Sette 2, MorgenrAusgabe, 1. Blatt.
Treuga Dei.
Sonntagsbetrachtung von Martin Schmidt, Pfarrer in Holzhausen auf der Heide.
„Hüte dich, Lu Kämpfer des Guten! Prüfe deine Rüstung, ob sie blank ist, denn der Feind ist listig, und rnancher schon bat. statt den Gegner zu werfen, sich selbst besiegen lassen durch das Böse!" L. Ragaz-
Der Name Treuga Dei (d. i. „Gottesfriede") begegnet uns seit einigen Jahren immer wieder einmal in der Tagespresse und erweckt Erinnerungen an den Geschichtsunterricht in uns. Damals erzählte man uns, wie im 11. Jahrhundert in Zeiten des Wankens der Staatsgewalt die Kirche das Fehdewesen zu beschränken suchte durch den Gottesfrieden: der Schluß der Woche und die christlichen Festzeiten sollten als „gebundene Zeiten" _ gelten, da jegliche Fehde ruhen mußte. Zumal heilige Stätten und Personen sollten innerhalb dieser Zeiten unverletzlich sein. Auch heute handelt es sich bei der Treuga Del um den Versuch einer Regelung des Fehdewesens, um die Ordnung und Versittlichung der geistigen Fehde auf einem Gebiete, wo die wilde zügellose Leidenschaft immer wieder wie ein reißender Wolf einbrechen will, auf dem Gebiete des religiösen und kirchlichen Lebens. Treuga Dei nennt sich heute ein „religiöser Bund für such- liche Behandlung kirchlicher Fragen".
Den Anlaß zur Gründung dieses Bundes gab der Stoßseufzer, . den int Juni 1910 ein Pfarrer aus innerer Not im „Deutschen Pfarrerblatt" veröffentlichte unter dem Titel: „Die Versittlichung der kirchlichen
Partetkämpfc". Das Echo blieb nicht aus, bald entstand ein loser Zusammenschluß nach Art eines Geheimordens, eifrige Rundschreiben waren * das einzige Bindealied. Männer und Frauen boit der Rechten und der Linken und aus der Mitte reichten sich im Geiste die Hand, weil ein hohes Ziel ihnen voranleuchtete. Dann wuchs der Bund, es fehlte bald auch nicht an klingenden Namen aus mancherlei Lagern, wo man sonst nichts Gemeinsames Zu haben vorgibt, man tat dann auch den Schritt hinaus in die -Öffentlichkeit durch ein bescheide- nes eigenes Bundesorgan, man hielt geistige „Turniere" ab, wobei man allzeit in Ehren die Waffen zu kreuzen sich mühte, man gab sich auch Satzungen, um das Ziel und die Wege zu ihm zu präzisieren. Die ersten Paragraphen lauten: „§ 1. Der Bund erstrebt den persönlichen Zusammenschluß aller derer, welche — in gemeinsamem Verlangen nach religiöser Verinnerlichung und Hebung des kirchlichen Gemeindelebens — mehr sachliche Verständigung zwischen den kirchlichen Richtungen herbeiführen möchten. Er sucht die idealen Motive und das Religiöswertvolle bei allen Parteien in unbefangener Sachlichkeit anzuerkennen. 8 2. Der Bund bildet keine Partei; er läßt jedem Mitglied seine theologische und kirchenpolitische Parteistellung. Er hofft gerade durch die Vereinigung von Angehörigen der verschiedenen Richtungen die Parteikämpfe aus der Mitte der Parteien heraus versittlichen helfen zu können. 8 3. Der Bund wirkt a) durch persönliche Aussprache (auch mit Andersdenkenden) im Geist der Liebe und Wahrheit; d) durch Herausgabe eines Bundesblattes „Treuga Dei"; e) durch Mitarbeit von Bundesgliedern an Zeitschriften aller Richtungen; ck) durch Werbearbeit der Mitglieder für die Bundesidee."
An Kritik und Angriffen auf den Bund und seine Idee hat es nicht gefehlt. Man hat ihn für eine Art Mittelpartei erklärt, manche Sturmgesellen rechts und links verurteilten seinen Mangel an Schroffheit, wieder anderen erschien sein Ziel selbstverständlich und zu
Iran; Lader Gabelsberger.
Ein Gedenkblatt zu seinem 128. Geburtstag.
