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Mittwoch, 11. Februar 1914.
Morgen - Ausgabe.
Ur. 69. * 62 . Jahrgang.
Gewerbestand und Reichstag.
Vom Hansabund wird uns geschrieben:
, Die letzten Etatsverhandlungen im Reichstag haben wiederum eine umfassende Behandlung der Forderungen des deutschen Gewerbestandes mit sich gebracht. Es Nt erfreulicherweise festzustellen, daß der Gedanke der stärkeren Berücksichtigung der praktischen Wünsche von Industrie, Handel und Gewerbe immer mehr in den parlamentarischen Erörterungen hervortritt.
Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands macht 0le,en erfreulichen Vorgang nur erklärlich. Im Jahre IddO betrug dre Einfuhr 2,8 Milliarden, im Jahre 1912 10 69 Milliarden. Die Ausfuhr betrug im Jahre 1880 •492 Milliarden, im Jahre 1912 8,6 Milliarden. ,„.*^4 den bisherigen Schätzungen wird sich im Jahre 1918 Ausfuhr und Einfuhr weiter erhöhen. Die wirt- ichastliche Entwicklung Deutschlands im Vergleich zu unteren größten Konkurrenzländern: Frankreich, England und den Vereinigten Staaten ergibt, daß Deutschst"" „ ' !1 V 1891 mit seinem Gesamthandel mit
rfrantrcich und Amerika auf einer Stufe stand und PiU" britischen Gesamthandel um 76 Prozent über- flugel. wurde. ©euie hftt Deutschland Frankreich und
a( l e r n ^Oit übcrtroffen und ist dem britischen Gesamthandel nahegerückt.
Hand in Hand damit zeigt das Bild des inneren Marktes eine Steigerung der Produktion in Bergbau und Landwirtschaft, sowie eine erhebliche Zunahme des Verkehrs. Die Getreideproduktion hat sich seit 1880 fast verdoppelt. Von den Leistungen der Montanindustrie ]£. ^währst, daß im Jahre 1891 73,7 Millionen Tonnen •Steinkohlen, im Jahre 1913 174,9 Millionen Tonnen Modert wurden. An Eisenerzen wurden statt 10,7 Fluwnen Tonnen im Jahre 1891 27,2 Millioneil Toasten gefördert. Die Roheiseirproduktion hat sich Wit dem Jahre 1891 beinahe verfünffacht. Der Güterverkehr ist in den letzten Jahren auf das Dreifache gestiegen.
Dieser Vorgang, auf welchem auch die finanzielle Grundlage des Deutschen Reiches in erster Linie beruht, führt natürlich von selbst dazu, immer weitere Kreise vor - allem an dem industriellen und gewerblichen Leben und den dieses berührenden parlamentarischen Aktionen zu interessieren.
Ein Abgeordneter, welcher heute offen imd rückhaltslos für die berechtigten Wünsche von Industrie und Gewerbe eintritt, wird der sicheren Überzeugung sein können, daß weiteste Kreise des Gewerbestandes bei den Wahlen ihm hierfür Dank wissen werden. Die Zeiten sind vorüber, wo nur mit einer gewissen Ängstlichkeit und Zaghaftigkeit industrielle Forderungen und Interessen vertreten wurden. Wenn auch nach der Richtung hin noch vieles, zu tun übrig bleibt, so zeigen doch gerade die letzten Verhandlungen des Reichstags erfreuliche Fortschritte nach der Richtung. einer Beeinflussung der Wirtschaftspolitik in industrie- und ge- werbefreundlichem Sinne, und zwar auch in der Rich- tung der Ziele des Hansabundes.
Der Gewerbestand hat vor allem darauf Gewicht gelegt, daß zunächst einnral formale Einrichtungen geschaffen wurden, um den Einfluß von Industrie, Handel und Gewerbe im Reichstag zu verstärken. Zu dieser Frage haben, entsprechend den Wünschen des Jndustrierates des Hansabundes, die Abgeordneten Spahn und Bassermann zugunsten der Durchführung des § 26 der Geschäftsordnung des Reichstags, d. h. der Einführung einer Kommission für Handel und Gewerbe, Stellung genommen. Auch darf man erwarten, daß sich die Reichsregierung immer mehr davon überzeugt, daß auch der Aus b a u des Wirtschaftlichen Ausschusses, die stärkere Heranziehung geeigneter Sachverständiger auch aus dem Handwerk und ein öfteres Einbcrufen des Ausschusses den praktischen Bedürfnissen entsprechen würde.
