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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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«WNikM7rgF.«u^.Nm^仫V Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Utzland 450 u. 451. Ug-nÜnd W^w"W?LwähÄ?nomm7m

Sonntag» 8. März 1914.

Morgen'Ausgabe.

Nr. 113« ♦ 62. Jahrgang.

Die Weltlage.

., Der Traum von der deutsch-russischen Freundschaft ist zerronnen. Wir wollen nicht sagen, daß er immer nur ein Traum war, vielmehr gab es wirklich Zeiten, wo „das Verhältnis mindestens die Möglichkeit eines erträglichen Nebeneinanderlebens enthielt, aber damit ist es jetzt wohl auch vorbei. Wie ist das gekommen? Die Vorstellung, daß die französische Diplomatie dank Delcassäs Maulwurfsarbeit in Petersburg einen Er­folg davon getragen habe, der mehr auf Überlistung Rußlands als auf seine gleichwertige überzeugte Zu­stimmung^ zurückzuführen sein soll, diese Vorstellung müssen wir ablehnen. So geschickt Delcass6 operiert haben mag, so sind die russischen Staatslenker nicht die Leute, die sich in etwas hineintreiben lassen, was sie sonst verschmähen würden. Es muß eine Gemeinsam- keit nicht bloß der Interessen, sondern auch des klaren Willens zu ihrer Durchsetzung zustande gekommen sein, und zwar dies zu einem verhältnismäßig neueren Zeit­punkte. Geht man chronologisch vor, so ist der Verlauf der gewesen, daß nach den schweren Erschütterungen durch den Balkankrieg Deutschland die Notwendigkeit begriff, die unzweifelhaften politischen Einbußen, mit denen unser Verbündeter an der Donau aus diesem Wirrsal hervorgegangen war, durch Verstärkung der eigenen Rüstung auszugleichen. Dies mußte schon darum geschehen, weil die Schwächung des Donau­reiches für Rußland den Anreiz zu seiner Überrennung beträchtlich erhöhte. , Die Wirkung unserer Heeresver­stärkung aber war die, daß Frankreich zur dreijährigen Dienstzeit zurückkehrte, und daß nunmehr die russischen Rüstungen einen immer bedrohlicheren Umfang an­nehmen, wobei es kann: noch verhehlt wird, daß die Spitze dieser militärischen Maßnahme nicht bloß gegen -Österreich-Ungarn, sondern auch gegen uns gerichtet ist. Es käme übrigens auf dasselbe hinaus, wenn man etwa in Petersburg versichern wollte (was jedoch nicht geschieht), daß der Wunsch bestehe, mit uns auch weiter in Frieden und Freundschaft zu leben, und daß es sich nur um die Vorbereitung einer Auseinandersetzung mit der habsburgischen Monarchie handle. Wir mögen gegen die in Wien betriebene Politik noch so viele Be­denken geltend zu machen haben, so ändert das an der eisernen Notwendigkeit nichts, sür Österreich-Ungarn einzustehen, wenn es angegriffen wird. „ Österreich- Ungarn ist aber nicht so stark, wie wir wünschen, daß es sein sollte! die zentrifugalen Kräfte des Slaven- rums arbeiten dort den staatserhaltenden Tendenzen des Deutschtums entgegen, und was die Kompensation durch den polnischen Haß gegen das Zarenreich wert ist, das müßte erst der Ernstfall zeigen. Genug, es gibt in Petersburg zweifellos Richtungen, die nach einem Kriege mit den: Donaureiche hinstreben, und der Eifer, Niit dein dieser Auseinandersetzung .vorgearbeitet wird, ist nicht weniger brennend als die Sehnsucht der Fran­zosen, die vielleicht letzte Chance, die sich ihnen noch darbietet, zu benutzen und mit uns anzubinden, solange sich die dreijährige Dienstzeit durchhalten läßt. Sre wird sich ganz bestimmt nur für eine verhältnismäßig

Nachdruck verboten.

Meine Frau» ich und andere.

Von Max Erchlcr.

Meine Freunde.

