Gette 2 .
Morgen-Ausgabe, 1. Matt.
Wiesdaderrrr TagdlM.
Freitag, 27 , Februar 1914.
Nr. 97.
nur Kenner Se§ Stoffes zur Teilnahme eingeladen werden, soll eine theoretische Einführung in längeren Vorträgen nicht stattfinden, vielmehr nur eine Aussprache Gegenstand der Tagung sein. Begründet wird die Veranstaltung mit den einschneidenden Veränderungen, welche die Einführung der Reichsverficherungs- ordnung mit sich gebracht hat. Die Übergangszeit bis zur völligen Einbürgerung dieses großen gesetzgeberischen Werkes zeitigt eine Fülle von Fragen, die der Klärung bedürfen. Auch die neue Angestelltenversicherung hat so erhebliche Schwierigkeiten in ihrer Durchführung mit sich gebracht, daß eine Aussprache wünschenswert erscheint. Der „Gewerkverein" fügt der Nachricht hinzu: „Deshalb kann auch der Plan nur gebilligt werden. Es fragt sich nur, ob es nicht zweckmäßiger gewesen wäre, auch andere Männer der Erfahrung, die mit der Reichsversicherungsordnung viel zu tun haben, wie die Arbeitersekretäre, mit hinzuzu- ziehen."
* Eine amtliche Warnung vor wertlosen Diplomen. Die „Rordd. Mg. Ztg." schreibt: „In neuerer Zeit wird in
Deutschland Handel mit völlig wertlosen Diplomen einer „Aeadomie Internationale des Arts, Sciences et Lettres" in Toulouse getrieben. Die Seele des Unternehmens ist ein „Docteur Peres consuT, der aber weder befugt ist, den Doktortitel zu führen, noch auch Konsul ist. Er ist wegen Betrugs bereits mit Gefängnis bestraft. In Deutschland wirkt für die Akademie unter den verschiedensten Bezeichnungen und Adressen ein gewisser Dr. Artur Weil. — Vor dem fragwürdigen Unternehmen kann nur gecharnt werden."
sfi. Der Zentralverein für deutsche Binnenschiffahrt trat am Mittwochabend in Berlin unter dem Vorsitz des Geheimrats Professor Flamm (Charlottenburg) zu seiner diesjährigen Hauptversammlung zusammen. Als Vertreter des Handelsministers war Geh. Oberregierungsrat v. Meyer erschienen, für den Minister der öffentlichen Arbeiten Geh. Baurat Shmpfer. Unter den Anwesenden befand sich auch der Reichstagsabgcordnete Bassermann. Nachdem der Vorsitzende die Erschienenen willkommen geheißen, erstattete der Geschäftsführer Dr. Grotewold (Berlins den Geschäftsbericht, in dem cs heißt: „Im großen und ganzen war die Lage der Binnenschiffahrt insofern nicht unbefriedigend, als das Jahr 1918 besonders empfindliche Störungen durch Elementar- ereignisse nicht gebracht hat. Der Streik der Schiffsmannschaften, der namentlich auf der Elbe, der Oder und den märkischen Wasserstraßen zur Zeit der Schiffahrtseröffnung einige Wochen den Betrieb erschwerte, wenn auch nicht völlig lahmlegte, hat naturgemäß unangenehme Wirkungen auf die Erträge der Schiffahrt ausgeübt, wenn er auch in einer den Arbeitgebern günstigen Weise endete." Der Bericht erwähnt dann die Erledigung des Wassergesetzes und des Gesetzes über die Einführung des staatlichen Schleppmonopols auf dem Rhein-Hannover-Kanal. Was letzteres anlangt, so wird zurzeit noch über die Gestaltung der Schleppordnung und der Tarife auf den neuen Wasserstraßen verhandelt. Nach allem, was darüber verlautet, sind die Interessenten von den ersten Entwürfen nur wenig befriedigt. Der Bericht geht dann auf interne Angelegenheiten des Zentralvereins ein. — Nach der Vornahme von Wahlen und der Erledigung anderer geschäftlicher Fragen hielt Oberbaurat Hermann (Essen) einen Lichtbildervortrag über „Bau und Betrieb des Rhein-Weser- Kanals". — An die Hauptversammlung schloß sich ein Festmahl.
— Australien und Deutschland. Der Eisenbahnkommissar des Staates Neu-Süd-Wales wird demnächst in Deutschland e^itreffen, um mit einheimischen Handels- und Jndustrie- kreisen wegen Förderung der handelspolitischen Interessen Fühlung zu nehmen.
parlainenlarisches.
