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Sette a, M-rgen-Ausgatze, I. Blatt. Wks<jm-ö«er TagVIatt« Dienstag, 1«. Februar 1814. Nr. «V.

und wünschte der Tagung guten Erfolg. Ökonomierat Ott erstattete den Kassenbericht. Dem Kassierer wird die erbetene Entlastung erteilt. Der Voranschlag sieht für das kommende Jahr 1230,50 M. in Einnahmen und Aus­gaben vor. 200 M. sollen für Vorträge im Bereinsgebiet ver­wandt werden. Der Voranschlag wurde gutgeheißen. Des­gleichen wurde einem Antrag zugestimmt, die Mitglieder­beiträge für dieses Jahr von 50 auf 75 Pf. pro Jahr zu er­höhen. Von einer Berichterstattung über, den Deutschen Wein­bauverband wurde Abstand genommen. Gutsverwalter Fischler (Hochheim) referierte über „Die Schädlingsbe­kämpfung unter besonderer Berücksichtigung der Hochheimer Erfahrung des Jahres 1913". Nach ihm sind Heu- und Sauerwurm sowie die Reblaus, die größten Feinde des Weinbaus, noch lange nicht genug bekämpft worden. Bon den angewandten Mitteln seien das Abfangen der Motten mit Klebefächern, das Aufstellen von Fanggefäßen und das Aus­lesen der sauerfaulen Beeren zu kostspielig und zeitraubend. Bon den chemischen Mitteln verdiene das Nikotin unbedingt den Vorzug. Seit dem Jahre 1910 habe er (der Referent) all­jährlich Versuche mit Nikotin gemacht und festgestellt, daß der oft gemachte Einwand, das Nikotin teile sich dem Wein mit,, hinfällig sei. Auch Qualität und Quantität würden durchs dieses Verfahren erheblich verbessert. Im nächsten Jahre spritze er sämtliche Weinberge mit Nikotin. Zur Bekämpfung des Heuwurms empfehle er eine Lösung von Nikotin, Schmier­seife und Schwefelkohlenstoff, für den Sauerwurm dagegen müsse der Lösung anstatt des Schwefelkohlenstoffs Kupferkalk­brühe zugesetzt werden. Der Referent fand mit seinen Mitteln ziemlich lebhaften Widerspruch. Weinbaulehrer Schilling (Geisenheim) will an den bewährten alten Mitteln sesthalten, ist auf jeden Fall aber gegen das Nikotin. Ein Züricher Weininteressent erklärte als das einzig sicher wirkende Mittel eine Üprozentige Lösung Golazin. Professor Lü stirer (Geisenheim) wies darauf hin, daß ein Teil der letzten Mißernten auf das Konto der Stielfäule zu setzen sei. Dringende Vorsicht empfiehlt er bei Anwendung von Nikotin- und Seifenlösungen, weil diese Mittel, zur unrichtigen Zeit angewandt, sehr wohl den Geschmack des Weins beeinträchti­gen könnten.

KsffKiMche Nachrichten.

ch. Brombach (Taunus), 8. Febr. Ein schwerer Un­glücksfall ereignete sich bei Rod am Berg während des Setzens der Masten für die elektrische Leitung. Beim Spren­gen eines Lochs, und zwar mit Dynamitpatronen, waren die Gebrüder Nickel von hier tätig. Als die Explosion erfolgte, sprang Karl Nickel in das Loch, in der Meinung, beide Schüsse seien zu gleicher Zeit losgegangen. In demselben Moment explodierte der zweite Schutz und schleuderte Nickel aus der Grube. Der bedenklich Verletzte wurde sofort nach Homburg in das Krankenhaus gebracht. Der Bruder wurde leicht im Gesicht verletzt.

Rhs der Umsetzung.

Ein Gnadengesuch des Giftmörders Hopf.

hd. Frankfurt a. M., 9. Febr. Der zum Tod verurteilte Giftmörder Hopf hat ein Gnadengesuch eingereicht, in welchem er in erster Linie um Wiederaufnahme des Verfah­rens bittet. Hopf hat bekanntlich behauptet, daß er zur Zeit des Todes seiner ersten Frau noch keine Bazillen besessen habe.