Ehe ich heiratete, sagte ich zu Thea: „Täubchen, ich habe zwei Freunde, die mir wie Brüder sind. Laß sie Anteil haben an unserem Guten!" Darauf umarmte sie mich: „Deine Freunde sind meine Freunde. 2B er dir wohlgetan hat, tft auch von mir geliebt."

Eines Tages — wir waren vier Wochen verheiratet — gab Thea ein Abendessen. Dazu hatte sie eine Erd- beerbowle gebraut. Erdbeerbowle tranken Fritz und Erich sür ihr Leben gern.

Und in meines Herzens Einfalt fragte ich: „Könn­ten nicht Fritz und Erich mit von der Partie sein?" t

Mein Weibchen erklärte mir eilfertig, aber freund­lich: „Diesmal sind Mayers und Lehmanns da. Fritz und Erich würden sich nur langweilen.. Bin ich dir nicht mehr genug, daß du schon Fremde in unserer Mitte sehen willst?"

Das war der Tag, an dem es anfing, mir zu -däm­mern. Ich schwieg.

Eines Tages ubersielen uns Frrtz und Erich. O. ihr lieben prächtigen Kerle! . . . Als sie wieder fort waren, suchte Thea nach Aschenflecken und eingebrann­ten Löchern in der Tischdecke. Erichs Karo hatte über­dies ein Stück aus dein Teppich herausgebissen.

„Weißt du, deine Freunde sind ja ganz nett — Bcrnhardinertypus, aber —" .

Ich schwieg. Wenn man verheiratet ist, schweigt man.

angemessene Zeit durchführen lassen; innerhalb dieser Zeit also muß das geschehen, was, wenn es doch zu unterbleiben hat, die, Republik und die Nation in eine bis zu den Wolken hinauf vermauerte Sackgasse treiben müßte.

Weil dies alles so ist, darum ist der politische Hori­zont mit Wolken verhängt, und es bleibt denn auch ziemlich gleichgültig, ob gegenwärtig eine akute Frage da ist oder nicht, aus der sich Verwicklungen herleiten ließen. Braucht man die Verwicklung, so 'wird sich der Anlaß bequem genug finden lassend Wie aber steht es in dieser Rechnung niit dem Posten England? Auf welcher Seite haben wir ihn zu buchen? Man kann es als erwiesen betrachten, daß an der Themse eine Kom- plikation, in die Großbritannien hineingezogen werden müßte, als ein großes Unglück angesehen wird, und daß dort alles geschehen wird, uni ein solches Schicksal zu verhüten. Die Zeit ist vorbei, wo sich die englische Politik an die Spitze der gegen uns gerichteten Machen­schaften gestellt hatte; die Eduardsche Einkreisungs­politik wird nicht mehr verfolgt. Wer daraus geht noch lange nicht hervor, daß man uns jenseits des Ka­nals freundschaftlich gesinnt sei. Es ist denkbar, daß die deutsch-englischen Verhandlungen, die so oft dem Abschluß nahegewesen sein sollen und es offenbar immer noch nicht sind, den Boden für eine, über sach­liche Einzelfragen hinausgehende Verständigung ebnen könnten, es ist aber nicht sonderlich wahrscheinlich, daß das geschehen wird, und wenn in einer zukünftigen europäischen Krise England nun doch vor die Wahl ge­stellt werden würde, so wäre es ein wenig begründeter Optimismus, falls wir glauben wollten, England könnte sich alsdann für uns entscheiden, nicht bloß Neu­tralität bewahren, sondern tatkräftig für uns eintreten. In Paris und Petersburg jedenfalls rechnet man mit dieser Möglichkeit nicht, und in beiden Hauptstädten wird man wissen, warum man es nicht tut.

Es gibt keinen unmittelbaren Grund, sich über Eventualitäten zu beunruhigen, deren Eintritt vielleicht erfolgt, aber nicht notwendigerweise erfolgen muß. Gleichwohl wird es immer von Nutzen sein, sich über die wahre Sachlage klar zu werden. Zum mindesten dies ist unbestreitbar, daß unsere Nachbarn in Ost und West es in diesem Augenblick noch weniger gut als sonst mit uns meinen.

KDerglauben.

