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MittWochst 25. §edruar 1914.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 95. » 62- Jahrgang.
' Die elsatz-lothrmgische §rage.
Bon Professor Dr. Martin Spahn, Stratzburg i. ©.*). Die steigende Beachtung, zu der die politischen Vorgänge in Elsaß-Lothringen seit mehreren Jahren die öffentliche Meinung Deutschlands veranlassen, hat mit dem Rücktritt der elsaß-lothringischen Regierung ihren Höhepunkt erreicht. Der Augenblick legt deshalb das Streben nach einer objektiven Stellungnahme zu den Ereignissen besonders nahe. Freilich ist der zeitliche Abstand von ihnen noch so kurz, daß der Versuch ihrer historischen Abschätzung nur bedingte Zuverlässigkeit beanspruchen kann.
Wie der Keim, in die Erde gesenkt, zunächst eine Zeitlang darin ruht, scheinbar ohne eigenes Leben, so ist das erste Menschenalter nach 1870 über Elsaß- Lothringen dahingegangen. Während meist lichtarme, ruhige Tage, dazwischen einige sonnige Stunden und manch schwere Stürme einander folgten, paßte sich die Bevölkerung vorläufig nur äußerlich und passiv den ihr neuen staatlichen Verhältnissen Deutschlands an. Erst durch die 1902 verfügte Aufhebung des Diktaturpara- graphen kam wieder Fluß in das politische Leben des Landes; Kräfte des Wachstums regten sich.
Was sich daraufhin von etwa 1907 bis zur Stunde im Lande abgespielt hat, mag vielleicht am ehesten zusammenfassend durch den Ausdruck „Gärungsprozeß" charakterisiert werden. Der Prozeß machte sich anfangs der Allgemeinheit kaum fühlbar, wurde nach und nach heftiger und hat gegenwärtig alle kulturbildenden und politischen Elemente des elsaß-lothringischen Lebens ergriffen. Mancher schärfer sehende Elsässer hat wohl in den lebten Wochen, in denen sich die Gärung am bedrohlichsten ausdehnte, gesagt, daß das Land seit 1870 nie so nahe an der Annexion durch Preußen gestanden habe. Diese Meinung traf insofern nicht zu, als die Berliner Staatsmänner gewiß nicht erwogen haben, Elsaß-Lothringen den Weg zur Autonomie ungeduldig schon wieder zu verlegen und dem vom Reiche selbst gewünschten Versuche mit der Verfassung vor der Zeit ein Ende zu machen. Wohl aber leuchtete in den bangen Worten die Erkenntnis auf, daß nicht gesetzgeberische Handlungen, auch nicht der gute Wille des Reichs, sondern in letzter Instanz nur der Fortschritt des inneren politischen Lebens in Elsaß-Lothringen und ferne allmähliche Orientierung zum deutschen staatKeben hm über die staatsrechtliche Zukunft des Landes entscheiden
können. .
Der Zeit nach ist die Entwicklung der Garung bis zur höchsten Stärke mit der Statthalterschaft des Grafen v. Wedel zusammengefallen. Des Grafen Ernennung zum Nachfolger des Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg bedeutete im November 1907 eine vollständige Uder-
*•> StuS ber „Illustrierten Zeitung" (Verlag von ,6. I. Weber in Leipzig) Nr, 3686 vom 19. Februar 1014.
raschung. Graf v. Wedel hatte seine Laufbahn als Offizier gemacht. Daneben wurde er vom Kaiser schon früher gelegentlich, seit 1898 beständig in hohen diplomatischen Stellungen verwandt. Verwaltet und regiert hatte er noch nicht, als er. ein Fünfundfechzigjähriger, in das Land kam. Offenbar gehorchte er indessen damit nicht nur als Offizier einem kaiserlichen Befehl. Denn er widmete sich seinem neuen Amte alsbald mit einem Eifer, der über den seiner Vorgänger erheblich hinausging.
Die Aufgaben, die das elsaß-lothringische Staatsleben der deutschen Staatskunst stellt, sind im allgemeinen nicht anderer Natur, als andere Staaten sie in Gebieten zu lösen haben, die sie sich nachträglich einverleiben. Allerdings scheinen sie in Elsaß-Lothringen verwickelter, auch eine langwierigere Behandlung zu fordern, als es die Regel ist.
