Wiesbadener Sagblatt.
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Donnerstag, 12. Februar 1914.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 71. » 62. Jahrgang.
Oeutschenhetze.
(Von unserem Petersburger Mitarbeiter.)
-m- St. Petersburg, 7. Februar.
Was an Deutschenhetze in der russischen Presse wieder einmal, und diesmal anscheinend unter jemands gewichtiger Protektion, geleistet wird, geht auf keine Kuhhaut. Der Wahnwitz hat Methode. Während der letzten Balkankrise war Österreich der Blitzableiter für den im russischen Blute liegenden Deutschenhaß; doch, wenn damals auch Deutschland verhältnismäßig noch glimpflich behandelt wurde, so geschah das doch nur. nin Mißstimmung zwischen den deutschen Bundesgenossen hervorzurufen, um Wien bange zu machen, Berlin werde um der schönen Augen Mütterchen Rußlands willen von seiner Nibelungentreue lassen, damit nran in Wien nachgiebiger sei. Wenn man damals auf den Sack haute, meinte man in Petersburg immer doch ben Esel, den Pangermanismus, der in allen österreichischen Schlichen und Ränken zu suchen sei. So lächerlich auch die Zusammenstellung Österreich und Pangermanismus klingt, so hat der pansla-wistische Wahnsinn doch, wie gesagt, Methode. Jetzt ist Deutschland in Armenien den Russen in den Weg getreten, in Konstantinopel die deutsche M i l i t ä r m i s s i o n aufgetaucht, jetzt wird nicht mehr auf den Sack gehauen, sondern auf den Esel, wenn dieser auch meint, es sei nur ein freundschaftliches Auf-die-Schulter- Klopfen.
Wenn Herr Markow, ehemals Börsenreporter der Petersburger deutschen Blätter, jetzt Kaiserlich russischer Hosrat „v." Markow, öffentlich davon redet, daß Deutsche und Russen ein Herz und eine Seele seien und nebenbei noch die russischen Finanzen in überirdischem Lichte darstellt und die deutschen Vortragsbesucher tu Frankfurt a. M. zu devoten Huldigungstelegrammen an den russischen Finanz- minister veranlaßt, kann es ihni ja blühen, daß er Kaiserlich russischer Kollegien- oder sogar Staatsrat wird denn diese nichtssagenden Rangtitel sind in Rußland'w o h I f e i l wie die Bronlbeeren, kosten, wenn ich nicht irre. 500 Rubel, die Beziehungen werden deshalb jedenfalls nicht besser. Die „Nowoje Wremja" spricht heute von der „deutschen Mission in Petersburg". Gemeint sind damit die deutschen Ingenieure und Kauf- leute, die an der P u t i l o w - Fabrik arbeiten. (Das Abendblatt veröffentlicht eine lange Liste der Namen dieser Herren.) In der allgemeinen Verwaltung: Werstdirektor Kurt O r b a u o w s k i, Reichsdeutscher, Pohl, Gehilfe des Direktors der mechanischen Abteilung, Reichsdeutscher, Bauer, Handelsdirektor, Reichsdeutscher, A s müss en, Ingenieur von Blohm und Voß. Es folgen 18 weitere Namen, darunter ein deutscher russischer Untertan. Über dieser Liste steht:
In seiner Fürsorge dafür, daß die Seestrert- kräfte des Reichs schnellstens und möglichst vollkommen wiederhergestellt werden, hat das Marineministerium bekanntlich die Arbeit an ihrer Wreder- berstelluna fast ausschließlich den Deutschen anvertraut. Damrt die Namen der verehrren Muye-
walter, die vom „Vaterland" an das kalte Newagestade ' gekommen sind, nicht in der Lethe versinken, damrt alle, wenn die Stunde kommt, es wissen können, wem sre ihren Bückling sür die selbstlose Arbeit zum Nutzen Rußlands zu machen haben, führe ich die Personalren der Verwaltung und der Angestellten der Putrtow- werft an." , ri or
Zum Schluß heißt es: „Außer diesen obersten Angestellten sind 60 Prozent der Werftangestellten Reichsdeutsche, Meister, Instrukteure und Brigadiere; etwa 6 Prozent der Arbeiter sind auch Reichsdeutsche, dre rm gegebenen Falle zur auserwählten Nation gehören. Das ist um so sonderbarer, als alle anderen Abterlungen dieses großen und prächtig eingerichteten Werks (Putilow) unter Leitung russischer Ingenieure stehen und von russischen Arbeitern bedient werden."
