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Zreilag. 6. März 1914. WOvgLN - KULgÄÜE. Nr. 109. * 62. Iahrgang.
Monroe und Venton.
Präsident Wilson und sein getreuer Sancho Pansa, der Staatssekretär Bryan, haben sich mit ihrer Don Quixote-Taktik gegen Mexiko und mit ihrer aller- neuesten ^veitherzigen Auslegung der Monroe-Doktrin in eine Sackgasse verrannt, aus der sie nicht so leicht einen Ausweg finden werden. Die Washingtoner Regierung, die vielleicht wirklich zu schieben glaubte, in Wahrheit aber von dem Rockefellerschen Petroleumtrust geschoben wurde, hatte von vornherein gegen den Präsidenten Huerta eine Politik betrieben, die nicht zum Ziel führen konnte, weil sie von Grund aus unehrlich war. Auf der einen.Seite unterstützten die Amerikaner die Revolution in Mexiko mit Geld und Waffen, und auf der anderen Seite erklärten sie den Präsidenten nicht anerkennen zu können, weil er mit den Revolutionären nicht fertig werde. Freilich fügte Wilson als Philosoph und Ethiker noch die besser klingende Wendung hinzu, daß die Nordamerikanische Union eine Regierung nicht anerkennen könne, die nicht gesetzmäßig berufen sei und sich dazu noch durch Mordtaten befleckt habe. Ein schöner Grundsatz! Aber wenn die Dankees ihn allgemein auf die mittel- und südamerikanischen Republiken anwenden wollten, so würden sie —• man denke nur an den jüngsten blutigen Regimewechsel in Peru — allgemein mit einem erheblichen Teil dieser Staaten in Konflikt geraten.
In Mexiko hat die Taktik der Aankees jedenfalls gründlich versagt. . Obwohl man alle Minen gegen Huerta springen ließ, und obwohl man seit geraumer Zeit die Monroe-Doktrin, welche die Ein- mischung europäischer Staaten in die amerikanischen Angelegenheiten verhindern will, mit dem Versprechen öu begründen suchte, daß man in Mexiko Ruhe und Ordnung schaffen werde, hat die Tätigkeit der Washingtoner Regierung in Wahrheit darin bestanden, dort Unruhe und Unordnung zu schaffen. Selbst der letzte verzweifelte Versuch, den Führer der Revolution, den General Carranza, offen anzuerkennen und ihn durch die Aufhebung des Waffen ausfuhrver- b o t s zu begünstigen, hat mit einer gehörigen Blamage der Union geendet. Auf den amerikanischen. Einmischungsversuch im Fall des ermordeten Engländers Benton hat Carranza hochmütig erklärt, daß die Amerikaner sich um die Angelegenheit überhaupt nicht zu kümmern haben, daß er alle von jener Seite kommenden Reklamationen ignorieren werde, und daß für ihn im Falle Benton höchstens die britische Regierung in Betracht komme.
Carranza hat sich mit diesem Vorgehen als ettt schlauer Taktiker erwiesen. Indem er die amerikanische Einmischung und die Anwendung der M o n r o e- Doktrin zurückweist, zugleich aber die Engländer ermuntert, sich selbst an ihn zu wenden, sucht er einen englisch-amerikanischen Konflikt nach Möglichkeit zu begünstigen in der Erwägung, daß, wenn zwei sich streiten, der dritte sich freut. War man bisher in der Union in tödlicher Verlegenheit, da man vor der Eventualität stand, daß man die Genugtuung für die Ermordung Bentons entweder mit Waffengewmt erzwang oder aber es -den Engländern unter Durchbrechung der Monroe-Doktrin überließ, dies zu tun, so bat sich diese Verlegenheit jetzt auch auf die britische Regierung übertragen, die ihrerseits vor der Eventua-
Eine ceylonesische Mietskaserne.
