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Tagblatt-HanS" Nr. 6850-53.

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Vienstag, 10. §edruav 1914.

Morgen - Kusgabe.

Nr. 67. * 62. Jahrgang.

Ein bt'rllstanö in der Sozial­politik?

Bei der^Generaldebatte zum Reichsamt des Innern yat der Staatssekretär Delbrück die Losung ausge- 6eben, die nun auch durch die Spezialdebatte durch- Ulngts Gewehr in Ruh! Das Reich hat sein sozial­politisches Geschütz sehr reichlich geladen. Vorläufig vertragt es keine neuen Geschosse mehr. Sonst wird es überhitzt. Im Reichstag war indes die Auffassung dar­über ,ehr geteilt. Und das mit Recht.

Allerdings an Versicherungsgesetzen haben wir vor- ausig genug. Die Reichsversicherungsordnung und die Ängesrelltenversicherung müssen sich erst einleben. Sie müssen erst ein paar Jahre taug sich setzen imd verdaut ^eroen, so daß der Volkskörper damit wie mit etwas selbstverständlichem rechnet. Der Abgeordnete Gothein yatte ganz recht, wenn er sagte, auch eine Riesenschlange gönnt sich erne Zeitlang Ruhe, wenn sie einen großen Happen verschlungen hat.

F U S ^ daß der Staat noch andere

große Aufgaben zu erledigen hat als nur sozialpolitische

lnh^; Xe s ? tm V C - , E ! C tür den selbständigen

l Mittelstand, oeii kansmännkschen wie den aewerblicklen rst nicht mmder wichtig Herr Delbrück hat dieser Sorge mrt Recht erne lange Rede gewidmet Man kann sogar sagen, es war schade, daß er kein größeres Programm ausgebaut hat. Denn an der Erbaltuua und Pflege des Mittelstandes, dem wir alle den gol- denen BoLm soweit irgend möglich, bewahren oder wkeder verschaffen wollen, haben wir das größte Jnter- Der -Staatssekretär hat die Handwerker im weserstlrcheu auf bte Selbsthilfe verwiesen. Er hat N".<r"lmngen gesagt,, sie möchten von sich aus feste Preise ernsuhren sur rhre Waren, wie das im Mittel­alter gewesen rst.

Damals allerdings mit Zwangsrecht. Heute sollen die Handwerker nur aus Gemeinschaftsgefühl daran iesthalten. Denn ein Staatszwang hat seine Schatten­seiten und hemmt unter Umständen den Fortschritt. Wenn z. B. jemand durch neue Erfindungen und ver­besserte Technik die Herstellung verbilligt, so sind die alten Preise nur ein Hemmnis.

Herr Delbrück hat diese festen Preise namentlich für Verdingungen und Ausschreibungen emp­fohlen. Denn hier wird heute bekanntlich noch sehr stark gesündigt. Man liest da fortwährend von kaum glaublichen Preisunterschieden. Die Einrichtung von Verdingungsämtern im Anschluß an die Handwerks­kammern, an die der Staatssekretär dachte, könnten in dieser Beziehung sicher sehr gut wirken.

Als Ziel stellte der Vertreter des Reichsamts den Handwerkern die Lieferung von Qualitätsarbeit vor Augen. Ein hohes Ziel, des Schweißes der Edlen wert! Damit werden die Handwerker hauptsächlich auf das Kunsthandwerk verwiesen. Freilich können sicher nicht alle Handwerker an diesem Wettbewerb sich be- teiligen. Auch zum Kunstgewerbe gehört Kapital, und das Großkapital stößt auch hier die Kleinen leicht bei­seite^ Immerhin kann das Handwerk überall durch Originalität und Spezialisierung sich hervortun. Und es ist Aufgabe des Reichs, das Handwerk hier leistungs­fähig zu machen. In Österreich geschieht in dieser Be­ziehung sicher viel mehr als bei uns.

Doch neben der besonderen Sorge für den Mittel­stand darf auch die, allgemeine Sozialpolitik nicht still stehen. Unter Sozialpolitik ist ja auch nicht nur die Sorge für den Arbeiter zu verstehen. "Das wäre zu eng gefaßt. Wir denken da vielmehr an die Beseiti­gung ganz allgemeiner sozialer Nöte und Schäden.

