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Zonntagp 15. Sebtuat 1914.

Oeutfchlanö und EngLanö.

Professor Theodor Schiemann, der in der »Kreuzzeitung" allwöchentlich über die auswärtige Politik spricht, schrieb in seiner letzten Übersicht die fol­genden Sätze:Wie in Afrika lassen in aller Welt die deutschen und die englischen Interessen sich zum Vor­teil beider Teile wie der allgemeinen Kultur und Welt­interessen ausgleichen. Was dem entgegensteht, sind törichte, durch keine inneren materiellen oder ideellen Interessen bedingte Gegensätze, die, recht betrachtet, nur in der Vorstellung derjenigen bestehen, die durch die Gunst oder Ungunst der Zeit berufen worden sind, der Politik die Richtung zu geben, die von der Nation, an deren konstitutionelle Spitze sie gestellt worden sind, vertreten werden soll. Es ist natürlich, daß jeder Teil dabei dem anderen die Schuld zuweist und daß hier wie dort die Verantwortung auf den Strom der öffent­lichen Meinung abgeschoben wird. In Wirklichkeit aber gibt es nichts, was bereiter wäre, von heute auf mor­gen seine Richtung und Überzeugung zu wechseln, als diese öffentliche Meinung. Sie verlangt nach dem Herrn, der sie leitet, und erwartet, daß man den Mirt habe, ihr zu sagen, wohin sie gehen soll. Meine Mei­nung und feste Überzeugung möchte ich nur dahin zu­sammenfassen, daß es keine Zeit gegeben hat, in der, >Nehr als heute, durch einen erlösenden Entschluß alle Schwierigkeiten der europäischen wie der Weltpolitik in die Bahnen ruhiger und gedeihlicher Entwicklung ge- lenkt werden konnten. Dieser Entschluß aber würde lauten: englisch-deutsche Allianz. Sie würde die

Rüstungsrivalität, die deutsch-französischen Schärfen, die russische Aggressivpolitik, das Schicksal des Islams und seine Leitung in Kulturbahnen nebst allen Problemen, die daran hängen, in wahrhaft idealer Weise lösest. Aber dazu bedarf es eines starken Willens, der sich über persönliche Eitelkeits- und Empsindlich- ^ftsfragen ,hinwegzusetzen vermag, und eines klaren ^opfeß,' der die Dinge nüchtern beurteilt und sich nicht durch einmal begangene Irrungen den Ausgang auf den richtigen Weg vermauern läßt. Es mag utopisch erscheinen,' sich mit dem Gedanken zu tragen, daß diese Möglichkeit eintreten könnte. Darum soll sie aller nicht unausgesprochen bleiben."

Der Berliner Historiker, der diese merkwürdigen Mahnungen und Bekenntnisse, Forderungen »ad Vor­würfe, offene und versteckte, an einer weithin sichtbaren Stelle laut werden läßt, gehört zu den Männern des kaiserlichen Vertrauens. Er hat den Kaiser wiederholt auf steinen Nordlandfahrten bsglertst, und man weiß, daß der Monarch sein Urteil schätzt. Schie­manns jüngster Artikel in derKreuzzeitung verdient nun aber besondere Beachtung, weil er vermuten laßt, daß er aus der Kenntnis von Vorgängen oder von ge­wissermaßen im Keime erstickten Vorgängen, ^Anregiin- gen und Versuchen heraus verfaßt worden ist. Man wird die Vorstellung nicht los, daß hinter diesem Ar­tikel etwas Besonderes steckt. Es scheint, daß die mit­geteilten Sätze irgendwem den Weg zu einer. PoUnk der hochherzigen Vernunft ebnen sollen, zu einer Pontrk, der von anderer Seite Schwierigkeiten gemacht werden. Es scheint so, aber man kann nichts Bestimmtes sapen. Vor einiger Zeit war die Rede davon, daß, im Aus­wärtigen' Amt Differenzen entstanden seien. Der

Morgen. Kusgabe.

