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Redaktion des Wiesbadener Tagblatts - Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 45» u. 451. Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen^
Dienstag, 17. Zebruar 1914.
Morgen - Kusgabe.
Uv. 79 . ♦ 62. Jahrgang.
Die Wehrsteuerergebnisse.
Die Stichproben, die bisher mit den Ergebnissen der Wehrsteuer gemacht werden konnten, lassen immer größere Überraschungen erwarten. Man wird allerdings nach wie vor zurückhaltend gegenüber den einzelnen Nachrichten aus verschiedenen Städten und Kreisen sein müssen, denn so gut wie nichts davon ll't bisher beglaubigt. Aber einige Angaben stützen iich denn doch auf amtliche Ermittelungen, und an die kann man sich halten. So hat der Landrat von Isenhagen in der Provinz Hannover, wie gemeldet, bekanntgegeben, daß in seinem Kreise drei Millionen Mark Ulehr als bei der letzten Einschätzung ans Licht gekommen sind. Dieser Landrat hat augenscheinlich den Verdacht, daß noch lange nicht alles steuerbare Vermögen ungegeben worden ift; er macht deshalb die Steuerpflichtigen darauf aufmerksam, daß sie immer noch Zeit haben, st r a f f r e i e Berichtigung« n vorzunehmen. Sollten sie die Frist ungenutzt vorübergehen lassen, so würde die Strenge des Gesetzes walten müssen, d. h. es stände Strafverfolgung bevor, unter Umständen also eine Gefängnisstrafe bis zu sechs Monaten. Der Kreis Isenhagen ist ein ausschließlich iändlicher Kreis; er enthält, abgesehen von Isenhagen selbst, überhaupt keine stotädte; er gehört in seinem nördlichen Teile zur Lüneburger Heide; er kann jedenfalls nicht zu den bevorzugten Gegenden unseres Vaterlandes gerechnet werden. Wenn in einem solchen Gebiet drei Millionen Mark mehr an Vermögen durch die strengere Einschätzung ermittelt worden sind, so bedeutet das viel. Es ist der erste ländliche Bezirk, aus dem wir jetzt parallele Nachrichten zu den bisher nur aus den Städten gekommenen über wesentliche Änderungen der seither bekannt gewesenen Vermögens- und Einkommensteuervcrhältnisse erlangt bahsn. Die zweite amtlich beglaubigte Mitteilung siber die Ergebnisse der Einschätzung zum Wehrbeitrage in die des e l s ä s s i s ch e n Untcrstaatssekretärs Köhler der im Landesausschuß erzählte, daß ein -teuerpflichtiger statt des bis dahin angegebenen Einkommens von 4000 M. nunmehr ern solches von 32 000 Mark Zugestanden habe. Selbstverständlich wird mnan aus den beiden Vorgängen, aus dem im Kreise Isenhagen und aus dem im Elsaß, an sich noch keine der- ollgemeinernden Schlüsse ziehen können, aber die Glaubwürdigkeit der anderen Angaben privater Natur, die aus Halle, Frankfurt a. M„ Berlin, Remscheid usw- gekommen sind, gewinnt durch die amtlich gestützten Darstellungen doch sehr erheblich. Wenn eine Schätzung dahingcht, daß vielleicht statt einer Milliarde deren zwei als Schlußergebnis des Wehrbeitrags zu erwarten seien, so schwebt diese Behauptung zwar völlig in der Luft, aber sie zeigt jedenfalls, welche kühnen Erwartungen gehegt werden, und sw zeigt zugleich. daß diese Erwartungen nicht ohne Unterlagen sind. ' Das Reich hätte sa nichts davon, wenn mehr
als eiiie Milliarde herauskäme, denn was darüber ist, das muß zurückgezahlt werden oder wird gar nicht erg erhoben. Aber die E inz eIstaaten mit Selbstem- schätzunq und die Gemeinden werden viel von dem
in solchem Umfange doch nicht vorauszusehenden Segen des „G e n e r a I p a r d o n s" haben. Nun ist es einigermaßen auffällig, daß die konservativen Blätter, die anfangs ein paar schüchterne Bemerkungen über die tn den Städten plötzlich erschlossenen verstärkten Steuerquellen machten, neuerdings ganz still ge- worden sind. Die Ausspielung der Verhältnisse auf deni Platten Lande gegen die in den Städten scheint denn doch nicht so leicht gelingen zu wollen. Aus der anderen Seite hat man es im Icheralen Lager bisher durchaus und mit Recht verschnmht, aus Anlaß der Einschätzungen zum Wehrbeitrage Vorwurfe gegen ganze.Gruppen von Steuerpflichtigen nach ihrer Berufsstellunq zu erheben. Es muß eben mit