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Verlag Langgasse 21

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§reitQg. 27. $ebmar 1914.

Morgen »Ausgabe.

Hr. 97. * 62. Jahrgang.

Wie war nnb ist das Zentrum 7

Von Geh. Regierungsrat Dr. Hetzer (Wiesbaden).

Motto : Nichts ist beständig als dar Wechsel.

„Das Zentrum soll bleiben, wie es war und ist." So lautet der wichtigste Satz in dem „Aufruf des Reichsausschusses der deutschen Zentrumspartei" vom

8. Februar 1914 aus Anlaß der „Verwirrung der Geister, welche einzelne Personen und Pretzorgane an­zurichten versuchen". — In seinen Anfängen reicht das Zentrum bis ins Frankfurter Parlament zurück, indem sich dort katholische Abgeordnete zu einer „katholischen Partei" zusammenschlossen und sich als solche u. a. gegen die Wahl des protestantischen Königs von Preußen zum deutschen Kaiser erklärten. Als Fortsetzung dieser Par­tei kann die 1860 im preußischen Abgeordnetenhaus sich bildende Gruppe katholischer Abgeordneter unter Führung von P. und A. Reichensperger angesehen werden. Wie diese auf Grund des katholischen Bekennt­nisses gewählt worden waren, so verpflichteten sie sich, auch bei Neuwahlen nur solche Männer aufzustellen, welche sich der katholischen Gruppe anschließen wollten. Wie weit die am 18. Juli 1870 auf dem Vatikanischen Konzil zu Rom ausgesprochene Unfehlbarkeit des Papstes, wodurch dieser ein von den Konzilen fortan unabhängiger absoluter Herr der Kirche wurde, die Weltanschauung dieser Abgeordneten beeinflußte, läßt sich nicht gut bestimmen. Den ihnen zum Vorwurf ge­machten ültramontanen Charakter zeigten sie erst, als nach der Besetzung Roms durch die Italiener A. Reichensperger am 30. März 1871 im Namen der Partei im Reichstag die Erklärung abgab, „daß er dem Heereszng Deutschlands über die Alpen nicht das Wort reden, ihm aber auch durchaus keinen Riegel vorschieben wolle". Etwas später äußerte sich Windthorst, welcher noch am 17. Juni 1869 an dem „antiinsallibilistischen Laienkonzil" in Berlin lebhaften Anteil genommen hatte, in seiner freimütigen Weise dahin, daß ein gläubiger Katholik auch ultramontan sein müsse, und in den späteren katholischen Volksversammlungen, welche unter der Leitung von Abgeordneten dieser sich nun Zentrum nennenden Gruppe standen, erscholl bald der Ruf, den in brutaler Gefangenschaft schmachtenden Papst zu befreien und in seine ewigen Rechte ernzu- setzen. Auch sang man ein Lied mit dem Kehrreim:

„Nie verleugn' ich meine Fahne,

Ja, ich bin Ultrcrmontane!

und die in solchen Versammlungen ausgebrachten ^Trink- sprüche galten stets in erster Linie dem Pabsi- den offiziellen Kundgebungen des Zentrums freilich war man vorsichtiger, und so heißt es in dem Aufruf vom

9. Juni 1871 ganz zahm: „Die Fraktion stellt sich zur

Aufgabe, für Aufrechterhaltung und organische eiort- bildring verfassungsmäßigen Rechts im allgemeinen und insbesondere für Freiheit und Selbständigkeit der Kirche und ihrer Institutionen einzutreten." Wie dies gemeint war, können wir in einer Rede lesen, welche Freiherr o. Hertling (Februar 1876) in Münster hielt: »Wir

müssen auch unsererseits erklären, daß wir alle "nier- richtsanstalten für die vornehmsten Obzette oes Kampfes halten und schon jetzt als Siegespreis dw Be­freiung der Schule und des Unterrichts aus oer Zwangsgewalt des Staates erfassen müssen." —

Während des Krieges gegen Frankreich UND oer auch in der Folge ans seinen Schultern, ruhenden Ar­beitslast hatte Bismarck dem Unfehlbarkeitsdogma und

seinen Wirkungen trotz der Vorstellungen des Gesand-

„ParstfalS". Ausfahrt aus Bayreuth.

