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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.
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Berlin» Redaktion des Wiesbadener Tagblatts l Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 451.
Montag, 9 , Mürz 1914.
Abend-Ausgabe.
Hr. 114. ♦ 62. Jahrgang.
Eine russische Anfrage?
Nach einer Meldung aus Petersburg soll der russische Botschafter in Berlin, Herr Swesbejew, an den Staatssekretär des Auswärtigen, Herrn v. Jagow, „in der freundlichsten Form" die. Frage gerichtet haben, ob der vielerwähnte Artikel der „K ö l n. Z t g." über die russischen Rüstungen etwa den Wünschen oder den Anschauungen der deutschen Regierung entspreche? Der Botschafter soll diesen Schritt angeblich damit begründet haben, daß die deutsche Regierung der russischen eine ähnliche Frage vorgelegt habe, als die Rede Ssasonows über den deutsch-russischen Handelsvertrag veröffentlicht wurde.
Die Petersburger Meldung klingt wenigstens in dieser Form durchaus unwahrscheinlich, kann gar nicht zutreffen. Der angebliche Vergleich mit der Rede Ssasonows ist in keiner Weise zugkräftig, denn dort handelt es sich um die Äußerung eines verantwortlichen Staatsmannes, hier um den Artikel eines nicht etwa offiziösen, sondern nur z u- w ei len offiziös benutzten Blattes, noch dazu um einen Artikel, der von dem Blatte ausdrücklich als private Arbeit seines Petersburger Korrespondenten bezeichnet Worden ist. Weiter aber scheint die Meldung von der angeblichen freundschaftlichen Anfrage schon deshalb keine. Glaubwürdigkeit zu beanspruchen, weil die in dem fraglichen Artikel berichteten Tatsachen über die russischen Rüstungen und die unfreundlichen Gesinnungen, die man an den maßgebenden Stellen im Zarenreich gegen Deutschland zur Schau trägt, kaum ernsthaft zu widerlegen sind, wenn man auch die in dem Artikel gezogenen Schlußfolgerungen nicht ohne weiteres oder jedenfalls nirr mit sehr starken Vorbehalten zu unterschreiben braucht.
Freilich hat das Organ des russischen Finanzministers die in der Auslassung der „Köln. Ztg." enthaltenen Angaben so summarisch dementiert, daß schon deshalb Mißtrauen am Platze war, welches doppelt geboten erschemt, weil es gerade der F i n a n z minister ist, der alles und noch etwas darüber leugnet. Man merkt die Absicht, eine ungünstige Einwirkung auf die K u r s e der russischen Werte zu verhindern, und man wird verstimmt.
In der Tat können die auffallend starken Rüstungen Rußlands ebenso wenig geleugnet werden wie die unfreundliche Haltung gegen Deutschland, me ja bei ^ der Aktion gegen die deutsche Militärmission tn der Türke: hinreichend zutage trat und unter vern^neuen G o r e m v k i n - Kurs alles eher als eine Abschwachung erfahren hat. An dieser Tatsache wird auch ntcht„ durch die Meldung geändert, daß der Zar dieser ^.age ein in 'ehr freundschaftlichen Ausdrücken abgefaßtes Handschreiben an Kaiser Wilhelm abgesandt haben soll, denn man weiß, daß selbst d:e herzlichsten Reden bei den Monarchenbegegnungen zum Schluß nichts an dein Kurse der rusfischenPounrge-
Feuilleton.
„Parstfal".