Die Wohnungsfrage ist zwar jetzt von Preu­ßen in Angriff genommen. Das Reich muß also auch hier erst mal warten und sehen, wie der Hase im preußi- scheu Landtag laufen wird. Aber da ist z. B. der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit. Wir haben wahr­haftig alle Ursache, die Kinder, die geboren werden, uns auch zu erhalten. Denn die Verlangsamung der Bevölkerungsvermehrung ist jetzt fast unsere größte Sorge geworden. Wir leben im Jahrhundert des Kin­des, und das Kind wird immer mehr in den Mittel­punkt der Fürsorge treten müssen.

Aber zum Säuglingsschuh gehört der Mutter­schutz. Unsere fleißigen Mütter, die mehr Kinder zur Welt gebracht haben als die jenseits des Wasgaus, haben einen noch wichtigeren Sieg erfochten als 1870. Sie haben uns eine den Franzosen weit überlegene Zahl gebracht. Aber jetzt, wo sie ausdauernd erlahmen und den matten Franzosen nacheifern, müssen wir wenigstens ihre Nöte erleichtern.

Wir brauchen ferner eine Erweiterung des K o a- l i t i o n s r e ch t e s der gewerblichen Arbeiter. Pro­fessor Brentano hat einmal gesagt: Die Arbeiter haben

t iar bei uns das Koalitionsrecht, aber wenn sie davon ebrauch machen wollen, werden sie bestraft. Und die Strafen sind da außerordentlich schwer. Der Ausdruck Streikbrecher hat schon mehrere Wochen Gefängnis ge­kostet.

Vor allem fehlt es noch völlig an einem Koalitions­recht der Landarbeiter, das bereits fast alle Län­der besitzen. Die konservative Herrschaft dürste zwar zusammenbrechen, wenn der Ruf der Freiheit in die ostelbischen Katen dringt. Aber wenn schon, der Staat geht darüber nicht kaput. Eine moderne Gesinde­

ordnung haben wir auch noch nicht. Wie verlautet, wollen die Freisinnigen demnächst den Entwurf einer solchen einbringen.

So gibt es auch jetzt noch sozialpolitische Aufgaben in Hülle und Fülle. Man braucht nur zuzugreifen. Wir könnten denen, die es wissen wollen, noch manche andere dunkle Stelle zeigen, wo soziales Licht verbrei­tet werden muß. . Jedenfalls, das ist zweifellos, von einem Zuviel an Sozialpolitik kann bei uns noch lange nicht die Rede sein.

Neue Verwicklungen am Balkan?

Von unserem Wiener Korrespondenten.

KW. Wien, 8. Februar.

Es gärt wieder am Balkan, und am Wiener Ballplatz dämmert langsam die Erkenntnis, daß der große Sieg, der in der Sprengung des Balkanbundes bestanden haben soll, in Wirklichkeit von sehr problematischem Werte ist. Die durch den Balkankrieg entstandenen Veränderungen am Balkan sind keine endgültigen, der Balkan ist derselbe Gärungs­herd geblieben, der er unter dem morschen Zepter der Türkei gewesen ist. In der Türkei ist mit Enver-Pascha die energischere Richtung ans Ruder gekommen, und es besteht kein Zweifel, daß sie sich in der Jnselfrage dem griechischen Diktat nicht ohne Widerstand fügen wird. Die Rücken­deckung der Türkei gegen Griechenland soll Bulgarien liefern, und trotz aller bulgarischen Dementis weiß man in Wien, daß zwischen der Türkei und Bulgarien gewisse gegen Griechenland gerichtete Abmachungen bestehen, bezüglich welcher es schließlich gleichgültig sein mag, ob sie schon die Form eines festen Vertrages angenommen haben oder nicht. Nach einer in Wien stark verbreiteten Version wären diese Abmachungen sogar nicht ganz ohne Zutun der maßgebenden Faktoren am Ballplatz zustande gekommen, was natürlich von letzterer Stelle aus energisch geleugnet wird. Ein griechisch- rumänisches und ein griechisch-serbisches Bündnis find in Sicht unter der Flagge der Aufrechterhaltung des Status quo. Da­bei trifft aber Serbien ganz offensichtlich Kriegsvor­bereitungen, indem es sämtliche erst vor kurzem be­urlaubte Reservisten und Ersatzreservisten einberufen hat, Massenaktivierungen von Reserveoffizieren vornimmt und Waffen- und Verbandszeugbestellungen mit kurzfristigen Lieferungsterminen macht. In Mazedonien tauchen be­reits wieder B a n d e n auf und im Frühjahr wird ein Auf­stand in größerem Ausmaße erwartet, der den Serben genug zu schaffen geben wird. In Albanien herrscht momentan Anarchie und es ist noch sehr zweifelhaft, ob es dem Prinzen zu Wied in absehbarer Zeit gelingen wird, geordnete Zustände herzustellen. Außerdem sind dort bereits die ersten Symptome der beginnenden Rivalität zwischen Öster­reich-Ungarn und Italien bemerkbar, die in ihrer weiteren Entwicklung zweifellos jenen recht geben werden,

Der Strauß.

