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Witsbg-ener Tsgblatt.

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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts- Berlin-Wilmersdorf. Guntzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 «. 451.

Dienstag» 10. März 1914.

Morgen -Kusgabe.

Nr. 115. * 62. Jahrgang.

Eine bewegte parlaments- feffton in Österreich.

(Von unserem Wiener Korrespondenten.)

KW. Wien, 7. März.

Vier Tage vor Einberufung des Abgeordneten­hauses sind die von der Regierung Stürgkh eingelei­teten tschechischen Ausgleichsverhandlungen definitiv ge­scheitert. Der Entrüstungssturm der deutsch-böhmischen Bevölkerung hat sie hinweggefegt. Die deutschen Ab­geordneten, die im Wiener Parlamente den Grundstock der Regierungsmajoriät bilden, glaubten anfangs mit Rücksicht darauf eine weniger schroff ablehnende Hal­tung einnehmen zu können. Sie hielten die Regie­rungsvorlagen zwar ebenfalls für gänzlich unannehm­bar, wollten aber der Regierung gegenüber wenigstens den Verhandlungsfaden nicht abreißen. Aber das kam wie ein Gewitter: zuerst geharnischte Proteste aus den deutsch-böhmischen Städten, dann ein allgemeiner Auf­schrei, der auch die Abgeordneten mitriß. Eine Partei nach der andern erklärte, sich an Ausgleichsverhand- lungen auf solcher Basis nicht beteiligen zu wollen und Sonntag lehnten alle deutsch-böhmischen Parteien ihre Teilnahme an den weiteren Ausgleichsverhandlungen ab. Die neuesten Regierungsvorlagen, in ihrem In­halte an Stremayr und Badern erinnernd, welche die deutsch-böhmischen Bevölkerung gänzlich unter das Joch der Tschechen bringen wollten, existieren nicht mehr. Die deutsch-böhmische Bevölkerung hat noch einmal die Kraft aufgebracht, diesen frechen Anschlag auf seine nationale Existenz abzuwehren. So einfach geht es doch noch nicht und wenn die Regierung künftig Aus­gleichsverhandlungen wird haben wollen, wird sie eben nicht mehr einseitig für die Tschechen Partei nehmen dürfen.

Mit den Ausgleichsverhandlungen ist auch die jetzt beginnende Parlamentssession so gut wie zerschlagen. Das österreichische Abgeordnetenhaus mußte Ende Januar vertagt werden, weil die tschechische Obstruktion die Votierung des Budgetprovisoriums verhinderte. Die Regierung mußte den provisorischen Staatsvoran­schlag mit Hilfe des Notparagraphen in Kraft setzen. Sie hoffte, daß die inzwischen eingeleiteten Ausgleichs- Verhandlungen beruhigend auf die tschechische Obstruk­tion wirken würden. Die Tschechen verlangten dre Herstellung verfassungsmäßiger Zustände in Böhmen, also in erster Linie die Beseitigung der im sommer an Stelle des Landesausschusses eingesetzten Verwal­tungskommission. Die Regierung hätte dann geant­wortet, sie sei auf dem besten Wege dazu und habe zu diesem Zwecke neuerliche Ausgleichsverhandlungen zwischen den deutschen und den tschechischen Parteien eingeleitet. Möglich, _ daß dieses Auskunftsmittel ge­nügt hätte, eine ruhige Parlamentssession zu ermög­lichen. Es ist jetzt nicht mehr anzuwenden, da die deutsch-böhmischen Abgeordneten die Ausgleichsver- handlungen abgelehnt haben und die Mißstimmung bei den Tschechen, die ihren Raub schon in der Tamw zu haben glaubten, naturgemäß zugenommen hat. Die Tschechen, speziell die tschechischen Agrarier, haben be­reits die tschechische Obstruktion auf allen Linien, also hegen sämtliche Regierungsvorlagen angekündigt und Niemand zweifelt, daß sie aus dieser Drohung Ernst machen werden. Ihre Forderung nach Ausschrerbung

der Neuwahlen in den böhmischen Landtag ist wegen des Widerstandes der Deutschen unerfüllbar, die die einseitige Parteiherrschaft eines tschechischen Landesaus­schusses nicht zugeben würden, infolgedessen bedeutet die tschechische Obstruktion abermals die völlige Lahm­legung jeder geregelten Verhandlungstätigkeit im öster­reichischen Abgeordnetenhause.

