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Sonntag, 1, März 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 101. » 62. Jahrgang.

ZULsrilaLionaLe Grundfragen.

Jeder urteilsfähig« Deutsche weiß, wie falsch die in Frankreich weitverbreitete Vorstellung ist, daß wir eines Tages einen Überfall ins Werk setzen und die ^epublik durch einen beliebig vom Zaun gebrochenen itneg vor die Existenzfrage stellen wollen. Kein Mensch bei uns hat dergleichen im Sinne, die ganze beschichte der letzten vierzig Jahre ist ein einziger fort­gesetzter Beweis für die Friedlichkeit unserer Politik. Bei dreser Tatsache, die sür uns alle so feststeht, daß lede - entgegengesetzte Darstellung nur unsere Verwun­derung erregen kann, bleibt es aber in Geltung, daß vre Franzosen wirklich glauben, sie müßten sich gegen uns bis an die Zähne rüsten. Wenn die großen sran- sosischen Anstrengungen zur Verstärkung der Wehrkraft gemeinhin unter dem Gesichtspunkte der brennenden ^-ust zum Angriff auf uns betrachtet werden, so wider­bricht diese Auffassung nicht der anderen, wonach un- stre Nachbarn überzeugt sind, sie müßten sich gegen den deutschen Angriff rechtzeitig rüsten. Diese falsche An- imsi wirkt eben wie ein Faktum und bewirkt somit den Willen zur selbständigen Wahl des für unvermeidlich gehaltenen Zeitpunkts. Nun sind wir nicht so opti- Unstisch, anzunehmen, daß der Grundirrtum in der französischen Rechnung ebenso verschwinden könnte, wie es mit dem jahrelang gehegten Irrtum der Engländer allmählich zu geschehen scheint, die ebenfalls glaubten, wir trügen uns mit kriegerischen Absichten gegen Groß, britannien und die alsdann diese ihre grundlose Vor­aussetzung mit begreiflicher psychologischer Umkehrung zu dein Entschluß wandelten, sich gegen uns überstark and unangreifbar zu machen. Die Entspannung der deutsch-englischen Beziehungen hat gewiß ihre sehr realen Gründe, worüber wir uns mehrfach an dieser Stelle eingehend geäußert Haben, aber nicht übersehen iscrrf mau das angeführte Moment des allmählichen ^Wachens der britischen Volksseele ans dem Alpdruck ,^r vermeintlich drohenden deutschen Invasion. Die °sfte Kontrolle für die Wirksamkeit dieses Moments haben wir daran, daß es uns den Engländern. gegen­über ja nicht anders geht. Auch wir hatten vielfach damit gerechnet, daß uns ein Angriffskrieg von jen­seits des Kanals drohe, diese Rechnung hatte sogar greifbare Unterlagen, sie war nicht immer ein Hirn- gespinnst. Seit Jahr und Tag jedoch dürfen wrr das Verhältnis mit anderen Augen betrachten, und von dem Augenblick an, wo dies geschah, war auch die Mög­lichkeit einer Annäherung gegeben, die ja noch nicht per­fekt ist, die wir aber mit großer Sicherheit demnächst als Realität erwarten dürfen. Es wäre gewiß kühn, etiien gleichen Verlauf in bezug auf das deutich-sran- zösische Verhältnis anzunehmen, immerhin besteht die Möglichkeit, wenn auch fürs erste nur in theoretischer ?3eiie- als Schluß aus Prämissen, die in der Richtung der politischen Entwicklung liegen.

Mit dem beispiellos gewagten Experiment, das me Republik unteruonimen hat, als sie ihre nationalen

Nachdruck Verbotes.

Das Hündchen.

Von Wilhelm Scharrelmann.