«-

w. Hohenheim, 9. Febr. Die Erdbebenwarte Hohenheim berzeichnete heute nacht einen leichten Erdstoß, dessen Herd auch wieder auf der Schwäbischen Alb liegt. Die Aufzeich­nungen begannen 10 Uhr 60 Min. 4 Sek. und dauerten sieben Sekunden. Der Erdstoß wurde in Ebingen deutlich wahr­genommen.

ht. Wetzlar, 6. Febr. Dem „Lotte zimmer" in Goethes einstigem Wohnhaus, dem heutigen „Deutschen Haus", wurden ans dem Besitz der Familie Buff ein kostbares Kafffeeservice. ein Stammbuch mit Eintragungen von Lottes Brüdern und Verwandten und eine vorzügliche Origi­nal-Silhouette Lottes zur Verfügung gestellt.

Gerichtsmal.

— Eine ganze Familie zum Tod verurteilt. Madrid, 9. Febr. Das Schwurgericht von Pontevedra verurteilte vor­gestern nach längerer Verhandlung eine ganze Familie, Mutter und zwei Söhne, zum Tod. Die Frau hatte mit Unterstützung ihrer Söhne ihren Gatten im Schlaf ermordet; das Gericht kam zu der Erkenntnis, daß alle drei Personen sich des Mords schuldig gemacht haben und erkannte demge­mäß auf Todesstrafe.

Snoti Mmtz Spiel.

sr. Die Europameisterschaft im Eisschnelläufen. Am Sonntag nahm auf dem Halensee bei Berlin das zweitägige Schnellaufmeeting des Berliner Eislaufvereins von 1886 seinen Anfang, dem von der Internationalen Eislaufver­einigung der Austrag der Europameisterschaften im Eisschnell­läufen übertragen worden war. ES war beabsichtigt, am Sonntag die 600- und 5000-Meterstrecke und am Tage darauf die 1600- und 10 000-Meterstrecke zur Entscheidung zu bringen, aber die ungünstigen Eisaussichten veranlatzten die Vereins­leitung, auch noch die 1500-Meterstrecke am ersten Tag aus- laufen zu lassen. In den Meisterschaftsstrecken beherrschte der Weltrekordläufer Mathisen (Chriftiania) überlegen die Situation, da er in sämtlichen drei Strecken siegreich blieb. Der Russe Jppolitow (Moskau), der die Meisterschaft im Vor­jahr in Chriftiania knapp gegen Mathisen gewonnen hatte, vermochte über 600 und 1600 Meter nur den dritten Platz hinter Frang (Chriftiania) zu erringen, während er im 6000- Meterlans an zweiter Stelle endete. Die Meisterschaft ist Mathisen nickst mehr z» nehmen, da er von den vier Distanzen schon drei gewonnen hat.

sr- Ein neuer Skisprung-Rekord wurde bei den nationalen Sprnngkonkurrcnzen bei Chriftiania aufgestellt. Die beiden Norweger Henri kson und Fridolf Aas erzielten beide ge­standene Sprünge von 48,5 Meter. Henrikson brachte es bei einem weiteren Versuch auf 82 Meter, fiel jedoch dabei.

sr. Die Europa-Meisterschaft für Herren im Kunstlaufen auf dem Eise brachte der Wiener Eislaufverein am Sonntag unter fast nur österreichischer Beteiligung zum Austrag. Der einzige Ausländer, der norwegische Meister für 1913/14, Krogh (Chrrstiania), hatte erst im letzten Moment seine Mel­dung abgegeben. Wie zu erwarten war, siegte der Weltmeister Kachler (Cottage-Eislaufverein-Wren) vor dem Norweger. Böckl (Klagenfurth) belegte den dritten und P. Oppacher (Wien) den vierten Platz.

vermischtes.