Der Art'rkelschreiber scheint gut informiert zu fern, aber die Wahrheit seinen Lesern geflissentlich vorzuenthalten. Sonst würde er Mitteilen, wo die Ingenieure Herkommen, daß B l o h in und Voß sie mit nach Petersburgs gebracht haben, da das Ministerium die von der Putilowwerft gebauten Schiffe dieser Firma übertragen Hot. dann aber die hinter dem Putilowwerk steckende Russisch-Asiatische Bank zwei französische Auf- sichtsräte der Firma Schneider-Creuzot in die Werkper- waltung gesetzt hat und das ganze Werk an diese Firma abschieben will, daß Schneider und D e l c a s s ä als Agent der Firma die Ente über Krupps Attentat auf derr Besitz der Putilowwerke haben flattern lassen, damit Creuzot die Pariser Geldgeber gefügiger finde . . . etwas sehr viel Schmutz haftet an dieser franko-russischen Aktion. Jetzt kommt die Denunziation hinzu. Die „Nowose Wremja" und ihr Abend- blatt und der „Swet" schnattern so, als gelte es das Kapitol zu retten. Die „Nowoje Wremja" tut so, als wollten die Deutschen die ganze russische Wehrmacht in ihre Hände bekommen. Mit tiefem Pathos weist das Blatt darauf hin, daß es der russischen Presse strengstens verboten ist, etwas über die Rüstungen zu Wasser und zu Lande zu schreiben, daß aber in der deutschen Presse ganz genau zu lesen sei, wie der Revaler Kriegshafen äussche, daß die Zeichnungen der künftigen russischen Kriegsschiffe mit allen Einzelheiten in den deutschen Fachblättern zu finden seien usw. Das Marine- r e s s o r t kümmere sich nicht darum, daß zum Bau der russischen Schisse lauter deutsche Ingenieure hinzugezogen werden, die all die Geheimarbeiten vornehmen, die die russische Öffentlichkeit nicht besprechen dürfe, daß die deutsche Verwaltung. der Putilowwerft alle Maschinen, Werkbänke, Hebekräne, Werkzeuge aus den deutschen Werken „Vulkan , „Schröder", „Troske", Deutsche Maschinenfabrik u> a. bestelle. Das Schicksal der russischen Flotte werde vom guten Willen der Deutschen abhängig gemacht,, dre rm Falle eines Krieges an der Westfront m der russischen Flotte allerlei Unglücksfälle eintreten lassen und die Werke im Stiche lassen würden, da sie deutsche Reserveoffiziere seien. Die Russische P u l der fa b r i k sei eine Filiale der reichsdeutschen Fabrrt Carbonit", ihre Leiter seien sämtlichDeutsche. U r t r l I e r r e Hauptpolygon (Schießplatz) str allen Russen unzugänglich
doch der Vertreter der „Rheinischen Metall- und Maschinenfabrik" in Düsseldorf/ Major Goebel, dürfe diese Schießstände besuchen. . . .
Anläßlich dieser Hetze muß gesagt werden, daß es sür Deutschland wahrlich besser wäre, wenn die russische Flotte nicht von g e w i s s e n haften De u t s ch e n, sondern von' russischen Ingenieuren hergestellt werden würde; gegen ein Trinkgeld ließen sich dann alle russischen Geheimnisse erwerben, und es würde gebaut werden, daß Gott erbarm. Aber es handelt sich beim patriotischen Geschrei der nationalistischen Presse nicht darum, die Arbeit russischen Ingenieuren zukommen zu lassen, sondern die „patriotischen" Blätter stehen im Solde der englischen und französischen Werke und schreien wie die Fuhrleute, die einen Bakschisch dafür erhalten.
Bedauerlich ist aber, daß es beim Zwiespalt rm russischen Kabinett möglich geworden ist, daß ein Minister die Schreier unterstützt, während der andere die Arbeiten an Deutsche vergibt. . . .
Deutsches Reich.