aller Ruhe ab g.ew artet werden, was am^ Ende herauskommt, und dann wird sich auch grundsätzlich über die Verteilung der Steuerscheu auf die einzelnen Schichten der Bevölkerung reden lassen. Gegenüber einer Darstellung, nach der sich jetzt die Sünden der Städter in ihrer Blöße zeigen, während früher doch der Vorwurf der Steuerscheu gegen die ländliche Bevölkerung vorzugsweise erhoben wurde, soll ie- doch eine Bemerkung nicht zurückgeh>a.lten werden. Wa^> in den Städten gesündigt worden ist, das e n t z o g sich zumeist den scharfen Augen der Steuerbehörden Nicht an ihnen lag es und konnte es liegen, wenn zahlreiche Mitbürger gewissenloserweisc geringere als die erforderlichen Angaben über Vermögen und Einkommen machten. Was dagegen das p l a t. t e Land betrifft, so ist es eine altbekannte Klage, daß das enge A n e i n an d e r r ü ck e n der Steuerbehörden und der Bevölkerung die Ermrttluiig der Wahrheit so oft erschwert. Die Behörden sind nicht zu tadeln, sie haben zweifellos den besten Willen, aber sie.sind vielfach in einer schwierigen Lage, und man wertz, daß sckwn Herr v. R b e i n b a b e n mit dem Plane umging, besondere Einschäbungskom miss r o ne n einzusctzen, damit der Landrat von der leidigen Last der letzten Prüfung und Entscheidung befreit werde. Dieser Plan ist nicht aufgegeben worden, aber ferne Verwirklichung steht noch aus. *
Eine interessante Erinnerung zuin Thema „Selbsteinschätzung" wird uns übrigens aus unserem Leser- kre se mitgeteilt: Als Bismarck die Selbsteinschatzung haben wollte in Preußen, sprach er mit Darnbuler vinaebend darüber, weil M Württemberg schon lang? die Selbsteinschätzung hatte.,, Dabei memte Bismarck: „Betrogen wird ja dennoch. Woraus Varnbuler: „Wir rechnen,' daß bei uns rnimerhin noch ch —. em Drittel hinterzogen wird." -^^se Slnßcht Varnbulers findet jetzt bei uns unter der Wirkung des General- Pardons tatsächlich eine gewisse Bestätigung.
politische Übersicht.
Handelsziffern.
Das Jahr 1913 war eines der wirtschaftlichen Stockungen, aber die großartige Entfaltung unseres Wirtschaftslebens hat trotz gelegentlicher Verlangsamung weitere Fortschritte gemacht. Unsere Ausfuhr wuchs im Jahre 1913 um einen Wert von mehr als einer Milliarde im Vergleich zur Ausfuhr im Jahre 1912; sie belief sich aus 10 080 Millionen gegen 8956 Millionen im vorangegangenen Jahre. Die Einfuhr allerdings hielt sich ungefähr auf derselben Linie; der Unterschied zwischen den Ziffern der beiden Jahre beträgt nur gerade vier winzige Millionen (10 691 gegen 10 695 Millionen). Was das Jahr 1913 vor den früheren Jahren auszeichnet, ist, daß Deutschland jetzt zum erstenmal die Grenze von zwanzig Milliarden Mark im Gesamt- autzenhandel überschritt. In den 11 Jahren seit 1902 stieg die Einfuhr um 90, die Ausfuhr um 115 Prozent. Es kann uns nur willkommen sein, wenn im Jahre 1918 auch die englische Volkswirtschaft Rekordzahlen erreicht hat. England ist unser bester und stärkster Abnehmer, wie ja auch wir für das Jnselreich in der ersten Reihe der Abnehmer stehen. Ein- und Ausfuhr Großbritanniens betrugen im vorigen Jahre 28 080 Millionen Mark, also immer noch 8000 Millionen Mark mehr als bei uns, aber der Unterschied zwischen den Zahlen hüben und drüben nimmt zu unseren Gunsten prozentual stark ab. Das Land mit der nächstgrößten Einfuhr und Ausfuhr sind die Vereinigten Staaten. Der Gesamtbetrag ist dort etwas über 18 Milliarden Mark, bleibt also hinter Deutschland noch um gerade 2 Milliarden zurück. Unsere hohen Handelsziffern machen es eindringlich deutlich, was bei der bevorstehenden Erneuerung der Handelsverträge für uns auf dem Spiele steht. Man begreift sehr gut, weshalb die Regierung die Verträge nicht kündigen will, man würde es aber beim Siegeszuge unserer Volkswirtschaft verstehen, wenn die anderen Vertragsstaaten dieselbe Zurückhaltung für einen Fehler hielten. Mehr als einer unserer Nachbarn wird gewiß versuchen, sich durch eine Kündigung bessere Bedingungen zu verschaffen. Zu diesen Staaten wird erklärtermaßen Österreich-Ungarn gehören.