„Sechs Uhr morgens", es Ware Zeit für die Hähne, 3 U frühen, denn die Sonne macht sich bereits fertig, aufzugehen, da aber diese Beherrscher des Hühnerhofs in der zu schildernden Umgebung schien, jo krächzen die Krähen, die massenhaft auf den mächtigen Blättern der Kokospalmen hocken, um )° lauter. Sie scheinen besorgt, daß eine ihrer Gattung zu spat erwachen könnte, um dadurch die Zeit zum Frühstück zu versäumen. Das Geschrei der hungerigen schwarzen Gesellschaft ist von Erfolg gekrönt. Hier und da klappen Türen in dem weitläufigen eintönigen Gebäude, dessen weiter Hof nun von den ersten Strahlen der Morgensonne erleuchtet wird, einer Mietskaserne zu Colombo auf Ceylon. Verschlafene Köpfe erscheinen, blicken umher, ob der strömende Tropenregeu der Nacht aufgehori hat, dann werden die primitiv und nicht übermäßig ' reinlich gekleideten Gestalten einiger verschiedenfarbiger weiblicher Wesen sichtbar. Die nackten Füße trippeln über den Hof dem Brunnen zu, der hier durch eine Wasserleitung, bestehend aus einer kurzen gußeisernen Säule, dargestellt wird. Jede der jugendlichen Schönen zwischen sechs und sechzig Lenzen ist mit einem flachen, weiffbauchigen Ton- kruge bewaffnet, der zunächst hübsch der Reihe nach mrt Wasser gefüllt wird.
Die eine oder andere der um den unpassend modernen Brunnen versammelten Weiblichkeit verspürt auch Reinlich- keitsbedürfnisse, die eine gießt etwas Wasser auf den einen Fuß — und reibt mit dem anderen darauf herum. Eine
lität steht, entweder die Ermordung des englischen Untertans nach altem Brauch zu rächen — Folge: Durchbrechung der Monroe-Doktrin — oder aber die Mordtat un gesühnt zu lassen— Folge: Entrüstung in England und ernstliche Gefährdung des ohnehin aus schwankem Grunde stehenden Kabinetts Asquith. Die Erklärung, welche der Staatssekretär G r e y im - englischen Unterhaus zum Fall Benton abgegeben hat, läßt die ganze hilflose Verlegenheit des Kabinetts erkennen. Wenn die Washingtoner Regierung, so erzählte er, nicht intervenieren wolle, so behalte die englische Regierung sich das Recht vor, sich Genugtuung zu verschaffen. Aber sie wird es nicht tun, denn er fügte hinzu, daß England nicht die Absicht habe, eine Truppenmacht nach Mexiko zu entsenden.
In Washington ist man denn auch, wie gemeldet wird, sehr zufrieden mit Greys schwächlicher Erklärung, da England zunächst jedenfalls keinen stärkeren Druck auf die Union ausüben will. Aber der Konflikt selbst ist damit nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Die Auslegung der Monroe-Doktrin, wie sie durch Lodge, Roosevelt und Wilson gegeben wurde, und der- zufolge keine europäische Macht das Recht haben soll, selbst bei noch so ernster Verletzung ihrer Interessen und ihrer Würde auf dem amerikanischen Kontinent einzuschreiten, ist — das hat sich jetzt im Falle Mexiko erneut gezeigt — nicht nur eine Anmaßung, sondern sie ist auch undurchführbar, unhaltbar. In Washington selbst scheint man sogar zu erkennen, daß man dabei in eine Sackgasse gerät, und die öffentliche Meinung in der Union beginnt gegen die Übertreibung der Monroe-Doktrin Einspruch zu erheben.
Unter den mittel- und s ü d a m e r i k a n i s ch e n Staaten macht sich in wachsendem Maße Mißmut und Erbitterung gegen die von der Union angestrebte Hegemonie bemerkbar. Da wäre es auch für die europäischen Mächte an der Zeit, gegen diese anmaßliche Übertreibung der Monroe-Lehre Einspruch zu erheben. Aber freilich, es feblt den Völkern Europas noch immer der Wille und die Einigkeit, die zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen erforderlich sind, und die Engländer, welche die nächsten dazu wären — vergleiche Panamakanalstreit und Fall Benton — haben auch diesmal wieder gezeigt, daß sie schlechte Europäer sind.
politische Übersicht.
Die neue reichsländische ».Verteidigungsliga".