Gestern, am Sonntag Reminiscere, hat nun das dühnen- weihfestsptel „Parstfal" — der Schwanengesang Rccharo Wagners — auch an unserem Hoftheater seinen Einzug gehalten. Eine erwartungsvolle Zuhörerschaft füllte alle Raume des Hauses. Wohl entfaltete sich während der ausgedehnten Zwischenakte in den Foyers ein elegantes, festlich bewegtes Gesellschaftstreiben; hier aber im Zuschauerraum, der rn geheimnisvolles Dämmer gehüllt blieb, bewahrte das Publikum eine fast andächtige Haltung; beredtes Schweigen; kein taut des Beifalls ertönte den ganzen Abend über. Noch "eser dunkelt jetzt das Theater. Fünf Uhr. Feierliche Stille. Und aus dem fast abgründigen Orchester herauf dringen die ernsten Klänge des Vorspiels: das frommsinnige „Abendmahls-Motiv , das auf einer uralten kirchlichen Kadenz beruhende »Erals- Motiv", das kraftvoll gefaßte „Glaubens-Motiv", — welche alle tut Verlaus dieses Werkes zu ausgedehntester Verwendung gelangen lind vom Tondichter förmlich bis auf die letzte Faser ausgebeutet werden. Ohne eigentlichen Abschluß lenet das Vorspiel in die erste Szene über. Der kostbare Brokat- Vorbang wällt auseinander: das Spiel beginnt. Was könnte über „Parstfal" noch gesagt werden, was nicht alle längst wüßten? Sei nur kurz das Historische ins Gedächtnis gerufen: die Beschäftigung Wagners mit der Gralssage schon seit der „Lohengrin"-Zeit her; die festere Idee zur Gestaltung des Dramas seit jenem Karfreitag 1857, wo in Wagners Phantasie beim Anblick der neuerwachenden Natur auch d:e ersten musikalischen Gedanken aufkeimten: eben der Kar
freitagszauber; dann die Niederschrift der Dichtung auf Wunsch des Königs Ludwig von Bayern (etwa 1865t; der Beginn der Komposition zu Ende der siebziger, die Vollendung zu Anfang der achtziger Jahre auf einer Reise nach Jtalren. Bald nach der ersten Aufführung in Bayreuth und im Be-
ändert haben. Dieser Kurs richtet sich nicht etwa nur gegen Deutschland, sondern nicht minder, ja in erster Linie gegen Österreich-Ungarn, wie auch die Rüstungen durchaus nicht einseitig gegen die deutsche, sondern ebenso sehr gegen die österreichische Grenze gerichtet sind.
Die Spionageprozesse gegen die Brüder Iandrst sch haben darüber so umfassende Aufklärung ^gebracht, daß die Dementis der Petersburger Offiziösen wirklich kernen sonderlichen Eindruck inachen können, noch dazu nachdem Herr Ssasonow, der zurzeit noch Minister des Auswärtigen ist, durch seinen Vorschlag, in London gleichsam eine Zentrale der Tripel- Entente zu schaffen, seiner dreibnndfeindlichen Politik den Stempel aufgedrückt hat. Wenn in der Diplomatie überhaupt so freigebig mit Anfragen gearbeitet würde, wie das die Petersburger Presse glauben machen will, dann hätte die deutsche Regierung in diesem Falle um so eher Grund zu einer freundlichen Erkundigung gehabt als aus dem vorher erwähnten Anlaß die Regierung des Zaren. Selbstverständlich hat man aber von Berlin aus nicht angefragt, vielmehr mit jener Freude, die bekanntlich die reinste ist, mit Schadenfreude, festgestellt, daß die französische Regierung die auf Schaffung einer Londoner Zentrale gerichtete russische Anregung alsbald erheblich abschwächte, während ihr an der Themse offenbar ein stilles Begräbnis bereitet worden ist.
Gerade hierbei hat sich aber gezeigt, daß auch in der Weltpolitik nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Die -russischen R ü st u n g e n sind u n- b e st r e i t b a r, und es liegt in der Natur der Sache, daß man sie ebenso wie in S ch w eben, wo man gerade jetzt umfassende Abwehrmaßnahmen vorbereitet, und in Österreich-Ungar n, auch bei uns mit Aufmerksamkeit verfolgt, wobei allerdings zu beachten ist, daß unsere neuen Wehrmaßnahmen diesen Faktor sch o n 'b erü ck.s.ichtigl haben. Im übrigen hat der russisch-japanische Krieg gezeigt, daß man sich immerhin vor einer Überschätzung be§ russischen Kolosses hüten soll, schon weil die inneren Schwierigkeiten im Zarenreiche einen Faktor bilden, den man für absehbare Zeiten wird in Rechnung stellen können. Selbstverständlich entbindet das nicht von dem „toujours en vedette", aber Anlaß zu ernstlichen oder gar aktuellen Besorgnissen ist aus alle den hier angeführten Gründen nicht vorhanden. Vom Säbelrasseln, das man nun einmal an der Seine wie an der Newa liebt, bis zum Säbelziehen ist noch ein weiter Weg!
Eine russische „Erklärung" der Rüstungen.