Das Programm des preußischen Abgeordnetenhauses.
Der Arbeitsplan des Abgeordnetenhauses ist nach den bisherigen Dispositionen folgender: Nach Erledigung des Bauetats wird man zunächst den Handelsetat in Angriff nehmen. Etwa am 1. April, eventuell schon am 31. März, werden die Osterferien beginnen. Die Regierung und die Rechtsparteien wollen die Vertagung bis zum Herbst bereits vor Pfingsten eintreten lassen. Ob dies gelingen wird, erscheint aber zweifelhaft, da immer noch ein großer Arbeitsstoff vorliegt. Daß das Parzellierungsgesetz noch in dieser Session zur Beratung kommen wird, ist nicht wahrscheinlich.
Eine Abänderung des bisherigen Steucreinschätzungs- oerfahrens fordert ein Zentrumsantrag v. Strombeck im Abgeordnetenhause. Danach sollen 1. die gesamten Einnahmen der physischen Personen nach dem Ergebnisse des dem bevorstehenden Steuerjahr unmittelbar yorangegangenen Kalenderoder Wirlschaftsjahres und in den Fällen des 8 9 Ziffer 3 und 4 (Geschäftsgewinne und -Verluste aus Handel, Gewerbe und Bergbau) wie bisher tunlichst nach dem Durchschnitt des Ergebnisses mehrerer Jahre zur Einkommensteuer veranlagt werden, und zwar ohne Rücksicht auf den Fortbestand der be
treffenden Einkommensquellen beim Beginn des Steuerjahrcs (1. April). 2. So weit zurzeit der Veranlagung das tatsächliche Ergebnis des Vorjahres noch nicht festzustellen ist, ist der mutmaßliche Ertrag des Vorjahres in Ansatz zu bringen. 3. Die Veranlagung nach dem Einkommen des Steuerjahres ist auf die Fälle zu beschränken, in welchen die Veranlagung nach dem Ergebnis des Vorjahres aus gesetzlichen oder tatsächlichen Gründen nicht durchführbar ist. In diesen Fällen sind auch die Einnahmen aus solchen Einkommensquellen, hinsichtlich deren zurzeit der Veranlagung feststeht, daß sie im Laufe des bevorstehenden Steuerjahres dem Steuerpflichtigen zukommen werden, zur Einkommensteuer zu veranlagen.' 4. Änderungen, welche in dem bei der Veranlagung vorausgesetzten steuerpflichtigen Einkommen bis zum Beginn des Steuerjahres eintreten, können bis zur erfolgten Veranlagung durch Nachträge zur Steuererklärung und später im Rechtsmittelwege geltend gemacht werden. 5. Die Grundsätze unter Ziffer 1 bis 4 gelten auch für die Berechnung der zulässigen Abzüge. 6. Eine Erweiterung des Kreises der steuerpflichtigen Einkommen über die bisherigen Bestimmungen hinaus ist ausgeschlossen.
fjeer und flotte.
— Besuch des Kaisers im Landwchroffizierkasino. Am
28. Februar wird der Kaiser, wie dies alljährlich einmal der Fall ist, dem Landwehroffizierkasino einen Besuch abstatten. Es findet zunächst eine Theatervorstellung statt, von Offizieren des Beurlaubtenstandes gespielt, und dieser folgt ein gemeinsames Abendessen mit anschließendem Bierabend.
Deutsche Schutzgebiete.
4- Die Finanzlage Togos. Im Schutzgebiet Togo weisen, wie die „N. pol. Korresp." mitteilt, die Einnahmen aus den Verkehrsanlagen (Bahnen und Landungsbrücke) in den ersten acht Monaten des laufenden Rechnungsjahres einen nicht unerheblichen Rückgang gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres auf. In der Zeit vom 1. April bis 30. November 1913 betrugen die Einnahmen aus den Verkehrsanlagen 788 717 M„ im gleichen Zeitraum des Vorjahres 888 199 M., so daß sich eine Mindereinnahme von 69 482 M. ergibt. Der Rückgang betrifft die Bahnen, und zwar ergaben sich Mindereinnahmen beim Personenverkehr um 12 600 M., beim Gepäck- und Traglastenverkehr um 11 886 M., beim Güterverkehr um 51966 M., bei den Nebengebühren um 1548 M., insgesamt 73 685 M.
