Wiesbadener Tsgblstt.
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Nr. 89. * 62. Jahrgang.
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Sonntag» 22. Februar 1914.
Morgen-Kusgabe.
GrientbilKRZ.
Von Dr. Joseph Bayer.
Dem dringenden Bedürfnis der großen europäischen Nationen, sich in Ruhe und ohne die beständige Be- irrung durch die außenpolitischen Probleme der Erledigung der brennendsten inneren Fragen zu widmen, kommt die Entwicklung der Orientdinge endlich einigermaßen entgegen. Der deutsche Prinz, der den anerkennenswerten Mut hatte, die albanische Krone _ sich aufs Haupt zu setzen, steht im Begriffe, nach^ seiner neuen Hauptstadt die Segel zu lichten. Der gefährliche Streit zwischen Italien und Griechenland um die Südgrenze des jüngsten Staatenbildes ist im Zusammenhang mit dem noch gefährlicheren Konflikt wegen der ägäischen Inseln vorläufig beigelegt und die Antworten der Pforte und Griechenlands aus die letzte Mächte- Note klingen so friedlich, als man es bei der Schärfe des Gegensatzes überhaupt erwarten konnte. Das Defcnsiv-Bündnis, das in mehr oder weniger bestimm- tcr Form zwischen Rumänien, Griechenland und Serbien geschlossen worden ist, trägt zur Konsolidierung der auf dem Balkan geschaffenen Verhältnisse bei. Die Annahme des deutsch-russischen Reformprogramms für -Armenien durch die Pforte beseitigt eine der schlimmsten Gefahren für die ungestörte. Weiterentwicklung des türkischen Reichs und die Abmachungen, die jetzt zwischen' Deutschland, Frankreich, England und der Türkei über die Abgrenzung der wirtschaftlichen Sphären in Kleinasien getroffen worden sind, darf man mit einigem Vertrauen als die Grundlage für einen neuen Abschnitt in der Entwicklung der orientalischen Angelegenheit ansehen. All das deutet darauf hin, daß das mit deni Beginn der Balkankrise eröffnete Kapitel sich feinem Abschluß nähert. Man kann annchmen, daß die weiteren Geschehnisse einen weniger stürmischen Verlauf nehmen. Es ist vielleicht der richtige Zeitpunkt, die Grundlagen zu überblicken, auf denen sie sich ab- spielen werden.
Ist die Bilanz des diplomatischen Werkes der letzten anderthalb Fahre auch keine glänzende, so weist sie doch ein gutes Resultat auf: die Faktoren, deren Politik
-darauf ausgeht, katastrophale Abwicklungen zu verhindern, sind die stärkeren gewesen und die Staaten die nach neuen Umgestaltungen der Landkarte durstet, sehen sich genötigt, zum mindesten ihre Unschuld etwas zu zügeln. Man hat mit einiger Besorgnis die Konferenzen der Balkan-Premierminister und der -valkan- Kronprinzen verfolgt, die sich an die europäische Rundreise des Herrn V e n i z e l o s anschlossen und sowohl in Petersburg als in Bukarest und Belgrad abgehalten wurden. Namentlich in Öst erreich ist man darüber sehr nervös geworden und man witterte den Pjan oer Erneuerung des alten Balkanbundes mit Einschluß Rumäniens. Es ist nicht unmöglich, daß Herr H a r t- wig der Belgrader russische Gesandte, der zu, lener Zeit aerade in Petersburg weilte, sich mit dem Gedanken trägt, sobald als möglich den Zusammenbruch ferner Schöpfung zu reparieren Es ist auch richtig, daß dies eine neue schwere Bedrohung Österreichs darsteuen würde und das wäre bei dem sehr unfreundlichen stano
Nachdruck »erboten.
Der Amerikaner.
Von Karl Bienenstein.
Nun hatten sie es endlich herausbeiommen. Gott sei Dank! Nahezu ein halbes Jahr schon hatten sie in dieser unerträglichen Ungewißheit gelebt, hatten sich die Köpfe ml Vermutungen zerbrochen, waren wie die Wanderer im Nebel umhergeirrt, manchmal von einem Licht, das plötzlich bor ihnen siufleuchtete, geäfft, denn wie sie darauf zueilten, war cs doch wieder nichts gewesen, und sie standen in noch ärgerem Dunkel als zuvor. Es war ganz einfach schon nicht mehr zum Aushalten gewesen. Da lebte ein Mensch in der Nähe, einer, mit dem man verkehrte, der unter Umständen dazu berufen sein konnte, die erste Rolle in der Gesellschaft zu spielen, und man wußte nicht, wer er eigentlich war, woher er stammte, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte.
