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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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12 Ausgaben.

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„Tagblatt-Haus" Nr. 68S0-K3.

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Samstag? 7. März 1914.

-Ausgabe.

Nr. 112. « 62. Jahrgang.

Die Politik der Woche.

In der letzten Woche war wieder einmal bei uns von einer M i n i ste r k r i s i s die Rede, nur daß es sich nickt um den Reichskanzler handeln sollte diesmal, son­dern um den vielfach als seinen dereinstigen Nachfolger angesprochenen Landwirtschaftsminister , Freiherr von Schorleiner. Auf einen Vorstoß von seiten des Z e n- t r u in s werden diese Gerüchte von dem angeblich be­vorstehenden Rücktritt des Herrn v. Schorlemer- Lieser zurückgeführt: jene Partei hat ihm bekannt­lich, obwohl er Katholik, ist. niemals Sympathien ent­gegengebracht. Eine Zeitlang hieß es neulich auch, daß Freiherr v. Schorlemer als L-tatthalter von Elsaß- Lothringen in Aussicht genommen sei, bis jetzt also plötzlich das sensationelle Gerücht verbreitet wurde, daß er in Ungnade gefallen und die Tage seiner Minister- laufbahn gezählt feien. Die Meldung ist freilich alsbald offiziös rundweg dementiert, was heutzutage für manche Pessimisten einen Anlaß bedeutet, sie zu glauben.

Einen scharfen Strauß hatte die Regierung im preußischen Abgeordnetenhaus bei der Be­sprechung der Zollpolitik auszufechten, die sich an den nationalliberalen Antrag knüpfte, welcher Maß­nahmen verlangte, die „bei der in Aussicht stehenden Neuregelung der handelspolitischen Verhältnisse einen wirksamen Schutz der deutschen wirtschaftlichen ^nter- essen gewährleisten". Während üie Rechte einen wene- ren Ausbau der Schutzzollmauer verlangte und die Linke sich natürlich auf den entgegengesetzten Stand- h'inkt stellte, vermochte der Handelsminister Dr. Svdow dessen Erklärung im wesentlichen der von Staatssekretär Delbrück im Reichstag abgegebenen entsprach, es begreiflicherweise weder dem einen noch dem anderen recht zu machen. , . .

Schon jetzt sieht fest, daß diese Fragen bei der Er- Neuerung des Handelsvertrages mit Ruß­land eine sehr ernste Rolle spielen werden, denn aus verschiedenen Anzeichen geht hervor, daß im Zarenreiche »in schärferer Kurs auf dem Gebiete der Handelspolitik vorbereitet wird. Und allem Anschein nach nicht nur ,, u f diesem Gebiete. Denn wenn auch der Alarm- artikel der „Köln. Ztg." über !btt= rumjÄen ghm« gen alsbald von dem Organ des Finanziinnisterimns den'entiert worden ist, so geht doch gerade daraus her­vorS ftSft mit dem Dementi m erster Reche der ungünstigen Wirkung jenes Alarms auf dm Börsen begegnen wollte. Der Minister des Auswärtigen S s a s o n o w, der doch der nächst e dazu Ware hat sich aber bisher zu dem Fall nicht geäußert, möglicherweise S«Ä «ich Deute w »«t»£Ä 5 lange es dauern wird, bis er seinem Nachfolger Platz machen wird, als welcher fetzt der Begründer des ^ - krachten Balkanbundes, der russische Gesandte in ^er

ti. Hartwig, genannt wird.

Feuilleton.

Kttnrert.

--im «eitrigen 11 . Z y k l u s k o n 3 e 11 be * hau'ses^wurde Herr TOujtlbiteJtor Kart Schurr ft feinen soeben bekannt gewordenen Londoner Triumph sonders herzlich begrüßt. Bedeutet doch dreier per, h Ruhm unseres Städtischer'. Musikdirektors zugleich den R Y unserer städtischen Kunsternrichtungen, unferes W'esbad - Mirsiklebens. Es fch-'nen nn Moment vielleicht „nur d ^ Werte, die Wiesbaden dadurch gewinnt» aber ich merne. r Wiesbadens Ruf als Kunststadt ssurch den hochbeMbten Äiusikdiriaenten in immer weitere Kreise getragen »rrw 1 mutz das sicherlich auch praktische Bedeutung, eine erwünscht Rückwirkung auf die Kurstadt Wiesbaden ,m George

