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Wiesbadener Tagblatt.

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Berliner Redaktion des WteSbadenerTakblatts- Berlin-Wilmersdorf. Giintzelstr. 66. Fernspr.: Amt «hland 450 u. 451.

Sonntag, 8. Februar 1914.

Morgen ' Ausgabe.

Nr. 65 . 62. Jahrgang.

Ein neues SentrumsWati In Berlin.

DieGermania" hat Konkurrenz bekommen, aber ste wird dessen äußerst froh sein. Ein größeres, ein in:t mehr Nachdruck auftretendes, ein rücksichtsloseres Zentrumsorgan stellt sich nämlich (man kann nicht lagen: uncrwarteterweise) in der liebenswürdigen Per- Ion derKreuzzeitung" dar. Alle Achtung vor der fanatischen Kampfeslust, mit der das nebenbei ja auch konservative Organ den Zentrunisinteressen seine Unterstützung leiht! Dergleichen geschah ja auch sonst !chon, und wenn nicht in positiver, so in nicht weniger wirksamer oder doch wirksam sein sollender Weise in negativer Hinsicht, so z. B. immer dann, wenn es galt, oas klerikale Ministerium in Bayern mit Handschuhen anzufassen. Diesmal aber geht dieKreuzzeitung" ge- wlsfermaßen aufs Ganze, sie genießt in. vollen Zügen ~ le Zust, auf den Liberalismus einzuschlagen und sich formt MS Zentrum zu verpflichten. Die Gelegenheit, ocm Zentrum eine Freundlichkeit zu erweisen, mußte von den konservativen Drahtziehern schon deshalb gern benutzt werden, weil die Zabern-Asfäre und was damit zufammenhängt, eine von der Rechten selbstverständlich yochst unliebsam empfundene Spaltung zwischen den einstmals so engbefreundeten Parteien und Fraktionen yervorgerufen hatte. ®anrt man sich wieder bei dem mächtigen Zentrum einschmeicheln, so soll man es auch tun. Kann es geschehen, indem man den verhaßten ' Liberalen dre Zähne zeigt, um so besser alsdann. Jeden­falls wandelt dieKreuzzeitung" Wege, die kein Zen­trumsblatt und kein Zentrumsmann anders hätte Wahlen können, wenn es darauf ankam, eine verlorene Positron zurückzugewinnen.

Die Wut derKreuzzeitnng" als einer freiwilligen Helferin des Zentrums richtet sich nämlich gegen den badrschen Minister Freiherrn v. Bodman. Begreiflich genug. Aber die Methode ist es, die einen fatalen Bei­geschmack auch dann erhält, wenn man den Konser­vativen das im übrigen ja selbstverständliche Recht zu- billigt, ihre Gegner so zu bekämpfen, wie die Gegner auch sie bekämpfen. Man höre aber dieKreuzzeitnng" selbst. Neben manchem airderen, was nicht besser ist und klingt, schreibt sie folgendes:

Der eigentliche,ungekrönte" Chef der national- liberalen Partei sitzt iin badischen Ministerium des Innern und heißt v. Bodman: das weiß man seit dem 3. Februar und die Politiker der anderen Parteien wer- den sich daran erinnern müssen.

Herr v. Bodman gab auch gleich eine Probe dieser Führerrolle, indem er das Zentrum mit einer Begrün­dung und in einer Form bekämpfte, wie man dies sonst nur in liberalen Wahlversammlungen zu hören _ be­kommt. Das Zentrum sei konfessionell, sreiheitsfeind-

lich, erkenne nur die Katholiken als echt an, die beim Zentrum seien, und der katholische Klerus treibe weit­gehende Wahlagitation.