Reichskanzler auf der einen, Herr v. Jagow und der Unterstaatssekretär Zimmermann auf der anderen Seite sollten in der Frage unserer Militärmission rn Konstan­tinopel verschiedener Meinung sein. Ob das zutrrfft, ist uns nicht bekannt. Möglich, daß die Verbreiter die­ser Gerüchte die Glocken haben klingen hören und nur nicht wußten, wo sie hängen. Möglich, daß es sich gar nicht.'um den General Liman v. Sanders, sondern um andere Dinge gehandelt hat. Wir wiederholen, uns fehlt, wie übrigens allen anderen Beobachtern auch, die Handhabe zur Feststellung eines Tatbestandes, jeden­falls darf man betonen, daß es keinen eifrigeren Be­fürworter und Förderer guter deutsch-englischer Be­ziehungen gibt als den Reichskanzler, der vom ersten Tage seiner Geschäftsführung an dm Bes je- r u n g unseres Verhältnisses zum britischen, Weltreiche als ein Lebensbedürfnis unserer Politik erkennt und hiernach mühsam, geduldig und unbeirrt,nach dem Wege zum dauernden, in den Interessen wie rn, den Empfindungen beider Nationen verankerten Frieden

gesucht hat.

Wir selbst haben vor einiger Zeit auseinandergesetzt, daß es in bezug auf das deutsch-englische Verhältnis nicht mit einzelnen, wenn auch noch so wichtigen Ab­machungen über afrikanische Kolonialsragen und der­gleichen^ getan sein kann, sondern daß ein organi­sches Verhältnis, gegründet auf Vertrauen und Wohlwollen, die Periode der Rivalitäten ab­schließen muß, daß also eine Neuorientierung in der Politik beider Reiche erforderlich ist. Jetzt kommt Pro­fessor Schiemann und sagt dasselbe mit einer Bestimmt­heit, die, gerade weil er sich zu ihr in dem leitenden Blatte der konservativen Partei verpflichtet fühlt und weil der Verfasser nicht der erste Beste ist, großes Auf­sehen erregen muß. Solche Sprache hat man seit lan­gen Jahren nicht gehört. Es ist ein Konservativer Publizist, der die Gegensätze zwischen uns^sind Eng­landtöricht, durch keine inneren materiellen oder ideellen Interessen bedingt" nennt. Es ist ein Freund des Kaisers, der die feste Überzeugung ausspricht, es habekeine Zeit gegeben, in der mehr als heute durch einen erlösenden Entschluß alle Schwierigkeiten der europäischen wie der Weltpolitik in die Bahnen ruhiger und gedeihlicher Entwicklung gelenkt.werden konnten". Wenn ein Mann wie Professor Schiemann die Parole ausgibtenglisch-deutsche Allianz" und wenn er nach einem solchen Entschluß mit Sicherheit erwartet daß er ,die deutsch-französischen Scharfen dre russische Aggressivpolitik, das Schicksal des ^slams und seiner Leitung in Kulturbahnen nebst allen, Problemen, die daran hängen, in wahrhaft idealer Werse losen wurde . so kann das nicht in den Wrnd geredet fern. Zunächst trägt dieKreuzzeitung" die Verantwortung für diese sehr merkwürdigen Forderungen, und schon das ist nichts Geringes.' Denn ein Bekenntnis der immer noch starken und leider allzu einflußreichen konser­vativen Partei zu einem B u n d n i s mit Eng­land haben wir bis dahin noch nicht erlebt. Auf die sachliche Seite des von Schiemann aufgeworfenen Pro­blems brauchen wir hier nicht emzugehen. Das weiß selbstverständlich jeder, welche ung,,ehe,ur en Schwie­rigkeiten einem solchen Bündnis zunächst ent­gegenstehen, und selbst der beste Wille von beiden Sei­ten könnte noch nichts ausricksten, wenn nicht zuvor eine

Ut. 77. « 62. Iahrgang.

Reihe von äußerst dornenvollen materiellen Bedingun­gen und Grundlagen gesichert worden wäre. Aber dar­auf kommt es jetzt nicht so sehr an wie auf die Kon­statierung der wichtigen Tatsache, daß jemand, der den Dingen zweifellos nähersteht als sehr viele Betrachter, den Augenblick für geeignet hält, eine Forderung von geradezu unabsehbarer Tragweite, der deutschen, viel­mehr vor der europäischen Öffentlichkeit zu erheben.

