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Wiesbadener Sagblatt.

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Dienstag« 24. Kebruar 1914.

Oer NeichZkanzler.

Die Frage, wie lange Herr v. Bethmann-Hollweg noch Reichskanzler sein wird, ist gewiß nicht aktuell, aber sie ist von einer verborgenen und doch deutlichen Dringlichkeit. Man kann ohne weiteres zugeben, daß der fünfte Reichskanzler heute fester steht als rm Dezember. In den bewegten Tagen nach der ersten Zabcrn-Debatte schien es vielen, als sei fern Schicksal besiegelt, nicht etwa wegen des Mißtrauensvotums des Reichstags, sondern wegen der Treibereien der Konser- vativen. Es ergab sich das Merkwürdige, daß die Reichs­tagsmehrheit vom 4. Dezember, wenigstens insoweit es'auf die bürgerlichen Parteien ankommt, wirklich nur das Verhalten des verantwortlichen Staatsmanns in der begrenzten Zabern-Affäre, nicht aber seine Ge­samtpolitik tadeln wollte. Damit sollte ja nicht nusgedrückt sein, daß diese Parteien sonderlich beglückt von'der Amtsführung des Reichskanzlers sind, nur je­doch zu einer generellen Verurteilung bestand kein An­laß, besteht auch jetzt keiner; dagegen scheint es beinahe, als hätten die Konservativen , gegen , das Miß­trauensvotum nur gestimmt, weil es ihnen nicht weit genug ging. Diese kleine Gruppe, der Zahl nach klein, tut seitdem ja nichts, als ihre Kräfte an der Unterwühlung der Grundlagen zu erproben, auf die sich die Existenz des Herrn v. Bethmann-Hollweg als Reichs­kanzler und Ministerpräsident aufbaut Dezmnber.

Wie aesaat, iah es so aus. als ob ein allgemeiner Wirbel und Strudel den verantwortlichen Staatsmann herab- zieben^werde, dann beruhigte sich das Wetter, und wer nur auf Äußerlichkeiten blickt, mag glauben, daß alle Stürme vorüber seien. Deshalb auch kann man von einer aktuellen Kanzlerkrise in keiner Weise sprechen; und doch besteht ein K r i s e n z u st a n d; es kann lange dauern, bis er zu einem Personenwechsel führt, wie ja auch manche Krankheit, deren Hoffnungslosigkeit er­kannt wird, geraume Zeit bis zu ihrem letalen Abschluß braucht. In der Zwischenzeit pflegt man ia auch nicht

von Genesung zu sprechen. , , 2 « _ w

Die Konservativen zürnen dem Reichskanzler, weit er Mn starker Mann ist. Ein starker Mann m ihrem Sinn " könnte sich dem jetzigen Reichstag- gegenüber

zwar auch nicht anders verhalten als Herr v Bethmann

Hollweg. aber er konnte dem Reichstag mrt irgend emer Wablvarolc, von der üch die Rechte rounoers luiaujt

äs ss

konservative Männer, die auch vor btefem nicht zurückschrecken wurden. Daß für solche üvemeurer Politik Herr v. Bethmann-Hollweg nicht zu > j' braucht man nicht erst zu sagen. Wer onst für s e zu haben wäre, ist uns nicht bekannt. Vielleicht wissen es die grollenden Konservativen aber fte sagen ^

Die Erfahrung hat sie gelehrt, baß es mm j - ist, e i ncn Namen in den Vordergrund zu schieben._

Morgen - tt usgabe.

schiebt es, so wird er an der entscheidenden Stelle so gleich von der Tafel der Möglichkeiten gestrichen. Nun aber liegt es zur Stunde so, daß der Kaiser gar nicht daran denkt, sich vom Herrn v. Bethmann-Hollweg zu trennen. Trotzdem darf man von einer latenten Kanz­lerkrise sprechen, und zwar hat sie diesmal em ganz anderes Gesicht als in früheren Fällen. Früher kam bei solchen Krisen die Unzufriedenheit von oben mit oer von unten, also von den Konservativen, zusammen. So war es beim Rücktritt des Grafen Caprivr, so beim Rücktritt des Fürsten Bülow. Bei der jetzigen Krise besteht gewissermaßen das parlamentarische System mtt umgekehrten Vorzeichen. Damit soll gesagt jetn, me Konservativen, also eine kleine Minderheit, mochten den Kanzler stürzen, aber da sie das auf geradem Wege nicht können so graben sie Minen und legen Dynamit unter den Kanzlersessel. Das braucht nicht gleich zu wirken, zumal der Sprengstoff ja erst entzündet werden muß. Vielleicht ist die Hand, welche die elektrische Leitung funktionieren lassen soll, noch nicht gesunden, vielleicht ist sie da, wird aber von einer stärkeren Hand festge­halten. -v -