'^Neuere Werke kamen gestern nicht zu Gehör:,die altbe­kannten erstrahlten im vollen Glanz ihrer Schönheit. liae' Wirkung tat das „Konzert für Orchester und Orge: (G-Moll) von G. F- Händel, — auch eines jener Werke, dev Meisters, von denen schon vor zweihundert Jahren gesuhun ü,'s-de" daß sie „allzeit Ernst mit Lieblichkeit. Anmut mit ye^ denhafter Größe verbindend Es hat sich merkwürdig erbalten' es ist eben urgefunde Musik; die Wechselwirkung ewischen' dem Streichorchester und der Orgel voll reicher, immer neu fesselnder Gestaltung. Für die Ovgel-partie war .Herr Professor Karl Straube (aus Leipzig) gewonnen, ein vorzüglicher Virtuos auf seinem Instrument, der dreien Sündelschen Tonstücken mit ihren edlen Konturen durch auf­fallend lebendige Phrasierung und reiche Dynamik sehr ein- vräasamen Ausdruck verlieh,

X in der später folgenden „Phantasie und Fuge (G-Moll) von I- S- Bach wußte Herr Straube die Starr- heit und Leidenschaftslosigkeit der Orgel fast vergessen zu machen- so durch die geschmeidige Behandlung von Pedal und Manual wie durch die phantasievolle „Registrierung, durch sne er das polyphone Gewebe überall gllängend, wenn auch bis- weilen etwas modern anmutend, beleuchtete. Er hatte beim Publikum großen Erfolg.

Mögen nun auch die. Offiziösen in Wien und rn Berlin versichern, daß die russischen Rüstungen, keinen Anlaß zu aktuellen Besorgnissen bieten, so bleibt doch die neuerdings wahrzunehmende Rührigkeit des Dreiverbandes eine nicht zu übersehende, sehr auffallende Erscheinung. Wie Frankreich eine Heeres Vermehrung durchgesetzt hat, an der es zurzeit noch laboriert, wie Rußland die Wacht an der Westgrenze und zugleich an der finnischen Küste verstärkt, so hat auch der im e n g I i s ch e n Unterhause eingebrachte Nachtragsetat für die Marine gezeigt, daß der erste Lord der Admiralität Churchill von seinen Flottenfeierjahrsideen durchaus zurückgekom­men ist und jetzt entschieden für ein verstärktes Tempo der Rüstungen eintritt, trotz aller deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen.

Denn die englischen Rüstungen richten sich 1: i ch t etwa gegen die Macht, mit der man in den letzten Jahren ~ am meisten kollidiert hat, gegen die N 0 r d a m e r i k a n i s ch e Union. Vielmehr be­deutet die Erklärung des Staatssekretärs Grey zum Bentonkonflikt trotz aller Vorbehalte und Wenn und Aber eine glatte Verbeugung vor der Monroe- Doktrin. Im Weißen Hause zu Washington, wo man durch die unverhoffte Absage des Rebellengenerals Carranza in eine arge Zwickmühle geraten war, atmet man denn auch erleichtert auf, obwohl das mexikanische Probien: den allzu vorschnellen Herren Wilson und

Bryan noch immer Kopfzerbrechen und Sorgen genug verursacht.

Das gilt für die Großmächte auch von dem alba­nischen Problem, welches durch die Unabhängigkeits­erklärung der Epiroten eine weitere Verwickelung er­fuhr gerade in den: Augenblick, wo der Fürst von Albanien sich auf den Weg in seine neue Heimat be­geben hat. Da aber das offizielle Griechenland sich wirklich von den: gefährlichen Abenteuer fern zu halten scheint und die europäischen Mächte zum Schluß alle daran interessiert sind, daß der Balkan endlich zur Ruhe kommt, so werden die Albanesen und wird die .Hroßmächttge ^Dt£)Iomcttie zum Schluß ciucf) mit

dem bißchen Epirus fertig werden.

vauernpolitik.

Das Abgeordnetenhaus hat gegenwärtig drei, überaus wertvolle Gelegenheiten, um durch die Tat zu beweisen, daß es ihm mit der Durchführung der inneren Kolonisation, mit der Ansiedelung von Kleinbauern und ländlichen Taglöhnern, Ernst ist. Diese Gelegenheiten hat aber auch die Staatsregie­rung, und auch von ihr wird es sich 3 U B e |ß e, J haben, ob den Worten und Absichten die Taten in vollem Umfang entsprechen sollen. An der guten Absicht selbst ist ja nicht zu zweifeln, nachdem das Grundteilungsgesetz eingebracht worden ist, das in der Tat einige der Hemmungen beseitigen kann, die der