»Wie wären nun aber die Vorbedingungen einer deutsch-englischen Allianz? England müßte dar­auf verzichten, die französischen Interessen mit starrer Einseitigkeit gegen uns zu vertreten, wir müßten dar­auf verzichten, das Verhältnis mit Rußland immer wieder aus seiner tatsächlichen Unfreundlich­keit in eine mühsam zusammengekleisterte, von uns immer wieder mit Opfern und auch nur notdürftig hergestellte Freundlichkeit hinüberrettenzu wollen. Mit einer Politik, die Rußland die Zähne zeigt, würden wir unsere Beziehungen zu Österreich-Ungarn nur befestigen, die zu Italien nicht beeinträchtigen. Mit einer Politik, die sich nicht.mehr zur .steten Helferin französischen Übelwollcns gegen uns hergeben will, würde England die Republik und Rußland allerdings nur noch mehr zueinander führen, aber Frankreich liegt unter den Kanonen der übermächtigen britischen Flotte, und mit seinem ungeheuren, über die Kräfte des Landes weit hinausgehenden Kolonialbesitz ist es äußerst verwundbar. Zieht" man so. ein paar hastige Striche, um die ungefähren Umrißlinien einer zukünftigen Kon­stellation, wie sie Herrn Schiemann vorschwebt, deutlich zu machen, so zeigt sich alsbald, was man allerdings auch vorher im sicheren Gefühl hatte, daß eine größere Aufgabe als die, ein deutsch-englisches Bündnis zu­standezubringen, wohl noch nie den Staatsmännern gestellt worden ist. Aber wenn es zum Wesen der Utopie gehört, daß sie nicht erfüllbar ist, so braucht nicht alles, was Utopie genannt wird, auch Utopie zu sein. Das Ziel ist gewiesen, der Weg ist lang und schwierig, indessen es gab schon manche Schwierigkeit, über die man doch hinwegkam. und wenn es gelang, Italien zu einigen und das Deutsche Reich zu gründen, warum soll man alsdann den Glauben an die Möglichkeit ei"es deutsch-englischen Bündnisses vorzeitig und kleinmütig aufgeben?

Die Menschen-wildnis.

Sonntagsbetrachtung von Pfarrer Fritz Philipp!.

Kürzlich führte mich der Beruf in ein Haus, dessen unterer Stock mit geschlossenen Läden finster auf die Gasse starrte. Und drinnen im Hausgang hinter dem Wohnungsabschluß hockte und brütete ein unheimlich dunkles Schweigen.

Das Schweigen wartete auf Antwort, und ich sollte sie ihm geben.

Aus dieser jetzt verlassenen Behausung war vor Wochen ein wildes Entsetzen hinausgelaufen auf die Gasse, und alle Fenster der Nachbarschaft öffneten sich und in die Menschenansammlung fuhr wie Sturm ein großer Schrecken: Am hellichten Tag war ein Mensch ermordet worden! Ein Mensch war über einen anderen mit Raubtierklauen hergefallen. Während der Verkehr unter den Fenstern sein Gassenliedchen pfiff, hatte dicht

m . . ' . "

Ein gefährliches Nachtlager.

Von E. Adolph (Wiesbaden).

Das hannoverische Regiment, dem ich damals angehörte, hatte am 16. August gekämpft und große. Verluste gehabt. Kein Wunder, daß man es am 18. August bei Gravewue- St. Privat in der Reserve behielt,

Aber trotzdem war der Tag hart und schwer gewesen, man hatte marschiert und gestanden, man hatte die Aufregungen der vorn tobenden Schlacht mitempfunden, die Truppe war am Abend aufs äußerste erschöpft. Als daher nach ,Einbruch der Dunkelheit Biwak bezogen wurde, da empfand jeder nur ein Bedürfnis: Ruhe, Schlaf!

Aber schlecht schläft sich's auf dem nackten Boden, iclvji in einer Augustnacht. So suchte jeder irgendwo einen ge­borgenen Winkel, ein Bund Stroh oder irgend etwas Welches . zu nnden, darauf sich ruhen ließe.

Mir gelang es wre durch ein Wunder, einen etwas ge­schützten Platz und zwei Bund nicht ausgedroschenen Getreides für meinen Kommandeur zu finden, als ringsum schon alles wt tiefem Schlafe lag. Der Kommandeur und sein Adjutant kommen immer zuletzt zur Ruhe. Es war mir eine Freude, als ich in der Dunkelheit das Lager bereiten und meinen Kommandeur, einen vortrefflichen Mann, einladen konnte, das Strohlager einzunehmen. Dicht an ihn gepreßt, so, ver­brachten wir zwei die Nacht zusammen rn verhältnismäßiger

Behaglichkeit. ,.

