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Wiesbadener Tagblstt.

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Montag, 9. Februar 1914.

Kbend-Ausgabe.

Nr. 66. » 62. Jahrgang.

Schweden, Rußland und wir.

Die ungewöhnlichen Vorgänge in Stockholm haben wir nicht von einem schwedischen Standpunkte aus zu betrachten; denn den kann es für deutsche Beurteiler selbstverständlich nicht geben. Auch eine Untersuchung über Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten in der Wir­kung nationaler Probleme auf das Volksgefühl bei uns und in Schweden muß als überflüssig und zwecklos ab­gelehnt werden; Bemühungen einiger deutscher Blätter von der alldeutschen Richtung, uns die Entflammung der schwedischen Volksseele, wie sie in dem großen Bauernzuge sichtbar geworden ist, als r ü h tti l i ch e s Vorbild vor Augen zu halten, sind schon darum schlecht am Platze, weil wir eines solchen Vorbilds keineswegs bedürfen. Deutschland hat mit großer E i n m ü t i g k e i t, Volk und Volksvertretung gemein­sam, für die Verstärkung seiner Wehrmacht Opfer gebracht, die, auch wenn man die Unterschiede in der Einwohnerzahl und in der Leistungsfähigkeit berück­sichtigt, mindestens das bedeuten, was der schwedi­sche Volkswille jetzt durchgeführt wissen will. Wir brauchen uns also nicht sagen zu lassen, daß bei uns ein matterer Geist herrsche. Die Ereignisse in Stockholm können vom deutschen Standpunkte aus nach alledem mit einer durch keine Nutzanwendungen auf unsere eigenen Zustände verschobenen Objektivität gewürdigt werden; sie sind völlig von uns abgelöst, sie sind es auch in dem Sinne, daß die Bestrebungen zur Verstärkung der militärischen Kraft des Landes keine gegen uns ge­richtete Spitze haben. Der stärkste Eindruck, den man bei der Betrachtung dieser schwedischen Dinge hat, ist nnmer der, daß die Gefahr, gegen die sich Schweden wehren will, viel größer ist, als man bei uns Wort uaben will. Die Schweden, vom König angefangen bis zu den Bauern aus dem höchsten Norden, müssen doch w i s s e n, was ihnen von Rußland bevorsteht, wenn sie sich nicht rechtzeitig stark machen. Sie müssen es ein­dringlicher fühlen, als es sogar aus den Warnungs­rufen der schwedischen Blätter bisher hervorging. Man sagt sa sticht alles, was man weiß, zumal wenn man in so'schwieriger Lage ist wie das kleine, der Volks­nah l nach kleine Schweden. Wie man sich erinnert, war Sven Hedin der erste, der mit den stärksten Worten auf die gegen Skandinavien gerichteten russi­schen Kriegsvorbereitungen in Finnland hinwies. Die Einzelheiten seiner Darstellung lassen keinen Zwei­fel daran, daß die russischen Bahnbauten, die lang- fom, aber unaufhaltsam der s ch w edis ch e n G r'e n z e zustreben, und die Vorschiebung r n s s i s ch e r T r u v p e n nach dem Norden wie die Anlegung von Befestigungen und Marinestützpunkten an der finnischen Küste darauf berechnet sind, dem Zarenreiche einen eis­freien Hof e n am A t l a n t i s ch e n O z e a n zu verschaffen, einen norwegischen Hafen selbstver­ständlich, denn Schweden grenzt dort oben nicht an den Ozean. Aber der W e g müßte durch sch web i sch e s Gebiet führen, und beide Staaten wären gemeinsam die Opfer russischer Eroberungspolitik. Das sind Probleme, von denen im Norden viel und mit fieber­hafter Anteilnahme, bei uns dagegen so. gut wie gar nicht gesprochen wird, lind dies gerade ist das Beson­dere und Eigentümliche der Angelegenbeit. Wohl be­müht sich die deutsche Presse pflichtgemäß, der Öffent­lichkeit deutlich zu machen, um welche großen Dinge es sich handelt und daß ein Vorrücken Rußlands znm Atlantischen Ozean mit einem Schlage die Welt­stellung des Reiches ins Nngemessene erhöhen, dm skandinavischen. Staaten zugleich in ein Vasallen­verhältnis herabdrücken müßte. Aber für unsere offizielle Welt besteht das Problem offenbar nicht, vielmehr, es wird sorgfältig vermieden, davon zu sprechen Es ist uns noch keine offiziöse oder sonstwie auf die Wilhelmstraße zurückzuführende Auslassung be­gegnet in der, wie es sich doch gebühren würde, auf lösche bedrohlichen Zukunftsmöglichkeiten hingewiesen worden wäre. An Wahrheit ist Rußland dem Ziele 'einer ansgreifenden Wünsche im Norden Europas sehr viel näher als im Süd osten. An das Atlantische Meer wird es eher gelangen als an das Mittelländische, kann es eher gelangen, falls ihm nicht Halt geboten wird. Wer aber soll das tun? Man kann auch so fragen: Was wird geschehen, wenn eines Tages wirklich aus irgend einein nichtigen Grund ein Konflikt mit Schweden und mit Norwegen herbei- geführt wird? Sollen beide Staaten dann der sicheren Niederlage überlassen bleiben? Die Sache hat aber noch ihre besondere Bedeutung: sie geht nicht bloß uns an, sondern auch, jtoflr in gleicher Reibe, Eng­