Von Willy Pastor.*)

Der alte Satz, daß große Männer noch lange nach ihre Tod so persönlich wirken können wie nur irgendein Lebendl hat selten eine so verblüffende Bestätigung erfahren, als dem noch immer nicht ganz entschiedenen heißen Streit u Richard Wagners „Parsifal". Ganz Deutschland wurde hr eingezaaen in die Debatte. Dreißig Jahre nach dem T- eines" Komponisten oder Dichters ist dessen Werk nach dm scheni Reichsgesetze „frei", jeder Verleger darf es Nachdruck« sed" Bühne ohne weiteres zur Aufführung bvingen.

1. Januar dieses Jahres war die Schutzfrist für die Wag»- scheu Bühnenwerke abgelaufen und für jeden buchstabe korrekten Zeitgenossen scheinen die Bedingungen der neu

^^Tatsächlich dachte auch kein Mensch daran, für die Hau) maste" der Waqnerschen Werke irgendetwas Besonderes zu v! lanaen Eine Ausnahme machte nur das Werk, mit d< Wagner einst von der Welt geschieden war: der „Parsifa Für das Haus aus dem BahrenMr Hügel hatte der Meis es geschrieben, für jene Statte, tueein neues Olympia Word sollte. Kraft seines Willens sollte „Parsifal" niemals d

*) Aus der deutschen Exportzeitschrift „Das Echo". S&atfin.

ten v. Arnim nur wenig Beachtung geschenkt: bald

wurde er aber aufmerksam und übertrug 1872 dem Kultusminister Falk die Aufgabe, die Hoheitsrechte des Staates der katholischen Kirche gegenüber geltend zu machen. Obwohl dieser bedeutende Jurist sich — wie der technische Ausdruck der Verwaltungsbeamten lautet — „in diese ihm fremde Materie hineingearbeitet" zu haben glaubte und die Annahme seiner sogenannten Maigesetze im Reichstag durchsetzte, so gelsang es ihm doch nicht, den Widerstand des katholischen Klerus und Volkes zu brechen. Im Gegenteil hatten seine Gesetze sowie der ziemlich gleichzeitige Versuch des gelehrten Döllinger in München, den unfehlbaren Papst und seine Anhänger als „Neukatholiken" hinzustellen und die „Altkatholiken" in Deutschland um sich zu scharen, vor allem den bleibenden Erfolg, daß das katholische Volk, sein Klerus und das Zentrum zu dem heute noch stolz emporragenden „Zentrumsturm" zusammengeschweißt wurde. Von diesem Zentrumsturm aus schossen die Abgeordneten im Reichstag und Landtag ihre scharfen Pfeile gegen Falk und Bismarck ab und suchten mit ihren Hilfstruppen: den Welsen, Polen, Französlingen und Sozialdemokraten die Regierungsmaschine ins Stocken zu bringen. Selbst die von Frankreich.drohende Gefahr hinderte sie nicht, in der schärfsten Opposition zu verharren. Dort war 1873 der „glorreich besiegte General" Mac Mahon auf 7 Jahre zum Präsidenten der Republik gewählt und die Armee wieder kriegs­bereit gemacht. Zum Schutze des Friedens verlangte nun Bismarck im Reichstag die Erhöhung der Friedens­stärke des deutschen Heeres auf 402 000 Mann, und zwar entsprechend der Dauer der Präsidentschaft Mac Mahons, auf 7 Jahre (Septennat). Mit den Polen, Dänen, Welfen, Sozialdemokraten und Französlingen stimmte das Zentrum geschlossen dagegen. Allerdings blieb es in der Minderheit. Aber staunen muß man, wie die Führer desselben ihre Leute, unter denen die schärfsten politischen Gegensätze vertreten waren, sicher zusammenzuhalten und iin Interesse der Parteidisziplin oder der Kirche die radikalsten Radikalen für die reak­tionärsten Anträge zu erwärmen wußten. Ob der Zug nach rechts oder links ging, der Turm blieb in sich fest geschlossen und unerschütterlich. Auch die katholischen Wähler folgten den von Klerus und Zentrum gegebenen Weisungen blindlings und stimmten, wie ihnen be­sohlen war. So kam es, daß die Zahl von Bismarcks Gegnern sich stetig mehrte und ihm auch unter den Liberalen und sogar unter den Konservativen (z. B. Gerlach, Bruel, protestantische Mitglieder des Zen­trums) unbequeme Gegner erstanden. Nun hatte der nach dem Tode Pius IX. zum Papst gewählte Leo XIII. gemäßigte Kardinäle ernannt und mff den weltlichen Machthabern wieder persönliche Beziehungen ange- knüpst, um über streitige Fragen „eine die Prinzipien unberührt lassende Verständigung herbeizuführen. Bismapck andererseits fand für seine neue Zoll- und Wirtschaftspolitik bei der seitherigen Mehrheit des Reichstags nicht das erwünschte Verständnis. Denn man verwechselte in jenen Tagen un Volk vielfach Freihandel mit Freisinn. Da brach Bismarck mit den widerstrebenden Liberalen, ging aus die Verhandlungen mit Leo XIII. ein, trat zu diesem feindiplomatischen Mann in fast freundschaftliche Beziehungen und näherte sich dem Zentrum. Gegen maucherter Zugeständnisse lFalk nahm den Abschied) , erreichte er fern Ziel. Als er aber später eine.^reue Sepiennatsvorlage an den Reichstag gelangen ließ, war das Zentrum dagegen, ob-