Als uns die Sonne des 19. August weckte, gab ich Befehle aus, es war nach den schweren Verlusten des 16. Augusts überaus viel zu ordnen, und kehrte dann zu meinem Kom­

mandeur zurück, den ich im Stroh wühlend fand. Ein Messer aus seiner Tasche war ihm entfallen.

Ich griff rasch zu und nahm das Stroh auf, als mein Kommandeur auf einmal beiseite sprang. Dann glitt ein schmunzelnder, freundlicher Zug über jem Gesicht, er deutete auf das Lager und sagte:Ra, lieber Werner, Sie haben es wirklich mit mir zu gyt gemeint!'

Und da sah ich die "Bescherung, unter dem Stroh lag eine französische Granate, die nicht explodiert war.

Wir hatten die ganze Nacht daraus gelegen und süß ge­schlummert. Mein Kommandeur memte noch:Die müßten wir uns-. Mentlich als Andenken inrtnehmen!"

Das haben wir zwar nicht getan, das gefährliche Nacht­lager ist aber doch in der Erinnerung haften geblichen.

Zum 850. Geburtstag Galileis.

Von Geh. Rat Prof. Wilhelm Förster.

Am 13. Februar 1564 wurde in Pisa Galileo Galilei ge­boren, der im November 1609 als Professor an der Universität Padua zuerst ein Fernrohr nach dem Hrmmel richtete und da­mit die Monde des Jupiter, sodann die Gebirge auf der Mondobcrfläche erkannte und die Milchstraße sowie einige Sternhaufen und Nebelflecke in Scharen einzelner Sterne auflöste. In dem daraus folgenden Jahre erkannte er mit dem Fernrohr die den Mondphasen entsprechenden Lichtge- stalten des Planeten Venus sowie die Sonnenflecke und die Umdrehung der Sonne, sodann auch die einander gegenüber­liegenden Anhängsel der kreisförmigen Scheibe des Planeten

Saturn, obwohl er dieselben als die Gestalt des Saturnringes noch nicht deutlich erfaßte.

Die Hauptverdienste feiner wissenschaftlichen Lebens- tätigkeit lagen indessen nicht auf diesem astronomischen Ge­biete, vielmehr auf dem Gebiete der Bewegungslehre, für welche die schon in seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten, an der Universität Pisa, ausgefuhrten Messungen über die Fallbewegung und die Pendelbewegung und die daran ge­knüpften neuen und tiefen Gedanken von gang entscheidender Bedeutung wurden. Gerade aus seiner astronomischen Tätig­keit und aus der daran geknüpften Stellungnahme zu der Lehrendes Koperuikus gingen jedoch die ergreifendsten Ereig­nisse seines Lebens hervor, welche seinem Namen und seiner astronomischen Wirksamkeit die weit über seine unmittelbaren jvissenschaftlichen Erfolge auf diesem Gebiete hinausgehende säkulare Bedeutung gegeben haben.

Zum 350. Geburtstage des jedenfalls hochbedeutenden Mannes ihm ein besonderes Gedenken zu widmen, hierfür liegt aber gerade jetzt im Interesse der geschichtlichen Wahr­heit und Gerechtigkeit ein eigenartiger, wohlbegründeter An­laß, vor. Wir besitzen nämlich jetzt den Abschluß eines von Seiten der italienischen Regierung durch Professor Favaro rn 18 Bänden heransgegebenen Werkes über Galilei, wofür auch von Seiten des Vatikans alle wichtigen Dokumente in betreff der Prozehverhandlungcn gegen Galilei beigesteuert worden sind. Arid der Eindruck, welchen wir hierdurch i e & bon jenen schmerzlichen Vorgängen empfangen, kann nur dazu bei­tragen, konfessionelle Gehässigkeit und Weltamchauungs- Feindseligkeit zu vermindern.

Sei es hierzu gestattet, einen kurzen Ausblick einzufügen auf das ganze Verhalten der damaligen leitenden Mächte zu