Nun aber wußte man cs und der Ruhm, das Geheimnis gelüftet zu haben, gebührte dem schneidigen Herrn Gerichts- adjunkten Dr. Fritz von Schmuckenfchlag, der damit einen glänzenden Beweis inquisitorischen ^Talentes äbgel-ogt hatte, das für feine Zukunft das Beste hoffen ließ.
Er war es daher auch, der nun in dem kleinen Kreis aus- gewählter Honoratioren des kleinen Landstädtchens das Wort
führen durfte. .
Man saß in der Keinen Veranda, die den Hotelgarten gegen rückwärts abschloß. Eine Wand von Evonymus ent-, zog den Honoratiorentisch dem Auge des gewöhnlichen Hotelpublikums und man war hier ungestört, heute um so mehr, als in dem Garten, nahe am Eingang, nur zwei Geschäftsreisende saßen, die sich ihre Leiden und Freuden vorklagten und dazwischen schläfrig aufgähnten. Aber der Tag war heiß
der österreichisch-russischen Beziehungen keine Kleinig- keit. Es ist aber ebenso gewiß, daß diese panslawisti- schen Wünsche, ein so williges Ohr ihnen auch Herr Paschitsch geliehen haben mag, keine Erfüllung gesunden habend Es ist keinerlei Vereinbarung zustandegekommen, die gegen die Türkei oder gegen Österreich eine aggressive Spitze hätte. Die Bemühungen, Bulgarien wieder in den Bund, der seine Front nach zwei Seiten zu richten gehabt hätte, hineinzuziehen, sind sehlgeschlagen, zwar sind sie von dem bulgarischen Gesandten in Petersburg, dem General Radko Dimitri- jew, unterstützt worden, aber sie scheiterten an dem Widerstand des Kabinetts Radoslawow, das schon mit Rücksicht aus die im nächsten Monat bevorstehenden Neuwahlen eine äußerst vorsichtige Politik verfolgt. Der König Ferdinand und seine Minister wissen, daß eine russophile Politik heute keine Anhänger unter den Wählermassen mehr hat. Sie haben es in der kurzen Tagung der eben aufgelösten Sobranje zu spüren bekommen, wie sehr das bulgarische Volk sich nach Ruhe und wirtschaftlicher Erholung sehnt und jeder abenteuerlichen Politik abhold geworden ist. Aber bedeutungsvoller als die Ablehnung von Sofia her ist die Politik der r u m ä n i s ch e n Regierung gewesen. Diese vom König Karol persönlich geleitete Politik hat sich unter dem liberalen Kabinett B r a t i a n u nicht geändert. Gewiß hat Rumänien dank der Erfolge, die ihm das vorige Jahr gebracht, heute eine selbständigere Stellung als je zuvor errungen, und die Verhandlungen, die der ungarische Ministerpräsident Gras Tis z a über die Besserstellung der in Ungarn lebenden Rumänen eingeleitet hat, beweisen, daß es anfängt, auch dem Dreibund seine Bedingungen zu stellen. Aber Rumänien ist doch weit entfernt, sich für russische Zwecke zu engagieren und sich einem unter russischer Vormundschaft stehenden Bündnisse einzuordnen. Es darf auch bezweifelt werden, daß Griechenland, trotz seines Bündnisses mit den Serben, wirklich Lust hätte, derartige Verpflichtungen einzugehen, denn letzten Endes laufen seine Ziele, die ebenso gut wie die der Russen auf Konstantinopel gerichtet sind, jenen der Petersburger Diplomatie durchaus entgegen. So darf man es denn als ausgemacht ansehen (obwohl sogar dies offiziell nicht zugegeben wird), daß das Ergebnis der vielbesprochenen Konferenzen der Abschluß eines D e f e n s i v - B ü n d n i s s e s zwischen Rumänien, Griechenland und Serbien ausschließlich zum Zweck der Aufrechterhältunq des Bukarests Friedens gewesen ist. Die Ankündigung der Verlobung zwischen dem griechischen Kronprinzen und der Enkelin des rumänischen Königs bildet eine Bekräftigung dreserAuffassung ebenso wie die resignierte Art, ln der die Pforte die Entscheidung der Mächte in der ^nselfrage hingenommen hat. ' ^ .