Wie sich Wbä Collin die „Liga" denkt, darüber gibt der „Patriote lorrain", ein Sonntagsableger des „Lorrain", eine sehr offene, aber höchst sonderbar an- mutende Erklärung. Im Lothringer Patois wird dem lothringische Bauer diese „letzte Zitadelle des Nationalismus im Reichsland erläutert, wobei der Zweck verfolgt wird, den lothringischen Bauer tüchtig aufzuhetzen. In einem Zwiegespräch, das zwei Lothringer Bauern miteinander führen, läßt Abbä Collin Erinnerungen an den „Souvenir franc.ais wachrufen, die sich als . Geheimnis zuflüstern, die neue „Liga des patriotes" sei der auferstandene „Souvenir fran^ais" in Verklärter Gestalt. „Das ist für »ns Bauern Grund genug, zur Liga zu gehen, um das Land gegen die Pan- germanisten zu Verteidigen." Dazu schreibt die
andere führt sogar eine wahre Reinlichkeitsorgie auf, indem sie sich das ganze Waffergefätz über den Kopf schüttet, der Sarong, das einzige Kleidungsstück, wird natürlich pitschenaß, aber das ist ja der Hauptzweck der Übung der soll ja gerade gewaschen werden.
Endlich sind die Tongesäße gefüllt und werden auf der Hüfte getragen. Erfolg davon ist naturnch, daß die ganze mehr oder weniger reizvolle weibliche Figur verborgen aus- sieht. Kaum sind die Frauen und Jungfrauen in ihrem jeweiligen Herm verschwunden, so erhoben dre Krähen, die das betreffende Haus als ihre Domäne betrachten, ein womöglich siech stärkeres Geschrei — erscheint doch jetzt des Hauses fleißige Schaffnerin wieder an der Holtur des Hauses mit den Schüsseln vom vorhergehenden Abendessen. Die Reste, weist Reis, werden auf den Boden ausgeleert und die schwarz- röckige fliegende Gesellschaft stürzt sich, nnt einem Heißhunger sind einer Frechheit daraus, um die ste jeder Spatz beneiden tonnte. Während die Krähest unter dem. üblichen Geschrei ihrer nahrhaften Tätigkeit nachgehen, ericheinen auch die ceylonesischen Herren der Schöpfung. Sre besorgen das Geschäft der täglichen Reinigung, zerbeißen ein Stück Holzkohle, der Finger dient als Zahnbürste — fertig. Andere nehmen die Sache ernster, würdevoll schreiten sie den langen Hof hinunter bis zu einer Ecke, wo eine einfache, ober praktische Badeanstalt eingerichtet ist. Die, Badewannen bestehen aus Zemeni- mauerwerk, die Wasserleitung aus zwei Tamilenmännern, die einen Eimer, der an. einem mit Gegengewicht beschwerten Querbaum bängt, in einen breiten flachen Brunnen hinunterlassen und Wasser in die Wannen schöpfen. Aus diesen fischt
Lothringer Zeitung mit Recht: „Das druckt der
„Lorrain" und die Schulkinder tragen solche Hetzartikel aus." Graf Rödern hat also mit seinem Mißtrauen gegen den Bund keinen Fehlschuß getan. Eine neue Konventikelwirtschaft mit Souvenirbestrebungen, das ist es, was Abbd Collin und seine Freunde wollen. Die armen Liberalen aber werden düpiert, indem man ihnen das Ideal der Verteidigung Elsaß-Lothringens und die Hebung des Ansehens des Landes vorhält, um jeden Verdacht, als ob es sich um eine nationalistische Gründung handelte, abzulenken. Die Liga wird dem „Lorrain", der aus der Schule plaudert, wenig Dank wissen.
Katholische und evangelische Missionen.