Herr v. Bodman sprach in gewissem Sinne pro domo; er ist nämlich selbst Katholik und nicht beim Zentrum. Die Konsequenzen ergeben sich von selbst. Herr v. Bodman möge folgendes bedenken: in dem zu zwei Dritteln katholischen Baden gab es anch nach der Gründung der Zentrumspartei so gut wie gar keine Zentrumsbewegung; das ganze Land notabene: das katholische Land wählte liberal. Es war dies die glorreiche Zeit, wo die Lamey, Kiefer, Fieser, Turban das katholische Baden zum liberalen Musterland um- stempelten, die Zeit, in der der Liberalismus auf allen Gebieten Orgien . feierte. Das demokratische Europa unseres Jonrnalliberalismus schaute entzückt nach dem liberalen Musterstaat. Die christliche Religion war quantitd ndgligeable; der liberale Patriot ging nur an Großherzogs Geburtstag in die Kirche, der Jude Elstätter wurde Finanzminister, und die liberalen evangelischen Pfarrer gingen in kurzer Joppe und mit der Zigarre im Munde über die Straße. Es war eine liberale Lust zu leben. Aber man ging weiter. Der ausbrechende Kulturkampf wurde in Baden in den schärfsten und rücksichtslosesten Formen geführt. Heute noch hat das in der Mehrheit katholische Land noch nicht jene Orden bewilligt bekommen, die das überwiegend evangelische Preußen längst gewährt hat. Je schärfer in Baden der Kulturkampf wurde, desto stärker wurde das Zentrum. Vergeblich ries ein gut liberaler Mann, wie der Oberbürgermeister Winterer in Freiburg: Reizen Sie das Ehrgefühl der Katholiken nicht." Alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen; das Zen­trum wuchs immer mehr und die nationalliberalö Par­tei wurde immer kleiner. Von einigen 50 Abgeord­neten (von 63) sanken sie zu einer Minoritätspartei herab, die sich nur durch eine entwürdigende Verbindung mit Freisinn und Sozialdemokratie an Einfluß erhal­ten kann.

Nichts anderes als die anti-religiöse Gewaltherr- schaft des ganz spezifisch religionsfeindlichen badischen Liberalismus hat die Zentrumspartei in Baden, dem zu zwei Dritteln katholischen Baden hochgezüchtet. Dar­über sollte Herr v. Bodman Nachdenken und daraus Folgerungen ziehen, statt mit alten Ladenhütern libe­raler Versammlungsagitatoren rednerisch wirken zu wollen. .

Komisch aber muß sich die Klage eines Ministers über geistliche Agitation ausnehmen, wenn diese in Baden vorgetragen wird, in einem Lande, in dem Aber­tausende von liberalen Beamten, ^VolksschnIIehrern, Gymnasiallehrern freiwillige. und rücksichtslose Agita­toren sür die liberale Partei und den Großblock sind, in einem Lande, in dem ein an erkennbarster öffent­licher Stelle stehender Mann,. wie Gymnasialdirektor Rebmann, die Wahl von Sozialdemokraten gegenüber

konservativen Männern enipfiehlt. Klar ist ailch, daß der ganze liberale Beamtenapparat nach Herrn von Bodmans ostentativem Bekenntnis zum Liberalismus noch schärfer und rücksichtsloser für die nationalliberale Partei und den Großblock arbeiten wird, als es bis jetzt geschah. Denn man wird in diesem unter ganz auf­fälligen Umständen erfolgten Bekenntnis des politisch leitenden Ministers zum Liberalismus die Aufforde­rung erblicken,unentwegt" sür den Liberalismus ein­zutreten, für den sich der Minister so unzweideutig ein­gesetzt hat.

Der regierungsseitig« Kampf gegen den Großblock ist eine Attrappe. Was Herr v. Bodman will, will auch der Großblock: dem Lande eine spezifisch liberale Politik erhalten. Man lese nur die Rede des sozialisti­schen Herrn Kolb; ein nationalliberaler Regierungs­kommissar kann dem Minister keine duftigeren Blüten streuen, als es der Vizedirektor des Großblocks getan hat, nachdem Herr v. Bodman erklärt hatte, er sei ein unentwegter liberaler Mann. Man witterte Morgen­luft. Und mit Recht. Durch die liberale Beamtenschaft des Landes, die vielfach mit einem Fuße im sozialdemo­kratischen Lager steht, zieht ein vielsagendes Lächeln eindringlichen Verstehens."