Hwgel verlassen. Wagner war unerbittlicher als der alte Mohammed, der mit sich handeln ließ, wenn der Berg nicht zu ihm kam. Für ewige Zeiten sollten die Menschen immer nur zum Hügel kommen, niemals aber der Hügel zu den Menschen.

Nun haben wir in Deutschland, wie männiglich bekannt, ein Urheberrecht, und nach diesem Gesetz gibt es für geistige Werke nur eine posthume Schutzfrist von dreißig Jahren. Wagner wollte für eines seiner Werke etwas Besonderes haben? Das war für den wahl-berechtigten Mitmenschen etwas ganz einfach Ungeheuerliches, etwas schlechthin Lächer­liches, über das man sich nicht weiter zu erregen brauchte.

Wer die Erregung kam trotzdem, und sie war so allge- ntern und gleich und direkt wie nur irgend unser vielge­priesenes Wahlrecht. Ein Protestaufruf erging für Bayreuth und gegen das Gesetz. In der Unter, chriftenparade zog so ziemlich das ganze geistige Deutschland vorüber. Es war, wie es im Deutschen heißt, eine Demonstrgj^^ und die Demonstration war von einer so aufdringlichen Art, daß auch der letzte Philister sie nicht übersehen konnte. Ein richtiges Ausnahmegesetz wurde geplant, eine »^ej; $«£^1". Die Presse kam in Alarm, eine Zeitlang behandelten die Tages-. Hättet von Berlin W Kyritz an der Knatter in .ausführlichen Leitartikeln das Für und Wider der geplanten Lex. Die deutschen Fürsten und der Bundesrat schienen nicht abgeneigt zu einem Eingreifen, und ob er wollte oder nicht: der deutsche Reichstag mutzte Höven und mutzte sich.entscheiden. Die Ent­scheidung freilich- die ihm dann endlich beliebte, war eine

wohl Leo XIII. an das Zentrum das Verlangen stellen ließ, dafür zu stimmen. Dem päpstlichen Nuntius in München erklärte damals der Vorsitzende des Zentrums Freiherr v. Frankenstein, daß sich das Zentrum in kirch­lichen Dingen den Weisungen des Heiligen Stuhles füge. In rein weltlichen Fragen aber das Zentrum zu beeinflussen, würde sür dieses und zugleich für den Heiligen Stuhl unangenehme Folgen haben. Inter­essant ist es sür den Laien, daß der päpstliche Staats­sekretär Jacobini Herrn v. Frankenstein im Auftrag des Papstes die Antwort zugehen ließ (Januar 1887), daß das Septennat mit Fragen von moralischer und religiöser Bedeutung zusammenhänge. (Die im Westen versammelten Bischöfe haben sich jetzt zur Ge- werkschaftssrage ähnlich geäußert. D. -schriftl.) Daher dürfe das Zentrum, dem als einer politischen Partei volle Handlungsfreiheit eingeräumt sei, die Interessen der Kirche nicht nach eigener Anschauung vertreten. Die Mehrzahl des Zentrunis fügte sich nicht, sondern stimmte gegen das Septennat. Soweit erinnerlich, ge­hörte damals Freiherr v. Schorlemer-Alst, der Vater unseres Landwirtschaftsministers, zur Minderheit, und auch der heute vielgenannte damalige Bischof von Fulda Kopp trat in einem Hirtenbriefe für den „kindlichen Gehorsam" gegen den Heiligen Vater ein — „unbe­dingt und unbedenklich".