Der größte Tunnel der Welt. Aus New Jork wird berichtet: Die praktische Vollendung eines gewaltigen Werkes moderner Jngenieurkunst wurde in New Nork inoffiziell und >n der Stille gefeiert: 120 Meter unter dem Straßenboden der ameritanischen Metropole brachte man über 5 Zentner Dynamit zur Explosion und vereinigte damit die beiden Lektionen des größten, heute bestehenden Tunnels der Welt. Es handelt sich dabei um die unterirdische Leitung der neuen Wasserversorgung New Jorks, um den Schlußstein des großen Catskill-Aquaduktes, der von dem mächtigen Wasserreservoir von Ashokan über eine Entfernung von 90 englischen Meilen der Ltadt New Jork künftig Tag um -rag 500 Millionen Gallonen Wasser liefern kann. Das ge­waltige Werk, an dem seit 7 Jahren ein Arbeiterheer von über 25 000 Köpfen tätig ist, wird bei seiner Vollendung einen Kostenaufwand von über 800 Millionen Mark erfordert haben. Sieben Dörfer, in denen 3000 Menschen lebten, mußten im Verlaufe der Arbeiten vom Erdboden verschwinden, 2800 Gräber mußte man aushauen, um dem Riesentunnel seinen Weg zu bahnen. In technischen Fachkreisen betrachtet man diesen Waffertunnel als eine gewaltigere Leistung der Jngenieurkunst als selbst den Panamakanal.

Der findige Rekrut. Unser Regimentskommandeur sieht — wie uns aus Bayern geschrieben wird •—sehr darauf, daß die Mannschaften aus sich Herausgehen und namentlich im Verkehr mit Vorgesetzten unbefangen und frisch reden. Bei der Besichtigung der Rekruten überzeugt sich der gestrenge Herr persönlich, wie dieser seiner Willensmeinnng bei der Ausbildung der Mannschaft Rechnung getragen worden ist; an zahlreiche runge Krieger stellt er kurze Fragen über ihre persönlichen Verhältnisse, über dienstliche Angelegenheiten, vaterländische und Regiments-Geschichte. Dabei erwischt er denn auch, wie cs bei solchen Gelegenheiten immer gehr, nicht eben gerade einen der Schlauesten der Batterie, einen braven, biederen Gebirgler, dem aber die Zwiesprache mit einem so hohen Vorgesetzten ersichtlich wenig genehm ist. Nachdem mehrfaches ruhiges' Befragen wirkungslos abge- vrallt ist, ergeht die Aufforderung, selbst in 'militärischer Deutlichkeit irgend etwas zu sagen. Da endlich öffnet sich das Gehege der Zähne des Wackeren und langsam, aber laut und deutlich erschallt es: „Ich bitte den Herrn Oberst ge- horsamst abtreten zu dürfen/ M. p.

neues aus aller wett.

Bruch der Moskauer Wasserleitung. Petersburg 8. Febr. In Moskau brach die Wasserleitung an zwei Stellem 160 000 Hektoliter überschwemmten die anliegenden Straßen. Ein zweistöckiges Haus stürzte ein. Die Stadt war gestern ohne Wasser.

Die 497 auf einer Eisscholle abgetriebenen Fischer ge­rettet. Helsingfors, 9. Febr. Der Eisbrecher „Tarno" ist bei der Insel Seskar eingetroffen undhat 497 Fischer mit ihren Pferden und Geräten ausgenommen, die auf einer Eis­scholle dorthin getrieben worden waren.

Auflösung der „höchsten" Schule Preußens. Schmiede­berg, 8. Febr. Me Schule der Kolonie Forstlangwaffer <rm Schirnedeberger Kamm im Riesengebirge — 936 Meter über dem Meere —, die <rls die bschstselegene Schule Preußens gilt, wird wegen der sehr geringen Ktnderzahl. die zu unterrichten ist. vom 1. Avril ab außer Betrieb gesetzt werden. Es besuchen zurzeit nur noch insgesamt vier Kinder diese Schule, und im Amt«. wo wegen der Schneeverhältnisse die Verkehrswege äußerst schwierig sind, findet oft dort oben überhaupt kein Unterricht statt.