Die meisten und heftigsten Erregungen hat der Gärungsprozeß unter der Statthalterschaft des Grafen v. Wedel auf dem Boden der Kultur- und Sprachenpolitik hervorgerufen. Schon Jahrhunderte vor der französischen Okkupation des Elsasses rieben sich hier deutsche und romanische Kultur. Die Stelle ist darüber so reizbar geworden, daß sie nur allzuleicht wund und brandig 'wird. Frankreich hat hier wiederholt dieselbe Erfahrung, natürlich in umgekehrter Richtung, gemacht wie nun Deutschlands Heute ist die deutsche Kultur, auch wenn man die Stärke der romanischen Einschläge in den mittleren und oberen Gesellschaftsschichten der einheimischen Bevölkerung anerkennt, ohne Frage der vordringende Teil. Die Abwehr ist deshalb verständlicherweise unmutig und schmerzhaft. Es fehlt ihr beinahe ganz die Möglichkeit einheitlichen Vorgehens, weil die Macht in den Händen der Vertreter der deutschen Kultur liegt. Sie kann sich nicht anders als in unzähligen Einzelfällen Luft verschaffen. Da diese Ein- zelfälle fast durchweg unbedeutend, oft kleinlich sind, verschulden sie wahrlich mehr als alles andere das Mißbehagen, das auf dem politischen und gesellschaftlichen Leben des Landes lastet. Andererseits haben jedoch erst die vielen Einzelfälle lokaler Natur tm Lauf der letzten sieben Jahre das Gefühlsleben der gesamten einheimischen Bevölkerung so empfindlich gemacht, daß die wenigen Fälle von allgemeiner Tragweite die ganzeBevölke- rung regelmäßig in eine sich von Fall zu Fall steigernde, zum Schlüsse elementare Bewegung bringen konnten.
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tion des verflossenen Landesausschusses rm Frühjahr 1908, das Französische zum obligatorischen Unterncyts- fach in den Volksschulen zu machen. ging weiter mit der Verurteilung des Abgeordneten Wetterl6 zu zwei Monaten Gefängnis, mit der Pflege der Erinnerungen an die für Frankreich gefallenen ^ Landessohne und der Propaganda für den „Souvenir und führte hinauf zum Streit um Grafenstaden, in dem die Ab
wehrtaktik wider die deutsche Kultur bittere wirtschaftspolitische Folgen für das Land zu haben drohte. Die Bewegung gipfelte endlich in der leidenschaftlichen _ Entrüstung über den Gebrauch des einheimischen Schimpfwortes „Wackes" auf den Kasernenhöfen.
Menschlichem Ermessen nach wird es noch langer Zeit bedürfen, eine völlige Entspannung im _ Kulturdasein des Landes herbeizuführen, zumal da ihr recht geschickte und skrupellose Leute entgegenwirken. Schließlich aber wird die Zeit Wandel schaffen, wenn nur zugunsten des Deutschtums seine drei großen Machtmittel, die Schule und Volksbildung, die wirtschaftliche Entwicklung und das Verwaltungssystem, in Verbindung mit der Ausgestaltung des Verfassungslebens, nachdrücklich und richtig ausgenutzt werden.
Eben in der Zeit der Statthalterschaft des Grafen v. Wedel hat die deutsche Industrie in Lothringen, auch im Kaligebiet des Oberelsaß gewaltige Fortschritte gemacht und ist Straßburg durch _ die Rheinregulierung mit all seinen Interessen in die Reihe der deutschen Rheinhäfen hineingezogen worden. Still, aber festen Blicks hat die Reichseisenbahnverwaltung unter zwei einander unmittelbar gefolgten ausgezeichneten Präsidenten, Schmidt und Fritsch, die Entwicklung gefördert.
Dagegen erfährt die Schulpolitik von allen Seiten eine oft schneidend scharfe Kritik. Sie hat in dsn letzten Jahren wiederholt Wellen hinüber in das allgemeine politische Leben des Landes geschlagen, die besser vermieden worden wären. Auf jeden Fall wird die neue Regierung ernst nachzuprüfen haben, ob das Schulwesen den gestiegenen Anforderungen an die staatsbürgerliche Erziehung und die kulturpolitische Beeinflussung der Heranwachsenden Generation nachgekommen ist.