Herr v. Bethmann-Hollweg mag in der Frage der Abgrenzung zwischen militärischen und bürgerlichen Gewalten noch io laut betonen, daß an der Kom­in a n d o g e lo a l t nicht gerüttelt werden , soll (es rüttelt sa fei n Mensch dcwan, wozu also diese Ver­schwendung von Pathos?), so nützt ihm das ber den Konservativen nichts, er bleibt ihnen gezeichnet, ^.chre größte Wut gilt seinem Auftreten im Deutschen Landwirtschaftsrat. Was den Reichskanzler als Men­schen ehrt, was seine anständige Gesinnung bezeugt, nämlich seine scharfe Kritik an dem preußenbünd- l e r i s che m S o n d e r g e i st, das gerade e 1 6 111 e r t die echtpreußischen Leute, sie wollen mit ihm nichts mehr

zu tun haben. , _

Nun könnte freilich der heutige Zustand noch lange fortdauern, da es im Reichstag ja ganz gut ohne und gegen die Konservativen geht, und schließlich brauchte der Zorn der Rechten Herrn v. Bethmann-Hollweg auch im Dveußischen Landing schon ^ darum nrchi iodlrch zu treffen, weil hier keine Materien von entscherden- d e r politischer Wichtigkeit zur Beratung sieben Der gegenwärtige Zustand wird ja vermutlich auch wirklich noch eine ganze Weile dauern, aber immer nur blerbt

er b e f r i st e t. . .

politische Übersicht.

Russisches Gelrerdemonopol?

Ein Gewährsmann derBoss. Ztg. , der sich auf Mitteilungen eines dem neuen rMschen Finanzmmrster Bark nahestehenden russischen Finanzpolitikers beruft, versichert, Kenntnis von emem Plane von u n g e- beurer Tragweite zu haben, Mit dem sich Herr Bark schon seitIahren tragt. Es handelt sich dar­nach um die Ersetzung des B r anntw er n-

Nachdruck «erboten.

Die Klotzbacke.

Von M. Hülshosf.

Mensch, so hilf mir doch, wofür bist du denn a^ntsit. Der Magistratssekrelär Anton Hengele her «j* t ^uerlich geschwollener Backe aupgeregt rm Arvensz seines Freundes Rößler hin und her.

Mit vieler Mühe habe ich von ihrer Freundrw ^ sanften Paula, herausgekriegt, daß meine eitle Rest Heu 3 Fasching als Pierrette kommt, weiß, ubersat mit bunten 11L habe mir von unsrem Heldentenor ein f«« 1 * ^roubadourkostüm geliehen, und nun kann ich wegen miserablen Backe nicht mitmachen."

du denn Schmerzen?"

"m e \ n Auch das noch bei dem Kloß! Aber ich mach mich" ja lächerlich, ein Troubadour in Trikots mit em

k.otzvacke^r ich kann dir sämtliche Zähne aus­

zieh en^"

erbet das hilft dir für heute wenig; wegschminken

kann" ich den Kloß auch'nicht."

aackie nicht noch, du du Zahn,chuster!"

"Na weißt du, ein bißchen komisch siehst du ja aus -7 oalt' Da habe ich eine großartige Idee. Geh du heute abend zum Maskenball Du wirst mit deiner Backe einen riesigen

pNa^hör'^mal, du gehörst wohl auch zu den Jrre- dentisten?"

,.WaS 'st das?.. _ r . ..

^rredentisten sind verrückte Zahnärzte. .