Bom Berliner Eissport. Berlin. 9. Febr. Bei Hellem Sonnenschein, in dem sogar schon die Mücken herumschwirrten, zogen gestern unzählige Schulkinder dar Weltstadt nach den Gruiicwaldseen, dem Wann- und dem Müggelsee, Nieist mit

ans der Eisfläche nieder. Unter dem Beifall der zahlreichen Zuschauer rüstete er sich nach einer halben Stunde zur Abfahrt. — Auf dem Wannsee forderte der Eissport ein Todes­opfer. Ein etwa Mjähriges Mädchen wagte sich in Be­gleitung eines aleichalterigen jungen Mannes hinter die poli­zeiliche Absperrung. Plötzlich gab die Eisdecke nach und die beiden brachen ein. Auf ihre Hilferufe eilten Passanten herbei. Während es, ihnen gelang, den jungen Mann an die Ober­fläche zu bringen, und ins Bewußtsein zurückriefen, versank das Mädchen in der Flut und ertrank.

Ein Fabrikbrand. Rheingönheim b. Ludwigshafen, 9. Febr. Heute vormittag gegen 11 Uhr brach in der hiesigen Bichivollfabrit von Eduard Woellner ein Großfeuer aus das noch fortdauert.

Revolte an Bord eines türkischen Dampfers. Paris. 8 Febr. Aus Cherbourg wird gemeldet: Der türkische Trans- vortdamvfer „Way". der erst vor einiger Zeit in England ge­baut worden ist. hat gestern den hiesigen Hafen auf dem Wege nach Ksnstaiitrnopsl anlarrfen müssen, da an Bord eine Meuterei ausgebrochen war. Unter der Zy Mann starken, aus Deutschen. Engländern, Franzosen und Tückken bestehen­den Besatzung befand sich auch ein Araber namens Ibrahim Beryk. der von der übrigen Mannschaft oft bei der Verrichtung fernes Gebets bespöttelt wurde. Es kam schließlich zwischen rhm und einem Deutschen immens Hopmann zu einem Hand­gemenge das zu einer allgemeinen Revolte führte, bei der Re- volberschüsse gewechselt wurden. Der Kapitän war machtlos und sah sich schließlich gezwungen, Cherbourg anzulaufen um me Hilfe der verschiedenen Konsulat« m Anspruch zu nehmen. Beryk Hopmann und ein Matrose namens Hausest wurden an Land gebracht und verhaftet. ^

Wie der Mikado verehrt wird. ^Tokio. 5 F-br

^>lTt.Dcrn<nrsrn7ueys von o-re Bevölkerung

der Insel in wilder Panik auf die im Hafen liegenden Schiffe Nur der Schulmeister eines kleinen Ortes weigerte sich. di Hilfe der Matrosen in Anspruch zu nehmen und war nicht m Mvegen. sein Zimmer m verlassen.. Dort hing ein Bild hei Mikado. als dessen Beschützer er zuruckblerben wollte. Erst ali ernrge Matrosen mit aller Vorsicht das. Bildnis des Kaiser! berabnahmen und durch den Aschenregen in Sicherheit brachten verAeß.guch der Schulmeister das Schnlzrminer, um sich ai Bord emes Schiffes zu begeben.

Eme rabiate Schauspielerin. New .York, 8. Febr. Di fortwährenden Streitigkeiten der englischen. Schauspielerin Mii Mary Llovd mit der amerikanischen. Negierung haben einer tragikomischen Zwischenfall gezeitigt, rn dessen Mittelpunkt de ehemalige Bürgermeister von Bancouver wtzige Chefredakteu der „Bancouver World". Louis Taylor steht Dieser batte ii ernem Artikel der „Bancouver World ine Ansichten der ameri klinischen Regierung gegenüber Mß. Marv Lloyd verteidigt wodurch sich Schauspielerin beleidigt suhlte. Sie begai sich in das Redaktionszimmer Louis DElvrs und forderte ihr zur Zurücknahme des Artikels auf Als. dieser sich jedoö wewene. z»g bie erregte Schauspielerin eine verborgen Hundepeitsche und versetzte, ehe sie daran gehinder werden konnte, dem überraschten Chefredakteur mehrere Hieb'

über das Gesicht. -

Sturme auf dem Atlantischen Ozean. New York g. Febr. Nach Berichten dreier im mengen .Hasen eingie kamen«! Dampfer, nämlich der ..„Kaiserin Augusts", bei „Megantw' und der ..Provence", wütete rn den lebten Tag« auf dem Atlantischen Ozean ein furchtbarer Sturm. Alle dre Schiffe haben schwere Havarien erlitten. Der „Megantio' verlor außerdem sämtliche Rettungsboote.