So dieKreuzzeitung". In der Tat, kein Zen­trumsblatt hätte das alles anders und von seinem Standpunkte aus mit größerer Spitzfindigkeit und dialektischer Kniffligkeit sagen können. Andere als Zentrumsinteressen kann nämlich dieKreuzzeitung" in Baden nicht wahrnehmen, weil es eine konservative Partei in nennenswertem Umfange dort nicht gibt und auch nicht geben kann. Denn wo sollten wohl ' ostelbi- sche Instinkte bei der Bevölkerung des Großherzogtums Herkommen? Ist also sür die Konservativen dort nichts zu machen und zu holen, so soll wenigstens für das Zentrum gearbeitet werden. Wenn dies Gemisch von bewußter Unwahr-haftigkeit, Schiefheit, Denunziations­sucht und grotesker Übertreibung, als welches sich die Angriffe derKreuzzeitnng" auf die badische Regie- rung Larstellen, einen Erfolg haben sollte, so könnte er jedenfalls einzig dem .Klerikalismus zusallen, und die Konservativen würden darüber jubeln, wie sie inner- lich zweifellos herzlich zufrieden damit sind, daß in München der nunmehrige Graf Hertling ein strammes Regiment führt. Es ist im Augenblick ja weiter nichts darüber zu sagen, die Dinge sprechen für sich selbst. Aber eine Bemerkung sei nicht unterdrückt: Immer noch gibt es N a t i o n a l l i b e r a l e (sie sind nur freilich solche in Ansührungsstrichen), die von ihrer klebrigen, Freundschaft mit den Konservativen nicht lassen können. Wie ist nun diesen Leuten zumute, wenn sie die Liebenswürdigkeiten des neuen Berliner Zen­trumsblattes genießen? Wir wisien es nicht, vielleicht schlucken sie auch das. Wirklich gibt es psychologische Rätselhaftigkeiten, in deren Tiefe keine Forschung dringt.

Nachdruck verboten.

Das alte Ripssofa.

Skizze von Paul Schettler.

Wir haben geerbt, von Tante Emilie, der guten alten Tante mit demewigen" Schnupfen.

Tante Emilie war zu ihren Lebzeiten eine herzens­gute Tante gewesen, bei der man gern zu Gaste war. Auf ihrem alten Ripssofa hatten wir viel gesessen, hatten gelauscht, wenn sie von den alten Zeiten sprach, und gestaunt, wie genauen Bescheid sie in sämtlichen Familrenstammbäumen wußte.

Freilich, Tante Emilie hatte auch ihren Lebens­roman oder war es eine Novelle nur? Wenn sie von den alten Zeiten sprach, kam sie mitunter auf ihren Bräutigam" zu sprechen.

Selten genug geschah es, aber dann bekamen ihre Augen einen seltsamen Glanz.

Damals, als sie jung und schön gewesen sei, habe er ihr einen Antrag gemacht.

Wie oft habe er neben ihr ans dem Sofa gesessen, dort aus dem Fleck, links in der Ecke. - Natürlich seien ihre alten Eltern immer dabei gewesen, denn da­mals sei alles noch gesittet zugegangen, nicht wie jetzt, wo man hinter den: Rücken der Eltern, na, überhaupt

-aber eine schöne, glückliche Zeit sei es gewesen,

wenn auch nur kurz allzu kurz wie alles wirklrche Glück.

Wie kam es denn, daß er ?" fragten wir neu- gierig.

Eine goldene Tabatrere sei ihm in unserer Woh­nung abhanden gekommen, ließ er durch seinen Diener sagen. Alles, alles haben wir durchsucht damals, um­sonst. Wir fanden nichts. Und er, er ließ von da ab nichts mehr von sich hören. Wre konnte er nur solchen Verdacht-"

Seit dieser Zeit habe sie ihren Schnupfen, sagte die Tante, vom Weinen die Nachte durch-

Nun war sie gestorben, die Gute. Ihr Hausrat war, ihrem weiten Herzen entfprechend, in viele Teile ansgeteilt worden. , .