IX). Dem zu früh verstorbenen Leiter der Dalcroze-Schnlc in Hellerau, Wolf-Dohrn, widmet Abg. D. Naumann, der ihm in mancher Beziehung nahestand, in der neuen Nummer der „Hilfe" einen warmempfundenen Nachruf. Es heißt da: „Seine Außenseite war leicht, verbindlich, fast träumerisch weich, aber drinnen war er unerbittlich in der Absicht, das Begonnene durchzuführen. . . . Dabei aber blieb er als Mensch immer noch etwas anderes als nur der Träger einer einzelnen Sache. Mitten während der Festspiele sprach er über Philosophie und Politik und vieles andere mit dem guten Verstände eines lebenskundigen Mannes. . . . Wir denken noch einmal, was er uns gewesen ist als Mitgesellschafter des „Hilfe"-Verlags und als Helfer in früheren Wahlkämpfen. Noch heute klingen seine ruhigen, eindringlichen und so wenig parteigeschäftlichen Reden bei denen nach, die sie hören konnten. Er suchte überall das Persönliche, Menschliche, die wertvolle innere Bewegung." — Über den Tod von Di*. Wolf-Dohrn waren übrigens, wie wir aus Berlin meldeten, Gerüchte verbreitet, nach denen der Begründer von Hellerau nicht das Opfer eines Unglücksfalles geworden, sondern wegen Schwierigkeiten in seinen Unternehmungen freiwillig seinem Leben ein Ende gesetzt habe. In unserer Mitteilung vom 6. Febr. war jedoch mit dem Hinweis auf die Familie des Verstorbenen schon erwähnt, daß von solchen Schwierigkeiten nicht mehr die Rede sein konnte. Der Verunglückte sah, wie uns jetzt aus HÄlerau noch geschrieben wird, mit großen Hoffnungen in die Zukunft und trug sich mit neuen Plänen, wie aus nachstehendem Brief an den Stuttgarter Generalmusikdirektor Professor vr. Max v. S ch i I l i n g s vom 30. Januar hervorgeht, der am Fuße des Montblanc geschrieben ist und den der Adressat freundlich zur Verfügung stellte: „Verehrter Herr Doktor! Ich komme aus der Schweiz wahrscheinlich über Stuttgart und würde Sie gerne besuchen. Ich kann aber erst Mitte der Woche übersehen, an welchem Tage ich durch Stuttgart komme. Darf ich dann telegraphisch anfragen, ob und wann es Ihnen patzt? Ich möchte gern einmal in aller Ruhe Ihren Rat über weiteren Ausbau der Schule in Hellerau. einen eventuell zu gründenden Dalcroze-Verein u. ä. m. Viel-
ls nach dem Zusammenbruch ?
on unserem mexikanischen Spezial-Korrespondenten.)
Tampico, im Januar.
Vir sitzen in Tampico fest, ohne uns recht rühren zu n. In allen Richtungen Rebellen, so daß cs eine öfwhv- Geickichte ist, -die beabsichtigte Weiterreise gegen Süden, der Hauptstadt Mexico-Cith, anzutreten. Die Rebellen i nun so ziemlich van Men nördlichen Staaten Besitz, er- , n und die Regierungstruppen Huertas nach dem Süden )er über die amerikanische Grenze gedrängt, Carranzas er haben die fast unbestrittene Kontrolle des Nordens Neriko, und da es hier auch, trotzdem diesbezügliche Nach- n in der mexikanischen Presse mit eiserner Faust unter- j werden, mit großer Bestimmtheit heißt, daß Huerta das knavv aeworden sein soll, so wäre es nicht mehr ein Dmg Unmöglichkeit, daß der tollkühne und wirklich sA.M re Bandit und jetzige Rebellengeneral Francisco Villa etwa 20 000 Mann starke Truppenichar im Siegeszuge or die Toren von Mexico-Cith bringt.