Ueber die nächsten Reformen auf dem Gebiete des Strafprozeßes und der Gerichtsverfassung
äußert sich Abg. Müller- Meiningen in der neuen Nummer der „Deutschen Juristen-Zeitung", in der gleichzeitig im Anschluß daran auch von den Konservativen Graf Westarp, von den Nationalliberalen Schiffer, vom Zentrum Wellstein und von den Sozialdemokraten Haase zu Worte kommen. Er hält es für unmöglich, mit den notwendigsten Reformen bis zur allgemeinen Reform der Gerichtsgesetze zu warten, die etwa im Jahre — 1925 fertig werden dürfte. Er schlägt daher den Weg spezieller N o t g e s e tz e vor, bei denen die Verkoppelung der einzelnen Materien möglichst zu vermeiden sei. Zunächst verlangt er die Änderung der jetzigen konfessionellen Eidesformel für solche, die den Eid mit ihrer religiösen Überzeugung nicht vereinbaren können, die Frage der Beseitigung des Zeugniszwanges gegen
Die Möglichkeit einer Durchquerung des Südpolarkontinents.
Von H. Singer.
Daü Sir Ernest Shackleton, der Amundsen und Scott den Weg zum Südpol geebnet hatte, für seine geplante neue an- arktische Expedition etwas „Großes" vorhaoe, wußte m schon seit langem; ja, man meinte sogar, er plane noch Größeres, als er jetzt zu unternehmen beabsichtigt, doch vor Jahresfrist angedeutet, er wolle van Enderbl a aus eine Schlittenreise quer durch den «udpol-arkontme nach dem Roßmeer aussuhren. Eine Durchquerung bereue der enali'che Reisende sa nun in der Tat vor, aber sie sott ans einer Route vor sich gehen, die bei weitem nicht so> lang 1 J wind, als der Weg vom Erckerbylande aus. Von da »amu bis an der Stelle, wo Amundsen die Bereinigung von Vurorin m^Eduarkland vermutet (86 Grad s. Br.), sind es ruu 28 000 Kilometer; von dem jetzt von Shackleton gewählte! Ausgangspunkt im Süden des Weddellmeeres aber, dem Luck- voldlande ' sind nur etwa 1800 Kilometer zurückzulegen. ----- ist ein gewaltiger Wegunter,ch:ed, und die Entfernungen spielen bei Landreisen tn der Antarktis keine geringere, vwl- leick,! ebcr eine größere Rolle, als die Gangbarkeit des Geländes oder das Weiter. Immerhin ist Shack'letons Plan auch in dieser Beschränkung noch bewunderungswürdig, unkst cs liegt eine Erörterung der Frage nahe, ob auf einen Erfmg
m wenig darüber, wie das Innere des Erdteils
Antarkt'ka ausschen mag. Zwar ist der Südpol zweimal er- reickt worden dock beidemal von ein UM derselben Seite, vom Robmeer aus Wan st-lgt da von der ebenen, schwimmenden Siofeidien Eisplatte über lange, schwierige Gletscher zum RaMacbirge des Viktorialandes empor und kommt dann bald aus"schwach welliges Inlandeis, aus dem der Pal in ungesahr 8000 Meier Meereshöhc liegt. So haben es Amundsen und Scott ^vor ihnen auch schon Shackleton selber angetrossen.