Sanntagsbetrachtung von Pfarrer Haibach (Limburg).

Wenn auf den Aberglauben die Rede kommt, ist es vielen zumute, als wenn man hineinleuchtete in Ge­schichten und Dinge, die gern verborgen bleiben. Denn das ist ja gerade die charakteristische Eigenart des Aber­glaubens, durch die er sich von jeder Art Glauben unterscheidet, daß iMn sich desselben schämt, ihn vor­einander verbirgt und nur im Flüsterton einem Mit­beteiligten davon redet. Darum ist es auch so schwer, den Umfang des tatsächlich vorhandenen Aberglaubens nrit einiger Bestimmtheit festzustellen. Immer schleicht mehr davon int Labyrinth der Seele, als m an nach

Lehmanns Bon nebenan.

Warum wir init Lehmanns verkehren, weiß kein Mensch. Sie sind höchst gleichgültige Menschen. Aber auch Mayers und Müllers verkehren init Lehmanns. . Er ist ein behäbiger Mann mit einer runden Weste, einem roten Gesicht und einer Speckfalte im Nacken. Er macht nie einen Witz, schleudert aber auch nie mit einer gewagten Bemerkung um sich-

-Frau Lehmann ist eine reizlose, ziemlich ordinäre Perwn von ähnlichen Proportionen wie ihr Gatte.

.. jedesmal, wenn wir von unserer Sommerreise zu- ruckkonimen, sagt Thea: „Herrgott, wir müssen bei

Lehmanns Besuch machen!" Innerhalb der nächsten -vierzehn Tage bemühen sich Lehmanns zu uns. Sie sitzen zwanzig Minuten und geh'n wieder. Wir lieben !le nicht. Sie lieben uns nicht.

Aber mit Lehmanns nicht zu verkehren, wäre auf­fallend. Warum? Weiß ich nicht. Müllers und Mayers Ersten es auch nicht.

Philister über dir.

Ich will ehrlich sein: sie heißen Müller und wohnen über uns.

Wenn Thea abends Klavier spielt, lassen Müllers brtten, diesen „Lärm" einzustellen. Müllers Kinder balgen sich. Wir lassen fragen, ob oben Vogelwiese sei.

Wenn wir Zahnschmerzen haben, lassen Müllers tanzen. Dafür schicken wir ihnen m unseren -Garten gefallene Lumpen aus der Kante einer Kehrichtschausel hinaus. „Das gehörte wohl Ihnen?"

Sogar auf die Mädchen erstreckt sich das. Zwischen Emma und Frida ist ein steter K-anrpf um Waschküche und Boden. Wenn wir ausgehen, sehen, wir Frau