^s ist eine ganz merkwürdige Geschichte. Nahezu alle änder, mit denen ich in den Nordstaaten von Mexiko nr letzten sieben bis acht Wochen zusammengekommen bin anz gleich ob Amerikaner, Deutsche, Engländer, Spanier sonst etwas - geben in verborgenem Privatgefprach, so es kein Mexikaner vernehmen kann, unumwunden zu., sie nichts unlieber sehen würden, als einen entscheidenden der Rebellen und einen Mann wie Carranza als Prä- ten des Landes. Ein jeder gibt, wenn keiner es hört, es nwunden zu. daß der gegenwärtige Diktator ein ausge- hever Svitzbube ist, der nur m seine eigenen Taschen nfüllen möchte, aber aus der anderen Seite wird »erall : als deutlich angezeigt, daß man Huerta zurzeit für den
einzigen Mann in ganz Mexiko halt, der persönlich stark, energisch und auch rücksichtslos genug ist, das unglückliche Land wieder friedlicheren und gesicherteren Zuständen ent- gegenzusühren. Die Ausländer wessen, daß Konzessionen unter Huerta einen schönen Batzen Geld kosten werden, aber sie glauben auch, daß der Diktator der Mann dazu ist, diesen Konzessionen den nötigen Schutz angedeihen zu lassen, wenn man ihm die Gelegenheit und besonders das nötige Geld dazu gibt, sich fest in den Sattel zu setzen und sich auch im Sattel zu halten. Besonders die Engländer, die ich getroffen und gesprochen habe, sind dieser Ansicht und sind fest überzeugt, daß ihre Landsleute zu Hause, oejonders die Londoner Pear- son-Gruppe mit dem Lord Cowdray an der Spitze, den Präsidenten Huerta nicht in finanzieller Hinsicht im Stiche lassen werden, zumal es auch heißt, der^neue englische Gesandte Sir Lionel Carden sei nur nach Mexrco-Crth geschickt worden, um
verschiedene Konzessions-Abkommeu mit Huerta im Namen
englischer Finanzgruppen zu treffen Dies wurde mir von zwei englischen Geschäftsleuten berichtet, die hier in der Nähe von Tampico selbst Llkonzessionen haben, also die Sache wissen sollten.
Huerta gilt bei allen Ausländern fast in Mexiko als „der starke M'ann" der mexikanischen Natron. Man haßt, fürchtet oder verachtet ihn, aber man glaubt, daß man einen solchen Mann allein unter den jetzigen Umständen brauchen kann. Ich habe auch nicht einen einzigen Ausländer getroffen, der die aknvarten.de und, wie man hier jagt, knicschwache Haltung der Vereinigten Staaten gebilligt hätte. Entweder Intervention mit Waffengewalt oder Anerkennung und Unterstützung von Huerta — diese beiden Wege hat man mir überall als die allein möglichen angegeben. Die Ursache dieser Anschauung, die ollen außerhalb des Landes weilenden anfänglich unverständlich sein muß, ist mir nach und nach klar geworden: Sie lie.gr in der absoluten Unfähigkeit der mexi
kanischen Bevölkerung, auch nur den Abglanz einer auf wirklich republikanischer Grundlage beruhenden Volksregierung durch das Volk und für das Volk, auf demokratischen Prinzipien beruhend, zu schaffen und aufrecht zu erhalten.
Venustiano Carranza, der anerkannte Führer der Rebellen, nennt sich „Präsident der Konstitutionalisten", also jener Partei, die die an sich sehr schöne, aber in der Praxis nur tote Buchstaben bedeutende Landesverfassung von Mexiko wieder zm Ehren und Ansehen bringen möchte. Ich bin häufig mit ihm zusammengetrofsen, als er noch unter Madero Kriegssekretär und später Gouverneur des Staates Cocchuila war. Ein eigenartiger Mensch unter diesen Halbbarbaren, die eine Erziehung höchstens dazu benutzen, sich auf Kosten der Unerzogenen zu bereichern. An Intelligenz Huerta mindestens gleich, wenn nicht überlegen, macht er nach außen hin einen stillen, ruhigen Eindruck, und doch ist auch er von einer für europäische Begriffe geradezu unverständlichen Grausamkeit des Charakters, deren sichtbare Äußerungen in einem furchtbaren Widerspruch zu seinem ruhigen Auftreten stehen- Ob er es wirklich ehrlich in seiner ausgesprochenen Absicht meint, .die Verfassung des Landes wieder zu Recht zu bringen, weiß man nicht. Die Ansichten darüber sind sehr gekeilt. Er ist einer der reichsten Grundbesitzer des Landes und soll MU- lionen sicher im Auslände untcrgebracht haben, so daß es apo nicht die Sucht nach Beute sein kann, die ihn nach dom Prasr- dentenstuhle gelüsten läßt. Wahrscheinlich ist c ‘
zwinglicher Ehrgeiz, der unter der ruhigen Oberfläche icprum- mert'unb ihn ins Feld getrieben hat.
Die für das Ausland bedeutungsvollste §**6®, ift nun: Könnte Carranza, wenn er ioirklich anerkannter Präsident des mexikanischen Staatenbundes würde, sich halten, und wäre begründete Aussicht vorhanden, daß er bus Land einer friedlicheren Zukunft entgegen führen könnte. _ Konnte er de« jetzigen Unruhen ein Ende bereiten -und rn erster Linie die Ite