Franz Xaver Gabelsberger nimmt auf deni Gebiete der Stenographie nicht bloß eine hervorragende, sondern die erste Stelle ern.
Die von ihm im Jahre 1834 veröffentlichte „Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder Stenographie", ein loahres Meisterwerk, die köstliche Frucht siebzehnjähriger, ernster und angestrengter Geistesarbeit, gilt allgemein und unbestritten als das bedeutendste und wertvollste Buch, das dre ganze stenographische Literatur aufzuweisen hat. Schon der geschichtliche, zweite Abschnitt seines allgemeinen Teiles verdient als eine wahre Musterleistung bezeichnet zu werden, dre dem Verfasser den Ruhm des größten stenographischen Geschichtschreibers (nicht bloß Stoffsammlers) für immer sichert. Aber noch größere Wichtigkeit komnrt dem besonderen, praktischen Teile des Buches zu, der das von Gabelsberger im engsten Anschluß an den Bau der deutschen Sprache erdachte und ausgestaltete System der Stenographie zur Darstellung bringt. , ,
Mit einer bewunderungswürdigen, fast unerschöpflichen Erfindungsgabe ausgestattet, beschritt Gabelsberger ganz selbständig eine neue Bahn und wurde der Begründer der modernen deutschen Schnellschrift, womit eine neue Epoche der Geschichte der Stenographie begann.
Während seine zahlreichen Vorgänger in England und Frankreich sowie auch diejenigen in Deutschland (Friedrich Mosengeil 1796 und 1819, Karl Gottlieü Horstig 1797, Johann Kaspar Danzer 1800, Thomas Alois Reischl 1808, Julius Leichtlen und I. G. Berthold 1819) fast ohne Ausnahme die geometrische Methode befolgten, die gerade Linie in verschiedenen Richtungen, den Kreis und Teile des Kreises als Lautzeichen verwendeten, die Bezeichnung der Vokale teils ganz unterließen, teils mangelhaft auf interpunktierende oder intermittierende Weise Vornahmen und die nötige Kürze der Schrift außerdem durch eine Menge willkürlich gebildeter Abkürzungen (Sigel) zu erreichen suchten, bediente sich Gabels- berger mit glücklichstem Erfolge der graphischen Methode. Sr Eilbete die Buchstaben seines stenographischen Alphabetes aus flüchtigen, leicht verbindungs- und verschmelzungsfähigen Teilzügen der gewöhnlichen Schrift, bezeichnete die Vokale zumeist sinnbildlich durch besondere Stellung oder Gestaltung der sie umgebenden Konsonantenzeichen und ersann, statt will- Lrlicher Abkürzungen ein geistreiches, außerordentlich er-
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wenig konkret. Nun ist es nicht der Zweck dieser Zeilen, Mitglieder für den Bund zu werben. Aber wir sind der Ansicht, daß wir es mit Freuden begrüßen müssen, daß seine Stimme in dem Skimmengewirre des modernen Geisteslebens laut wird. Die Erfahrung lehrt es uns, wie leidenschaftlich, heftig, bitter und — ungerecht die besten Menschen zu werden drohen, ohne Rücksicht aus ihre Parteistellung, wenn es an die Diskussion über die religiösen Grundlagen ihres Lebens geht. Das lehrt fast jede kirchliche Wahl, das zeigt sich, mag es sich um Fatho und Lraub, um „Pfarrer Hellmund" oder um den Evangelist Binde handeln. Sachlichkeit in der Behandlung dieser Frage, wie sie der Bund verlangt, ist gerade dem, der diese Dinge ernst nimmt, die einzige Rettung. Sachlichkeit, nicht gleichgültige Kälte, sondern siegbewußte Sachlichkeit, die des Eiferns nicht bedarf, weil sie ihre Gewißheit in sich trägt. Um solche Gesinnung ist es uns zu tun. Denn sie nur kann uns helfen, daß in dem religiösen Streit uns die Religion erhalten bleibt. Ohne gegenseitige Achtung und ohne demütigen Sinn für das, was wirklich ist, wird sie zur Karikatur oder gar zur Phrase.
pslitische Übersicht»
Fürstliche Privilegien.
