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Donnerstag» 26. Februar 1914.
Morgen 'Ausgabe.
Fcr. 95. ♦ 62. Jahrgang.
Dis böhmische RrisiZ — sine österreichische Rrisis.
Aus Wien wird uns vom 23. d. M. geschrieben:
Der österreichische Parlamentarismus und das Kabinett Stürgkh sind wieder einmal auf den toten Strang geraten, woran in erster Reihe die Opposition der mißvergnügten Tschechen schuld ist. Die Regierung aber bat in diesem Fall wieder zu jenem Mittel gegriffen. welches seit einigen Jahrzehnten die letzte Zuflucht fast aller österreichischen Kabinette war. nämlich die sogenannte Versöhnung der Tschechen — selbstverständlich auf Kosten der Deutschen, die man in der Donaumonarchie durchaus zur Rolle des Ambos für den tschechischen Hammer verdammen will. Um die Parlamentsmaschine im österreichischen Abge- ordnetenhause flott zu machen, hatte Graf Stürgkh die seit vorigem Frühjahr zum Stillstand gekommenen deutsch-böhmischen Ausgleichsverhandlungen wieder ausgenommen. was ja an sich durchaus erfreulich war. Nur daß sie den Namen nicht verdienen, denn von einem Ausgleich kann keine Rede sein, da Graf Stürgkh mit seinen Vorschlägen den Tschechen soweit entgegenge- komnien ist. daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig bleibt.
Das Verhalten der Regierung ist um so unbegreiflicher, da die Tschechen durch den Zusammenbruch der böhmischen Landesautonomie und die Einführung der staatlichen Vormundschaft einigermaßen mürbe geworden zu sein schienen, während die Deutschen ihrerseits den Forderungen der Tschechen soweit cntgegenzukommen bereit waren, als sie es mit den Grundsätzen der Erhaltung des Deutschtums überhaupt nur vereinen konnten. So glaubte man, bereits, daß der Boden für eine Wiederaufnahme der Ausgleichsverhandlungen, für einen wirklichen Ausgleich geebnet sei, als der Statthalter von Böhmen, Fürst Thun, unter Assistenz des Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh plötzlich mit den neuen Vorschlägen hervortrat, die eine vollständige Kapitulation der Regierung vor den Tschechen bedeuten.
Während die Deutschen verlangten, daß z u- n ä ch st die nationale Abgrenzung in Böhmen durchgeführt werde, lehnte die Regierung diese Forderung rundweg ab. obwohl doch Fürst Thun in seiner vielerwähnten Herrenhausrede vom Juni 1910 aus- drücklich zugestanden hatte, das; ein geschlossenes deut-- sches Sprachgebiet in Böhmen bestehe. Dagegen wurden die Forderungen der Tschechen in bezug auf die Bestimmungen über die Amtssprache der landesfurst- lichen Behörden und bei den Postämtern restlos erfüllt und ihnen zugleich die Landeshauptstadt Prag, in der die Deutschen zwar nur eine Minderheit, aber doch das bei weitem wichtigste, das ganz überwiegende Kulturelement darstellen, bedingungslos ausgeliefert, Während in allen bisherigen Ausgleichs-
Pariser Brief.
Rodm und die Demoisellen. — Sein Museum und das Hotel Biron ■— Die Geschichte eines adligen Friseurs. — Neues vom Coco. — Der Karneval,
Paris, 20. Februar.
In einem der weißen, allzuweißen Säle des Hotel Brron, dessen hohe, mit Arabesken und Amoretten verzierte Plafondumrahmung und geschnitzte Holztäfelung die prcziöse, ftnm liche Grazie des achtzehnten Jahrhunderts verraten, stand ich an einem Herbstabend und sah durch eines der Türfenster auf den Park hinaus, wo einst zwischen bunten Beeten Marquisen und Seigneurs mit Perücken und in Seidengewändern lustwandelten, und wo jetzt das wilde Gras und wuchernder Efeu zwischen den Bäumen im fallenden Laub untsrgingen. Der Abendschatten drang schon in die Parterreräume ein und umhüllte die nackten Schultern so vieler Göttinnen und Nymphen mit jungpariserischen Naschen und Grübchen, die hinter mir inmitten Titanen, Faunen und banalen Portrait- büsten das Weiß ihrer üppigen, gipsenen Leiber auf die wie mehlbestaubten Saalwände reflektiertem.