* Petersburg, 9. März. Die Petersburger Zeitungen veröffentlichen folgende Antwort auf die deutschen Artikel gegen die russischen Rüstungen: Rußland ist glücklicherweise in der Lage, daß es sich nicht um die Drohungen eines Teils der deutschen Presse zu kümmern braucht. . Rußland wird ruhig und unverwandt seinen eigenen Weg weitergehen, besten Ziel nicht die Invasion von Deutschland oder Schweden
wußtsein solch glorreichen Sieges starb Wagner 1883. Dreißig Jahre später — so verlangt es ein unbeugsames Gesetz — wurde „Parstfal" auch für' die Bühnen außerhalb Bayreuths »frei"; und so durften wir ihn gestern erleben. Es ist nur als taktvoll zu erachten, daß unsere Intendanz sich hei dem geschäftsmäßigen Wettrennen um eine „Parsifal"-Premiere nicht weiter beteiligte, sondern der Aufführung mit gesammeltem Fleiße nähertrat. Daß das Werk keine „Repertoire-Oper" werden wird, dürfte bereits gestern sofort klar geworden sein. „Parstfal" kommt den Erwartungen gewohn- heitlicher Theaterbesucher zu wenig entgegen und wird immer nur eine Ausnahmestellung im Operngetriebe einnehmen.
Die Dichtung ist allseitig bekannt. Aus Wolfram von Eschenbachs Helden-Epos sind die Grundzüge entnommen. Die dramatische Ausgestaltung zum Erlösungs-Mythos ist ganz Wagner. Im 1. Akt: Parstfal, — der trotzig-wilde, staunende. Nicht begreifende. So in der Begegnung mit Gurnemanz, dem ehrwürdigen Gralsdiener, so dei dem Liebesmahl der Gralsritter, welche, insonderheit ihr König Amfortas, aus schwerer Sündenschuld nach Rettung ausschauen, die eine göttliche Stimme durch den „reinen Tor verheißen hat. Im 2. Akt: Parstfal, — der glückselig verstehende, hellsichtige, der den Lockungen der von Klingsor, dem »einde des Grals, entsandten Blumenmädchen und der wudschönen Teufelinne Kundrh widerstrebt; er entwindet jenem Zauberer den »heiligen Speer", welcher allein dem von Qualen des Leibes und der Seele gemarterten Amfortas Heilung schaffen kann. Im 3. Akt: Parstfal, — der demutvoll geläuterte, aus Mitleid wissend gewordene, der dem Amfortas und zugleich der bußfertigen Kundry Erlösung bringt und zum König des Grals gesalbt wird. Durch deutliche Beziehungen auf das Christus- Evangelium suchte Wagner namentlich diesem Schlußakt des Dramas noch erhöhte Weihe zu verleihen. Manches in dieser mystisch-symbolischen Dichtung wendet sich wohl mehr an Gefühl und Gemüt des Hörers als an den kühleren Verstand; aber auch das, was etwa der Verstands abweisen könnte —• manche unerklärliche Wandlung im seelischen Empfinden
gehörigen Gebietes ist, sondern einzig und allein die energische Verteidigung seiner West grenze gegen jegliche Überraschung (?) seiner Nachbarn. Nicht Rußland, sondern Deutschland hat zuerst mit den Rüstungen begonnen. Rußland hat nur auf deutsche Rüstungen geantwortet. Diese Art zu antworten mißfällt aber gewissen deutschen Politikern, und ihr Mißvergnügen beweist deutlich, wie berechtigt die im Laufe des letzten Jahres von den russischen militärischen Kreisen getroffenen Maßnahmen waren.
Ssasonow bleibt.
* Wien, 7. März. Der „Wiener Allg. Ztg." wird offiziös mitgeteilt: Wie in gut unterrichteten diplomatischen Kreisen verlautet, ist eine Änderung in der Leitung des russischen Ministeriums des Äußern nicht zu erwarten. Herr Ssasonow bleibt, wie nunmehr feststeht, in seinem Amte.
Die russischen Rüstungen in italienischer Beleuchtung.
* Rom, 7. März. Der Petersburger Korrespondent der „Tribuna" hat seinem Blatte einen ausführlichen Bericht über die russischen Rüstungen an der Westgrenze des Reiches gesandt, in dem er ebenfalls der Ansicht Ausdruck gibt, daß Rußland unter dem finanziellen Druck Frankreichs handle.