DKG. Taifunverheerungen auf Rota. Ein Taifun hatte Mitte November unsere Marianen-Jnseln heimgesucht und zwei schlimme Stunden lang besonders auf der Insel Rota viel Schaden verursacht. Das ganze Unwetter währte 36 Stunden und zwang die Eingeborenen, während dieser Zeit sich in den Höhlen aufzuhalten. Der Orkan hat beinahe sämtliche Eingeborenenhäuser zerstört, das Haus der Negierung abgedeckt und unter dem Inventar viel Schaden angerichtet. Natürlich sind auch die Kokospalmen beschädigt worden, und unter den Eingeborenen herrschte Mangel an Nahrungsmitteln und Tabak, der aber wohl inzwischen behoben sein dürfte.
KULlKNd.
Österreich-Ungarn.
Die epirotische Bewegung in Albanien. W i e n, 26. Febr. Der Athener Korrespondent der „R. Fr. Pr." hatte eine Unterredung mit dem griechischen Minister des Äußern Streit, welcher sich über die Aktion Zographos äußerte, daß die Bemühungen der griechischen Regierung, Zographos, den Leiter der epirotischen Bewegung, vor übereilten Schritten abzuhalten, nicht zu dem gewünschten Erfolg führten. Die griechische Regierung glaube noch immer, daß nach Annahme ihrer Forderungen bezüglich der religiösen Freiheiten für Albanien die einverleibte griechische Bevölkerung in ihrem Widerstand gegen die albanische Annexion Nachlassen werde.
Niederlande.
Vorbereitungen zur Haager Friedenskonferenz. Haag, 25. Febr. Die Regierung der Vereinigten Staaten machte außer England auch den Niederlanden einen Vorschlag, betreffend die Bildung eines Internationalen Komitees zur Vorbereitung des A r b e i t s p r o g r a m m s der dritten Haager Friedenskonferenz.
Belgien.
Rückwirkungen des französischen Bergarbeiterstreiks.
Brüssel, 26. Febr. Der französische Bergarbeiterstreik übt auch einen starken Rückschlag auf die belgische Kohlenindustrie aus. Viele Bergleute wandern von Frankreich nach Belgien ein und finden■ sofort Arbeit. Eine große Anzahl Arbeiter, die in den französischen Grenzgebieten tätig sind, wohnt in Belgien. Diese haben nun ihre bisherigen Arbeitsstellen verlassen und sind auch bei belgischen Zechen eingetreten. Belgische Kohle wird jetzt viel von französischen Firmen bezogen. Die Zecher' beklagen sich jedoch, daß sie in
folge des Eisenbahmvagenmangels in Belgien arg in der Ausfuhr behindert sind.
NichlanL. >
Geheime Vorbereitungen, betr. den deutsch-russischen Handelsvertrag. Petersburg, 25. Feibr. Das L and- w i r t s ch a f t s m i n i st e r i u m arbeitet, nach dem „Ruskojc Slowo", einen strengen Gehet ment Wurf aus. Die Vor- f arbeiten des Handelsvertrages mit Deutschland sind dem Handelsministerium möglichst zu entziehen, welches, nach dem Landwirtschaftsministerium, die Vorarbeiten in falsche Bahnen gelenkt habe. Die Interessen der Industrie seien jetzt zu einseitig vertreten. Auch sei die Geheimhaltung der Absichten der russischen Regierung durch die Heranziehung nichtstaatlicher Organisationen gefährdet. Es wird als zweckmäßig die Einrichtung einer besonderen, keinem Ministerium unterstchenden Behörde, die nur aus Beamten bestehen darf, betrieben. Als Vorsitzender dieser Behörde ist Graf Witte, besonders wohl auch wegen seiner Erfahrungen als Unterhändler bei dem letzten Handelsvertrag, in Aussicht genommen.
Majestätsbeleidigung durch Soldaten. Wilna, 26. Febr.
Das hiesige MMärbezirksgericht verurteilte den Gemeinen Astonow wogen Massstätsbeleidigung zu 6 Jahren Zwangsarbeit. Eine so schwere Strafe wegen Majestätsbeleidigung steht einzig da und erregt in allen Bovölkerungskreisen den 1 lebhaftesten Unwillen. Wie verlautet, sind die Militärbehörden bestrebt, durch drakonische Strafen umstürzlorische Ideen im Heere zu ersticken.