land. Sie müßte auch Frankreich angehen. Indessen lind die französischen Kräfte, die' politischen nicht bloß, sondern auch die moralischen, durch das Bündnis mit dem Zarenreiche derartig in eine bestimmte Rich­tung gedrängt, daß man in Paris Wohl keinen Wider­

stand leisten würde. Dagegen kann man sich nicht gut vorstellen, daß es für Großbritannien gleichgültig sein sollte, wenn eine russische Kriegsflotte von einem eisfreien nordischen Hafen heraus einen verhältnismäßig kurzen und sicheren Weg in die Nordsee fände. Man kann sich auch nicht gut denken, daß in_England nicht ebenso wie bei uns das ger­manische Gemeinfamkeitsgefühl erwachen sollte, wenn die skandinavischen Völker von Rußland überrannt werden würden. Es liegt keine unmittel­bare Veranlassung dazu vor, die hier angeschlagenen Gedanken schon jetzt bis in die Praxis der Politik von heute hinein zu verfolgen, aber wichtig und unvermeid­lich ist es, daß man sich rechtzeitig über die Trag­weite einer drohenden Entwicklung unterrichtet. Die Stockholmer Ereignisse vom 6. Februar können so eine mehr als eine politische, sie können eine geschicht­liche Bedeutung beanspruchen.

*

Die Gegendemonstration der Arbeiter.

Stockholm, 8. Febr. Als Gegengewicht gegen die Bauerndemonstration veranstaltete die sozialdemokrati­sche Partei heute eine Straßenkundgebung, um der Regierung ihre Wünsche zu übermitteln. An dem Zuge nahmen etwa 30 000 Personen teil. Abge­ordneter Branting verlas eine an die Regierung gerichtete Adresse, die sich gegen Mehrforderungen für Militär- und Marinezwecke sowie Verlängerung der Dienstzeit richtete und sich für Begrenzung und Ver­minderung der militärischen Lasten aussprach. Schließ­lich wurde darin zur Arbeit in Frieden und Brü­derlichkeit aufgefordert. Der M i n i st e r p r ä s i- d e n t erwiderte, er schließe sich der Aufforderung zum Frieden und zur Brüderlichkeit aller' Völker warm an, müsse aber nachdrücklich hervorheben, daß das schwedi­sche Volk noch fortdauernd sehr bedeutende Lasten für die Landesverteidigung auf sich nehmen müsse. Er gebe der Hoffnung Ausdruck, daß, wenn die Regierung ihren Vorschlag auf Verbesserung des Verteidigungs-Wesens durchgebracht habe, man auch an s o z i a l e Reformen herantreten könne. Persönliche Opfer seien nicht zu vermeiden. .Die Frage, betreffend Verlängerung der Dienstzeit der Infanterie, müsse dem Volk gelegentlich der Wahlen vorgelegt werden. Die Regierung werde von dieser Folgerung niemals abweichen.