außen merkt und als der Abergläubische sich selbst be­wußt ist. Man -wird wohl auch nicht seh-lgehen mit der Behauptung, daß wir alle mehr oder weniger erblich belastet sind in dieser Beziehung. Der faustdicke Aber­glauben vergangener Tage hat sich niedergeschlagen in einer großen Zahl von Gebräuchen, Handlungsweisen und Redensarten, die auf uns moderne Menschen über­kommen sind und die, wenn zunächst auch vielleicht nur lachend mitgemacht, doch zu einer beständigen Gefahr werden, der nur sehr wenige ganz entgehen. So lacht man wohl auch über die un-glückbringende Bedeutung, welche der Aberglaube der Zahl 13 zuspricht, aber wenn -es in einem bestimmten Fall daraus ankommt, die Konsequenzen aus feinem Lachen zu ziehen, dann tut man es „sicherheitshalber" lieber doch nicht und ver­meidet, ein Haus zu beziehen, welches die Nummer 13 trägt. Es könnte am Ende doch nicht so ganz „ohne" sein und man hätte dann üble Folgen zu tragen, die man umgehen konnte. Diese tatsächlich weit verbreitete Stimmung hat -es dahin gebracht, daß kaum ein Hotelier es wagen darf, seinen Gästen ein Zimmer Nr. 13 anzu­bieten und daß man in manchen Straßen der Groß­stadt die Hausnummer 13 vergebens sucht. Genau wie mit -der Zahl 13 steht es mit vielen anderen Dingen. Wie allgemein verbreitet bis in die gebildetsten Kreise hinein ist es z. B. mit dem Ausruf „unberufen!" an den Tisch zu klopfen, wenn man davon redet, daß man bisher diese oder jene Krankheit usw. nicht gehabt habe, oder am Neujahrstag irgendeine besondere Speise zu essen, die nach der abergläubischen Meinung Glück -bringt usw. usw. Wenn einmal, was in verschiedener Hinsicht von größtem Interesse wäre, eine großzügige Feststellung der abergläubischen Gebräuche unserer Zeit in Stadt und Land, unter hoch und niedrig gemacht würde, so würde sich mit Sicherheit Herausstellen, daß ein geradezu unheimlicher Wust von Aberglauben sich auch noch unter uns Menschen der Jetztzeit, des 20. Jahrhunderts, breit macht. Die wir es in vieler Be­ziehung so außerordentlich viel weiter gebracht haben als unsere Vorfahren und -mit Recht auf die gemachten Fortschritte stolz sind, würden dann vielleicht doch ein wenig bescheidener werden. Der wahre Fortschritt liegt nicht in jenen äußeren Dingen, sondern in dem -inneren Wachstum der Menschheit, in dem Heraus- kommen aus den Niederungen beklemmender Furcht und dem H i n d u r ch d r i n g e n zu den Höhen wahrer F r e i h e i t. Hat man das erkannt, so gilt es auch, dem Aberglauben ewige Feindschaft schwören, denn eben er hält den Menschen in hohem Maße danieder, hemmt seinen Aufstieg zur inneren Freiheit, aus der die größte Fülle der persönlichen Kraft fließt.

Aber wie bekämpft man den Aberglauben am besten und wirksamsten? — Nun man hat ja heute ein Allheil­mittel für solche Zwecke: Aufklärung. In der Tat, rechte Aufklärung kann auch nach dieser Seite hin gute Dienste tun. Daß wir heute doch schon viel abergläubi­schen Ballast früherer Tage abgsworfen haben, ist sicher­lich zuerst darauf zurückzuführen, daß die fortschreitende -Erkenntnis immer mehr in die wirklichen Zusammen­hänge der Dinge hineingeleuchtet hat. Also der Dienst der Aufklärung ist anzunehmen. Wer es wäre ein

Müller mit ihrer Frida am Fenster hämisch lachen. Thea findet Müllers Kinder schmutzig und ungezogen. Unser Hund macht die Rangen nervös. Dafür geben sie ihm Knuffe, bis er heult. Frau Müller schimpft dann über den „schrecklichen Köter". Warum die Feindschaft?, Weiß ich nicht.

L i e s ch e n.

Lieschen ist ein reizendes Mädchen, blond, schlank. Alles, was bewundert werden soll, bewundert -sie. Bei Unannehmlichkeiten ist sie mitbekümmert.

Thea erklärte mir: „Lieschen ist meine allerbeste

Freundin. Was du Lieschen tust, nehme ich persön­lich übel."

Nicht der geringste Grund zu einer Feindschaft war vorhanden, ^m Gegenteil, ich konnte sie sehr gut leiden und machte meine kleinen liebenswürdigen Späßchen, nnt ihr.

Auf einmal war Lieschen nicht mehr ganz so nett. Thea machte, Bemerkungen. „Findest du Lieschen ganz ,—? Sie ist doch recht oberflächlich."

Lieschen kam seltener. Thea war kühl. Sie war ja natürlich auch weiser: „Junge Ehepaare sollten für sich allein bleiben." Lieschen kam gar nicht mehr.

«^ch war mal befreundet mit ihr", sagt Thea.

Gerade hie Zeche.

Es ist klar, daß man mit der Hochzeit nicht alle Schwächen ablegen kann,. Das sieht Thea auch ein und läßt mich zweimal in der Woche den Skatabend -besuchen. Wenn ich aber nach Hause komme, geht die Fragerei los. „Siehst du, Schatz, alles, was du tust, interessiert mich, ob du gewonnen hast, ob -du verloren hast. Ich mache dir keine Vorwürfe,"