Die Abgeordneten Bartschat und Keinath haben sich für die umgehende Aufhebung des S ch e ck st e m p e I s, besonders im Interesse des M i t t e I st a n d e s, ausgesprochen und es wäre nur zu wünschen, datz —• zumal es sich nur um einen Finanzausfall von gegen 2 Millionen handelt — die Reichsregierung hierzu alsbald Stellung nimmt.
Die reichsgesetzliche Regelung des Submissions- Wesens, die den Wünschen weitester Kreise von Industrie, Handel und Handwerk, ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit, entspricht, hat ebenfalls in den Kreisen des Reichstags lebhaften Anklang gefunden.
Was die allgemeine W i r t s ch a f t s- und Handelspolitik angeht, so haben die Verhandlungen, besonders die amtlichen Darlegungen ergeben, daß der vom Bund der Landwirte immer noch propagierte lückenlose Zolltarif wohl kaum Aussicht auf Berücksichtigung hat. Die vom Bund der Landwirte geäußerten Zollwünsche, u. a. Kartoffeln, Obst, Gemüse, Heringe, Milch, Rahm usw. angehend, würden in der Hauptsache nicht mal den Produzenten erheblichen Nutzen bringen, aber den Konsum und vor allem weite Kreise des M r t t e I standes, des Handwerks, der Angestellten und Arbeiter schwer und von neuem treffen. Die Leitung des Hansabundes ist sich in allen ihren Teilen darüber einig, daß der lückenlose Zolltarif von dieser Seite rücksichtslose Bekämpfung finden würde.. Im Interesse des Gärtnereigewerbes und der Kleinbauern sollte man aber daran denken, wo es erforderlich ist, mit staatlichen Subventionen einzugreifen, wie dies auch seitens des Hansabundes in der Frage der Förderung der deutschen Seefischerei nüt Erfolg verlangt wurde.
Erfreulicherweise haben auch die Verhandlungen im Reichstag zu einer offenen Anerkennung der stets landwirtschafts freundlichen Haltung des Hansaüundes geführt, welche seitens der Agitatoren des Bundes der Landwirte naturgemäß in Zweifel gezogen wurde, und mit welcher gegen den Hansabund, besonders auf dem Lande, von dieser Seite gearbeitet worden ist. Die Erklärung des Vertreters des Deutschen Bauernbundes im Reichstag wird solchen Manövern ein für allemal erfolgreich entgegengehalten werden
können. Hansabund und Bauernbund werden auf wichtigen Wirtschaftsgebieten geschlossen Vorgehen können.
Es zeigt sich somit, daß die ruhige und stetige Organisations- und Aufklärungsarbeit, die der Hansabund anwendet, um die Gleichberechtig u n g von Industrie, Handel und Gewerbe zu erstreiten, immer mehr auf fruchtbaren Boden fällt. Noch vieles bleibt zu tun übrig; aber der Grundgedanke des Hansabundes, die Einigung aller Erwerbsstände auf der Basis der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und einer vorwärts gerichteten bürgerlichen Entwicklung, befindet sich siegreich auf dem Marsche.
Deutsches Reich.
