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Mittwoch. 11. März 1914.

Morgen'Kusgabe.

Nr. 117. 62. Jahrgang.

Deutschland und Rußland.

Von George Cleinow.*)

Eine russisch-deutsche Freundschaft hat eigentlich niemals bestanden, sondern nur eine russisch-preußische, russisch-württembergische und russisch-hessische. Die Freundschaft mit Preußen aber hat einen Knax seit den deutschen siegen init Frankreich. Weder Alexander der Zweite noch seine Diplomaten waren darauf vor­bereitet gewesen, daß das geeinte Deutschland Frank­reich so zu Boden werfen könnte, wie es geschehen. Als inan sich 1870 zu einer neutralen Haltung verstand, lebte man an der Newa in der Hoffnung, als Ver­mittler beim Friedensschluß Früchte essen zu können, die man nicht gepflückt hatte. So fand denn auch der greise Thiers schon 1871 verständnisvolle Freunde in St. Petersburg und der französische Botschafter am Zarenhofe, Le Flo, konnte dort eine Partei sammeln, die Rußland gern schon im Jahre 1875 zum Bundes­genossen Frankreichs gemacht hätte, wenn der Herzog von Chambort nicht durch seine Bedingungen die Pläne der Royalisten zerstört hätte. Mit einem republika­nischen Frankreich aber inochte Alexander der Zweite, der doch das Dreikaiserbündnis lediglich als ein Kampf- organ gegen die Demokratie auffaßte, auch im Hinblick auf die politische Lage bei sich zu Haus, nichts zu tun haben, ^ie Bündnisfrage wurde vertagt, aber nicht begraben. Die Annäherung an Frankreich vollzog sich allmählich, von den Gebildeten der russischen Gesellschaft immer freimütiger bei Hofe und in der Presse pro­pagiert, bi? Dagmar von Dänemark, als Gattin des dritten Alexander Maria Feodorowna, die Sympathien für Preußen am Hofe ihres Gemahls fast völlig zurück­gedrängt hatte und die Preisgabe des Rückversicherungs­vertrages zwischen Deutschland und Rußland im Jahre 1890 auch dem amtlichen Rußland den Weg in die Arme Mariannens freilegte. Gegenwärtig beruht die Freund­schaft zwischen Rußland und Deutschland nur mehr auf dem Verhältnis zwischen dem. Kaiser Wilhelm und dem Zaren Nikolaus dem Zweiten.

Die augenblicklichen amtlichen Beziehungen sind korrest und im Hinblick auf die Persönlichkeiten Ssawnows und Jagows vertrauensvoll und sogar mcht ohne Wärme. Aber sie sind belastet einmal durch die rasende Feindschaft d" Russen gegen ö sterreich-Ungarn, welche die Diplomaten, der Jgnatjewschen Schule voni Schlage Hartwigs schüren, und zweitens durch die ganz ungewohnlrcy scharfe, vom russischen Finanzministerium, hinter dem bekannter maßen die französischen Geldgeber Rußland., stehen, geförderte H etz e der r u ssr s ch en ^n i u str r e gegen den Handelsvertrag mit DeutschIand. Diese

durch die Kämpfe der jüngst vergangenen >fahre, auf

dem Gebiet der allgemeinen Wirtschaft und der Orient- politik besonders herausgebildete Stimmung erhatt * j Gemae Eleinow, der bekannte Herausgeber der Gr enboten". bat,jahrelana als kritischer Beobachter und ^eitungsko ' resvondent m Rußland gelebt. Er .w" yeure als d-r beste Kenner russischer Verhältnisse und ru,st'cher P-^,-

t!k in Deutschland. Die nüchtern-kühle S a w/'ch-

keit er anaesichts der starken Stichen

Span nun» die Dinge ansieht und auf ihre letzten hyto- scheu, wirtschaftlichen und volitischen Grunde untersucht, wnd nackcheu' wir in der lebten Abend-Ausgabe dasiolve_e-> ' XBema behondölten. zwenellos das lebhafteste wertere Inte st unsr er Leser wecken. Die Schrift!.

Bilder aus der Neichshauptstadt.

Srnfströnchen.