Die Regierung gerät dadurch in eine unangenehme Sackgasse. Diese Parlamentssession war der neuen Wehrvorlage gewidmet, außerdem hätten das Anleihe­gesetz und die aus strategischen Gründen wichtige Vor­lage über den Ausbau des böhmisch-herzegowinischen Eisenbahnnetzes erledigt werden sollen, also Vorlagen, die mit Rücksicht auf die auswärtige Situation und auf den Geldbedarf des Staates kaum mehr einen Aufschub vertragen. Trotzdem ist unter den gegebenen Verhältnissen an eine Erledigung dieser Vorlagen in dieser Session kaum mehr zu denken. Um so weniger, als der offen eingestandene Zweck der tschechischen Ob­struktion nicht allein die Wiederherstellung verfassungs­mäßiger Zustände in Böhmen ist, sondern auch die Be­seitigung des gegenwärtigen Kabinetts. Wenn es sich Herausstellen wird, daß die tschechische Obstruktion die Arbeitsfähigkeit des Abgeordnetenhauses abermals ver­hindert, wird die Regierung das Haus abermals der- tagen. Die Gerüchte über eine bevorstehende Auflösung des Hauses entsprechen nicht den Tatsachen, da am 21. April die Delegationen zusammentreten, was allein schon eine Auflösung des Abgeordnetenhauses aus­schließt. Die Regierung wird dann genötigt sein, neben der Militärvorlage auch ihren Geldbedarf in der vorläufigen Höhe von ungefähr einer halben Milliarde auf außerparlamentarischem Wege zu decken, wahr­scheinlich im Wege einer Schatzscheinemission. Ein Experiment, das den parlamentarischen Zuständen in Österreich sehr gefährlich ist und nicht unwesentlich da­zu beitragen dürfte, den tiefgesunkenen Parlamentaris­mus noch mehr beiseite zu schieben, als das bisher schon geschehen ist.

politische Übersicht.

Temps" wetterlv.

Der PariserTemps" hat mit seiner haltlosen Unterstellung, daß der Petersburger Artikel der ,Höln. Zeitung" über Rußlands Rüstungen den Reichstag auf eine neue H e e r e s v e r m e h r u n g vorbererten solle, den treuesten Gesinnungsgenossen in dem Organ des Reichstagsabgeordneten Wetter 16 gefunden. Dieses vertrat unbekümmert um den Verlauf, den die auf Rußlands Rüstungen ausführlich eingehende Ausschuß­beratung der deutschen Wehrvorlage genommen hat zur gleichen Stunde, wie derTemps", die erwähnte Auffassung. Ist solche Übereinstimmung zwischen einem reichsdeutschen Blatt und dem Organ des Quay d'Orsay schon _ an sich charakteristisch, so A^chnet sich der ein­schlägige Artikel der Zeitung Wetterlas auch in einer Reihe von Einzelheiten durch Mißachtung und Mißdeutung des deutschen Standpunktes aus.

Das Wetterlä-Blatt findet die Haltung der deutschen Presse gegen Rußlandfast herausfordernd" und stellt rhr die halbamtliche Wiener Presse gegenüber, die sich über die militärischen Maßnahmen Rußlands gar nrcht beunruhigt habe. Schade, daß dre Beweise hier-

Nachdruck verb-te»

Londoner Leben.

sche Straßenbahnen. Unsere besten Freunde. »Die cmiösen deutschen Formen". _ Deutsche Oper allsm- iendDer fürchterliche deutsche Ernst" ~ " Der ersteCourt"

. Vor-Sarson.

Was wir auch von dem Londoner Verkehrswesen halten mögen . zumal von den unterirdischen wie den überirdischen Eisenbahnen, die Straßenbahnen lassen jedenfalls diel zu wünschen übrig, sowohl in bezug auf ihre Ausstattung im allgemeinen wie auch sonderlich auf ihre Sauberkeit.