Von einem evangelischen Geistlichen wird uns geschrieben:
Die „Rheinische Volkszeitung" Nr. 48 druckt unter obigen: Stichwort einen Artikel der „Deutschen Tageszeitung" über Eingeborenenarbeit ab, in dem behauptet wird, daß die katholische Mission sich in Ansiedler- urtb Beamtenkreisen der Kolonien meist einer viel höheren Wertschätzung erfreut als die evangelische Mission, weil jene eher geneigt sei, mit den Europäern zusammenzu- arbeiten und weil sie ihre Zöglinge zu straffer Arbeit erziehe.. Namentlich sei in Kamerun der katholische Missionszögling vor dem evangelischen geschätzt, weil jener aus der Missionsschule heraus an eine gewisse Arbeitstätigkeit gewöhnt sei. — Der Vorwurf, die evangelische Mission erziehe nicht zur Arbeit, ist schon oft erhoben und widerlegt worden. Er wird durch seine stete Wiederholung nicht wahr. Da in dem Artikel der angezogenen Blätter auf Kamerun verwiesen wird, so stellen wir aus den Missionsberichten der dort wirkenden Basler Mission folgendes fest: In den Mittelschulen in Bonaberi, Buea und Lobetal wird neben Religion, Deutsch und anderen geistigen Fächern breijer Raum für Handarbeiten gelassen. Die Schüler stellen Flechtarbeiten, Matten und dergleichen her. In Lobetal sind die Schüler Fischer, Maurer, Backsteinformer, Kakaoarbeiter, Perlenkornschläger. Die Schüler haben in einem Jahre 21 Zentner Fische gefangen, 15 000 Backsteine geformt und gebrannt, 1000 Planten, 200 Kakaobäumchen und 400 Gummibäumchen gepflanzt. In den Mädchenschulen Kamerun wurden Kleider zugeschnitten, gestrickt, gehäkelt. Großartig ist die Basler Industrieschule auf der Goldküste, in der die Missionsschüler in allerlei Handwerken unterrichtet werden. Hier ist eine Missions- Druckerei, Buchbinderei, Schmiede, Schreinerei, Hier sitzen Kappenmacher, Korbflechter, Mattenweber. Diese Tatsachen werden genügen, um zu beweisen, daß die evangelische Mission mit allem Nachdruck die kulturelle Ausbildung ihrer Zöglinge pflegt. Der Artikel der „Deutschen Tageszeitung", welchen die „Rheinische Volkszeitung" mit Behagen abdruckte, beruht also auf völliger Unkenntnis.
Wir haben uns auf Kamerun beschränkt, weil diese Kolonie in dem Artikel besonders genannt.war. Das Gesagte gilt aber von der evangelischen Mission überhaupt. Diese bat ein starkes Interesse daran, daß die von ihr bearbeiteten Stämme eine gesunde, der neuen Zeit angemessene wirtschaftliche Existenz finden. Sie ist darum überall eifrig dabei, den Eingeborenen eine solche schaffen zu helfen. Wir bestreiten nicht, daß
der nach körperlicher Reinigung Trachtende das Wasser mit einem Blechtopfe, der einstmals Bleiweiß zum Aufenthalte diente, und schüttet es sich über Kopf, Rücken und Körper. Während all..dem hat sicksiauch die Straße gefüllt. Rikshaws, kleine zweiräderige Droschken, rasseln vorbei, Hökerochsen ziehen mächtige überdachte Karren mit zwei hohen Rädern, Milchmänner schreien, ihr ,.mj kiri", Zuckerbäcker ihr „cham cham", dort wieder , emer „Lunn mirisadjaru", er hat auch irgend etwas, unbestimmt Eßbares zu verkaufen. Der Bäcker kommt — „ei pan", „ei pan", verkündet seine nahrhafte Nähe. Auch das dunkelfarbige Auge des Gesetzes erscheint — eine mächtige Mefsingnurnmer vor dem streng blickenden Haupt, einen echt englischen Polizeiknüppel an der Seite, so stolziert er durch die Reihen des seiner treuen Obhut anvertrauten Volkes. So wimmelt es umher auf der Straßenseite des langen Hauses, das zwar nur ein Stockwerk besitzt, dafür aber eine endlose Anzahl schmaler Wohnungen unter einem Dache nebeneinander enthält. Das lange niedere Bauwerk umgibt einen breiten langen Hof, den aber die üppige Tropennatur nicht kahl gelassen gleich unseren Höfen, prächtige Kokospalmen überschatten ihn mit ihren mächtigen Wedeln. Auf diesem Hofe tummelt sich jetzt die zahlreiche Fugend aus der weitläufigen Mietskaserne. Ceylons Volk stirbt noch nicht aus.
Einträchtig spielen die Kinder zusammen, vorläufig unbe- kümmmert um die später so hoch gehaltenen Srandesunter- schiede — dort ringt ein Boy aus der höchsten. Kaste, mit einem gleichalterigen aus der niedrigsten Kaste. Grimmig tobt der Kampf der gewaltigen Leiber, da stört den einen der Kämpfer