Hoch oben im Dachgeschosse eines Hauses an der Pickbalge wohnte die alte Frau Kramer. Sie war be­reits hoch in den Sechzigern und nur noch schlecht zu Fuß. Wenn sie in ihrem altmodischen, schwarzen Rock, der mit unzähligen Falten an das Oberkleid genaht war, langsam über die Straße huschelte, Len Kops mrt einer' schwarzen Spitzenhaube aus Großmut-terszeiten be­deckt, ihren alten, unförmigen Regenschirm, der eyer wie ein zusammengerolltes Paket aussah, im Arm, so riefen ihr die. Kinder, die in der engen, alten Straße dor den Türen hockten, mit hellen Stimmen und der brutalen Rücksichtslosigkeit der Jugend nach:Kramer- sche geibt nt, speet den Priem nich ut!" Und es sah wirklich aus, als wenn sie einen hinter der Backe hätte. Sie hätte nämlich die Angewohnheit, ihre Zungenspitze immerfort im zahnlosen Munde hinter der linken Backe hin und her zu schieben. Dabei hielt sie den Mund ein wenig offen, als wenn sie sich gerade namenlos iiber etwas wundern müsse und nur mit Mühe ein: »Oh, oh, wie ist's möglich!" unterdrücken könne.

Verwundern tat sie sich nun übrigens wirklich genug im stillen über die neue Zeit, die ein paar Häuser un Spiekersgang, der in die Pickbalge einmündete, ein­fach wegbrach, als wenn sie nicht einen Pfifferling wert wären wunderte sich über die Kinder, die sie ver­höhnten wo sie nur ihre Nase zu Gesicht bekamen, und wunderte sich über die Mitbewohnerin, die Schneiders- fian, die jeden Nachmittag ein Stück Topfkuchen in ihre Tasse Kaffee tunkte! Nee, die neue Zeit war zu verschwenderisch! Da hatte man es früher doch besser tusammengchaUe» >

Kräfte durch die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit bis hart an die Grenze des Zerreißens und Zersprengens belastete, hat sie sich selber vor eine Schick­salsfrage gestellt, deren unermeßliche Bedeutung noch immer nicht genügend gewürdigt zu werden scheint. Wird die Stunde des Losschlagens weit hinausge­schoben oder muß sie gar versäumt werden, so wird Frankreich sozusagen fertig sein, fertig in dem Sinne, daß der Verzicht auf unerfüllbare Hoffnungen einen Sturz ms Bodenlose mit sich bringen muß. Es kommt für die Bewertung der Lage gar nicht darauf an, daß gegenwärtig nirgends eine Veranlassung zu internatio­nalen Komplikationen zu erkennen ist, es ist auch nicht entscheidend, daß gerade die deutsch-englische Annähe­rung einen negativen.Faktor in den französischen Kom­binationen darstellt, so daß die Rechnung zurzeit nicht so glatt aufgeht wie etwa in den kritischen Wochen der Agadirepisode, sondern bestimmend ist der psychologi­sche Zustand jenseits der Vogesen. Allerdings könnten unsere Nachbarn aus sich heraus den Rückweg zur Ver­nunft finden, wenn sie sich davon überzeugten, daß ihre Furcht vor einem deutschen Überfall vollkommen sinn­los ist. Sie könnten alsdann das verhängnisvolle Ex­periment, an dem jetzt ihr Staatskörper krankt, ohne Gefährdung von Lebensinteressen wieder aufgeben. Aber wenn einmal die schiefe Ebene von Jrrtümern und dar­aus entstehenden Serkehrten Entschlüssen betreten wor­den ist, dann gibt es zumeist kein Halten mehr. Das große Problem, von dem die Geschicke Europas gegen­wärtig ihren bestimmenden Charakter erhalten und in der nächsten Zeit noch mehr als jetzt erhalten werden, ruht nach unserer Ansicht nicht so sehr in den Fragen des Orients, auch nicht in der Frage des Verhältnisses zwischen Rußland und Österreich-Ungarn (obwohl gerade in diesem Punkte der Stein ins Rollen kommen könnte) als vielmehr in dem plötzlich wieder akut gewordenen und gerade durch das Fehlen eines konkreten Streit­gegenstandes so unheimlich deutlichen deutsch-französi­schen Verhältnisses.