Als vor einem halben Dutzend Jahren die schöne Erfin- duna des Sechstagerennens aus Amerika zum ersten Male zu uns nach Berlin importiert wurde, durfte man noch nutzt rm Diminutiv von ihr reden. Es war wirklich eine Senl«w für die Nerven, als zum ersten Male die Startglocke ern Dutzend Fahrer auf die Reise von 144 Stunden schickte uuo

die Teilnehmer mit wildem Eifer um die Preise und den Ruhm kämpften. Inzwischen haben wir das Schauspiel ftws Mal aenoffen und wissen, daß es wirklich nur ein Schaustu^ ist. Die Augen sind geschärft worden und wenn uns heute der Weg in den Sportpalast in der Potsdamer Straße führt, wo die Helden vom Stahlroß zum siebenten Male die Renn- komödie spielen, sehen wir längst nicht mehr nur das sportliche Ereignis, das fesselnde, m all seiner Bizarrerie originelle Bilds sondern wir sind uns ganz klar bewußt, daß wir uns- einfachveräppeln" lassen, wie der Berliner so schön sagt.

Es ist merkwürdig, daß der Berliner Polizeipräsident, der sich doch sonst so heftig um das seelische und körperliche Wohlbefinden unser aller bekümmert, die Einrichtung der Sechstagerennen so ungestört passieren läßt, sie sogar durch seinen Bestich sozusagen legitimiert. Denn im Grunde M diese ganze Veranstaltung das Peinlichste und Widerlichste, was man in Berlin erleben kann. Der Auswurf der Welt­stadt findet sich in den sechs Nächten zusammen, Gemeinhen und Verbrechertum drücken den billigen Plätzen energisch ihren Stempel auf, und das Bild wird wahrhaftig nicht dadurch

nun eine ganz speziell gegen Deutschland gerichtete Spitze durch die eben stattfindenden Veröffentlichungen von Memoiren Jgnatjews, desVaters der Lüge", in zwei angesehen historischen Zeitschriften und in dem Nowoje Wremja", die Deutschland dafür verantwort­lich machen, daß der Krieg von 1877/78 keine größeren Früchte für Rußland trtig, was wieder von Jgnatjews Jüngern als der letzte Grund dafür ausgegeben wird, daß Rußland auch während der letzten Balkan­krise so schlecht abschnitt. Spricht die russische Presse über Österreich-Ungarn, das angebliche Werkzeug der deutschen Diplomatie, mit Verachtung, so spricht sie von uns mit ehrlichem, glühendem Haß. Das Ge­fährliche an diesen Tatsachen ist, daß die politisch und wirtschaftlich einflußreichen Kreise glauben, was ihnen die Hetzer vorschwatzen, weil es gegenwärtig in ihren Kran: zu passen scheint. Ein Moment, weniger greifbar als die beiden schon erwähnten, aber nicht minder wirk­sam, tritt hinzu: die heimliche Kriegstreibetei jener Lausende polnischer, jüdischer, armenischer, lettischer, demokratischer Nationalisten und sonstiger Föderalisten und Sozialisten, die von einem europäischen Kriege den Zusammenbruch der z a r i s ch e n M a ch t er­warten.

Der Kamps gegen Deutschland ist somit in ganz Rußland populär: die Frage bleibt, ob die Kampflust

bereits eine Temperatur erreicht hat, daß man von Kriegslust oder gar von bestimmten kriegerischen Ab­sichten sprechen könnte.

In gewissen Kreisen, die heute einen Teil der Diplo­matie und wohl die gesamte Armee umfassen, besteht eine unverhohlene Lust, sich mit den Deutschen auf dem Schlachtfeldes zu messen, mit den Deutschen, die so lange Rußlands unbequeme Lehrmeister gewesen sind. Dort herrscht obendrein schon seit mehr als vierzig Jahren die Auffassung, Deutschland habe es auf die ehe­mals polnischen und litauischen Landes- teiie sowie auf die baltischen Provinzen abge­sehen. Solche Stimmung gibt einen ungeheuren An­reiz-und kommt der Ausbildung der Armee zugute: man Will die Scharte von 1905 in Ostasien am deut­schen Stein answetzen. Entsvrechend sind die für die Ausbildung angewandten Maßstäbe, entsprechend ist auch de - Eifer der russischen Offiziere. Die Deutschen zu schlagen, wäre ihnen eine ungeheure Genugtuung!