Oer Einzug des albanischen Mrstenpaares.
Durazzo, 7. März. Der Einzug des Fürstenpaares vollzog sich heute nachmittag 3 Uhr bei strahlendem Sonnenschein in Anwesenheit einer vieltausendköpfigen Menge. Es herrscht große Begeisterung. Um iy 2 Uhr erschien der „Taurus", an dessen Bord sich das Fürstenpaar befand, am Horizont; es folgten die Schiffe „Quarto", „Bruix" und zum Schluß „Gloucester". Essad-Pascha, der Generalgouverneur, der Bürgermeister von Durazzo und der holländische Gendarmeriekommandant fuhren in einer Schaluppe an den „Taurus" und begaben sich an Bord. Essad-Pascha begrüßte das Herrscherpaar mit folgenden Worten: „Ich freue mich, Ihnen meinen Willkommensgruß entbieten zu können." Zum Fürsten gewandt fuhr Essad-Pascha fort: „Sie werden ein zweiter
S k a n d e r b e g sein.. Alle Albanesen haben das Vertrauen, daß Sie Albanien groß machen und unser Vater sein werden." Die internationale Kontrollkommission sowie der englische Oberst Philipp und die Offiziere der internationalen Truppenabteilungen hatten am ersten Triumphbogen bei der Landungsbrücke Aufstellung genommen. Als die Schaluppe an- gelegt hatte, trat M e d s ch i - B e i an das Fürstenpaar heran und stellte die zur Begrüßung erschienenen Persönlichkeiten vor. So hatten sich u. a. das Konsularkorps, die Vertreter der einzelnen Landesteile und die Offiziere der auf der Reede ankernden Schiffe eingefunden. Am Abend fand ein Konzert und ein großes Feuerwerk statt. Die albanischen Ab-
Parsifals — macht uns R. Wagner glaubhaft durch die dialektische Schärfe seiner Tonsprache, durch die gewaltige Überredungskunst seiner Musik.
Ja, diese Musik! Sie schlägt alles und jedes in ihren Zauberbann. Fast ganz auf den Ton ernster Andacht gestimmt, zieht sie so feierlich-pathetisch, dabei so ruhevoll-abgeklärt dahin. Die Grundmotive sind unauslöschlich einprägsam, und ihre Verarbeitung ergibt sich ohne alle Härten und Reibungen in sanften Übergängen und geschmeidiger Modulation. Daß die Erfindung manche Anklänge an äl'tere Wagner- Werke aufweist, empfindet wohl auch der Laie; ebenso, daß es hier in den langen Monologen un-d Dialogen manche ermüdende Retardation zu überwinden gilt. Namentlich im ersten Akt. Stärkere Kontrastwirkungen bringt der zweite Akt: Zauberei und Beschwörung; Zauberreigen und Verführung; Speerwurf und Wundererscheinungen, Erdbeben und Einsturz — alles eminent „theatralisch" gedacht im besten Sinne des Worts. Die köstlichsten Perlen im Schmuck der „Parstfal -Musik birgt der dritte Akt: hier waltet eine alles bezwingende Magie der Stimmung, und auch die Orchestration — tn ihrer Eigenart ein Wunderwerk der Technik — feiert hier ihre höchsten Triumphe.
Das Bühnenweihfestspiel — Dramma mistico nennen es die italienischen Theater — zeigt uns Wagner nicht nur als Dichter und Komponisten, sondern auch als Herrscher der Regiekunst in seiner ganzen Bedeutung. Selbstverständlich daher, daß auch für unsere Wiesbadener Inszenierung Bayreuth als Vorbild diente — wenn auch nicht in sklavischer Nachahmung. Malerei und dekorative Kunst (die Herren Kautz ky in Berlin, Schleim in Wiesbaden und sonsttge- cinheimische Kräfte) waren nicht ohne Erfolg bestrebt, ^bic Töne Wagners in rechte Form und Farbe umzusetzen. Im 1. Akt: Der heilige Wald voll romantesker Stimmung; sonderlich schön die sonnige Lichtung und der Blick auf c en fernen See. Die Wandeldekoration blieb mehr nur angedeutet: Nebel- und Wolkenschleier wallen vorüber und lasten nur einmal die Aussicht frei auf eine wilde Felsengegend, welche die