* Die Momentaufnahmen von Donaneschingen. Die Pariser Zeitschrift „L'Jllustration" veröffentlichte kürzlich die Wiedergabe der Photographie, auf der eine Szene aus dem Schlußpark von Donaneschingen vom jüngsten Besuch des Kaisers dargestellt war. Das Bild zeigte eine Momentaufnahme, wie der Kaiser anscheinend ungnädig dem Reichskanzler und dem Statthalter Grafen v. Wedel den Rücken kehrt, um sie stehen zu lassen. An das Bild wurden natürlich allerlei Kommentare geknüpft. Auf Grund genauer Kenntnis des Sachverhalts schreibt dazu die „Chemnitzer Allgemeine Zeitung": „Das in der Pariser „L'Jllustration" veröffentlichte Bild ist allerdings echt, aber — unvollständig. Die photographisch wiedergegebene Unterredung bat bekanntlich im Park zu Donaneschingen stattgefunden, und zwar in zwei Gruppen, zwischen denen der Kaiser stand. In der einen befanden sich der Reichskanzler und Graf v. Wedel, in der anderen General v. Deimling mit dem Generaladjutanten des Kaisers Frhrn. v. Lhncker. Die ominöse Aufnahme geschah just in dem Augenblick, als der Kaiser sich einmal lm Gespräch von der ersten Gruppe ab- und der zweiten zuwandte. Diese zweite Gruppe kam aber infolge der ungünstigen Stellung des Photographen nicht mit auf die Platte. Der anwesende Münchener Photograph erkannte sofort, daß nun die Aufnahme zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte und schied das Bild aus eigener Entschließung von der Fertigstellung ans. Von einer Beschlagnahme des Bildes durch die Polizei — das Pariser Blatt hatte geschrieben, daß die Platte später von der Polizei beschlagnahmt worden sei —, ist also keine Rede gewesen. Die ausgeschiedene Platte wurde dem Münchener Photographen e n t w e n d e t und der Pariser Zeitschrift unentgeltlich und anonym übermittelt. Um deswillen dürsten die auf Veranlassung des Münchener Photographen angestellten Ermittelungen des Staatsanwalts, so sie von Erfolg begleitet sind, interessantes Material zutage fördern. Die Befürchtung, datz das unvollständige Bild Anlaß zu allerhand Kommentaren geben würde, hat sich nun glücklich erfüllt. Sie zu widerlegen ist nicht nötig, da dies durch den Verlauf der ganzen Angelegenheit — besonders so weit das Gerede den Kanzler betrifft —> hinreichend deutlich geschehen ist."
* Eine Düppel Gedächtnisfeier 1914. Zur Erinnerung an die ruhmreichen Kämpfe bei Düppel und den verwegenen Übergang nach Alfen, wo vor 50 Jahren Preußens reorganisierte Heere die Feuertaufe erhielten und den Grundstein legten zu des deutschen Kaiserreiches Macht und Herrlichkeit,
Der alte Frrh beim Berliner Karneval.
Aus dem Tagsbuch eines Hofmannes.
Von Dr. Friedrich Spree».
Heute ist der König von Potsdam herübergekommen, und oer Karneval beginnt. Es ist freilich ein seltsamer Abgesandter, den sich da der tolle Gott des Faschings ausgesucht. Sagt doch Seine Majestät stets, diese paar Berliner Wochen kämen ihm schlimmer an als der siebenjährige Krieg, und geht er schon ungern im Herbst aus dem geliebten Sanssouci, wenn's ihm dort ohne Ofen zu kalt wird, ins Stadtschloß nach Potsdam, so ist ihm das Hofhalten zur Karnevälszeit die schwerste seiner Regentenpflichten, die er wahrlich alle nicht leicht nimmt. Aber es gehört nun halt zur Beglückung seiner Völker, gehört zur Prosperität seiner Haupt- und Residenzstadt, daß der große König sich einmal im Jahre zur Schau stellt wie eine seltene Rarität. Wo blieben die Fremden, wäre er nicht da? Und dann gehört die Feier des Karnevals mit ihren Opern und Ballen. Aufzügen und Ridotti zur unerläßlichen Hofsitte, wie der selige Rohr ja schon in seiner
..Zeremonialwissenschaft" ausgeführt.
Bitterböse sah er aus und richtete die großen Feueraugen starr vor sich hin, Wie er so um Mittag hereingeritten kam, staubbedeckt, im schäbigen blauen Rock, vorn mit einer enormen. Quantität spanischen Tabaks garniert, die vergilbten Wasserstiefel hoch hinaufgezogen. Ich hätte ihm in dem Augenblick nicht in die Quere kommen wollen, und die wenigen Herren seines Gefolges jchienen auch so zu denken, denn sie hielten sich hmter ihm in einiger Entfernung. Das Volk aber, das doch so mancherlei an ihm zu tadeln hat, wenn er fern ist, das kehrt sich nicht an schlechte Laune und grimme klugen und jubelt ihm zu. Alle, alle grüßen ihn, und so muß
er mit dom Hut in der Hand bis vors Schloß reiten. Ein Leben ist in den Straßen, ein Gedränge und eine Freude! Wahrlich, der Karneval fängt an, wenn der alte Fritz einreitet! ...