Die Regierung des Zaren hat von ihrem .Stand­punkt aus keine Veranlassung, den gekennzeichneten Stimmungen entgegenzuwirken: sie lenken von den

innerpolitischen Angelegenheiten, von Verfassungs- und Selbstverwaltungsfragen ab, konzentrieren die Auf­merksamkeit auf einen hochbewerteten ausländischen Geaner und stärken das staatlich-nationale Bewußtsein. Und mehr noch: sie machen die Steuerzahler gefügig in der Herausgabe von Geldern für Rustungszwecke, wo­durch wieder, für die Liberalen unmerklich, allmählich alle Reformgedanken abgedrosselt werden und der inner- politische und kulturelle Schwerpunkt wieder znrückver- legt wird in die Arme e, wie zu Zeiten Nikolaus des Ersten. Unter den zuletzt erwähnten innerpolitischen Gesichtspunkten muß vor allen Dmgen die Erhöhung des RÄrutenkontingents, die nach französischen Quellen 90 000 Mann betragen soll, gestellt werden: mit der

Heranziehung aller waffenfähigen ^ugend zum Heeres­dienst glaubt sich die Regierung von einem weiteren

verschönl, daß der gebildete Pöbel, her in Frack und DecoMtz überall dabei sein muß, wo es einen Nervenfi^xf sich zwischen den Mob vom Gesundbrunnen Meot. Früher batte man für die Szenerie dieser Rennen vielleicht noch die Ent­schuldigung vom sportlichen Interesse, konnte vielleicht gar mit demokratischer Geberde darauf Hinweisen, wre der Sport Thronfolger und Volk in engem Raume vereine. Aber schließlich ist doch wohl von Sport nicht mehr die Rede, wenn die Paare nach den Wünschen der Radsabrikanten zusammen­gesetzt werden, wie es diesmal geschehen ist, oder wenn die Pneumatiklieferanten darüber bestimmen. Und wie sportlich müssen die Fahrer denken, die, wenn es ihnen paßt, einfach die Bahn verlassen und gemütlich über den ^nnenraum gon. dein! Um die Leitung stören sie sich den Teufel, und auf alle Vorstellungen antworten die Kavaliere vom Stahlroß mit jener Urwüchsigkeit der Ausdruckswepe, die das Helle Ent­zücken der Gäste vom Stehplatz hervorruft. Man imponiert in diesem Jahre der Öffentlichkeit ein bißchen mit Rekord- ziffern, aber es ist natürlich nicht schwer, Rekorde zu brechen, wenn die Fahrten durch den Jnnenraum auch als Runden ge­rechnet werden. Seltsam scheint bei alledem das Verhalten der Berliner Tagespresse, die kaum emmal in sanften Be­merkungen den Unfug des ganzen Treibens geißelt.

In dieser Gesellschaft erscheint denn eines Abends auch der Kronprinz. Der zukünftige , deutliche Kaiser verschafft durch Stiftung von Zigarettenetuis und Manschettenknöpfen sich und der Menge die Ncrvenscnsation von ein paar raschen Runden. Die machen ihn beim Janhagel wieder populär, aber auf den ruhigen Zuschauer ist der moralische Eindruck dieses Bildes, das .den Thronerben als begeisterten Teil­nehmer eines Vergnügens von nicht höheren Reizen als

Ausbau des Volksschulwesens entbunden, da ja die- übrigens in den letzten Jahren wesentlich ver­besserten Regimentsschulen alles nachholen, was die staatliche Volksschule versäumte.

Einen direkten Vorstoß gegen die revolu­tionäre Bewegung bedeutet die Zurückhaltung der a u s g e b i I d e t e n Jahrgänge bis in den April hinein. (Bis 1911 wurden sie am 1. Januar entlassen.) Gewiß kommt diese Zurückhaltung einer Stärkung der Armee für drei Monate um rund 400 000 'Mann gleich, aber diese 400 000 Mann werden zugleich dem allgemeinen Arbeitsmarkt ent­zogen in einer Zeit, wo bekanntermaßen das Arbeits­angebot in ganz Rußland am geringsten ist. Die zum 1. Januar entlassenen Soldaten, die bis zum Frühjahr keinen Erwerb fanden und infolgedessen ihren Familien auf dem Dorfe zur Zeit der großen Fasten aus der Tasche lagen, stellten bisher ein selten empfängliches Objekt für die revolutionäre und sozialistische Infektion dar. Jetzt scheidet es aus: die Entlassung findet zu einer Zeit statt, wo die Ackerbestellung beginnt, wo auch in den nördlichen Teilen Rußlands schon die Geräte für die Ackerbestellung in Ordnung gebracht zu werden pflegen. Dann aber tritt eine harte Arbeitszeit für den Mushik ein, in der alles stramm heran muß und niemand Lust hat, hinterm Ofen zu hocken und sich von sozialistischen Wanderrednern Zukunftsträume vor­malen zu lassen. Dazu waren die Fastenwochen gut!