Die Verhandlungen in den Kammern.

wb. Stockholm, 7. Febr. Bei der Beratung

des

Budgets des Ministeriums des Äußern trat ein Redner verschiedenen in der letzten Seit in der ausländischen Presse verbreiteten falschen Gerüchten und Auslassun­gen in der schwedischen äußeren Politik entgegen. Der Minister des Äußern bedauerte diese Gerüchte meinte aber, daß sie keiner allzu großen Unruhe wert wären. Die Regierungen m Europa seien sich voll­kommen klar darüber, daß die schwedischen Verteidi- gungsmaßnahmeu einen vollständigen friedlichen Charakter haben. Die Politik Schwedens sei und bleibe eine freie und unabhängige, auf den Interessen Schwedens beruhende Neutralitätspolitik, die von keinem Staat garantiert sei und die auf dem' Re­spekt beruhe, den Schwedens eigenes, wie der Minister hofft, in Kürze verbessertes Verteidigungswesen einzu­flößen vermöge. Die Sitzung der Kammern, in der u. a. die Vorlage, betr. die Z r v i l l i st e d e s K ö n i g s, auf der Tagesordnung stand, _ nahm einen (türmi- f cf) e rt Verlauf. In der Z W e r t e n Kammer sprach zunächst der Führer der Sozialdemokraten, Bran­ting, der erklärte, daß er und seine Partei demon­strativ gegen die Vorlage stimmen wollten. Branting unterzog die gestrige Rede des Königs einer außer­ordentlich scharfen Kritik und nannte sie eine unge­hörige Red e. Der Präsiden^ unterbrach den Red­ner und ersucht? ihn, seine Ausdrücke zu mäßigen. Dar­auf hob der Führer der liberalen Sammlungspartei, Eden, unter starker Zustimmung seiner Partei das U n k o n st i t u t i o n e l l e m der Rede des Königs an den Biauernzug hervor. Der Führer der Rechten, Lind man, führte ans, daß er es nicht für richtig halte, die Person des Königs m die Debatte zu ziehen. Zuletzt sprach Staatsminister S t a a f f. Er teilte mit, daß die Regierung in corpore heute vormittag beim König in Audienz erschienen ist, um ihre e r n sten Besorgnisse über die entstandene Situation und

den Anlaß dazu auszusprechen. Er habe auch dem König eine bedeutsame Vorstellung gemacht. Weitere Mitteilungen zu machen, fef>e er sich augen­blicklich nicht imstande, doch wurden die nächsten Tage volle Klarheit bringen. Die Zweite Kammer nahm darauf die Vorlage mit 137 gegen 67 Stimmen an. Die Sozialdemokraten stimmten dagegen. der Ersten Kam m e r war die Annahme der Vorlage vpn einer kurzen Debatte begleitet, in der Kvarnzelius (Re­gierungspartei) die Ansicht seiner Partei aussprach

über die Verpflichtung des Königs, bei den konstitutio­nellen verantwortlichen Ratgebern Rat einzuholen. Stessen und L i n d b I a d (Gotenburg) vertraten die sozialdemokratischen Gesichtspunkte. Nachdem der Führer der Rechten, Trygger, das Recht des Königs verteidigt hatte, sich in einer großen und wichtigen Frage deni Volk gegenüber auszusprechen, und nachdem noch der Minister des Äußern und einige andere Red­ner das Wort ergriffen hatten, wurde zur Abstimmung geschritten. Die Vorlage wurde mit 116 gegen 14 Stimmen angenommen.

Deutsches Reich.

* Hsf- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser empfing gestern vormittag den Berliner griechischen Geschäftsträger Theotoky.

Trotz etwas unruhigerer Nacht ist der Zustand der Prinzessin Wilhelm von Baden befriedigend.

Im Trauerhause am Hafenplatz in Berlin, wo der alte Geheimrat Körte ein Menfchenalter gewohnt hat, fand gestern die schlichte Trauerfeier für den Dahingeschiedenen statt.. Unter den überaus zahlreichen Kränzen nahm der der Kaiserin den Ehrenplatz ein. Oberhofmeister Freiherr v. Mirbach hatte ihn überbracht. Außer Mitgliedern deS Kultusministeriums war der Generalstabsarzt der Armee, der Oberbürgermeister, der Vizepräsident des Reichstags, Ober­hofprediger Dryander und zahlreiche Deputationen erschienen. Ein Kranz, den eine Familie gestiftet hatte, trug die In­schrift:Fünf Generationen danken dem treuesten Freund

für besten Rat und Hilfe."

