das Blut fängt an zu rinnen, es fä^t ihre weißen Kleider rot. Und je schneller es rinnt, um so wb'Ser werden sie. Da ist ein wilder Kerl, über und über ist der Kops blutbesudelt, über die Augen rinnt es ihm, daß er nicht mehr sehen kann. Fanatisch schveit er auf den Riff der anderen, die „Hussein! rufen: „Hassan!" Und immer, grau­samer wird er sich den Kopf zerhacken. Da üs'rjer da­

zwischen und entwinden ihm mit Gewalt das >schwert. ...

Es geht uns aus die Nerven; manche europaffche ^ame zieht es vor, den Hof zu verlassen. Ein paarmal haben btt Büßenden den Hof umkreist, haben in der einen Ecke Halt ge»