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Verlag Langgasse 21

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Donnerstag. 19- gebruar 1914-

Morgenausgabe.

Nr. 83. * 62. Jahrgang.

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OienstbotenVersicherung.

®on Laijdesversicherungsassessor Seelmann (Oldenburg i. Gr.).

Seit langen Jahren war von den Sozialpolitikern ttn Interesse der ösfentlichen Gesundheitspflege die Ein­beziehung der Dienstboten in die reichsgesetzliche Kran­kenversicherung gefordert. Dieses Ziel wurde endlich nach langen gründlichen Beratungen und unter sorg­fältiger Berücksichtigung der Eigenart der Dienstboten- verhältnisse im Somnier 1911 durch die Reichsver- stcherungsordnung unter Zustimmung aller Politischen Parteien erreicht. In der Öffentlichkeit hat sich'damals niemand dagegen gewehrt. Als nun aber am 1. Januar diese Bestinimungen der Reichsversicherungsordnung m Kraft treten sollten und die Höhe der für die Kran­kenversicherung der^ Dienstboten zu zahlenden Beiträge bekannt wurde, entstand rn nicht geringen Kreisen eine erhebliche Mißstimmung, die sogar zu Erörterungen in den Parlamenten führte. Daß diese Erörterungen ergebnislos verlaufen mußten, ist selbstverständlich.

Seitdem haben die Dienstherrschaften in großem Umfange bei den Krankenkassen den Antrag gestellt, die Dienstboten von der Krankenversicherungspflicht zu befreie n. Die Dienstherrschaften sind nämlich bc- recht'gt, das Risiko selbst zu übernehmen. Wenn sie sich allen ihren Dienstboten gegenüber durch Vertrag ver­pflichten, ihnen alles das zu leisten, was sonst die Krankenkasse zn leisten hätte, und wenn die Leistungs­fähigkeit der Dienstherrschaft genügend sicher ist, muß die Krankenkasse auf Antrag des Dienstherrn die Be- freiuung von der Krankenversicherungspflicht aus­sprechen. Es ist in der Öffentlichkeit behauptet worden, daß das nur für Landkrankenkassen gelte, nicht auch für Ortskrankenkassen, und daß deshalb die Befreiungs- Möglichkeit da nicht vorhanden sei, wo man auf die Er­richtung einer Landkrankenkasse verzichtet habe. Das ist indessen ein Irrtum. Richtig ist allerdings, daß sich bei Beratung der Reichsversicherungsordnung der Staatssekretär des Innern in diesem Sinne geäußert bat. Er hat sich aber versehen. Das Gesetz be­stimmt dies n i cb t, wie auch von den berufensten Kom- nrentatoren angenommen wird. Die Befreiung kann also auch da erfolgen, wo die Dienstboten infolge Fehlens einer Landkrankenkasse der Ortskranken­kasse angehören.

Eine andere Frage ist, ob es sich für dm Dienst­herrschaften empfiehlt, einen solchen Antrag auf Befreiung von der Versichernngspflicht zu stellen. Sie müssen sich zunächst klarmachen, daß sie damit em er­hebliches Risiko übernehmen. Sie müssen sich, wie er­wähnt, dem Dienstboten gegenüber verpflichten, ihm rm Krankheitsfalls alles das zu gewähren, was sonst me zuständige Krankenkasse leisten müßte, also für em halbes Jahr ärztliche, zahnärztliche und spezral-

„Ich halt' einen Kameraden ..."

Aus meinem Leutnantstagebuch.

Von Oberstleutnant a. D. G. Reiche.

— „Ich halt' einen Kameraden". — Die Südarmee unter Manteuffel drängte die französische Armee unter Bourbair gegen die schweizer Grenze. Die Kapitulation von Paris stano nahe bevor. Mein Regiment trat am 29. Januar, morgen-, um 8 Uhr, als Avantgarde den Marsch an. Der Weg t l )t trt dem hohen Schnee auf dem sehr zerfahrenen Landwege recht beschwerlich; sonst ist die Gegend im Winterkleide herrnch; wir haben bei den Strapazen freilich wenig Sinn dafür, gehe mit Leutnant v. P. zusammen, der heute ganz melancho­lische Gedanken hat; ich solle das in seinem Tornister befind­liche Teitament an mich nehmen, wenn er falle. Ich lache ihn aus, «bezweifle, daß es heute überhaupt noch zum Schlagen komme, weil die Franzosen froh wären, wenn sie ungeschoren die schweizer Grenze erreichten. Er bleibt aber «bei seinem Ge­danken. Jedes Thema, das ich anschlage, läßt er unerörtert und kommt immer wieder auf seine Todesahnungen zuruck; so sagt er, er habe immer das bestimmte Gefühl, daß er einen Schuß in den Unterleib bekomme, er halte deswegen in jedem Gefecht die Faust mit der Säbelscheide vor den Bauch. Auch sonst erzählt er mir viel aus seinem Leben, Trauriges und