Waren es die Göttinnen und Nymphen, die so keck in den alten Salons schwatzten und kicherten? Oder hörte man hier ein Echo des Gezwitschers, mit dem draußen der Spatzenchor frech den Park erfülltes E-ne Tür ging auf und ein halbes Dutzend weiblicher Wesen zog aufgeregt vorüber, hinaus- komplimentiert von einem breitschultrigen Alten, der an seinem langen Bart zupfte, als wolle er ihn ausreißen. »Das sind die Demoisellen des Rodinschen Hofstaats", murmelte sin KunWritikus, der auf einem Schemel in der Ecke faß. — Dm Bildhauer drehte sich herum und kicherte: „Wenn die
Demoisellen nur immer jung wären!" Trotz seiner überschrittenen siebzig Jahre steht er iin Ruf, noch immer dem besonders jugendlichen schöneren Geschlecht Geschmack abzuge- teinnen. Die Schar aber der französisch-englisch-russischen Bewunderinuen stellt seine selbst größtem Lob nicht unzu- Sangliche Geduld mitunter auf eine harte Probe. Freilich schuldet Rodin jetzt einer seiner heißesten Verehrerinnen, die
entwürfen der Regierung an der Zweisprachigkeit Prags festgehalten wurde, erklärt der Entwurf des Grasen Stürgkh das „goldene Prag" als eine tschechische Stadt mit ausschließlich tschechischer Amtssprache. Das heißt, der Gemeinderat soll das Recht haben, die tschechische Sprache nicht nur im i n n e r e n Dienst, sondern auch im äußeren Verkehr ausschließlich zu gebrauchen, mit der einen Einschränkung, daß den Eingaben von deutscher Seite, die ebenfalls in tschechischer Sprache erledigt werden sollen, eine deutsche Übersetzung beigefügt wird. Das heißt also, daß die deutsche Sprache in Prag in Zukunft als ausländisches Idiom behandelt werden soll.
Diese geradezu skandalöse Begünstigung der Tschechen hat die deutsch-fortschrittliche Partei Böhmens zu dem Entschluß veranlaßt, sich an den Ausgleichsverhandlungen nicht mehr zu beteiligen, und auch die anderen in der Ausgleichskonferenz vertretenen deutschen Parteien, die Radikalen und die Agrarier, haben die Vorschläge der Regierung für ganz unannehmbar erklärt. Nun hat freilich der Deutsche Nationalverband noch eine Hilfsaktion ins Werk gesetzt, indem er „das Zustandekommen der Verständigung für absolut notwendig erklärt, allerdings, wenn nötig, auf anderer als der von der Regierung vorgeschlagenen Grundlage". In den deutschen Kreisen ist man einigermaßen erstaunt über die zahme Sprache der Erklärung, und man meint, daß diese Rettungsaktion für das Kabinett Stürgkh auf die Haltung der d e u t s ch- böhmischen Abgeordneten, die ja auch die Aktion nicht mitgemacht haben, kaum von Einfluß sein wird. An die vielfach verbreiteten Gerüchte, daß Graf Stürgkh den böhmischen Ausgleich und eine Landtagswahlreform oktroyieren wolle, glaubt man aber in den unterrichteten politischen Kreisen nicht, und man meint vielmehr, daß die Regierung mit neuen Vorschlägen kommen wird, nachdem sie die Deutschen durch ihren jetzigen Entwurf mürbe gemacht zu haben glaubt.