Ich hatte letzthin in einem Straßenbahnwagen Platz ge­nommen, da stiegen zwei englische Damen ein. Der Schaffner mußte ihnen dabei wohl behilflich gewesen sein, das Merkmal seiner breiten Hand war auf dem Chiffon-Velours-Ärmel der einen deutlich genug sichtbar.Das geht so leicht nicht wieder heraus", sagte sie unwillig.Wie ist das alles anders in Dresden", seufzte sie dann laut, so laut, als wäre es nicht nur für ihre Begleiterin, sondern für sämtliche Fahrgäste gemeint. ..Da sind die Schaffner saubere artige Leute in schmucken Uniformen." Sie blickte sich um und fuhr dann noch lauter fort:Und wo ist die Uhr? Wo die Zeitung?"

Ich weiß wirklich nicht, ob man in Deutschland jetzt so weit geht, jedem Fahrgast bei seinem Eintritt eine Tages­zeitung zu behändigen. Vielleicht handelt es sich nur um ein Annoncenblatt, und unsere liebenswürdige Dame trug nur ein bißchen dick aus.

»Jedenfalls ist hier nicht alles so verhängt und so luft­dicht verrammelt wie in Deutschland, warf die andere schüchtern ein.Man kann wenigstens atmen."

Freilich, Vorhänge gibt es in englischen Straßenbahnen nicht. Wohl aber ist gewöhnlich ein Fenster und stets die Hintere Tür offen, so daß es an frischer Luft nicht eben mangelt. Und die Engländer, die so viel Gewicht darauf legen und daran gewöhnt sind, empfinden diedeutsche Ver­rammelung" denn auch als etwas Unleidliches. Selbst unsere Deutschland-Verehrerin hatte nichts zu ihrer Verteidigung vorzubringen, lenkte aber das Gespräch bald auf andere Vor­züge Dresdens über, wo sie letzthin offenbar einige Monate zugebracht hatte.

Ja, es gibt Engländer und _ Engländerinnen, die für Deutschland schwärmen, oder, wie ein englischer Fxeund, mit deui ich die verschiedenen Reisewege nach Deutschland be­sprach, letzthin meinte:Gewiß, viele schöne Reiserouten führen nach Deutschland, meine Tochser kann nur gar keine ausfindig machen, die sie zurückbringt." Freilich muß ich auch gleich hinzufügen, es gibt noch viel mehr Leute hier, die ganz die gegenteiligen Ansichten über Deutschland hegen, über deutsches Wesen, deutsche Sitten und Lebensart die tollsten Urteile fällen fast so toll, wie dies von manchen Deutschen über England geschieht. Da mag es uns denn noch einen Trost gewähren, daß diejenigen am besten von uns denken, die uns ani besten kennen, die in Deutschland gelebt haben. Sie, die anscheinend so teilnahmslos und unnahbar ebenso langweilig aussehend wie gelangweilt- über die deutschen Straßen dahinschreiten, sind gewöhnlich unsere guten

für nicht geliefert werden! Wer dieWiener Reichs­post" gelesen hat, muß das Gegenteil jener Behaup­tungen für richtig halten. Entwirft also das Wetterlö- Blatt von der Haltung der halbamtlichen Wiener Presse ein falsches Bild, so ist es um die harmlose Deu­tung der russischen Rüstungen mit einem Eifer be­müht, der den Neid russischer Offiziösen er­regen könnte. Von diesem lichten Hintergründe heben sich um so dunkler diefast herausfordernden" Machen­schaften der deutschen Presse ab, die das Wetterlä-Blatt folgendermaßen erklärt:Konservative und National-

liberale haben das Bedürfnis, um dem deutschen Volke ihre reaktionäre Politik auszuerlegen, die öffentliche Meinung Deutschlands in dem Zustande hochgradigen Fiebers zu erhalten. Wir können also auf neue Lärm­aktionen, neue Forderungen für militärische Zwecke, neue Steuern gefaßt sein."

Soweit sich diese Ausstreuung mit Unterstellungen desTemps" deckt, ist sie bereits halbamtlich als hetzerisch zurückgewiesen worden. Wenn das Wetterlä-Blatt außerdem gegen Konservative und Nationalliberale jene Anschuldigungen erhebt, dann beweist es hiermit eine um so größereSkrupellosigkeit, als ihm unmöglich entgangen sein kann, daß fortschrittliche Blätter und Zentrumsorgane wie dieGermania" die russischen Rüstungen ganz ähnlich wie dieKöln. Ztg." beurteilt haben. DieErinnerung an diese Tatsache genügt, um den wahren Wert der obigen Darstellung des WetterI6-Blattes erkennen zu lassen und die Liebe­dienerei zu beleuchten, in der es Rußland gegenüber sich gefällt. Daß hierfür nicht nur Rußland, sondern auch der PariserTemps" und seine Hintermänner dem Wetterlä-BIatte dankbar sein dürfen, versteht sich am Rande.

