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„Tagblatt-Hans" Nr. 6650-53.

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Zreitag. 6. Februar 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 61. ♦ 62. Jahrgang.

Oie deutsch-englische Verständigung.

Nach eineni in politischen Kreisen umgehenden Ge­rücht loll Herr v. B e t h m a n n - H o l l w e g, falls er sich voni Kanzlerposten zurückziehen würde, zuvor min­destens den seit langem bearbeiteten Vertrag mit Eng­land abzuschließen wünschen. Es wird so dargestellt, als ser dieser Vertrag in der Hauptsache fertig, und als bedürfe es nur noch der letzten Formalitäten, um ihn bindend zu machen. Wir wissen nicht, wie es damit steht, und das kann auch niemand wissen. An das Abkommen mit England wird seit ungefähr einein­halb Zähren Fleiß und Mühe verwendet, beides von beiden Staaten, und schon vor langen Monaten hieß es, wie es heute heißt, nämlich daß das Abkommen eigentlich schon perfekt ist. Gar so leicht muß es aber doch wohl nicht sein, zum Ziele zu gelangen, und jeden­falls hat die bei uns wie in London zweifellos be­stehende Geneigtheit zur Verständigung noch nicht hin­gereicht, . um alle Schwierigkeiten zu überwinden. Immerhin, nehmen wir nur ruhig uisd vertrauensvoll an, daß me gewünschte Verständigung in der Tat er­folgen wird. Was ihren Inhalt betrifft, so ist man ja auf ihn ebenso wie auf die Herbeiführung der Ver­ständigung an sich bereits soweit vorbereitet, daß er­hebliche Überraschungen kaum zu erwarten sind. Der Gegenstand der Verhandlungen ist, wie wir selber wie­derholt und mit Einzelheiten, die auf guten Informa­tionen beruhten, berichtet haben, der p o r t u g i e fi­sch e K o l o n i a l b e s i tz in A f r i k a. Er soll in Einflußsphären zerlegt werden, von denen die westliche uns, die östliche den Engländern mit der Maßgabe zu­teil werden söll, daß wir am Atlantischen, Großbritan­nien am Indischen Ozean mit Zustimmung Portugals die wirtschaftliche Ausnutzungsmöglichkeit . kt gewiß äußerst wertvollen Strichen erhalten werden, und zwar so, daß beide Reiche das Moment der politischen Rivalität dort wie. in ganz Afrika vertrags­mäßig ausz uschalten haben. Wenn ferner davon gesprochen wird, daß auch über den ganzen Komplex der B a g d a d b a h n f r a g e n ein Abkommen erzreit wer­den soll, so ist auch damit nichts Neues, gesagt; diese Verständigung ist sogar schon weiter, gediehen als die über Afrika, und sie zeichnet sich vor jener dadurch aus, daß sie mit einer geschäftsmäßigen und anscheinend nicht unfreundlichen Auseinandersetzung über wichtige Finanzfragen zwischen uns und Frankreich verknüpft ist.

Nun aber ist zu fragen, ob die deutsch-englische Ver­ständigung wirklich mit Verträgen über die portugiesi­schen Kolonialgebiete und über allerlei Eisenbahn- aeschäfte in Vorderasien abgeschlossen sein „ soll und sein kann. So wichtig es ohne Zweifel sein wurde, wenn wir in diesen beiden Gebieten mit England ms reine kämen, so muß man doch wohl sagen, daß die Freunde einer Verständigungspolitik der uns undien- seits des Kanals die Sache in so enge Grenzen nicht eingeschlossen sehen wollen. Eine Verständigung mit England, das soll und muß heißen: Versöhnung auf der ganzen Linie, herzliches Einvernehmen, Freundschaft. Selbstverständlich wird man für sede Hinwegräumung von Steinen des Anstoßes dankbar zu sein haben, und den Wert eines sachlichen Einver­nehmens über bestimmte Fragen wollen wir in keiner Weise herabsetzen. Indessen sollte man als­

Iohn Henry Mgckay.

Zu seinem 60. Geburtstag, 6. Februar.)

Von Peter Hamecher.