Die Maßnahmen zum Zobelschutz. Petropawlowsk ' (Kamtschatka), 25. Febr. Die vom Gouverneur abgeschickte Expedition zur Verhinderung unberechtigter Zobeljagd ist nach Lösung ihrer Aufgabe hierher zurückgekehrt. Sie hat mehrere Gesellschaften von Zobeljägern festgenommen sind ihnen Waffen und Zelte abgenommen. Sie entdeckte unterwegs vier warme Quellen und beobachtete Ausbrüche der Vulkane Jupenawski und Berezowsky. '
Dalkanstaaten.
Der österreichische Gesandte am albanischen Hofe. Wien,
25. Fcbr. Der österreichisch-ungarische Botschaftsrat in Konstantinopel Loewenthal von Linau wurde zum Gesandten am albanischen Hofe ernannt.
Südamerika.
Unruhen im Nordosten Brasiliens. Rio de Janeiro,
26. Febr. Die Unruhen im Staate Ceara dauern fort. Nach Blättermeldungen fand bei Siriguelcalmon ein Kampf statt.
Die Regicrungstruppen schlugen mit einem Verlust von 15 Toten die Aufständischen in die Flucht, die 100 Tote auf dem Platze ließen.
Luftfahrt.
Absichtliche Beschädigung eines Flugzeuges. Mailand,
26. Fcbr. Das hiesige Gericht wird heute sein Urteil in einer Sache abzugeben haben, die vor einiger Zeit großes Aufsehen erregte. Der italienische Flieger Dalmistro hatte vor einigen Wochen von dem bekannten französischen Flieger für 24 006 Franken einen Apparat gekauft, der eigens zur Ausführung > der bekannten Pegoud-Flugkunst stücke bestimmt war. In der Nacht vor dem ersten Aufstieg des Fliegers entdeckte der deutsche Mechaniker desselben, daß ein unerhörter- Sabotageakt verübt war. Das Bsnzinzuführungsrohr war in so ungeschickter Weife beschädigt worden, daß der Motor unbedingt hätte zu arbeiten aufhören müssen, und zwar in dem Augenblick, wo der Flieger mit dem Kopf nach unten geflogen wäre. Mehrere Mechaniker wurden unter der Beschuldigung, den Apparat beschädigt zu haben, verhaftet.
Kus Stadt und Land.
>
wissbadsnsr Nachrichten.
_ Die Rauchplage auf dem Rhein. Der Oberprästdent
der Rheinprovinz hat als Chef der Rheinstrombauverwaltung eine Bekanntmachung für die Rheinschiffahrt erlassen, in der darauf hingewiesen wird, daß der Dampflessel-Überwachungs- \ verein in Duisburg, dem die meisten deutschen Dampfschiffe f angehören, sich bereit erklärt hat, kleineren Reedereien unentgeltlich einen Lehrheizer für kürzere Fahrten zur Verfügung zu stellen, welche den Heizern der Dampfer auf der Fahrt Anleitung geben sollen, mit welchen Mitteln eine rauch- schwache Feuerung z,u erzielen ist. Ferner wird darauf hingewiesen,, daß. der Verein zur Wahrung der Rhein- [ schiffahrt-Jnteressen ein Merkblatt herausgegeben hat, das in kurzen Worten die Mittel erwähnt, die beim Feuern der Dampfkessel zur Verminderung des Rauchs anzuwenden sind. Das Merkblatt ist für einen geringen Preis in Plakatform auch an der Schifferbörse in Ruhrort zu erhalten. Es ist zu erwarten, bemerkt dazu die „Köln. Ztg.", daß von den / bekanntgegebenen Mitteln zur Unterdrückung der Rauchplage
Aurnemanz konnten zu so und so viel Malen ihre Verbeugung wt den Berlinern machen, und durch Zurufe gab man dem Kapellmeister kund, daß auch er und die Seinen sich vortrefflich gehalten. Es war, wie man so sagt, ein großer Erfolg.
Die Kritik erging sich in wehmütigen Vergleichen m,t Bayreuth. Es helfe nichts, dieses Werk könne nun einmal nicht die ganz besonderen Bedingungen entbehren, für die es geschaffen sei. Das Gesetz habe den „Parfifal" hinausgestoßen auf die Wanderschaft, und nun werde er sich draußen wohl eine Zeitlang wie ein »agierender Ritter Herumtreiben, um schließlich doch, wenn die Menschen seiner müde wurden, wieder zurückzukeihren zum alten Heim auf dem Hügel.