Die Facht B-inderbilts verloren. New D 0 r k. g. Febr Wie aus Panama gemeldet wird, sind alle Versuche, die ge scheiterte Jacht des Millionärs Banderbilt wieder flott zi macken, erfolgilos gewesen. Man macht mir noch den Versuch die wertvoll« Einrichtung der Jacht, die mehrere Millionen M tostet, durch Leichter zu bergen.

j Deutscher Reichstag«

Statistik und Krankenpflege.

s - Berlin, 9. Febr. (Eig. Drahtbericht) Im Reichstag mußte heute die Abstimmung über die Kali an träge wiederum zurückgestellt werden, da das Haus wiederum fast völlig leer war. Bei dem Statistischen Amt, mit dem die Beratung des Etats des Ministeriums des Innern fortgesetzt wurde, konnte man alles Mögliche über „Das Mädchen für alles", wie man die Statistik nicht ganz mit Unrecht genannt hat, hören. Ein Redner verlangte eine Verbesserung der Schulstatistik, ein anderer sozialdemokratischer Redner die seit Jahren in Aussicht gestellte Statistik über land­wirtschaftliche Kinderarbeit, wieder ein anderer eine Handels-, Industrie- und Gewerbestatistik und eine Streikstatistik. Staatssekretär Dr. Delbrück gab in drei Reden die Erfüllung aller Wünsche zu.

Beim Reichsgesundheitsamt forderte Herr Antrick, der sogar bei dieser Gelegenheit das Kunst­stück fertig brachte, eine seiner D a u e r r e d e n zu hal­ten, für das Krankenpflegepersonal bessere Vorbildung und leichtere Prüfung, geringere Arbeitszeit und unbe­schränktes Koalitionsrecht. Auf die sozialdemokratischen Klagen antwortete fast ebenso lange und ausführlich der Nachfolger des Freiherrn v. Hertling im Reichstag, der Zentrumsabgeordnete Dr. Gerlach, der viele Jahre lang Direktor der Provinzialirrenanstalt für Westfalen war. Er hatte wenigstens einen aufmerksamen Zuhörer: den Staatssekretär! Herr Delbrück ant­wortete denn auch beiden Rednern. In Anbetracht der schwierigen und unklaren Verhältnisse hält er ein ge- setzliches Eingreifen nicht für möglich.

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Sitzungsbericht.

Eigener Drabtbericht des „Wiesbadener TagblattS'.

Berlin, 9. Februar

Am Bundesratstisch Staatssekretär Dr. Delbrück.

Präsident Do-- Kaempf eröffnet die Sitzung um 2.15 Uhr.

Ein Antrag aus Durchführung des Privat klage­verfahre ns gegen den Abg. Behrens (Wirtsch. Vgg.) wird abgelehnt.

Sodann wird die zweite Lesung zum

Etat des Innern

fortgesetzt. (15. Tag.)

Die Abstimmung über die Resolution, betr. den Absatz von Kalisalzen, wird auf morgen vertagt.

Die heutige Debatte beginnt mit dem Kapitel „Statistisches Amt».

Abg. Dir. Sivkovich (Fortschr. Bpt.): Die Statistik über die Entwickelung des Bolksschulwesens ist erfreulicher Weise auch auf die Mittelschulen und auf die höheren Schulen ausgedehnt worden. Trotzdem sind noch mancherlei Verbesse­rungen dieser Statistik zn wünschen. Eine eigentliche päda­gogische Statistik fehlt vollständig. Auch müßten die Fort, bildungsschulen in. die Statistik etnbezogen werden.