Von militärischer Seite wird uns geschrieben:
„Unter den Veränderungen, die für die Armee im Januar befohlen wurden, befand sich die eine: „Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen, Hoheit, Portepee-Fähnrich im Thüringischen Ulanen-Regiment Nr. 6, zum Leutnant befördert." (Mit Bor- patentisrung wie jeder andere Abiturient.) Die Beförderung, obschon sie eine beachtenswerte Neuerung ist, wurde wenig bemerkt, verdient aber Beachtung. Es ist noch nie vorgekommen, daß ein den souveränen Häusern angehöriger Prinz als Fähnrich in die Armee getreten, als solcher die Kriegsschule besucht hat und dann erst Leutnant geworden ist. Es ist ein Privileg der Geburt für derartige Fürstensöhne, als Leutnant in die Armee eingereiht zu werden, auf welches bisher noch keiner verzichtet hat. In diesem Falle ist es der Vater des Prinzen, Prinz Kiedrich Karl von Hessen, Gemahl der Prinzessin Margarete, der Schwester des Kaisers, der mit der Tradition gebrochen hat. Er will es, daß seinen Söhnen nur gleiches Recht mit anderen eingeräumt werde, und bat drei Prinzen ins Kadettenkorps eintreten lassen, wo sie mit jedem anderen Kadetten ohne Vergünstigungen den gleichen Strang ziehen. AIS der älteste Prinz, Friedrich Wilhelm, im März 1913 das Abiturientenexamen in Groß- Lichterfelde gemacht hatte, wurde er auf Wunsch des Vaters als Fähnrich dem Ulanen-Regiment Nr. 6 in Hanau zugeteilt und erhielt nicht, wie die anderen Abiturienten seines Jahr- gmlgs, da die Kriegsschulen überfüllt sind, seine Ausbildung zum Offizier in den militärischen Fächern in Grotz-Lichter- feDe. Er ging zur Truppe, um den Dienst in der Front kennen zu lernen, und dann zur Kriegsschule, um in gemeinschaftlichem Leben mit den Kameraden die Reife zum Offizier zu erwerben. Diese Neffen des Kaisers verdanken die Epauletts also eigener Tüchtigkeit, nicht der Geburt, sie können sich in lebendiger Fühlung mit der Außenwelt und der Kameradschaft zu tüchtigen Offizieren entwickeln. Sie treten damit aus der Isolierung heraus, die sonst das Geschick fürstlicher Geburt ist. Diese Prinzipien des Vaters sind von so gesunder und moderner Lebensaufsassmtg, daß man nur wünschen kann, sie möchten bei anderen fürstlichen Persönlichkeiten Schule machen und Privilegien beseitigen Helsen, die nicht mehr dem gesunden Empfinden unserer Zeit entsprechen.
preutzenbünöler unö Agrarier.
Nachdem die konservativ-agrarische Presse den Preußenbund einigermaßen hatte fallen lassen, als die Entgleisungen auf demselben überall berechtigte Empörung verursacht hatten,
giebiges und dabei einfaches, freies Kürzungs-Verfahren auf Grund der Grammatik der deutschen Sprache und des Satzzusammenhanges.
Nicht mit einem Male stand der ganze originelle Bau des Systems fertig da. Auch hier galt das Wort: „Dies diem docet". Gabelsberger lernte, wie er selbst versicherte, so ganz fühlen, was es heiße und wie schwer es sei, sich durch nichts anderes als durch eigenen Fleiß und durch sauere Mühe einen noch unbetretenen Weg zu bahnen. Die Vervollkommnung des Systems beschäftigte ihn fortgesetzt, und bis zum Ende seines Lebens hörte er nicht aus, sein Werk mit aller Liebe zu hegen und zu pflegen.
In der „Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder Stenographie" 1. S. 108 erklärte Gabelsberger die getreue Aufzeichnung aller Verhandlungen in den Sälen der versammelten Standschaftsmitglieder als das eigentliche LebenS- und Erhaltungsprinzip der Redezeichenkunst, als den Glanzpunkt ihrer höchsten Leistung, erörterte aber zugleich S. 103 bis 109 in eingehender Weise den allgemeinen Nutzen der Stenographie, wobei er neben dem Gelehrten, Redner, Anwalt, Richter usw. auch den Geschäfts- und Handelsmann in Betracht zieht. „Erwägt man nun alle diese aufgezählten Vorteile der Redezeichenkunst in ihrem Jneinandergreifen, so müßte es unbegreiflich erscheinen, wenn deren allmähliche Einbürgerung irr Deutschland nicht auch mit Wohlgefallen ausgenommen, auf alle Weise befördert und selbst schon von den untereri Schulen auf der Jugend als eine der angenehmsten und natürlichsten Künste zur Erlernung an die Hand gegeben würde."