Kaum waren die Freunde und Feinde Bayreuths ist diöser resignierten Stimmung sich einig geworden, als wir hier die zweite Parsifalüberraschung erlebten. Die „Königliche Oper"- die von vornherein auf jedes Wettrennen verzichtet hatte, kam am 5. Januar mit ihrer Inszenierung heraus. In dieser Inszenierung aber gelang dem Intendanten Hülsen der Nachweis durch die Tat, daß das fehlende Bayreuth auch an anderen Orten sehr wohl durch rein künstlerische Mittel ergänzt werden könne. Diese Tat ist künstlerisch und auch allgemein menschlich von einer solchen Bedeutung, daß man ihrer schon ein wenig ausführlicher gedenken muß.
Ein neues Haus meinte man zu betreten, Wie Parsifals heiliger Speer Welten, versinken und Welten erstehen lassen kann, war hier ein fürstlicher Prunkbau gewandelt in eine weihevolle Tempelstätte. Ein weiter, feierlicher Bogen
trennte das Bühnenhaus ab und der schwere Vorhang hatte etwas von der Schranke, die an alten Kultorten das Allerheiligste verschließt.
Bestimmend für den Charakter eines fürstlichen Rangtheaters ist vor allem das „Proszenium" mit seiner reichen Gliederung und seinen vielen Logen, in deren Rahmen sich ein buntbewegtes Leben abzusp'elen^ pflegt. Dieses gesamte Proszenium war in Berlin — verschwunden. Die ernsten Wölbungen eines Zentvalbaus des sogenannten romanischen Stils, von Genzmer entworfen, beherrschten die Flächen. Wohl waren diese Flächen gegliedert durch Säulen und Emporen und gekuppelten Bogen, aber Menschen sollten dort an diesem Tage nicht erscheinen. Nichts Weltliches konnte den zur Bühne gerichteten Blick ablenken. Die gemessene Formen» spräche des Tempels vom heiligen Gral hatte Macht gewonnen selbst über das Schauhaus, das in eine einzige Vorhalle umgewandelt schien. Und wieder bot sich das Bild: vor den Pforten eines Allerhsiligsten.
Noch eines war wesentlich: der prunkvolle Kronleuchter inmitten des Hauses war eingezvgen, Er konnte den neuge- schaffenen Schwerpunkt gefährden und feine überhellen Lichtfluten waren tödlich für die Stimmungen, deren für diesen Tag die Seele teilhaft werden sollte. Fast dämmerig war eS in dem Riesenraum. Nichts großstädtisch Vorlautes drang mehr durch. Das gedämpfte Licht dämpfte selbst die Stimmen. Bayreuth in einer Millionenstadt — das fast Unglaubliche wurde Ereignis: der nüchterne, überkluge Berliner erinnerte sich, patz die Menschheit auch einmal so etwas gekannt
hat wie Andacht. Eine würdige Paosifaldavbietung darf nicht zu lautem Beifall führen, fondevn nur zu einem stillen Er- grisfensein. Hier ward es erreicht. Bis zu einem Grade erreicht/ daß sogar — das ging selbst über Bayreuth hinaus —i !
am Schluß kein weltlicher Lärm die Luft erschüttern mochte, die noch erfüllt war von den weihevollen Klängen.
Hehre Stimmungen werden durch die allzu häufige Wiederholung leicht profaniert. Hülsen handelt entsprechend.
Nach einer Reihe von Vorstellungen wird der „Parfifal" von der Opernbühne verschwinden, um erst in der Karwoche wie- ' der zu erscheinen. Und mit dieser Entscheidung von äußerster Wichtigkeit ist dem Werke eine Zukunft erschlossen, die seiner und seines Schöpfers wohl würdig ist.
Nach einer nur kurzen Irrfahrt durch die weite Welt, hatten die ersten Propheten gekündet, werde „Parfifal" wieder zurückkehren zum Hügel, als der einzigen für ihn mög- lichen Stätte. Wäre es wirklich so geworden, er wäre hsim- geköhrt halb wie ein verlorener Sohn, der die Welt nicht zwingen konnte. Rein, nicht als verlorener Sohn, sondern als der siegreiche Ritter des Grals wird er der Welt den Rücken kehren. Wenn er bald auch in den großen Städten sich zurückzieht in die weihevolle Stille geheiligter Festtage, , dann hast er die alte Einsamkeit als Sieger wiedergefunden.
Ein neues, ein weiteres Bayreuth wird sich ihm damit erschließen. Und zuni andern Maile trägt dann der Wille des Genius, trägt die Kraft eines einzigen, der nur gestorben, aber noch nicht tot ist, den Sieg davon über das Scherbengericht der Masse.