Nun haben wir ihn wieder für die ganze Zeit zum letzten Mal zu Pferde gesehen. Er, der Soldat, der sich sonst auf dem Gaul festbinden läßt, wenn er krank ist, fühlt sich jetzt als Prunkstück und zeigt sich nicht anders als in königlichem Pomp und Aufzug. So ist er gleich heut abend zur Prinzessin Amalie zum Souper gefahren; so werden wir ihn jetzt zwei-, dreimal wöchentlich sehen, wenn er sich in die Oper begibt, zu einem seltenen Besuch oder wohl auch auf die Redoute. Voran gehen acht königliche Läufer mit Stäben, Fcdermützen und Schürzen in zwei Reihen; aber sie sind nur noch „Läufer" dem Namen nach, denn den Posten haben alte Kriegsinvaliden, die das ganze ,^a>hr über ruhen und jetzt nur sehr langsam vorwärts kommen. Deshalb muß auch die unförmige Staatskarosse, einst cme Glanzleistung des Wagenbaus, heut ein alter Kasten, ein recht behutsames Tempo ein- schlagen. So wackelt daS achtspannige Gefährt mit seinen acht Fenstern rund herum einher, die Pferde mit den alt» Modischen Geschirren und Fedevbüschen auf den Köpfen, Kutscher und Vorreiter in der blauen Livree mit den roten Aufschlägen. In den vier Nebenritten der Kutsche stehen vier Pagen, rot mit Gold, in seidenen Strümpfen und Federhüten, und ganz hinten unter dem Bedientensitz hg^t no<h ein Stallknecht. Bei der Prinzessin ist eine ganz kleine Gesellschaft, und da fühlt sich der König am wohlsten. Er bleibt drei Stunden an der Tafel und bezaubert alle durch die Magie seiner Unterhaltung; er spricht vom neuesten Damenputz und von den. diesjährigen Festlichkeiten, als hätte er nichts anderes im Kopfe; et neckt Fr!, von Knesebeck mit ihrer neuesten Amour und zieht den alten Pöllnitz wegen seines ReligionSwechsels auf; all das Prickelnde, das er da in buntem Wechsel hinwirft, kommt in einem überaus sanften Tonfall der Stimme aus seinem Munde und ist ebenso wie seine
Bewegungen von unbeschreiblicher Anmut. Wer ahnte in diesem galanten Causeur den zürnenden donnernden Jupiter; aber ach! wir sollen auch den bald zu spüren bekommen!
Es ist das erste große Prinzen- und Prinzeffinnendiner. Alle sind in zwei langen Reihen aufgestellt und müssen warten. Sobald serviert ist, öffnen sich die Flügeltüren und der König erscheint im Saal. „Treten Sie näher, meine Herrschaften", sagt er, und nun defiliert alles in militärischer Ordnung an ihm vorbei. Als letzter schließt er sich dem Zuge an und gibt das Zeichen zum Setzen. Die Stimmung ist sehr gedruckft denn man hat cs bald heraus, daß er schlechter aus alle Welt, und jeder hat Angst, daß er bald an die Reihe kommt. Der alte Graf Podewils er- regt fernen Zorn, und er sagt ihm u. a., er habe nie begreifen können, wie^ der verstorbene Grumbkow, der doch ein kluger Mann gewesen sei, seine Töchter an Dummköpfe habe vcr- heiraten können, und dabei war Podewils' erste Frau eine Grumbkow' Dann fällt sein Blick auf das Hoffräulein von Brand, das sich an die evste Tafel gesetzt hat, und er weist sie von diesem Platze fort. Er zankt mit den Prinzen und schimpft auf die Hofdamen, wie wenn et auf dem Exerzierplatz Ware. Alles atmet erleichtert auf, als das Mahl z» Ende >lt, und man macht sich schleunigst aus dem Staube, wobei sifan sogar die strenge Ordnung der Rangverhältnisse vergißt. Es ist, als hätte die Erde gebebt und jeder wäre nur auf seine Rettung bedacht ...
Die prinzlichen Herrschaften entschädigen sich aber für wiche Katastrophen mit heiteren Festlichkeiten. Berm Prinzen Heinrich finden große Maskeraden statt und beim Prinzen Ferdinand hübsche Theateraufführungem Bald verkleiden wir uns alle als Affen, denen der Mensch ja in seiner Nachahmungssucht wirklich ähnlich ist, oder als Bären, wobei einer den Führer macht; dann wieder gibt es ein Fest von über 1400 Masken, bei dem der ganze Adel und die Bürgerschaft anwesend sind. Alles verläuft in bester Ordnung; am Ende der. Galerie und des Saales stehen mehrere Büfett»