Die auf dem Programm versprochenen Gesangsvorträge der Dresdener Sängerin Eva Pirschte v. d. Osten hatten auch diesmal wieder im letzten Moment eine Absage erfahren: Frl. Charlotte Uhr aus Frankfurt hast bereitwillig aus. Die Künstlerin sang mit anmutvoller, aber nicht immer ganz leicht ansprechender Sopranstimme die arte- der Susanne aus Mozarts „Figaro", die sie indes weder m der Auffassung noch in Stil, Textbehandlung und Gesangstechnir vollkommen be­herrschte. Glücklicher war Frl. Uhr rm. Vortrag einiger Brahmsscher Lieder (die Herr Walter Sucher gewandt am Klavier begleitete); nur wollte mir scheinen, als ob die ebenso reizende crls reizbswußte Frankfnrterrn im Ausdruck der Affekte ein wenig — affektiert blieb. Am meisten Begabung besitzt sie wohl für das liebenswürdig-heitere Genre: ihres Vortrags von „Das Mädchen spricht — wird man sich gewiß gern erinnern. ,

Den Schluß des Abends machw Mozaus „^uviter-Sni- fonre". yhr widmeten Dirigent und. O rep eft c r eine be­geisterte Hingabe und sie wurde mit D-^estee ,eu)itticher Vol­lendung gesvielt. Das „Allegro" voll «legrsgetvißheit; das „Andante" so innig bewegt in seiner rernen Klangharmonie; frisch und angeregt das „Menuett". Unddann dies Wunder­werk des „Finale", in welchem die krame,te Polyiphome. die kühnsten kontrapunktischen Gebilde gleichwie c,n natürliches Sprießen und Blühen in staunenswerrer X.ercstrKeir und-Gra- zie sich offenbaren! Die Darstellung gerade die,es Satzes — obsckan er mit säst versengendem Feuer angegriffen wurde — mußte von der alle Geheimnisse des Nuuitwerks spitzfindig zergliedernden und klarlegenden Dlrigentenkunst des Herrn Schuricht ein neues rühmliches Zeugni- ablegen. y. IX

Professor-OnrskeN'Vvr?räae.

TU .

Mit der Darstellung einer besonders kmupstzierten Epoche der deutschen Politik begann Proießor Oncken am dritten Abend. Er sprach zunächst von den Anfängen deutscher Welt­politik in der Balance zwischen England „und dem Zweibund in den Jahren 1894 bis 1901. Ein oestandiger Wechsel gibt dieser Periode den Anschein des ziellosen Schwankens, ja bis­

inneren Kolonisation noch entgegenstehen. Aber, wenn der Wille zur Bauernanstedelung in großem Stil wirklich vor­handen ist, dann kann er sich jetzt bei den Anträgen der nationalliberal en und fortschrittlichen Fraktion betätigen, die gemeinsam darauf hinauslaufen, größere Mittel für die innere Kolonisation flüssig zu machen. Die Konservativen können bei diesem Anlaß ebenfalls zeigen, wie ernst es ihnen mit ihrer Versicherung ist. zur Besiedelung des platten Landes mit leistungsfähigen Kleinbauern bei­tragen zu wollen. Der von der Fortschrittlichen Bolkspartci ausgearbeitete, dem Abgcordnetenhause zugegangene und in Gesetzesform gebrachte Initiativantrag will nicht weniger als 3 0« Millionen Mark zur Verfügung stellen,, um Staatsdarlehen für ländliche Betriebe zu gewähren, die von Korporationen des öffentlichen Rechts, „von gemein­nützigen Ansiedelungsgesellschaften, Privatgesellschaften oder Privatpersonen zum Zweck der inneren Kolonisation errichtet werden. Der Gesetzentwurf, dessen grundlegende Paragraphen lvir unten mitteilen, berührt sich in den Grundzügen, mit den nationalliberalen Anträgen im Endzweck, nämlich mit der Bereitstellung bedeutender Fonds für die innere Kolonisation. Ob gerade der fortschrittliche Antrag die Mehrheit erhalt, ob es die nationalliberalen Anträge sein iverden, denen d,es freundliche Schicksal beschieden sein soll, das ist nur eine Nebenfrage gegenüber der entscheidenden, ob überhaupt etwas Durchgreifendes geschehen soll. Jedenfalls dürfen die liberalen Landtagsfraktionen das Verdienst bean­spruchen, diese zurzeit wichtigste Angelegenheit der inneren Politik auf die Bahn einer positiven Verwirklichung gebracht zu haben, und widerum muß man sagen: es wird eine Probe auf die Zuverlässigkeit der Regierungsab­sichten wie derjenigen der Konservativen fein, wie sich Regierung und Rechte zu den liberalen Anträgen stellen wollen und werden. Die Möglichkeit ist gegeben, ganze Arbeit in großem Stil zu leisten; wird sie verschmäht, so wird man wissen, was namentlich von den Versicherungen der Rechte« zu halten sein wird. ^

Der fortschrittliche Initiativantrag.