Daß es in naher Frist zu einem Seekriege zwischen Griechenland und der Türkei wegen der ägäischen Inseln kommen werde, glnubt, lrotz des Ankaufs des brasilianischen Dreadnoucchis, heute niemand mehr. Das Risiko wäre für die Türkei allzu groß, emen türkischen Angriff zu Lande aber verhindert dm Abmachung der Griechen mit Rumänien. Wenn diese auch nicht, wie ' es hieß, der Türkei angedro-ht haben, ste würden einen
es nicht über bas Herz brachten, Die fchwulen Hotelzimmer auszusuchen.
»Also jetzt erzähle einmal, Schmucken; ckncigi" drängte der lange Konzeptionspraktikant Dr. Ötto Riemann.
Der GerichtSadjunkt schob die Überreste seiner Abendmahl,zeit von sich, entnahm seiner gibernen Zigarettendose eine „Memphis", zündete sie an, streckte dann seine elegante Gestalt und sagte: „Eigentlich hat sich.-die. Sache -ganz von seihst gemacht. Wenn ich mir ein Verdienst zuschreiben darf, so wäre es nur das, den richtigen Mann aufgestöbert zu haben, von dem authentische Auskünfte zu haben waren. Und auch das. war eigentlich keine Kunst. Nachdeiu Gerstenberg selbst eine An-deutung darüber hatte fallen lassen, daß er einmal Burschenschafter gewesen setz tag es nahe, mich an meinen alten Farbenibruder Zeitler gu wenden. Seine acht- undzwan-zig Semester haben ihn mit einer solchen Zahl von Burschenschaftern in Verbindung -gebracht, daß anzunehmen war, er müsse auch Gerstenberg gekannt -haben, wenn der nicht am Ende geflunkert hatte. Und der hat mir's denn auch gesagt. Damit ich's also kurz mache: an Gerstenberg klebt ein unverwischbarer Makel. Er hat gestohlen!"
„Was, gestohlen?" Aller Augen weiteten sich in namcn- losem Staunen.
„Ja, gemein gestohlen. Hat Ehrenschulden gemacht, und als sein Alter nicht mit dem Geld herausrückte, hat er einen Kommilitonen -bestohlen. Natürlich wurde ex oum Jnfamiä geschaßt. Sein Alter hat zwar den Schaden gedeckt, aber sich auch von seinem Sohne losgesagt urid ihm nur soviel noch gegeben, daß er nach Amerika gehen konnte. Nun, und wie's schon bei vielen war, dort hat er's zu einem Vermögen gebracht. Dieses TexaS soll ja noch vor zwanzig Jahren eine wahre Goldgrube gewesen sein. Das ist also alles. Von
Durchmarsch durch das bulgarische Thrazien als Krtegs- grund betrachten, so ist doch außer Zweifel, daß sie ge- gegebenen Falles nach dem Grundsatz handeln wurden. Und wie brennend auch die BegierdeEnver-Paschas sem mag, durch neue gewagte Unternehmungen seinen militärischen Ruhm aufzufrischen, so wäre ein Kampf unter solchen Konstellationen doch wenig verlockend. Außerdem sorgt schon die Zurückhaltung der französischen Geldgeber dafür, daß die türkische Regierung sich, wenn auch schweren Herzens, in das Unvermeidliche fugt. So geht Griechenland als Besitzerin der dicht vor, der klem- asiatischen Küste gelegenen großen Inseln mit neuem wertvollen Territorialgewinn und mit einem neuen Gewinn an Prestige aus der jüngsten Phase des bal- kanischen Turniers hervor. Der Türkei bleibt der Trost, daß ihr demnächst gegen die Gewährung der verlangten Gegenleistungen die von Italien besetzten zwölf Inseln, darunter Rhodos, wieder zusallen werden. Aber die Hoffnung, daß dann Griechenland in direkten Verhandlungen sich zum Austausch von Chios und Mytilene gegen Rhodos und die Nachbar- inseln bereit erklären werde, scheint doch auf schwachen Füßen zu stehen. An die Gerüchte allerdings, daß die Verhandlungen zwischen Italien und der englischen Bahngesellschaft wegen der A d a l i a- K o n z e s s r o n sich zerschlagen würden, glauben wir nicht. England kann Italien ruhig dieses kleine Zugeständnis machen, nachdem es sein Hauptziel, die Italiener in der Ägäis nicht festen Fuß fassen zu lassen, erreicht hat. Griechen- land wird nun daran gehen, sich eine starke Flotte zu schaffen und es wird künftig bei der Frage der Erhaltung des Gleichgewichts im Mittelmeer eine Rolle spielen. Eine der Tripel-Entente freundliche Haltuna ist ihm vorläufig durch seine starke finanzielle Abhängigkeit von Frankreich vorgeschrieben, von dem es in diesem Jahre 850 Millionen erhält. Aber damit ist nicht gesagt, daß es in alle Zukunft seine Interessen dem französischen Streben, aus dem Mittelmeer eine französische See zu machen, unterordnen wird.