Rößler stieß siS beirren.Der Schmerz trübt deinen P.ick L einmal ruhig zu. Wir beide haben ja f-.S'-m A di- gleiche Figur. Du nimmst oir meinen gltfranuzcoen Bauernanzug mit, und ich ziehe deinen Troubadour an, den

du doch nicht brauchen kannst. Dann bindest du ein großes gsblümtes Tuch um den Kopf mit recht vwi Watte, oben in ein paar neckische lange Zipfel zu, «mmengeknotet. So schützest du dich vor Zug, sorgst für me notige Warme und verbindest das Angenehme mit dem Nützlichem 7 " e bst du deiner Maske getreu und klagst jedem dem Zahnweh: so wird man die dicke Backe für eine famose Enrndung halten. ,

Hm_Und was glaubst du, wird Rest dazu sagen?

Äh bah! Sie wird doch Sinn fur^Humor haben."

Sie lacht wenigstens, wo sie tan . ^

Na, also. Außerdem: Liebe m«hl blind Her mit dem Bauernkostmn! Komm «it und zieh drr seinen Troubadour gleich bei Mw an.

Lustiges Maskengewühl, die Parch^ haben sich gefunden, Blicke, die eine heißberedte Sprache ffchren knallende SeU- pfropfen, Musik, die die allgemeine Froh ichkeit kaum zu durch­dringen vermag, wirbelnde Paare. 3 der ^aiching tn

"^Dutth'das Gewühl schiebt sich eine einsame Ge­

stalt. Der blaue, mit goldenen Knöpfen be,etzte altfrantiscye Rock schlottert um die etwas gebeugte F'gur das Gesicht ver­deckt fast bis zur Nasenspitze unförmliches buntes Tuch, dessen Enden über der semineMonden Dumme-Jungen- Perücke wie zwei riesige Eselsohren a s hen. Der Kopf Hang traurig auf eine Seite, unter den -lugen glanzen Tranen, die heimlich von Zeit zu Zeit aus dem Champagnerglase erneut werden. .

Sdi halbe solche Zahnschmerzen.

Der Effekt dieser Worte blieb nie aus. Jedesmal war der Angeredete erst verblüfft, um dann in ein bewunderndes Brillant",Famos" oderAusgezeichnet auszubrechen. Hengele, der erst zaghaft an seine Rolle gegangen war, fing sich 'an zu fühlen und mimte seinen .Zahnschmerz immer besser. Die meisten Damen, die nichtecht wuß-en, ob das Scherz oder Ernst war, schenkten ihm mitleidig Blumen oder Konfekt, und die Männer hielten ihm Wein hin, mit ironischen

Nr. 91. * 62. Jahrgang.

Monopols durch ein staatliches Getreide- Monopol. Im ganzen Reich soll ein Netz von staatlichen Elevatoren errichtet werden. Dre Landwirte müssen ihr Getreide im Herbst, soweit sre es nicht in der eigenen Wirtschaft brauchen, an diese Eleva­toren zu Preisen abführen, welche die Regierung all­jährlich auf Grund der i n t e r n a t i 0 n a I e n Lage des Getreidemarktes festsetzt. Die Ausfuhr wie den rnneren Zwischenhandel würde der Staat besorgen, dem so dre großen, jetzt tn die Taschen der Getreidehandler und Exporteure fließenden Gewinne zuteil würden. Daß es sich da um etwas ganz Außerordentliches handelt, sieht man sofort; es fragt sich nur, ob dre Sache auch richtig ist. In Rußland sind schon vrele kühne Projekte entworfen worden, von denen man werter- hin nichts mehr gehört hat. Wir erinnern bersprels- weise an den vor fünfzehn Jahren lebhaft erörterten, angeblich schon bis ins Kleinste ausgearberteten Plan einer auch für große Kriegsschiffe benutzbaren W a s s e r st r a ß e von der O st s e e zum Schwa r z e n Meer. Der Plan war gewiß da, nur erne Klernrg- feit fehlte, die Ausführung. Man wird ja sehen ob es diesmal anders gehen soll. Jedenfalls hat der Ge­währsmann des genannten Blattes recht, wenn er sag., daß bei der Rolle, die Rußland auf dem Weltgetrerde- markt spielt, die Einführung des Getrerdemonopols rm ganzen Auslande als eine intern atronale Drohung aufgefaßt werden müßte.