Die jüngste Berliner Ausstellung.

Ausstellungen haben ihre Schicksale wie Bücher oder wie Theaterstücke. Manche steigen wie ein leuchtender Stern am Himmel der größten Öffentlichkeit empor und verschwinden in Nacht, ehe machs gedacht, manche, die kaum merklich das Licht der Welt erblickt haben, sind auf einmal in aller Munde. Man gewöhnt sich also, wenn man so ein Dutzend Jahre lang unzählbare Ausstellungen mit eröffnet hat, das Prophezeien gründlich ab. Allein bei der Ausstellung, die wir Donners­tagnachmittag eröffnet haben, glaube ich trotzdem einen Prophetenausspruch wagen zu dürfen. Es war von dem Augenblick an, da die ersten 15 Mark-Gäste (so viel kostete der Eintritt die ersten beiden Stunden) sich um die Kaiserin und die Kronprinzessin scharten, ein Erfolg und wird einer bleiben. Gewiß mag die persönliche Popularität der Kron­prinzessin, die man sehr verehrt, ein, gut Teil zum Erfolg beitragen. Aber der wichtigste Faktor dabei ist doch die Aus­stellung selbst.

Sie ist nicht so einseitig, wie der wohl der Kürze wegen gewählte Titel vermuten läßt. In dem Hause der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk sind drei riesige Etagen, die freilich in reizend intime Räume geteilt sind, als Wohn­zimmer für jede Stunde des Tages und der Nacht ausgestattet und mit Blumen reich geschmückt worden. Nur für ein paar Tage ist das ganze Unternehmen geschaffen worden, dessen Erträgnisse der jüngst begründetenCecilienhilse" zugute kommen sollen. Aber für dieft Tage hat man das Haus in einen wahren Frühlingsgarten verwandelt und alle Farben und Düfte des heiteren Lebens eingefangen.

Unter den Ausstellern stehen einige prinzliche Damen voran. Die Kronprinzessin hat in ein Speisezimmer von Bruno Paul hinein einen Eßtisch gestellt, der in der wohl­tuenden Einfachheit seiner Dekoration sich besonders ange­nehm bemerkbar macht. Zartgrüne Girlanden und mattrote Rosen ergänzen sich in reizvoller Harmonie. Von den Aus­stellungen der Prinzessin Friedrich Lyopold und Eitel Fried­lich fällt die Blumendekoratwn auf, die die erstgenannte in einen Salon von R. A. Schröder gestellt hat. Auch hier sind schlichte Farben gewährt und z. B. durch die scheinbar wahl­lose. Anordnung, von Goldlack in einer großen Tischvase, wird

die hübscheste und freundlichste Wirkung erzielt. Die Prin­zessin August Wilhelm hat sich an eine besonders große Auf­gabe gewagt. Den großen Saal. des zweiten Stockwerkes, der als Teeraum gestaltet ist, hat sie mit Blumen anmutig be­leibt. Durch geschmackvolle Verwendung langgeftielter Schwert­lilien, deren schimmerndes Weiß einen dezenten Hintergrund abgibt, und bunter Mohnblüten m verwirrender Farben­sülle hat sie ihre Arbeit sehr lieblich ausgeführt.

Ohne Byzantinismus muß man sagen, daß die Prin­zessinnen durchweg einen Sinn für Einfachheit bewiesen haben, derKolleginnen" in dieser Ausstellung vielfach