Der fortschrittliche Initiativantrag hat in seinen drei ersten grundlegenden Paragraphen folgenden Wortlaut: 8 1. Der Staatsregierung wird ein Fonds von 300 Millionen Mark zur Verfügung gestellt, um Staatsdarlehen für ländliche Be­triebe zu gewähren, die von Korporationen, von gemein­nützigen AnsiedelungsKsellschaften, Privatgesellschaften oder Privatpersonen zum Zweck der inneren Kolonisation errichtet werden. Über die Zulassung van Gesellschaften und Privat­personen entscheidet der Landwirtschaftsminister. Das Dar­lehen wird bis zu neun Zehntel Prozent, bei einem Stellen­wert von mehr als 10 000 M. zu sieben Achtel Prozent des Stellenwertes (Wert des Grundstücks und der Gebäude) ge­währt. 8 2. Als Ziele der inneren Kolonisation sind anzn- sehen: a) Schaffung neuer leistungsfähiger Landgemeinden und gemischter Kolonien durch Einsetzung von kleinen, mitt­leren und größeren Bauernexiftenzen sowie von Landarbei­tern und Handwerkern; b) Setzhaftmachung von Landarbeitern in solchen Gemeinden, in geeigneten Fällen auf solchen Guts­

weilen der Treulosigkeit. Aber dies lag in der Natur der Dinge, denn noch besaß Deutschland keine eigene Flotte, dre es ihm ermöglicht hätte, eigene Weltinteressen energisch zu vertreten, ferner auch durfte man nicht in jene Gefahr kam- men, die einst Friedrich der Große charakterisierte, der Doyen Englands auf dem Kontinent zu werden, feinen Don Quichotte zu spielen, und so den immer drohenden Weltkrieg heraufzubeschwören. In Ostasien ist damals sogar Deutsch­land nach dem Frieden von Schimonoseki im Anschluß an den Zweibund Rußlands und Frankreichs dem siegreichen Japan entgegengetreten. In Afrika durchkreuzten sich die gewaltigen Bestrebungen Englands und Frankreichs, welche die Bildung mächtiger einheitlicher Kolonialreiche bezweckten. Als durch Jameson? Einfall in Transvaal Cecil Rhodes' heimlich von der englischen Regierung gebilligte Pläne offenbar wurden, hat unser Kaiser das berühmte Telegramm an den Präsiden­ten Krüger gesandt, das als wohlüberlegte, mit Hohenlohe und Marschall verabredete Staatsaktion aufzufaffen ist, das sofort zu einem französischen Bündnisantrag in London führte und so die Lage klärte: Frankreich hat nur einen

Feind! Zunächst zog England es vor, trotzdem mit Deutsch-, land zusammenzugehen in den Zeiten, als am oberen Nil eng­lische und französische Interessen zusammenstießen. Faschoda bedeutete für Frankreich eine schwere Demütigung, für Eng­land den Gewinn des ganzen Sudans, Deutschland aber brachte dieser Konflikt Kiautschou. Und damals begann auch die wirtschaftliche und militärisch-politische' Gewinnung der Türkei, deren Anfänge noch in die BiSmarcksche Periode zurückreichen. Es folgte die schwierigste und bestrittenstc Epoche deutscher Weltpolitik, die während des Burenkwcgs. Das ganze deutsche Volk stand einmütig aus seiten der Frei­heitskämpfer. es forderte ein Einschreiten gegen England, eine Erfüllung aller im Krüger-Telegramm angeregten Erwar­tungen. Anders die deutsche Regierung, den Kaiser an der Spitze, England hatte damals Deutschland Erwerbung portu­giesischer Kolonien in Afrika nach Jnsolvenzerklarung Portu­gals versprochen, aber selbst durch pekuniäre Hufe dreien Staatsbankrott verhütet. War nun die Mogucykeit einer Intervention vorhanden? Die Zweibundmächte haben ;a da­mals Deutschland zu gemeinsamem Vorgehen gegen England