Eine Kpologie für §alvarsan.

Breslau. 22. Februar.

ImBreslauer Generalanzeiger" ergreift heute der berühmte Breslauer Dermatologe, Geheimer Medizinal- rat Professor Dr. Albert N e i ß e r - Breslau, an leiten­der Stelle in einem längeren Artikel das Wort zu der Salvarsan-Frage, die durch die bekannte gegnerische Aktion des Berliner Arztes Dr. Dreuw aufgerollt wor­den ist. Die Ausführungen des Breslauer Forschers, die eine glänzende wissenschaftliche Recht­fertigung der Ehrlichschen Entdeckung darstellen, haben um so größeres Interesse, als hier zum ersten Male ein Syphtlitologe von Weltruf öffentlich auf das vielerörterte Problem eingeht. Geheimrat Reißer betont vor allem, daß in dem sogenannten Kampfe um das Salvarsan auf der einen Seite so ziemlich alle Kliniker und Spezialärzte der ganzen Welt stehen, wäh­rend nur ein kleines Häufchen von Ärzten sich zur gegnerischen Haltung bekennt. Es besteht kein Zweifel darüber, daß das Salvarsan von der ausgezeichnefften Heilkraft gegen die Syphilis sei und Heilerfolge herber- fiihren könne, die man früher mit Quecksilber allem nicht erreichen konnte. Neißer und mit ihm fast alle deutschen und auswärtigen Kliniker würden es, so heißt es wörtlich in dem Artikel, geradezu für em U n- glück und für einen gewaltigen Rnckschrrtt hat­ten, wenn man versuchen wollte, das Salvarsan aus der Syphilisbehandlung auszuschalten.. Es ser rrchtrg, daß das Mittel manchmal Todesfälle verursacht

Bemerkungen oder gutmütigem Spott: «Da, begieße mal das

frlsche^Grab! ^ ^ Saale schwoll sein Gesicht immer

mehr und mehr und wurde immer echter ,,

Schließlich traf er auch seine angebetete Rest, machte ihr einige Komplimente Wer ihr Aussehen und forderte sie zum Walzer auf. Da kam er aber schon an. Sie achtete gar nicht auf das, was er sagte, sondern war wie aus den Wolken ge­fallen.Was, Antön, das Inst du? Wie siehst du denn aus?"

Hengele hatte sich bereits derart in seine Rolle hineinge­lebt, daß er Wahrheit und Dichtung selbst nicht mehr unter­scheiden konnte.

Ich habe solche Zahnschmerzen!"

"Mit einem solchen Gesicht kommt man 'doch nicht auf einen Maskenball. Du machst dich ja lächerlich und mich mit. Am vernünftigsten ist es, wenn du sofort nach Hause gehst und dich ins, Bett legst."

Damit ließ sie ihn stehen.

Entgeistert sah er ihr lange nach; aber schon schwebte, sie wit einem Troubadour dahin. Da gaben ihm Wut, Eifer­sucht, Zahnweh und Durst die verzweifelte Idee ein, sich zu betäuben. Er nahm ein leeres Sektglas, ging von Tisch zu Tisch, wo er nur Bekannte sitzen sah und murmelte mit jäm- Merlicher Miene:Hengele trocken!"

Lachend goß man ihm ein und mit Leichenbittermiene trank er aus; lachend wurde er weitergegeben.H^cu trocken", der Ruf wurde zum Feldgeschrei. Bereits W keinen einzelnen Menschen mehr, sondern nur noä)

Da schob sich rettend ein weicher Arm, der zu, einer ® gehörte, unter den seinen, und eine sanfte Stimme f 6 -

Tut es wirklich so weh?" n-mitleidet ru

Ihn überkam daS warme Glücksgesuhl, bemit st zu

werden, und er erwiderte:Schauderhaft."

Armer Kerl, dann komm hier in die L-u» ' wn. wollen plaudern und zu vergessen suchen." Und ße p au ten und vergaßen schließlich die ganze Welt um st«!-