Die Woge des Naturalismus trug vor mehr als zwanzig ihren den Namen des Deutsch-Schotten Mackay empor. In aer stürmerhaft auftretenden Jugend, die an Stelle einer asten, schönlichen Schreibstubenkunst die Wahrheit deS bens setzen wollte, des Lebens, das sie kennen gelernt und s unter dem Zeichen wirtschaftlicher Revolutionen stand, da rr der Sänger der Anarchie einer der Helden des Vorder- effens. Immer lvar er ein Einsamer, Einzelner, Eigener, ier in d"M Geisterkampf, der damals anhüb, übersah man :§ Trennende um des Gemeinsamen willen. Man fühlte n gleichen Boden unter den Außen, und wenn das positive, ich" im Fernen' verschwimmende Ziel die Kämpfer nicht nte so doch die zunächst liegende umstürzlerifche Tendenz, ad der Mackay, der dämm-, all.einegeistige Kraft galt, war mderudichter. Das gab seiner Stamme einen Widerhall, n iie sväter, als die Zeitstimmung eine andere wurde, nie ehr fand. Mackay, heute em 8^rgj^riger, ist seit Jahren st vergessen. Nur wenige smden den Weg zu seinem mann- h spröden, herb verschossenen Werke. Did doch liegen gerade nseits der Tendenz, jenseits der zeitlichen Formen der An- muna bei ihm künstlerische Schönheiten und Werte, die diese ckübeacktung fast als ein Verbrechen. erscheinen lassen, intet der tendenziösen Formel birgt sich ein tief Mensch- yes voll unendlicher Tragik, das in Gedichten und Novellen,

dann nicht von einer Verständigung in dem Smne sprechen, den wir soeben skizziert haben, sondern eben nur von einer Vereinbarung, die, wenn weiter nichts erfolgt, das Verhältnis der beiden Regierungen nrcht gerade tief zu berühren und zu ändern brauchte. Wrr möchten das Problem an einem Beispiel klarmachen. Bald nach dem Ausbruch des ersten Balkankrreges wurde es deutlich, daß ein gemeinsames Interesse uns wie England dazu siihrte, einer weiteren Schwächung des Pfortenreiches entgegenzuarberten und die so hart getroffeneTürkei möglichst leistungsfahrg zu erhalten. Dies gemeinsame Interesse hat dem Weltfrieden gedient, ohne dies Interesse hätten es Frankreich und Rußland vielleicht zu einer. unabseh­baren Ausdehnung der Balkankrise mit Hineinzrehung der Zentralmächte gebracht. Aber was sehen wir trotz­dem? Aus Schritt und Tritt macht sich unbeschadet der sachlichen Übereinstimmung zwischen Berlin und Lon­don die Wirkung der Tripel-Entente wieder be­merkbar. Halb durch sein Verhältnis zu Frankrerch und Rußland gezwungen und halb durch die bererts traditionell gewordene Kühle zu uns verleitet, steht die britische Politik in den meisten Fragen des europäischen Südostens und Vorderasiens mehr zu unseren Fein­den als zu uns. Gewiß, die Bedürfnisse der engli­schen Politik verhindern es, daß unsere Nachbarn m Ost und West über das britische Schwert verfugen können, aber vieles würde leichter von statten gehen, anderes könnte zweckmäßiger in Ordnung gebracht wer­den, wenn England zu uns freundschastlich stände. Em deutsch-englisches Einvernehmen, wie wir es uns den­ken und wie es offenbar auch von vielen einsichtigen Politikern jenseits des Kanals ersehnt wird, müßte eine grundsätzliche Änderung des beiderseitigen Verhältnisses zur Unterlage haben, müßte auf eine Neuorientierung der an der Themse betrie­benen Politik hinauslaufen, müßte allerdings auch für uns in manchen Beziehungen eine Neuorientierung be­dingen. Man braucht das nur auszusprechen, um frei­lich alsbald zu wissen, wie überaus schwer die somit ge­stellte Aufgabe ist. Aber ihre Schwierigkeit,, von der wir nicht sagen wollen, daß sie unter allen Umständen unüberwindlich sein, müßte, bestinimt naturgemäß glich das Urteil über die im Gange befindliche V e r stän­dig u n g s a k t i o n. Wir werden uns vor über­triebenen Schätzungen zu hüten haben, wir werden mit dem, was erreicht werden wrrd, zufrieden sem müssen, da mehr und Besseres für letzt nicht zu haben ist- wir werden sogar, selbst wenn die Verständigung mit nüchternster Sachlichkeit nur einzelne bestimmt umgrenzte Angelegenheiten..betrifft, eme wohltätige Rückwirkung auf die Verhältnisse der beiden Mächte­gruppen zueinander erleben, aber das Z i e l muß darum doch größer sein und bleiben. Wir haben uns ja auch mit Rußland, in den Potsdamer Abmachungen, ganz nett „verständigt", und wir haben es letzt aber­mals in bezug aus die armenischen Reformen getan. Aber was ist das E r g e b n i s? Rußland h o r t n i ch t auf, uns in Kleinasten und am Bosporus Sterne in den Weg zu rollen, heute in der Frage der Militär- mission, ein andermal wieder m der armenischen Re­formfrage, dann hinsichtlich der ^ransporte auf der persischen Bahn. Die russischen Rnstungen an unseren Grenzen und denen des Donaureichs schreiten fort und nehmen einen immer bedrohlicheren umfang an. Bei der bevorstehenden Verständigung Mit England

braucht es allerdings so nicht zuzugehen, jedoch wurde, auch wenn uns Erfahrungen dieser Art erspart blieben, der Wert der Vereinbarungen jedenfalls immer von dem Geist e abhängen, in welchem die englische Politik den Vertrag zu handhaben, beabsichtigt, und volle Sicherheit wird uns kaum gewährt werden.