Häufig gab Gabelsberger der Hoffnung Ausdruck, daß die Stenographie zur gemeinsam verbreiteten Konversationsschrift aller Gebildeten, zu einem Beförderungsmittel der schnellen Erledigung aller schriftlichen Geschäfte, zu einer allgemein gangbaren Schnellschrift in Deutschland werden möge.
Was Gabelsberger gehofft, ist, wenn auch noch nicht in vollem Maße, doch zu einem sehr guten Teile bereits in Erfüllung gegangen.
Als wahlfreier Lehrgegenstand an . den Mittelschulen wurde die Gabelsbergersche Stenographie eingeführt in: Bayern 1884, Österreich 1871, Sachsen 1873, Sachsen-Weimar- Eisenach 1896, Oldenburg 1897, Sachsen-Gotha 1897 und Sachsen-Koburg 1899; zugelassen in: Baden 1898 und Württemberg 1896.
Das Gabelsbergersche System ist vorgeschrieben für die Beamten der Justiz und der Verwaltung in Österreich, Bayern,
Sonntag, 8. Februar 1K14. Nr. 65.
sucht jetzt nachträglich die „Deutsche Tageszeitung" wieder etwas zugunsten des Bundes einzulenken. Sie druckt aus den Veröffentlichungen des Preußenbundes einen Teil der Ansprache des Vorsitzenden Dir- Rocke ab, in der dieser sagte, e§ läge dem Bund nichts ferner, als die Vorzüge anderer Bundesstaaten herabsetzen zu wollen, und die preußischen Herren seien stolz darauf, Deutsche zu sein. Das agrarische Blatt meint, diese Worte hättet! eine programmatische Bedeutung und könnten allein für die Ziele des Preußenbundes die authentische Unterlage geben. Natürlich ist mit solchen allgemeinen europäischen Rsdewendungen gar nichts gesagt. Es kommt allein aus den Gei st an, der bei politischen Veranstaltungen zutage tritt, und nicht auf irgend eine, selbstverständlich hübsch geschniegelte und gebügelte Programmrede, die überall Freunde werben und nirgends anstoßen soll. Die Preußen brauchen keinen Preutzenbund zu bilden, wenn sie nur echte Deutsche sein wallen; wenn sie es dennoch tun, so verfolgen sie E i g e n z w e ck e, die sich ganz von selbst in einen gewissen Gegensatz stellen zu der Eigenart anderer Bundesstaaten. Und aus der Debatte ging ja die wahre Absicht der Herren zur Genüge hervor; sie wollen nicht in einer Art Verteidigungsstellung Preußen in Schutz nehmen gegen außerpreußische und unpreutzische Einflüsse — einen solchen Schutz braucht das mächtige Preußen nicht! —, sie wollen vielmehr aggressiv Vorgehen und den o st elbischen Preußen ge ist, den Geist der Beamtenhirarchie und des Militärabsolutismus den anderen Bundesstaaten aufdrängen. Das ist die eigentliche Tendenz der Bewegung, und es ist nur zu begreiflich, daß nach einer kleinen' Erholungspause jetzt die Agrarier als die eigentlichen Vertreter des „echten Preußentums" wieder beginnen, dem Preutzenbund ihre volle Sympathie zu bezeugen. Sie gehören in der Tat zueinander.
Deutsches Reich.
Mp. Die Dienstvorschrift von 1899. Nachdem bereits das Kriegsministerium sich mit der in ihrer Nechtsgültigkeit angefochtenen Dienstvorschrift über den Wafsengebrauch (von 1869) beschäftigt hat, sind jetzt die anderen Ressorts mit dieser Frage befaßt worden. Vor allem ist man im preußischen Justizministerium und im Reichsjustizamt an der Arbeit, die rechtlichen Unterlagen der Dienstvorschrift festzustellen. Die dort gepflogenen Untersuchungen dauern noch an. Es kann aber bereits gesagt werden, daß die Nichtmilitärs in juristischen Kreisen zu der Überzeugung gekommen sind, daß die Frage der Rechtsgültigkeit verneint werden muß. Das Bestreben der in Frage kommenden Instanzen geht dahin, eine strenge Scheidung der Kompetenzen der Zivil- und Militärbehörden zu schaffen. Da sich der Lösung dieser Ausgabe ganz erhebliche juristische und staatsrechtliche Schwierigkeiten entgegenstellen, wird es etwa weitere 14 Tage dauern, bis die Arbeiten zum Abschluß gebracht worden sind und der Öffentlichkeit über das Ergebnis Mitteilung gemacht werden kann. Man hatte seitens der Neichsregierung den Wunsch, mit der Nachprüfung fertig zu sein, bis der Antrag der Fortschrittlichen Valkspartei über den Waffengebrauch des Militärs in der Kommission zur Verhandlung kommen würde. Dies wird sich jedoch nicht mehr ermöglichen lassen; denn es müssen vor der Fällung der Entscheidung außer dem preußischen Staatsministerium noch die anderen Bundesregierungen gehört und die Verhandlungen mit denjenigen Einzelstaaten gepflogen werden, mit denen Preußen seinerzeit, Militär- konventionen abgeschlossen hat.