Des Grafen persönlichstes Bemühen galt dem Erlaß des Verfassungsgesetzes von 1911. Die Verfassung mußte der Aufhebung des Diktaturparagraphen folgen. Sie brachte dem Lande die Vertretung im Bundesrat, eine Erste Kammer, in deren Zusammensetzung die wirtschaftlichen Körperschaften vorzüglich berücksichtigt werden, und eine Zweite Kammer, die auf Grund eines demokratischen Ansprüchen weit entgegenkommenden Wahlrechts gewählt wird. Gewisse Vorbehalte aber, welche die Reichsregierung noch für die Autonomie des Landes inachen zu müssen glaubte, auf der elsässischen Seite Unwille darüber, daß nicht mit einem Schlage die völlige Gleichstellung mit den anderen Bundesstaaten gewährt wurde, verhinderten, daß sich Reich und Land einmütig zur Verabschiedung des Verfassungs- gesetzes auf der mittleren Linie znsammenfanden. Die Verfassung wurde gegen die Stimmen der Mehrzahl der reichsländischen Abgeordneten zustande gebracht und trieb den in der Entwicklung begriffenen Gärungsprozeß fürs erste noch mächtig voran. Der Statthalter vermied indessen in kluger Besonnenheit, daß sich in den
Die FlEenreise nach Westasrika und Südamerika.
IV.
Kamerun.
Mit Windeseile ist die Kunde von unserer Ankunft m das Innere gedrungen. Die Pälavertrommel. nnt der Dt Eingeborenen sich von Dorf zu Dorf durch Klang und IrYY Y- mus über größere Ereignisse zu unterrichten vermögen, a - beitet fast so schnell wie ein Telegraph. So kam denn eure große Zahl' um die Schiffe in Augenschein zu nehmen, «e einiaen Häuptlingen bedurfte es allerdings dringender 1 -s» ladung, dis sie uns an Bord aufsuchten. Prachtvolle, riest« Gestalten, malerisch in bunte Tücher gehüllt; Energie, Wa - heit Trotz stehen in ihren bärtigen Ebenholzgesichtern ge- schi-iebm, keine Spur von Unterwürfigkeit oder kinducher Neugier, aber Verschlagenheit und List lauern ihnen aus oen
' Mit'Staunen lassen sie sich das Schiff zeigen und sewe Einrichtungen erklären. Innerlich von dem Eindruck über- wältiat bekommen sie einen Begriff von der Macht des fernen deutschen Mutterlandes.
Ein iebr erfreulicher Anblick ist der Erfolg der Tätigkeit der Million an der Küste. Hier, wo sieghaftes Auftreten, schnelle Kolonisationserfolge, entwickeltere Rechtsbogrstfe, überlegenere Kultur des weißen Mannes zum alltäglichen Anblick geworden sind, hier besonders fand die Pflugschar der
Missionen fruchtbringenden Boden, ^n den Regiecungs- schulen sitzen hunderte von Mohrenkmdern, die-es im Rechnen. Diktat deutschen Aufsatz ganz gut mit etwas jüngeren m unseren Schulen daheim aufnehmen können. Im Singen sind sie uns sogar über. Trotz seiner Vorliebe für kreischende. Harmonielose! ganz unmusikalische Sprechgesänge sitzt m diesem Naturvolk ein ganz sicheres Gefühl für reine Natur- Harmonien. Auch schwierigere, vierstimmige Gesänge lernen
sie .jyjj Schiffe anzuschen, wird von den
Schulen im reichsten Matze ausgenutzt. Eines Tages stehen aus der Schanze des „Kaiser" 120 Negerlein aus der Regierungsschule im Alter von 9 bis "M^n, um uns zum Dank für die Führung durch das Schiff etwas vorzusingen. Alle singen mit, und es ist ein rührender Anblick, wie die Wulstlippen die deutschen Worte, deren V-eferer Sinn ihnen wohl fremd bleibt, formen und wie lustig schmetternd in tauberer Ausführung auch schwierigere p-uartette tadellos vom Stapel gehen. „Im Mai, im schonen Maien Hab' ich viel noch im Sinn" .... — bei uns kann das nur die erste Sing- klasse! Wenn Leibnitz mit Recht sagt, daß die Musik eine Kunst der rechnenden Seele ist, dre nur mcht weiß, daß sie rechnet, nun, so hat man hier jedenfalls Seecen, und es mutz auf die Dauer etwas mit ihnen aNEufangen fern.