Die öeutsch-ostafrikanische Sklavenfrage.

Das Reichskolonialamt hat kürzlich dem Reichstag eine Denkschrift über die H a u s s k l a v e r e i in Deutsch-Ostafrika unterbreitet. Zu ihr nimmt der Kaiserl. Bezirksamtmann a. D. Dr. K a r st e d t in der Deutschen Kolonialzeitung" Stellung, indem er die Haussklaverei als eine sehr milde Form der Hörigkeit nachweist.

Härten und Grausamkeiten verursachte auch weni­ger die Sklaverei als der Sklavenraub. Sklaven- raub hat aber das Gebiet von Deutsch-Ostasrika in größerem Maße nicht gekannt: der spielte sich mehr in den westlicheren Ländern Zentralafrikas ab. Das heu­tige Deutsch-Ostafrika war sür den Menschenhandel nur Durchgangsgebiet. So wurden von 1862 bis 1867 allein über Kilwa mehr als 97 000 Sklaven ausgeführt. Und wenn es Tatsache ist, daß auf jeden zum Verkauf ge­brachten. Sklaven 10 entfielen, die beim Raub und auf dem Marsch zur Küste umkamen, so kann man die zer­störende Bedeutung des Sklavenraubs ermessen.

Die Zahl der im Schutzgebiet lebenden Unfreien wird amtlich auf 206 000 ^ 2,5 Prozent der Gesamt­bevölkerung geschätzt. Es sollte anzunehmen sein, daß bei der leichten Freikaufmöglichkeit diese Zahl in Kürze auf ein Minimum herabgedrückt wäre. Das ist aber nicht der Fall; denn unsere Eingeborenen sehen viel zu sehr den Nutzen ein, den ihnen das Sklaven- und Hörigkeitsverhältnis bietet. Als Freie wären sie ge­zwungen, sich selbst zu ernähren, während jetzt der Herr dafür aufkommt.

Freunde. Sie sind auch gar nicht so unnahbar, wenn inan sie nur zu nehmen weiß und fast möchte ich sagen nicht zu artig ist, wenigstensdie zeremoniösen deutschen Formen" nicht zu stark aufträgt, das tiefe Hut-Herunterreißen, die steifen Verbeugungen',das ewige Vorstellen" unddas immerwährende Handschütteln . Der Engländer hat ja auch seine Formen gute und schlechte, aber sie sind doch wohl nicht so steif-zeremomos wie die deutschen, und diese wirken auf ihn leicht befremdend. Wenn er dann aber wirklich zu- weilen unnahbar erscheint und mehr!-, so ist das auch wohl unsere eigene Schuld, indem manche Deutsche nur zu geneigt find, zu viel Notiz von ihm zu nehmen. Schon das rücksichtslose Anstieren, in dem manche Deutsche und Fran­zosen ! " gerade dem Fremden gegenüber Erstaunliches leisten, mag in ihm den Gedanken wecken, daß er doch wohl etwas Besonderes sein muß. Manche Deutsche laufen den Engländern auch geradezu nach, nur um ihre englischen Brocken anzubringen und weil das Fremdländische auch sonst seine eigenen Reize für sie hat, und noch andere möchten ans reiner Gutmütigkeit gerade dem Ausländer Aufmerksamkeiten erweisen. Wahrlich, ich möchte niemand veranlassen, ihm gegenüber nicht recht artig zu sein, aber manche Deutsche gehen darin auch wohl zu weit, und der Engländer, der in seinen Lebensformen wenn auch nur äußerlich mehr Zurückhaltung gewohnt ist, wird dadurch eben in dem Bewußt­sein seiner eigenen Wichtigkeit leicht nur bestärkt. Wir kommen wie ich bereits in meinem BucheEngland von heute" näher ausgeführtmit ihm oftmals viel weiter, je weniger wir ihm Beachtung schenken. Dann kommt er uns."