Auf uns war nicht mehr und nicht weniger als das alte Ripssofa gefallen.

Es ist ganz gewiß etwas Schönes. ums Erben, aber ja auch beim Erben kann man mitunter einaber" finden es hätte nicht gerade das Ripssofa zu sein brauchen.

Gewiß galt uns das alte Sofa^ als eine. Art Heilig- tum inmitten Dante Emiliens . Hausrat. Ein guter Freund war es uns, ein Patriarch ini Kreise seiner Möbelsamilie. Und hier? verstoßener Veteran

Dbdach heischend. Neben unserer modernen stilvollen Ausstattung siel seine Dürftigkeit, f.etne Zerschlissen- heit erst auf. Die Ehrfurcht vor dem Patriarchen schrumpfte zum Mitleid für den Invaliden zusammen.

Und nun die Frage: Wohin das alte Sofa stellen? Nun ja, es fand sich schließlich noch eia Plätzchen für das ausgediente Möbelstück.

Weil es aber gar zu verschlissen war,«so beschlossen wir, trotz aller sich in unserem Gewissen regenden Pie­tät, es anspolstern zu lassen.

Gesagt, getan! Ein geschickter Tapezierer war bald zur Stelle und ging Tante Emiliens Prunkstück mit Sachkenntnis und ohne Nachsicht zu Leibe.

Es war ein schrecklicher Anblick, diese barbarische Operation an deiii wehrlosen alten Möbel. Es stöhnte und knarrte zum Herzzerbrechen. Aber es half ihm nichts. Bis in seine Eingeweide hinein fuhr ihm die nervige Faust des Tapezierers, und aus diesen Einge- weiden kam die Faust nicht leer zurück.

. Gut drei Schock Taschentücher brachte sie heraus. Sie gehörten alle Tante Emilie, die sie in die Ecken des Sofas cinzuklemmen pflegte und so eines nach dem

anderen verlor. Alte Hauben, alte Taschen, Karten, Kinderstrümpfchen, Bausteine eines nicht mehr vor­handenen Steinbaukastens, Spitzen was kam da alles zum Vorschein!

Jahrzehntelang hatte das alte Sofa Schätze ausge­stapelt, keinem bewußt, ein stattliches Museum wert­losen Krimskrams, das uns mit Staunen, mit Rührung und Wehmut erfüllte, jetzt, da es ans Tageslicht kam.

Da tauchten Zeugnisse unserer Kindheit aus dem Vergessen aus, Erinnerungen wurden wach, richtige Dokumente bauten Brücken von Gegenwart zu Ver­gangenheit.

Und da was war das? Das glänzte ja wie Gold! Sollte das wirklich die Schnupftabaksdose, die gol- dene Tabatrere von Tonte EmÜiensBräutigam" sein? r~r- x r a ' . lDar e ®' vhne Zweifel! Die Langvermißte fand sich im alten Ripssofa wieder.

Nein, das konntest du nicht ahnen, Tante Emilie, daß dem liebes altes Ripssofa einschneidend in dein Leben, in das Liebesglück zweier Menschen einqe- grisfen!

. Ob zum Heile, ob zum Unheil?

Wir betrachteten die wiedergefundene Dose mit fast ehrfürchtiger Neugier. Wie schwer sie war und wie prunkvoll gearbeitet! Goldene Initialen auf dem Deckel.

Ob wohl auch Schnupftabak drinnen war?

Wir öffneten den Deckel. Leer. Doch siehe darauf der Innenseite des Deckels das Medaillonbild eines fungen Mädchens in damaliger Tracht und Haltung. Tante Emiliens Jugendbildnis? Vielleicht viel­leicht auch das einer anderen so sah Tante Emrlie

nie aus konnte. sie nie ausgesehen haben--

gut, gut, altes Ripssofa, daß du verschwiegen warst!

Und als wir den Tapezierer fragten, ob sich denn noch etwas im Sofa vorsinde, grunzte er mkonisch:Ja de Motten sin ooch drin!"