Das sind Dinge, von denen eigentlich nicht ge- sprochen wird, von denen zu sprechen auch nicht ratsam ist, die aber jeden politisch urteilsfähigen Beobachter stark und mit Sorgen beschäftigen müssen. Wir er­wähnten soeben die gespannten russisch-österreichischen Beziehungen. Auch von ihnen gilt, was von uns und Frankreich gilt, nämlich, daß zur Stunde keine akute Verwicklung vorhanden ist. Man kann fragen, ob Rußland sich durch den Verlauf der beiden Balkankriege in seinen Plänen getäuscht sehen muß. Man kann die Frage zur Hälfte bejahen und zpr Hälfte verneinen. Aber dasselbe läßt sich auch von Österreich-Ungarn aus- sagen, dessen Bilanz im Südosten jetzt, alles in allem genommen, besser abschließt, als vor Jahresfrist er­wartet werden konnte. Ungefähr halten sich die Heiden Kaiserreiche da unten die Wage, wdoch hindert das Rußland nicht, sich yiit aller (Kraft gegen Österreich- Ungarn zu rüsten, eine gründliche Abrechnung soll ver­sucht werden, und da wir hinter dem Donaureiche stehen,

Ihr Geiz war bereits sprichwörtlich geworden und ii\ der ganzen Nachbarschaft bekannt.Du bist ja so geizig wie Mutter Kramer!" schäften sich die Kinder, wenn eins das andere nicht von seinem Apfel abbeißen lassen wollte, denn keins konnte sich rühmen, von Mutter Kramer je einen Apfel oder ein Stuck Kuchen geschenkt bekommen zu haben. ,.

Viel zu beißen hatte die Alte allerdings nicht. Sie verzehrte die kleine Rente eines Kapitals, das ihr Mann bei seinem Tode hinterlassen hatte, und damit mußte sie auskommen. In früheren Jahren hatte sie hin und wieder noch ein wenig durch Handarbeiten dazu ver- dient. Aber jetzt wurde ihre Hand zu zitterig dazu, und init den Augen wollte es auch urch. mehr recht.

Tagelang hockte sie in den beiden Zimmern, die sie bewohnte, und kam meistens nur des Abends in der Dämmerstunde einmal auf die Straße. Scheu und in sich gekebrt huschelte sie dann an den Hausern hin, be­sorgte ihre Einkäufe, die sic in die kleinen Läden der Wachsten Straßen führten, und war, froh, wenn man sie so wenig wie möglich beachtete. , Die kleinen Ausgaben, die sie machte, rechnete sie bereits tagelang im voraus genau aus, behalf sich zu Mittag oft genug mit Brot und Kaffee und trieb ihre Sparsamkeit uu Winter oft so weit, daß sie an manchem Tage die Feuerung sparte und lieber zu Bett ging, wenn cs un Zinuuer gar zu kalt wurde. . ..

Aber peinliche Ordnung hchltsie zwischen ihrem alten Hausrat, dessen meiste Stucke noch ygn ihrer Mutter stammten. Da standen alle, längst schadhaft gewordene Mabagonimöbel, und ein Glasschrank be­herbergte ihre Staatskassen mit den verblichenen golde­nen Zieraten daran. Eine alte, bnntbemalte Schale stand darin und die Silberhochzeitstasse mit der silber­nen Aufschrift: Der Silberhraut! die sie einst geschenkt bekommen hatte. Daneben prunkten ein paar billige *

so würde der Angriff auch gegen uns gerichtet sein müssen. Dieser Zustand allein gibt den Schlüssel zu der sonst unverständlichen Möglichkeit, daß in Peters­burg der Wille zum Kriege mit uns anscheinend immer bestimmter durchdringt. Denn es besteht ja kein un­überbrückbarer Gegensatz der Interessen zwischen Ruß­land und Deutschland. Dieser Zustand enthält in sich aber auch die Antwort auf die Frage, warum die fran­zösischen Rüstungen parallel mit den russischen gehen und warum die Staatsmänner der Republik gerade jetzt alles aufbieten, um dem befreundeten Zarenreiche materiell den Rücken zu stärken.

Man kann nur die Gegebenheiten der Lage fest­stellen, vieles kann anders kommen, als es sich der Haß, der Ehrgeiz, auch der aus unbegründeter Furcht vor uns entstandene Irrtum der Gegner vorstellen, aber dessen müssen wir uns bewußt sein, daß ein Sturm los­brechen kann.

Unschulöiges Leiden.

Von Pfarrer Lieber (Wiesbaden).