Fröhliches. „, . „ s „ a

Bei dem weiteren Vormar,ch mehren sich die Zeichen des Rückzuges der Franzosen. Fortgeworfene Waffen und Aus­rüstungsstücks liegen zahlreich auf und an der Straße, eben;o verlassene Fahrzeuge und getötete Pferde, denen die besseren Stücke zum Essen herausgeschnitten sind. In mehr oder weniger großer Entfernung steht man Trupps franzöftlcher Soldaten, welche sich beeilen aus unferm Gesichtskreis zu kommen Obwohl eS «bereits dunkelt, marschieren wir weiter, »nd da wir durch keine Ortschaften mehr kommen, denken wir schon an Bivakieren. Endlich bringt der Adjutant Befehl, daß wir in Chasfois Quartier beziehen sollen. Nach Aussagen von Gefangenen ist dies aber von 5 Bataillonen und vier Batterien darunter zwei Mitraillsusen-Batterien, besetzt. Die Avantgarde soll das Dorf nehmen! Das kann ja nett werden! Stockfinster, dicker Nebel, man kann auf zwanzig Schritte

ärztliche Behandlung, Arznei, Heilmittel, nötigenfalls Krankengeld oder Krankenhausbehandlung, Wochen­geld, Sterbegeld und verschiedene Mehrleistungen, die etwa durch die Satzung der Krankenkasse eingesührt sind. Die Unterstützungspflicht besteht auch nicht lediglich während der Dienstzeit, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch dann, wenn, der Dienstbote erst n a ch Beendigung des Dienstverhältnisses erkrankt. Ein einziger Krankheitsfall kann Kosten von mehreren hu n d e r t Mark verursachen. Das Risiko, das eine Dienstherrschaft mit einer solchen Be­freiung von der Versicherungspflicht übernimmt, ist also nicht gering.

Es kommt aber noch ein anderes in Betracht. Wenn ein Dienstbote derartige Forderungsrechte _ an die Dienstherrschaft hat, so können sich daraus die unan­genehmsten Erörterungen und Streitigkeiten zwischen Dienstboten und Dienstherrschaft ergeben, die das sonst vielleicht sehr gute Verhältnis zwischen den beiden Par­teien trüben. Die Dienstherrschaft hat dasselbe zu leisten, was die Krankenkasse zu leisten hätte. Was das ist, wird in den wenigsten Fällen den Dienstherr­schaften und Dienstboten klar sein, denn dazu gehört eine Beherrschung der sehr verwickelten Bestimmungen der Reichsversichcrnngsordnuna und der Satzung der Kran­kenkasse. Streitigkeiten sind also fast unvermeidlich. Welche Dienstherrschaft ist sich z. B. darüber klar, wann ein Kassenmitglied Anspruch auf spezialärztliche Be­handlung hat, wann es zum Zahn a r z t gehen darf oder wann es sich mit einem Zahntechniker be­gnügen muß, wann ein Recht auf Krankenhausbehand­lung besteht? Sobald aber die Dienstherrschaft nicht das gewährt, was die Dienstboten fordern zu können glauben, können diese Klage beim Amtsgericht erheben. Dienstbotenprozesse gehören nicht zu den Annehmlich­keiten des. Lebens. Die Dienstboten haben es aber noch viel einfacher. Sie brauchen nämlich gar nicht zu klagen, sondern können, wenn die Dienstherrschaft nicht die erforderlichen Leistungen gewährt, sich an die zu­ständige Krankenkasse wenden, die dann dem Dienstboten nach ausdrücklicher Bestimmung der Reichs Versicherungsordnung die Unter­stützungen gewährt und die Auslagen gegen die Dienstherrschaft e i n k l a g t.

Noch schwieriger wird die Lage dann, wenn etwa die Dienstherrschaft bei einer privaten Versicherungs­gesellschaft R ü ck v e r s i ch e r u n g genommen hat, denn dann wird diese sich vielleicht ein Mitbestimmungsrecht sichern, so daß die Dienstherrschaft als Puffer zwischen Dienstboten und Versicherungsgesellschaft steht.