* Ein offizieller Besuch Kaiser Wilhelms in Rom. Wie dieLiberte" kms Rom erfährt, wird Kaiser Wilhelm bei seiner Frühjahrsfahrt nach Korfü sich zunächst nach Italien begeben und König Viktor E m a n u e l einen Besuch ab­statten. In Rom wird ein offizieller Empfang stattfinden. Darauf wird sich der Kaiser nach Neapel begeben- um sich an Bord seiner JachtHohenzollern" einzuschiffen.

* Weitere Personalveränberungen im Reichsland. In der höheren Beamjtenschaft der elsaß-lothringischen Verwaltung sind für die nächste Zeit Austausche mit den Be­amten des Reichs zu erwarten. Ministerialrat Bott aus der Abteilung für Justiz z. B. soll in gleicher Eigenschaft in das Ministerium des Innern versetzt werden Der neue Staatssekretär arbeitet sich zurzeit mit Hochdruck in die neuen Verhältnisse ein. Auch machte er bereits Besuche in Kol- m a r. Die Ernennung des neuen Justizministers und des Ministerialdirektors im Ministerium des Innern ist für beute zu erwarten. Wie verlautet, soll Ministerialrat Laucher das Ilnterstaatssekreiariat nicht angenommen haben.

* Die Zaberner Zivilklagen. Wie zuverlässig gemeldet lvird, haben sich den Zivilklagen auf Schadenersatz der ver­haftet gewesenen Zaberner Bürger gegen den Militärfiskus nunmehr auch Geschäftsleute von Zabern angeschlossen, dii> sich durch die Maßnahmen des Militärs auf den Straßen empfindlich geschädigt fühlen.

* Eine Beleidigungsklage gegen den elsässischen Karika­turenzeichner Waltz. Gegen den bekannten Karikaturenzeich­ner Jean Jaques Waltz, genannt Ransi, ist Strafantrag wegen BÄeidigung zweier Offiziere gestellt worden. Waltz hatte in einem Restaurant in Kalmar, nachdem zwei Offiziere fortgegangen waren, mit, ausgegossenem brennenden Branntwein die Stühle, auf denen die Offiziere ge« (essen hatten,desinfiziert", weil wie er sehr vernehmlich erklärte auf ihnenSchweine" gesessen. Von dem Inhaber des Lokals, der erst nachträglich von dieserDesinfektion" Kenntnis erhielt, wurde Herrn Waltz das fernere Betreten des Lokals verboten.

* Eine badisch-offizöse Verlautbarung über GroMock und Zentrum in Baden. DieK a r l s r u h e r Zeitung" veröffentlichte am Samstag an der Spitze ihres Blattes einen längeren halbamtlichen Artikel über die politische Aus- einanderietznng in der Zweiten Kammer in der verflossenen Woche. Als politische Quintessenz der mehrfachen Reden des Ministers des Innern v. B o d m a n n wird bezeichnet, daß er in der Frage des Großblocks zu einer unumwundenen Verurteilung jenes parteipolitischen Wahlabkommens ge­langte, daß er aber auch auf der anderen Seite dem Z e n - tzs u ® bedeutete, daß ein Anwachsen der Partei eine Gefahr für die weitere freiheitliche Entwicklung des Landes bedeuten könnte. Der Grund, warum der Minister den Großblock ver­urteile, liege in der politischen Haltung der sozialdemo­kratischen Partei. Was die Arbeiten des Großblocks im Landtag betreffe, io erkenne der Minister an, daß die Linke einschließlich der Sozialdemokratie nützliche Arbeit zum Wohl des Landes geleistet habe. Der Minister fürchte nicht, daß die Sozialdemokratie sich durchsetzen werde, sondern hoffe dielmehr, daß sie überwunden werde durch die Gerechtig­keit und den gesunden Sinn des Volkes, wenn sie ^ aber die Bahnen des Gesetzes verlasse, durch die Machtmittel des Staates. Der Minister möchte das badische Vol. wahr,

und selbständig sehen, und damit evschst^e ihm nicht verein­bar, was in der Wahlbewegung und in der politischen Be­tätigung der katholischen Geistlichen vielfach hervortrete. Es sei deshalb die Mahnung nur zu berechtigt, . daß auch die Geistlichen sich eine gewisse Zurückhaltung im -politischen stampf auferlegen möchten.