* Der braunschweigische Polizeipräsident erlaßt in dem amtlichen „Braunschweigischen Anzeiger" eine öffentliche Bekanntmachung, in der die Bedölkerung auf das dringendste ersucht wird, sich von allen Straßenumzügen und Kundgebungen fernzuhalten. Auch Personen, die aus Neugierde an derartigen Vorfällen teilnehmen, müssen die Folgen ihrer Schaulust allein tragen. Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß bei künftigen Straßenunruhen und Kundgebungen unnachsichtlich mit allem Nachdruck vorgegangen wird, und daß, falls die Polizeigewalt sich als zu schwach er-
Sachsen, Baden und für vorläufig einzelne Behörden in Hessen, Oldenburg, Braunschweig, Koburg-Gotha, Altenburg, Bremen, Elsaß-Lothringen; empfohlen vom württembergi- schen und hessischen Justizministerium, von preußischen, wei- marischen und hamburgischen Behörden. Besonders bemerkenswert rst, daß schon eine ganze Reihe sächsischer und thüringischer Stadtverwaltungen (nach dem Beispiel Dresdens) die Gabelsbergersche Stenographie zur Führung der Regi- strande und zur weitgehenden Anwendung durch alle Beamten bei Ausarbeitungen usw. eingeführt haben.
Die parlamentarische Praxis ist in Deutschland zum größten Teile und in Österreich-Ungarn mit Ausnahme des ungarischen Reichstages, wo die Mehrzahl der Mitglieder des Stenographenbnreaus aus Gabelsbevgerianern besteht, nur in den Händen Gabelsbergerscher Stenographen.
Auch in fremden Sprachgebieten fand das Gabelsbergersche System Anerkennung und erlangte so internationale Verbreitung. _
Achtzig Jahre sind hinabgerollt, seitdem der einfache und schlichte Meister dem Vaterland ein treffliches Geschenk machte. Geboren in dem bedeutenden Jahre 1739, das mit dem Schutt des Mittelalters aufräumte, starb er gerade, als seine Schüler vor den Abgeordneten von ganz Deutschland als Stenographen der deutschen Nationalversammlung die Vortrefflichkeit seiner Erfindung darlegten. Deutscher Fleiß und deutsche Arbeit hatten ihn den Weg hinangeführt zum hochliegenden Ziele, von dem er weit ausblickend erschauen konnte, daß er nicht umsonst gelebt, daß er sich nicht nur loährend der Frist ejnes kurzen Menschenlebens nützlich gemacht, sondern daß er auch für die nachkommenden Geschlechter gewirkt hatte. Ihn feiern nicht nur seine Jünger, sondern auch die Erfinder aller übrigen deutschen Systeme als ihren großen Meister. Im Jahre 1604 gelangte seine Büste in der Ruhmeshalle in München zur Aufstellung, nachdem ihm bereits im Jahre 1890 seine Jünger in seiner Vaterstadt München ein Denkmal gesetzt hatten.
Bekanntlich ist man gegenwärtig bestrebt, ein deutsches Einheitssystem herbeizuführen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß auch das neue Einheitssystem auf dem Fundament des bewährten Gabelsbergerschen Systems aufgebant werden mutz, und so wird auch in Zukunft der Name des Münchener Meisters, zu dessen Gedächtnis sich heute Hunderttausende versammeln, ebenso hell erstrahlen wie bisher.
(Nach Joseph Alteneder: Franz Xaver Gabelsberger, Erfinder der Deutschen Stenographie.)