Wenn hiernach die Befreiung von der Krankenver­sicherungspflicht kaum im Interesse der Dienst- Herrschaft liegt, so haben ledenfalls die Dien st- boten und auch die A l l g emcin h e i t ein erheb-

nicht einmal mehr die Truppe sehen. Unsere Husaren kam- men infolgedessen «bis auf wenige Schritte an das Darf her-, an, erhalten dann aber ein so überraschendes Schnellfeuer, daß sie in Karriere zurückkommen. _ Getroffen wird wunder­barerweise niemand, da die Franzosen wie oft — viel zu hoch schießen. .

Während nun unsere Artillerie hchter uns ausfährt, for­miert sich das Bataillon in Kompagnre-Kolonnen, zwei Kom­pagnien gehen als Schützen etwas werter vor, zwei «bleiben geschlossen dahinter. Behaglich ist die Lage nicht. Tiefe Finsternis, dicker Nebel, mehr als 3 Fuß tiefer Schnee. Jetzt sehen wir hinter uns eine sich bewegende Laterne und hören in der nirr durch die.Schuhe der Franzosen unterbrochenen Stille das Kommando bei unserer Artillerie: „2000 Schritt, Richtung auf den Stern!" Es war tatsächlich ein einziges Sternlein am Himmel sichtbar; und dann beginnen sie zu schießen. Auf der Karte haben sie bei der Laterne die Rich­tung auf Chasfois bestimmt und gefunden, daß das Dorf tiv der Richtung des Sternes liegen müsse. , Erreicht haben sie freilich nur, daß eine einzige GranMe wirklich in das Dorf gekommen ist. Leider wurden die Franzosen dadurch alar­miert und auf den Infanterie-Angriff vorbereitet. Wir sollten, sobald das Artillerieseuer schweigt, gegen das Dorf Vorgehen. Da aber ein Vorwärtskommen abseits der Straße fast unmöolrch ist — der Schnee reicht uns, wie wir erprobt haben, tatsächlich bis über die Knie — so werden wir wieder in Marschkolonnen auf der Straße formiert, vorn die dritte Kompagnie. Der Divisionskommandeur gibt den Befehl zum Angriff, und nun heißt es: „Das Bataillon geht dicht ge­schlossen ohne einen Laut und ohne Schutz auf bei Straße gegen Chasfois vor; die 3., Kompagnie wirft mit dem Bajo­nett die Dorfwache über den Hausen. Die 1. Kompagnie greift nach den sich ergebenden Umstanden ein. Die beiden anderen folgen dicht aufgeschlossen.'

Die Pulse mögen auch anderen außer mir lebhafter ge­schlagen haben; seit dem 6. August bei spichern hatte ich schon oft i'm Feuer gestanden, hatte mich schon oft in Lagen «befun­den, in denen die Aussichten für das Leben recht gering waren; ich habe nicht empfunden, «daß man sich daran ge­wöhnt; die Umstände waren immer andere und solche ge­wesen, die mich gar nicht zum Nachdenken über Leben und

liches Interesse daran, daß die Befreiung unter­bleibt. Die Sozialpolitiker haben von der Einbe­ziehung der Dienstboten in die Versicherungspflicht eine erhebliche Förderung der Volksgesundheitspflege er­hofft, denn auch bei Dienstboten sind Krankheiten weit verbreitet, insbesondere auch die eigentliche Volkskrank- heit, die Tuberkulose. Ist ein Dienstbote Mitglied einer Krankenkasse, so wird die Dienstherrschaft ihn a n h a l t e n oder jedenfalls nicht hindern, möglichst frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und damit eine Bekämpfung der Krankheit in ihren An- fandsstadien zu ermöglichen. Ist aber Befreiung von der Krankenversicherungspflicht erfolgt, so steht dem das pekuniäre Interesse der Dienstherrschaft entgegen: sie muß alles bezahlen. Deshalb ist bei dem den Men­schen nun einmal innewohnenden Egoismus leider zu befürchten, daß manche Dienstherrschaften ihren Ein­fluß auf den Dienstboten dahin geltend machen, daß ärztliche Hilfe nicht in Anspruch genommen wird. Da­mit wird dann vielleicht der rechtzeitige Augenblick zur erfolgreichen Bekämpfung der Krankheit verpaßt. Welche Dienstherrschaft wäre z. B. angenehm davon berührt, wenn ein frisch vom Lande zugezogenes Dienstmädchen, das von der Krankenversicherungspflicht befreit ist, bald nach dem Diensteintritt erklärt, daß es sich nun erst einmal auf Kosten der Dienstherrschaft die ganz ver­nachlässigten Zähne vom Zahnarzt in Ordnung brin­gen lassen wolle, wodurch vielleicht 60 M. Kosten und mehr entstehen. Und doch ist, diese Forderung des Dienstmädchens berechtigt und es ist auch durchaus wünschenswert, daß für die Erhaltung der Zähne bald etwas geschieht, ehe sie ganz zerfallen.