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Viel Buntes, Neues, Schönes gab's für unsere Leute an Land zu sehen, und mit BegeisternW folgten sie ‘b€m Pfiff zum Antreten der Urlauber. Der gastfreie Direktor der West- afrikanischen Pflanzungsgesellfchast Victoria stellte Züge der kleinen, aber recht leistungsfähigen Pftanzungsbahn zur Verfügung zum Transport der Leute an der Küste entlang, und mit Heller Freude kamen sie v°ll von neuen Eindrücken dieser üppigen Tropenwelt und «Hemden mit billig ober gar Wm Geschenk angobotenen Früchten aller Art — wegen Der Fiebergefahr pünktlich abends um 6 Uhr — zurück an Bord. Schilldkrötenschilde, Sperre, Bogen, Pfeile, Tvinkgefähe; dann Ananas, Bananen, Planten, Mangos. Apfelsinen, Limonen, Papeias, Anonen, Früchte, die man zu Haus nur in den vornehmsten Schaufenstern sieht, das alles konnten sie ihr Eigen nennen.
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Duala.
Nicht viel anders als etwa die Elbe hinauf gcht's in den Kamerunfluß hinein. Wasser und Sand, wweit das Auge reicht. Nur mit dem Doppelglas ist allmählich auszumachen, daß die auf beiden Seiten fern sich zeigenden niedrigen Landzungen mit dichtem Wald bestanden sind. So verbirgt sich die eigentliche Hauptstadt der Kolonie hinter 45 Kilometer eines wenig gastlichen FlußlaufeS, über dem für den Europäer meiit icbwer erträgliche feuchte Treibhausluft bei 30 bis 35
Grad Celsius herrscht. Seit 30 Jahren sind hier Deutsche ansässig, haben hier deutsche Kriegsschiffe geankert. Bon hier strecken sich die Schienenstränge ins Land, auf denen die Früchte der Kolonie ans Meer gelangen und Zivilisation und Kultur ins Innere Vordringen. Ein paar Schritte aufwärts an der Landungsbrücke grüßt aus der Jotz,Platte das Löwendenkmal des Freiherrn von Grabenreuih, der 1891 bei der Erstürmung von Buena sein Leben ließ, und daneben der Grabstein des Leutnants zur See Grasen von Monts, der 1893 hier vor Duala an Bord seines Kanonenbootes dem gelben Fieber zum Opfer gefallen ist. — Zwei Marksteine, daß hier der deutsche Adler seine Fänge eingeschlagen hat.
Die Ankunft unseres Admirals, des „big white Massa". -hat Aufregung unter den Schwarzen hervorgerufen. Neben der Ehrfurcht, mit der er überall von den Weißen empfangen wird, hebt ihn in^den Augen der Schwarzen besonders das Kreuz an seinem Halse. Es dünkt sie ein Talisman, der ihm seine Kraft verleiht, und mit geheimem Grauen deuten sie darauf und nennen es „Proper medieine"! So ziehen ihm neben vielen Angehörigen der weißen Kolonie Scharen von neugierigen Schwarzen nach/hinauf zum Exerzierplatz, wo er zunächst auf Bitte deS Kommandeurs eine Besichtigung der ganz aus Schwarzen bestehenden Schuh- und Polizeitruppe vornimmt. Selbst der Parademarsch wind nach der Musik der Schuhtruppe ausgeführt, und die Leistungen der barfüßigen schwarzen Truppe, die so ausgezeichnet mit dem Gewehr umzuigehen verstecht, nötigen allgemein dem Zuschauer Bewunderung ab. Dann aber plötzlich eine lebhafte Bewegung unter den Massen der Zuschauer. — Noch eine Musikkapelle in Duala? — In ihrem Rücken ertönen heue Marschklänge, die Menge weicht auseinander, und ® e . n Exerzierplatz rücken in tadelloser Ordnung hundert — 3®et= hundert — 1 dreihundert — achthundert weiße Truppen die Mannschaften der deutschen Division, Lanoungs- kompagnien eingeteilt und feldmarschmäßig ausgerüstet.
Die Erregung der schwarzen Eingeborenen >md die jubelnde Freude der weißen Kolonie kennen t«ne Grenzen. Es ist ein schönes Bild, wie die 800 Mann mu.10 Maschinen. gswehren auf dom linken Flügel in langer Front auf dem