Es folgten seitdem mannigfaltige Schwankungen des Zentrums sür und gegen die Regierung, Annähe­rungen an die Konservativen, Forschrittler, Sozialdemo­kraten und Reichsfeinde. In aller Erinnerung lebt Wohl noch das im Dom zu Speyer unter Mitwirkung eines Bischofs zwischen Zentrum und Sozialdemokratie abgeschlossene Wahlbündnis, welches ebenso erfolgreich sür das Zentrum wie beschämend für die Sozialdemo­kratie ausging. — Und nun ist plötzlich alles wieder anders geworden. In dem am Eingang angeführten Aufruf vom 8. Februar 1914 wird von den Zentrums­wählern verlangt, daß sie gegen „die staats- und reli­gionsfeindlichen Sozialdemokraten" einig bleiben müssen. Ohne daß sich in der Sozialdemokratie etwas gegen früher geändert hat, werden die nun noch kürz­lich als Bundesgenossen umworbenen Sozi für die böse­sten Vaterlandsfeinde erklärt und die Liberalen ge­schmäht, die bei den Nachwahlen mit den Sozialdemo­kraten Wahlabkommen treffen.

Das ist das Zentrum von heute! Ist es nun wirk­lich geblieben, wie es war? — Mag das Zentrum es behaupten. Es sei sein Recht! Aber auch wir haben das Recht, anderer Ansicht zu sein: doch in einem wer­den wir mit dem Zentrum von heute uns frohen Her­zens zusammenfinden, in dem, was bei seiner Jubel­feier am 11. Februar 1914 in Berlin die zu Sprechern bestimmten Abgeordneten Dr. Spahn und Gröber in ihren Reden zum kräftigen Ausdruck brachten: „Deutsch­land, Deutschland über alles!" So hieß es also einmal wieder jetzt in diesen Tagen in Berlin: freilich — nichts ist beständig als der Wechsel.

Deutsches Reich.

* Eine Konferenz von Praktikern der Reichsversiche- runasordnung wird nach dem „Gewerkverein", vom 27. bis '29. April in Düsseldorf abgehalten werden Zur Teilnahme berechtigt sein sollen alle an der praktischen Handhabung der Reichsversicherungsordnung interessier­ten Beamten der Reichs-, Staats- und Gemeindebehör­den und die Organe der Versicherungsträger. Da also

Ernüchterung bösester Art. Der Reichstag hörte — und der Reichstag ging ohne Debatte zur Tagesordnung über.

So hatte demnach der Philister gesiegt über den Willen des Genies, und vom Beginn des Jahres 1914 hatte dieser nicht länger Gewalt über den Willen der Masse? Die Klei­nen und Kleinsten im Reiche dachten sich's so, aber verstorbene Große sind noch nicht tot. Heute schon, wenige Wochen nach dem Freiwerden des „Parsifal", steht nach den von überallher einlausenden Berichten daS eine fest, daß die Maste noch lange nicht den in diesem Werke tätigen Willen bezwungen hat, daß dieser Wille vielmehr ausersehen scheint, einen neuen Sieg über die Menschen davonzutragen, der -um so gewaltiger ist, als eS die Widerstände sind im Vergleich mit -deinen des Jahres 1882 .

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Gleich in der ersten Januarwoche haben wir in Berlin zwei verschiedene Aufführungen des Werkes erlebt, die i» der Gegensätzlichkeit ihrer Auffassung sowohl wie ihrer als symptomatisch gelten können für die weiteren Schml« e, die aller Voraussicht nach dem Werk beschieden sind- , Das Charlottenburger „Deutsche Opernhaus"

Anfang. Beim Publikum war zu Beginn nicht wemger acs bei der Direktion das Bestreben sichtlich, sich l a vor

Bayreuth zu vergeben. Beifallsversuche nach wurden als ungehörig niedergezischt. U"d trotzdem sollte, joas so wie ein Weihfestspiel sich anlietz, doch schließlich aus- gehen wie eine richtige Berliner Premiere mp allen dazu ge­hörigen Sensationen. Parsifal und Kundry. ckmfortas und