Um also den Dienstboten eine ordentliche Kranken- fiirsorge zu gewährleisten, sollte von der Stellung von Befreiungsanträgen allgemein abgesehen werden.

politische Übersicht.

Ausschließung der Berliner.

Vom Niederrhein wird uns geschrieben: Der „endgültige" Beschluß des Zentrums vom 8. Februar gegen die Integralen oder Quertreiber bedeutet keineswegs das Ende des Kampfes. Die Kölner Richtung behauptet, mit dem Zentrum identisch zu sein, und der Beschluß läuft auf dasselbe hinaus. Aber die andere Richtung tut den Kölnern nicht den Gefallen, sich vom Zentrum zu trennen. Die Korrespondenz der Ber­liner Richtung schreibt: „Wir gehen nicht und wir lassen uns nicht hinausdrängen. Wir stehen mit beiden Füßen auf dem Boden des Zentrums und seines Programms, des Zentruins, wie es war, ist und bleiben soll. Beim Zentrum verharren wir, um es gegen die Kölner Rich-

Tod kommen ließen. Meist am «hellen Tage war ich durch die um mich herum sich abspielenden Vorgänge, durch meine dienstlichen Obliegenheiten, durch meine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge beim Feinde und durch die Fürsorge für meinen Zug so in Anspruch genommen, daß ich gar nicht daran denken konnte, ob ich verwundet oder totgeschossen werden würde. Heute war es anders! Man hörte bei dem lautlosen Marsch in dem tiefen Schnee keinen Ton, man sah nur die unmittelbar neben und vor einem marschierenden Leute. Jeder in der Kolonne bewegte sich, tief in sich versunken, vor­wärts. Die Kolonne machte den Eindruck willenlos dahin- zichender Gestalten, auf denen ein schweres Geschick ruht — moriturü — Wenn auch nicht lange, so hatte ich doch hin­reichend Zeit zum Nachdenken; dazu kam, daß mir Leutnant v. P. nochmals kurz seine vorhin geäußerten Wünsche wieder­holte. Er war aber sonst sehr lustig und machte flüsternd allerlei Witze, so daß ich meine törichten Gedanken los wurde.

Jetzt wird die unheimliche Stille durch Hurrageschrei vor uns unterbrochen, zu gleicher Zeit bekommen wir von halb­links vorwärts heftiges Feuer. Während wir halten, schickt mir der Führer durch einen Unteroffizier den Befehl, „ich solle mit meinem Zuge gegen das von halblinks auf uns ge­richtete Feuer Vorgehen". Dem Leutnant v. P. drücke ich noch einmal die Hand, lasse die Gewehre entladen und den Zug in der befohlenen Richtung ausschwärmen, kommandiere dann: „Marsch!", und nun waten wir lautlos in dom tiefen Schnee die kleine Anhöhe hinan. Sehen konnten wir nur das Äufblitzen der zahllosen Schüsse. Die Anstrengung war sehr groß; der Schnee war oben überfroren, so daß man mit Mühe die Beine immer erst herausziehen konnte, wenn man durchgetreten hatte. Dabei war das Pfeifen der Geschosse und ihr Einschneiden in die überfrorene Schnoekruste em unheimliches Geräusch. Nach etwa 400 Schritten mutzte. ich meinen erschöpften Leuten eine Ruhepause geben und befahl 3 U halten. . _ „ ..

Wir alle waren trotz der scharfen Kälte «j Schweiß ge- badet. Nach einigen Minuten ließ ich den Befehl zum wei­teren Vorgehen in der Schützenlinie leise Weitergaben. Da dies doch nicht ahne lautes Sprechen ausgftührt wurde, nahm das feindliche Feuer wieder sehr zu; «ch hatte das Gefühl, daß wir schon ganz dicht an der feindlichen Linie wären unii