In den christlichen Kirchen und Predigten gehen in dieser Zeit, der Passionszeit, die Gedanken uni das Leiden und Sterben Jesu. Diesem Leiden und Sterben hat die Christengemeinde von jeher eine ganz besondere Bedeutung beigelegt. An dieses Leiden und Sterben sieht sie das Heil der Menschen geknüpft. Mit immer neuen Gedanken haben die Menschen den Sinn und den Wert dieses Leidens zu deuten gesucht. Aber keiner dieser Deutungsversuche, keine dieser Theorien vom Versöhnungstode Jesu hat jemals die Zustimmung aller Christen gefunden. Gegen jeden hat sich noch immer die Kritik gerichtet und in den meisten Fällen war es nicht eine Kritik des kühlen, verständigen Kopfes, son­dern eine Kritik des warmen, frommen Herzens, das sich gegen eine Gottesanschauung sträubte, die wieder zurücksührte hinter die Gottes erkenntms Jesu Christi, gegen die Vorstellung von einem Gott, der nicht ver­geben kann, wenn nicht-feftier Ehre Genüge getan ist oder wenn er nicht an einem Unschuldigen die Strafe vollzogen hat für die Schuldigen. Wer all diese Kri­tiken haben nichts daran geändert und werden nichts daran ändern, daß zahllosen Menschen aus diesem Leiden und Sterben Jesu fort und fort die tiefsten Ge­danken und die stärksten Kräfte erwachsen. Nur daß diese Gedanken und Kräfte es nicht vertragen, in die engen Schranken einer dogmatischen Theorie gepreßt zu werden und gottlob unabhängig sind von der An­nahme irgend einer überlieferten und rechtgläubigen Lehre. Es ist die Macht des unschuldigen Leidens, die hier sich offenbart wie an keinem anderen Punkt der Menschheitsgeschichte. Unschuldiges Leiden, das bedeutet von Hause aus einen schweren Anstoß für das Emp­finden und ein dunkles Rätsel für das Denken der Menschen. Solange Menschen über das Leben Nach­denken, haben sie mit diesem Rätsel gerungen. Das

Becher aus doppelwandigem Glas, das innen mit einer Spiegelschicht versehen war. Vor den Fenstern hingen alte, geblümte Vorhänge, und vor den Scheiben stan­den weißglasierte Steinguttöpfe aus alter Zeit, mit kleinen Löwenköpfen an den Seiten, die Ringe in den Mäulern trugen. Alte Geranienstöcke reckten sich hoch und kahl wie Bäume im Herbstwald daraus hervor und mühten sich vergeblich, aus ihren verholzten Stengeln noch Blüten zu bringen.

In diesen stillen Stuben verging ein Tag wie der andere. Nach dem Aufstehen kochte Mutter Kramer ihren Zichorienkaffee, atz ihre Schnitte Brot dazu und machte dann ihr Bett, langsam und umständlich wie alles, was sie tat, setzte sich dann in ihren Armstuhl und nahm ihren Strickstrumpf vor. Dann wurde es Zeit, cm das Mittagessen zu denken. Sie schälte ihre Kartoffeln, langsam, mit zitterigen Händen, und setzte ihre Suppe auf die kleine Petroleummaschine, die in der Ecke stand, und wartete geduldig darauf, daß der Topf ins Kochen gerate, während sich das Zimmer lang­sam mit dem Geruch von Speise- und Petroleumdunst füllte. Der Nachmittag verging mit einem Nickerchen im Lehnstuhl und dem Lesen der Zeitung, und am Abend ging sie einkaufen oder stieg früh, um kein Licht zu verbrennen das Petroleum wurde mit jedem Tag teurer ins Bett, wo sie dann schlaflos lag, ihre Zunge nach alter Gewohnheit im Munde hin und her schob und die Viertelstunden zählte, die von Sankt Annen durch die stille Nacht zu ihr herüberdrähnten. Ver­wandte hatte die Alte gar nicht mehr, und es .onnten Wochen vergehen, ehe einmal ein Besuch über ihre Schwelle trat.

.Eines Tages aber kam jemand, der die Alte mit einem Schlage aus ihren Gewohnheiten rrß und die ruhigen Kreise ihres Daseins zu stören sich nicht scheute. Mutter Kramer lief nämlich eines Abends, als sie