Welches aber ist der Grund für die tschechenfreundliche Schwenkung des Kabinetts Stürgkh? Allgemein heißt es, er liege darin, daß man aus diesem Wege nach dem Wiederzusammentritt des Reichsrats im März die tschechische O b st r u k t i o n gegen das Wehrgesetz und die Anleihe zur Ruhe bringen will. Aber in Wahrheit spielen hier Motive der auswärtigen Politik mit. Die unter dem Kabinett Goremykin eingeschlagene offensivere Politik im Zarenreiche hat die leitenden Kreise mit Besorgnis erfüllt, und es ist aus diesem Anlaß, wie wir verraten können, das Schlagwort gefallen: „Wir müssen uns zufriedene Slawen schassen!" Also um die national unzuverlässigen Tschechen zu verschonen, was bei deren Begehrlichkeit doch nicht gelingen wird, stößt man die zuverlässigsten Elemente der Monarchie vor den Kopf, schasst man unzufriedene Deutsche! Wenn dieser staatsaefährlichen Politik nicht noch in zwölfter
-mch obendrein "hübsch ist, Mlle. Judith Cladel, den allergrößten Dank. Vor ein paar Tagen zeigte uns ein einflußreicher Politiker eines der seltenen handschriftlichen Brieflein Rodins: „Ich staue jetzt nur noch aus Sie!" schrieb er. Was ihm so am Herzen lag, war sein Museum, das Radin- Museum. Wenn es heute beschlossene Sache ist, wenn der Unterstaatssekretär der Schönen Künste, Jacquier, dem Parlament einen regelrechten Gesetzesvorschlag unterbreitete, ist das nicht das Verdienst einflußreicher Politiker, sondern der Mlle. Judith Cladel, die zuerst auf den Gedanken kam, die Unterschriften sammelte und petitionierte, bis ihre zarte Energie siegte. „
Es gibt auch in Frankreich Leute, die schon zu Lebzeiten ihr Denkmal bewundern können; aber es ist hoch wohl das evstemal, daß einer sein eigenes Museum bewohnt. In unserer Zeit kann niemand es abwarten, ob der Ruhm der Zukunft gewachsen ist. Massenet ist kaum gestorben und schon, tveil man eine Marmortafcl an seinem Hause angebracht hat, wollen die Cook-Karawanen in bie_ Wohnung des „Manon"- Komponisten eindringen, wo sich stjue Witwe nur mit Mühe öer Neugierigen erwehren kann. Vielleicht hat sich such Rodin gesagt, die Nachwelt dürfe mit ihm mcht.so viel Mühe haben tvie mit Rubens, dessen Atelier nur schwer nach zeitgenössischen Aufzeichnungen „rekonstruier! und zunächst auf der Brüsseler Weltausstellung gezeigt werden konnte. Das französische Genie, da§ auch in der llstglelchmäßigkeit seiner Schöpfung genial war, wird selbst dafür sorgen, daß spätere Generationen den weihevollen Schauer verspüren, als weile des Meisters unsterblicher Geist noch in den Räumen, wo er so Herrliches erdacht und geknetet, Was sie nicht sehen werden, ist das schmunzelnde, kaustische Lächeln, das sich hinter dem struppigen Barte Rodins verbirgt, wenn eine Chicagoer Trustkönigstochter oder ein westfälischer PlatzlkönigSsohn ihm für die hingekritzelte Skizze einer indochinesischen Tänzerin taufend Franken bezahlt.
Und sagen, daß man ihn, Rodm, noch vor ein paar Jahren gewaltsam aus dem Hotel Biron hinausjagen wollte! Genau wie den Tragöden de Max, der als Mieter der vom
Stunde Einhalt getan wird, dann würde das nicht nur das Ende des Kabinetts Stürgkh, sondern es könnte auch leicht den Anfang vom Ende für die Donaumonarchie bedeuten, die mit dem Deutschtum steht und fällt!
politische Übersicht.
Wachsender oder weichender Einflutz des Reichstags?
Über den wachsenden Einfluß des Parlaments find oft ganz falsche Ansichten verbreitet. Man sagt, heute übe der Reichstag einen ganz anderen Einfluß aus wie zu Bismarcks Zeiten. Die Konservativen reden sogar von. dem Ansturm der Demokratie auf die Rechte der Regierung und der Monarchie.