Abg. Rühle (Soz.): Die Erhebungen über den Umfang, , die Art und Entlohnung der Kinderarbeit sind, trotz­dem seit 10 Jahren die Bekanntgabe der Verhältnisse in der Beschäftigung von Kindern, namentlich in der Landwirtschaft, gefordert wird, immer noch nicht veröffentlicht worden. Allein in Bayern waren 1904 über 100 000 Kinder in der Landwirt­schaft beschäftigt. Daraus kann man entnehmen, daß es in Deutschland allein über zwei Millionen fremder ausgebeu- teier Kinder gibt.

Die Kinder werden ihren Eltern entfremdet, auch sind die körperlichen und sittlichen Gefahren bei dieser Arbeit sehr groß.

Die Dauer der Arbeitszeit ist vielfach unmenschlich, nicht ein­mal an den Sonntagen haben die Kinder Rrche. Die Brot­herren sind nur verpflichtet — wenigstens in Preußen — si« alle 14 Tage zum Gottesdienst zu schicken. Die Ausnützung der Kinder ist gewissermaßen mit Willen der Regie-ung eine gewissenlose. (Präsident Da-, Kaempf: Sie dürfen der Re­

gierung, wenn auch nur indirekt, nicht Gewissenlosigkeit vor­werfen.) Hier stehen große sittliche Gefahren auf dem Spiele. Der Schulunterricht auf dem Lande ist häufig nur dem Namen nach ein Unterricht. (Präsident Dr. Kaempf: Herr

Abgeordneter, ich mutz Sie bitten, Ihre Rede nicht zu ver­lesen. Sehr richtig! bei der Mehrheit.) Die Kindersklaverei mutz beseitigt werden. (Präsident Dir'. Kaempf bittet den Redner, sich zu mäßigen.) Das war nur der Vordersatz. Wenn der Präsident noch einen Augenblick gewartet hätte . . . (Präsident Dr. Kaempf: Ich verbitte mir jode Kritik und

bitte Sie, sich meinen Anordnungen zu fügen. Lebhaftes Bravo! bei der Mehrheit.) Wir fordern eine grundsätzlich« Änderung dieser Verhältnisse.

Staatsminister Dr. Delbrück: Der Vorredner hat schwere Vorwürfe gegen die verbündeten Regierungen erhoben. Daß derartige statistische Erhebungen nötig sind, haben die Ver­bündeten Regierungen anerkannt und das geht auch daraus hervor, daß sie die Statistik angeordnet haben.

Im Jahre 1913 ist im Reichstag mitgeteilt worden, daß daS Material noch nicht von allen Bundesstaaten einge- gangen sei.

Jetzt fehlen noch zwei Bundesstaaten. Diese haben die Er­hebungen nach anderen Gesichtspunkten gemacht und setzt um die Entsendung eines Referenten aus dem Statistischen Amt ersucht, damit eine Vereinheitlichung der Statistik möglich sei- Diesem Ersuchen ist stattgegeben worden. Ich Hoffe, alsbald das gesamte Material mrtteilen zu können. Daran haben wir .ein um so lebhafteres Interesse, als wir damit den ungeMyeren Übertreibungen entgegentreten können, die wir regK-mäßig hier zu hören bekommen. Was an mir liegt, wird geschehen. (Bravo bei der Mehrheit. Zu­ruf bei den Sozialdemokraten: Also nach 10 Jahren.)

Abg. Dr- Pieper (Ztr.): Wir wünschen, daß. wie wir be­reits in der Kommission angeregt haben, auch I n d u st r i e, Handel und Gewerbe in die Statistik einbezogen wer­den, um uns daraus ein klares Bild machen zu^ können. Auf Ziffern allein kommt es nicht an, denn es müssen auch die Gutachten berücksichtigt werden. Ferner muß hie gesamte Arbeiterstatistik mehr ausgebaut werden. Wir begrüßen die Denkschrift über die Produktionserhebungen und wünschen, daß diese Erhebungen auch in Zukunft weiter geführt werden.

Präsident Dr. Kaempf ruft den Abg. Rühle (Soz.) nachträglich zur Ordnung, weil er der Regierung direkt den Vorwurf der Gewissenlosigkeit gemacht habe.