abgeht. Eine ganze Reibe von Damen hat offenbar das Mul- tum zugunsten des Multa vergessen. In einigen Räumen sind wahre Blumenorgien veranstaltet. Sie stehen und liegen in allen Farben und Gebinden auf Tisch und Bank und Bett und Schrein. Ich denke da etwa an ein Speisezimmer von Tieoost, in dem Frau von MendeEsthn-Bartholdh jedes freie Fleckchen mit Blumen gepolstert hat, daß man kaum noch zu atmen wagt, geschweige denn zu essen. Doch solche Ver­irrungen sind immerhin Ausnahmen . und der Gesamtein- druck der Ausstellung ist ein ungemein freundlicher. Nie­mand kann ohne Entzücken das Krankenzimmer von Bruno Paul scheu, das Frau Arndt ui ein lvchves Blumen Paradies verwandelt hat, ohne doch den Zweck des Raumes irgendwie Stz beeinträchtigen. Die Farben der Blumen sind gedämpft lvie ihre Gerüche, geben aber doch ^dem Ganzen einen lichtem Schimmer zukünftiger Genesung. In einem anderen Raume ^on Paul (der überhaupt als Raumkünstler Sjei Matador der Sache ist), einem Herrenzimmer, suche» die Damen Masse der Schwere der Möbel durch Massenwirkung der Blumen mit Geschick nahezukommen. Einen reizvollen Gegensatz da­zu bildet ein Jungmädchenzimmer von Ernst Haiger, das mit zarten Blüten in einen Hain verwandelt scheint.

Die Blume von der Wiege bis zur Bahre könnte man die Ausstellung nennen, wenn man ihren Inhalt wirklich umgrenzen wollte. Jede Verwendungsmöglichkeit im Menschenleben ist vorgeführt. Frau Staatssekretär Sols, die Kolonialexzellenz, zeigt einen Hausaltar im Schmuck van ernstem Immergrün, dem die Damen Kiesel einen rröb- lichen Ta-ustisch zugesellen: En: Dutzend Exzellenzen haben sich zusammengetan, um den Tisch für die Geburtstagsfeier des jüngsten Enkelkindes mit leuchtenden Blüten zu schmücken. Hochzeit und Kindtauft, fröhliche und traurige

Feste sind in den Blumenarrangements vorgesehen. Selbst für Leichenfeiern mag man sich an den Kränzen ein Beispiel nehmen, die einen Vorraun: schmücken. Sie sind freilich Bühnenkünstlern aus heiteren Anlässen gewidmet, aber sie zeigen, wie erstaunliche Wirkungen mit den einfachsten Mitteln -zu erzielen sind. Zum hundertsten Auftreten als Höckerin ist für Anna Schramm ein Kranz entworfen, der auf dunklem Nadelgrün ein Dutzend Äpfel als einzigen Schmück verwertet. Wie ihr Rot sich aus dem Grün heraus­hebt, wie die ganze köstliche Kunst der Schramm in dieser Rolle beim bloßen Anblick des Kranzes lebendig wird, das ist nun zum Entzücken gar.

Doch man sieht auch manche Damen stärker beschwören. In einem Speisezimmer, das wieder Paul entwarf, steht ein ovaler Eßttsch, dessen Kostbarkeiten jeden Besucher anlocken. Ihn hat Frau vom Rath, die bekannte Berliner Mäzenatin, aufgestellt und er zeugt vom Reichtum der Stifterin nicht weniger, wie von ihrem Geschmack. Ein japanisches Geschirr in den diskretesten Farben und edelsten Formen schmiegt sich um einen Kristallsee. Nixen beugen sich unter dichten Flieder­büschen über dre spiegelnde Fläche. Schwergoldene Bestecke liegen zwilchen dem köstlichen Porzellan. Die Kristallkelche, aus denen Glieder und rosa Nelken herauswachsen, rufen Er­innerungen wach. Die Kaiserin Friedrich hat sie aus Eng­land zu uns importiert. Kostbar durch ihren Metallwert wie Esch künstlerische Arbeit sind alle Stücke auf diesem

.. Mandat sich nicht mit den lebenden Blumen allein be­gnügt auf dieser Ausstellung. Auch tote sind hinein gewun- Die Prinzessin August Wilhelm, die ja eine fleißige M^ .errn ist, hat ein paar Blumengemälde ausgestellt, die ihr ehrliches Empfinden und ihre mehr als dilettantische Be­gabung sichtbar machen. Man braucht ja nicht gerade den höchsten Maßstaib an ihre Arbeiten zu legen, wie ihn Hübner oder Courbet oder Cezanne beanspruchen müssen. Wan sieht insbesondere von Cezanne ein Tulpenstilleben von herber Schönheit, und von Courbet einen Zweig blühender Kirschen, dessen leuchtende Farbenpracht den lebenden Gefährten rings­um wahrlich die lebhafteste Konkurrenz macht- Und so nimmt man aus den bescheidenen Zügen, die man in drangvoller Enge aus diesem Strauß schlürfen kan», ein Gefühl heiterster Frühlingsahnung und dustendster Lebensfreude mit in den Alltag hinaus. Erich Kölhrer.