Könnte nian somit einen guten Teil der russischen ' Kraftanstrengungen auf militärischem Gebiet mit Grün­den der inneren Politik erklären, so bleiben doch genügend Faktoren übrig, die uns die russischen Rüstun­gen verdächtig erscheinen lassen müssen: Die Fremrd- schaft mit Frankreich, die systematische Hetze gegen Deutschland und die verstärkte Truppen­konzentration an unserer und an der ö st er­reich i s ch - u n g a r i s ch e n Grenze. Um die Be­hauptung nicht unbewiesen zu lassen: es sind in neuester Zeit an unserer Grenze zwei neue Armeekorps aufgestellt worden (an der ostpreußischen und an der schlesisch-posenschen je eins). Außerdem aber ist eine ganze Reihe neuer Truppenteile aufgestellt, die in be­stehende Divisionen und Brigaden eingeschoben wurden und infolgedessen nach außen hin nicht so in die Er­scheinung treten wie die beiden neuen Armeekorps. Aus einer besonders aus französischen Informationen be­ruhenden Zusammenstellung läßt sich das folgende ent­nehmen:

Bei der Infanterie wurde die etatsmäßige Auf­stellung von Maschinengewehrkommandos zu acht Ge­wehren bereits im letzten Jahre überall durchgeführt. Versuche mit Radfahrerabteilungen deuten darauf hin, daß auch in Rußland die Aufstellung derartiger Forma­tionen (wahrscheinlich bei den Schützenbrigaden) beab­sichtigt ist. Bei der Kavallerie werden 19 neue regu­läre Regimenter aufgestellt. Zur Deckung des erhöhten Pferdebedarfs wurden für 1914 über 4 Millionen Mark mehr in den Etat eingestellt als im Vorjahre. Auch bei den Kavallerie-Divisionen sind die berittenen Maschinengewehrkommandos überall bereits aufgestellt worden. Aus einer Äußerung des Chefs des General­stabes läßt sich ferner entnehmen, daß die Bildung von Nachrichtenabteilungen bei den, Kavallerie- und Kosaken- Divisionen beabsichtigt ist. Hierauf deuten auch Be-

Roms Zirkuskämpfen zeigt, recht wenig erhebend. Hier wird nicht ein edler Kampf durch den Zuschauer noch geadelt, sondern viel eher der Zuschauer durch da§ Niveau des Amüse­ments gedrückt. Nichts ist vielleicht für das Niveau bezeich­nender als die Tatsache, daß alle Erregungen in die Nacht fallen. Man muß am Tage in die Halle treten, wenn man die Unsportlichkeit und das, Plebejertum der ganzen Veranstal­tung erkennen will. Ringsum drücken sich im weiten Raum ein paar Hundert Menschen an den Wänden herum, die mit den Fahrern Wechselreden tauschen, denen man die Auf­nahme in einen modernen Knigge kaum gewähre« würde. Auch diese kräftigen Anfeuerungen nutzen freilich nichts: die Fahrer trotten^ ruhig ihres Weges weiter. Erst in der Nacht, wenn seiderauschende Damen und Dämchen ihre Muskeln be­wundern können, wenn die Kavaliere aus Oft und West Hundertmarkscheine für einen kleinen Nervenkitzel opfern, wenn aus tausend Kehlen ungestüme Rufe drohen, wenn die Sektpfropfen knallen und die schwüle Luft der Großstadt von der Straße in breiten Wellen hereinschlägt dann erst, in dieser Atmosphäre voll Gier und Unsauberkeit, aber auch voll rasender Genußsucht und wilder Sensation, geruhen die Herren Fahrer sich auf die Erfüllungsportlicher" Aufgaben zu besinnen. Einer schießt vor aus der Menge und rast an den andern vorbei. Im nächsten Augenblick hängt sein bunter Sweater einsam auf der Kurve, die in schwindelerregender Steilheit auf den schmalen Seiten der Bahn emporwachft, und saust dann davon, vovwärtsgepeitscht vom fanatischen Gehrüll der Anhänger, von den Atemzügen der Tausende, dre pfeifend die Luft durchschneiden, von dem hysterischen JuDel-der nächt­lichen Frauen. Und im übernächsten Augenblick hangen die anderen schon wieder an seinen Pedalen, in toller Jagd geht