.. Dian kann jedoch eher das Gegenteil seststellen. Fürst Bismarck hat namentlich in der ersten Zeit seiner Regierung, als er noch nicht so nervös und eigenmächtig war, dem Reichstag viel freie Hand gelassen oder sich direkt vor dem Willen des Reichstags gebeugt. So urteilt auch ein bekannter Geschichtskenner, Professor Hans Delbrück, im Märzhefte der „Preußischen Jahrbücher". Er schreibt:
„Fürst Äismarck hat sich sehr häufig, wenn auch noch so widerstehend, dem Willen der Mehrheit unterworfen. Er hat sich Kurz gegen seine Überzeugung das geheime Wahlrecht in die Verfassung setzen und die Beschränkung des Reichs auf indirekte Steuern daraus streichen lassen. Er hat sich Septennate gefallen lassen, wo er sür die Heeresorganisation dauernde Einrichtungen gefordert hatte. Er hat die Kulturkampf-Gesetzgebung Stück für Stück vom Zentrum abbrechen lassen. Er hat die Fristbeschränkung des Sozialistengesetzes akzeptiert. Er hat in. der Frankensteinschen Klausel und der Lex Huene Schädigungen der Finanzgebarung des Reiches zugelassen, an denen wir noch heute leiden, und die Reihe dieser Konzessionen an die Torheit oder die Fraktionspolitik der Reichstagsmehrheit ließe sich noch sehr verlängern. Auch Herr v. Bethmann-Hollweg hat selbstverständlich mit dem Reichstag paktiert und ihm dies und jenes nachgegeben, aber doch entfernt nicht so viel und nicht so Bedeutendes wie einst Fürst Bismarck. Das soll gewiß kein Vorwurf für den Reichsgründer sein, ganz im Gegenteil, denn er war Real- Politiker, wußte die entgegenstehenden Kräfte richtig emzuschatzen und konnte nicht anders handeln, als er getan hat, aber es beweist, daß die Verhältnisse seitdem sich nicht verschlechtert, sondern gebessert haben."
Im vorigen Jahre aber haben die Konservativen, als Herr v. Bethmann-Hollweg sich sein Finanzprogramm nur etwas vom Reichstag abändern ließ, sofort gehöhnt: Der Kanzler gibt die Autorität der Regierung Preis. Und Herr v, Oldenburg-Januschau hat sogar im Zirkus Busch gerufen: Wenn der Reichstag die Vor-
Staate den Dame» du Sacre-Ooeur abgenommenen Kapelle seine Probebühne an Altarsstelle aufgeschlag»n hatte. Diese Barnes du Sacre-Coeur waren die letzten rechtmäßigen Besitzer des Schlößchens gewesen, wo hinfort die von Rodin der Nation geschenkten Modelle und gesammelten antiken Skulpturen dem Publikum zugänglich sein sollen. Wenn die Besucher Schönheitsverständnis haben, werden sie zunächst um das 1730 nach den Plänen Gabriels ausgeführte Gebäude herumgehen und Gefallen an der einfachen, logischen Eleganz dieser Frontarchitektur finden: die Terrasse mit den beiden Längspavillons, die starken Säulen, die einen Balkon tragen, von dem früher eine prächtige Monumentaltreppe aus dem ersten Stockwerk in den Garten hinabführte, der von einem .unbekannten Künstler ausgchauene „Triumph der Flora" im Frontspitzendreieck —- trotz mancher bedauerlichen Vevstümmelurrg t|t bet. hübsche Palaist noch immer ein Kleinod, so kostspielig, wie es sich nur Fürsten oder Finanziers leisten konnten. Dre Geschichte lehrt allerdings, daß das Hotel Biron für einen ehemaligen Friseurgeyilfen erbaut wunde . . .
„Gegen Ende der Regierung Ludwigs XIV.", so erzählt der Chronist Janneau, „kam aus dem tiefsten Languedoc der Sohn eines Dorfbarbiers, selbst Rasierer und Perückenmacher, nach der Hauptstadt, die er sich zu erobern anschlckte, Abraham Peyrenc, der in seinem bescheidenen Beruf „ein Haar fand", beschloß, die Pariser in anderer Weise zu barbieren, über die Löffel, und wurde Bankier. Obendrein verliebte sich noch eines reichen Heereslieferanten Töchterlein, Mlle. Fargtzs, in .diesen Figaro, was Abraham Peyrenc gestattete, gleich einer Herzogin ihre Besitzung Moras abzukaufen, weshalb sich der Exfriseur den adligen Namen „Pey- rcnc de MoraS" verleihen durfte. Mit etwas Lateinisch, das er hinzulernte, erwarb er einen Advokatentitel, wurde Rat des Parlaments zu Metz, dann Staatsrat und Vermögensverwalter von Madame la Dauphine, kaufte in der Nähe der heutigen Invaliden viel unbebautes Land und bezog bald eines der schönsten Gartenhäuser im Pariser Bannkreis." Leider genoß er nur ganz kurze Zeit die edelmännischen Freuden; er starb 1732 sechsundvierzigjährig und hinterließ ein»