Wie weit aber an anderen Stellen dieses bei Windstille gut
gangbare Inlandeis gegen die Periph >e J>e» Sudpolarkon- tinentes reichen und das Wandern mit Schu-.en und Schnee, schuhen begünstigen mag, das weiß man mcht. Es ist also auch ganz ungewiß, wie die südlich (des We emeeres liegenden vereisten Landstriche aussehen. Will man über sie trotz dieser Unkenntnis dennoch eine Vermutung wagen, so kann sie nur dahin Lauten, >datz hier sowohl eine schwimmende Eisplatie von der Ausdehnung der RoßschcN' wie auch weite Strecken Inlandeis fehlen dürften. Es soho^s vielmehr, daß der Marsch in der Hauptsache durch Gebirge fuhren wird, von denen Amundsen einen Teil gesehen und Maudkette genannt hatte. In solchen antarktischen Gebirgen aber ist das Reisen und Vorwärtskommen schwer, also mindestens zeit- und kraft-^ raubend, wie die Erlebnisse der letzten englischen Expeditionen im Viktorialande zeigen. . „
Soviel über das Gelände, mrt »em Shackleton zu rechnen hat. Nun zur Frage der Sicherung der Teilnehmer an der Durchquerung in bezug auf Lebensmittel, Kleider, Petroleum. Hierüber liegen reichliche Erfahrungen vor. Die Bezwingung des Südpols geschah in der Weise, daß man von einer für Schiffe allsommerlich erreichbaren fosten Station mit Hilfe von Hunde- oder Pferdeschlitten gegen den Südpol vorging, worauf man auf demselben Wege nach der Station zurückkehrte. Diese Polarreise fand im sudpowren Sommer statt, d. h. in der Zeit zwischen Oktober und Marz, nachdem man auf der Station den Winter zugebracht hatte und die letzten Wochen des ihm voraufgegangenen Sommers, nach Ankunft auf dem Forschungsfelde, dazu benutzt hatte, den in Aussicht genommenen Weg polarwärts möglichst weit gegen Süden mit Proviantniederlagen zu besetzen Dadurch wurde erreicht, daß die Polstürmer selbst nicht alles, was sie bedurften, bis zum Ziel mitzuschleppen brauchten; sie hatten ferner auf der Rückreise in diesen Vorratsmederlagen Stützpunkte. Daß freilich auch diese Stützpunkte nicht immer den Rückzug sichern können, beweist der traurige Ausgang der letzten
Scottschen Expedition. _
Auch Shackleton hat auf seiner Repe von 1908 bis 1909
gegen den Südpol so operiert. Für die neue Reise aiber glaubt er, seinen eigenen und den Mitteilungen seines wissenschaftlichen Stabschefs Professor David zufolge, auf diese Marschsicherung durch Depots verzichten zu können. Man liest nämlich, Shackleton werde, nachdem er im November 1914 das Luitpoldland betreten habe, sofort mit der Schlittenreise in der Richtung auf das Roßmeer beginnen, derart, daß er schon im April 1915 dort herauskommen und von dem dorthin geschickten Nebenschiffe ausgenommen werden könne. Nur Mit. diesem Rebenschiffe sollten auf der Roßschen Eisplatte Depots nach Süden für den ankommenden Shackleton vorgeschoben werden. Nehmen wir nun an, daß das südivärts bis zum 86. Breitengrad geschehen kann, so wäre Shackleton während des größten Teiles seines Weges, ans 1500 bis 1600 Kilometer, außerstande, die Vorräte für Menschen und Hunde za (ergänzen, und das würde aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Untergang bedeuten, zumal ihm dort alles unbekannt ist.
Solche Tollkühnheit aber ist Shackleton im Ernste doch nicht zuzutrauen, und so wird der Plan schließlich eine etwas andere Gestalt annehmen. Nachdem Shackleton die Landung aus Luiiipoldland gelungen sein wird, dürfte er de« Rest'des Südsommers 1914/15 dazu benutzen, seinen späteren Durchquerungsweg bis in die Nähe des Südpols mit Vorrats- depots zu besetzen. " Von der anderen Seite, von der Roßswcn Eisbarriere her, wird das Nebenschisf gleichzeitig dasselbe tun, und zwar von Framheim aus, dem Winterquartier Amuno- sens von 1911. Dann würde Shackleton den Winter 19 lo au, dem Luitpoldland oder der Filchner-Barriere verbringen un re Durchquerung erst im Südsommer 1915/16 auszufuhr n - suchen. Sie könnte im Oktober 1915 beginnen und ,m wcarz 1916 beendet sein, wenn alles glatt geht. Im Fall/ des Mißlingens hätten die Depots auf der Weddellseüe me Aufgabe,
^ »CW W D.«--»'--»-«.-.
ist trotz aller Tatkraft und Erfahrung Shacklewns M rechnen, auch wenn sein Plan die angegebene veränderte Gestalt gewinnt. Zunächst ist es gar nicht sicher, daß shackleton an der