Die rumänische Politik bildet, was weniger beachtet wird, auch für den neuen Beherrscher Albaniens einen starken Rückhalt. Der Einfluß seines Onkels, des rumänischen Königs, sichert ihn gegen Beunruhigung der Grenze durch Griechen, Serben und Montenegriner und erleichtert ihm die Durchführung seiner Riesenaufgabe, aus einem unerschlossenen Lande einen Staat, aus einer Anzahl halbwilder Stämme eine Nation zu machen. Die Sympathien, mit denen die Reise des Fürsten im größten Teil Europas betrachtet wird, sind in der jüngsten Zeit stetig gewachsen, und auch die Aussichten aus das Gelingen dieser Mission werden in Kreisen, die das Land und die dort maßgebenden Elemente kennen, jetzt hoffnungsvoller betrachtet. Der Fürst hat sich vom Ergebnis seiner Reise nach Paris und London befriedigt erklärt. Er kann also mit der Erfüllung der Bedingung rechnen, unter der er die Krone zu übernehmen versprach: daß ihm die 75 Millionen-Anleihe bald gewährt werde. Mit diesen Mitteln an der Hand kann er wirken und die Gelegenheiten, die tatkräftigste Initiative zu entfalten, strömen ihm' an allen Ecken und Enden zu. Ehe man den Fürsten, der sich für sein Amt gut vorbereitet zu
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feiner Familie lebt niemand mehr. Sein Vater ist bald darauf als Oberlandesgerichtsrat in Pension gegangen und liegt nun schon an die zehn Jahre unter der Erde. Seiner Frau hat das Unglück mit dem einzigen Sohne schon früher das Herz gebrochen."
Die Herren sahen eine Weite stumm vor sich hin. Dann meinte einer: „Schade! Der Mann wäre sonst ein ganz
netter Gesellschafter gewesen. Aber nach dem? Wirklich schade!"
„Na, direkt zu brechen braucht man ja nicht mit ihm; nur heißt's eben, Distanz halten!" sagte ein anderer.
„Am , härtesten trifft's mich selber", erklärte Dr. Schmuckenschlag, „sein Töchter! ist ein reizendes Ding, allerdings ein bißl formlos für eine junge Dame, aber sie hat Rasse. War' auch zur Frau ganz nett gewesen."
„Wegen da! willst du wohl sagen", warf Dr. Riemann ironisch ein und rieb vielsagend die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aneinander.
Doch Schmuckenschlag sah ihn nur bedauernd von der Seite an und erwiderte: „Nun, das ist doch selbstverständlich; heute heiratet man doch nicht mehr aus Liebe. Solche Sentimentalitäten sind denn doch ein bißchen abgedroschen-!
»Und was wirst du denn jetzt tun?"
„Ich werde Gerstenberg nach wie vor besuchen. Denn wie gesagt, brechen können wir doch nicht so ohne weiteres mit ihm. Und schließlich, ein kleines Opfer ist das Mädel :mmer wert, wenn's auch nicht zur Heirat kommt; 'denn ein diebischer, satisfaktionsunfähiger «chwiegerpapa, das geht nicht."
Währenddem war ein hoher, schlanker Mann mit ergrautem Haar und bartlosem Gesicht durch den Garten geschritten. Er war im weißen Tennisanzug und trug auch Tennisschuhe, die seinen Tritt unhörbar machten. Als -er eben an der Evonymuswand angskommen war, hörte er