Wir wollen Gutes erwarten, müssen aber auch auf Enttäuschungen gefaßt sein.

Deutscher Reich.

* Unterstaatssekretär Freiherr v. Stein, über den neuen Unterstaatssekretär Freiherr v. Stein in Elsaß-Lothringen be­richtet die „Magdeb. Ztg.", daß er in den Kreisen seines wich­tigsten neuen Ressorts, der Landwirtschaft, in den Reichs­landen seit Jahren sehr bekannt fei. Im Reichsamt des Innern war er Referent für die Weidge-setzgebung und für Reblausfragen. Nun ist bekanntlich Elsaß-Lothringen das größte Weiübaugebiet in Deutschland, und infolgdeffen spielt in der Landwirtschaft der Weinbau dort eine hervorragende Rolle. Infolgedessen hat auch der neue Unterstaatssekretär im Laufe der Jahre wiederholt Gelegenheit gehabt, mit den maßgebenden Persönlichkeiten der reichsländischen Landwirt­schaft in persönliche Fühlung zu treten. Er tritt also in einen Wirkungskreis ein, der ihm in vieler Beziehung vollkommen vertraut ist. Daß er unter diesen Umständen auch dem Statt­halter Grafen Wedel persönlich bekannt geworden ist, bedarf keiner weiteren Ausführung.

— Merkwürdige Wahlunregelmäßigkeiten. Bei der Prüfung der Wahl des Zentrumsabgeordneten Glowatzki in der Kommission des Reichstags ergab sich, daß in einer großen Anzahl von zur Wahl benutzten Couverts Stimm­zettel von der vorigen Wahl enthalten waren. Derartige merk­würdige Vorkommnisse sind auch schon früher aus anderen Wahlkreisen gemeldet worden. Da für die Wahlen stets völlig neue Couverts gebraucht werden, so ist es kaum zu begreifen, daß Stimmzettel, und zwar ausgerechnet fast immer solche von der vorausgegangenen Wahl, sich in den an die Wähler zur Herausgabe gelangenden Couverts befinden können. Man kann nur annehmen, daß Restbestände von Couverts aus der früheren Wahl benutzt werden; wie kommen dann aber in diese Couverts Stimmzettel für irgend eine der Parteien hinein? Da bei der früheren Wahl die abgegebenen Couverts doch vom Wahlporstaud geöffnet und entleert worden sind, so kann es mit rechtmäßigen Dingen kaum zugehen, daß nun doch noch Couverts vorhanden sind, in denen Stimmzettel der früheren Wahl sich befinden. Es ist aus verschiedenen Grün­den aufs dringendste zu wünschen, daß amtliche Unter­suchungen darüber angeftellt werden, wie es möglich ist, daß derartiges vorkommt; eventuell müssen aus diesen Prüfungen die schärfsten Konsequenzen gezogen werden. Vermutlich kommt bei der Erörterung der Wahl Glowatzki im Plenum diese Angelegenheit zur Sprache.

— Ostelbisches. „Wenn irgendwo ein Mensch in einen Brunnen gefallen ist, dann pflegt man nicht in den Brunnen hinabzurufen: Sind Sie katholisch, protestantisch oder mosaisch, konservativ, liberal oder sozialdemokratisch? Man läßt schnellstens das rettende Seil hinab und denkt an nichts weiter als an die Tatsache, daß hier ein Menschenleben in Gefahr ist" — mit diesen Worten beginnt die „Kösliner Zeitung" eine Notiz, in der alsdann von dem Verhalten des Ritter­gutsbesitzers. H i l d e b r a n d bei der Rettungsaktion anläß­lich der Sturmflut an der pommerschen Küste gesprochen wird. Es wird anerkennend hervorgehoben, daß der konservative Abgeordnete Y. Wenden einen Aufruf an den Großgrundbesitz erlassen hat, in dem „für die Berufsgenossen und Freunde aus dem Kleingrundbesitz ohne Unterschied des politischen Be-

die von der dunklen Pracht der Trmierfalter haben, oft künstlerisch großer, unvergeßlicher Erleonisausdruck wird und in dem Roman „Der Schwimmer" ein ^Zmvild aus sich her- ausstellt, schön und vollendet wie ein griechisches Marmorbild.

Freilich: es ist eine düstere, freudlose, trauewerhangene Welt, in die man sintritt, wenn man stch Mackahs Dichtungen nähern will. Schatten eines dunklen Loses scheinen schwer über der Seele des Dichters zu 'hangen. Die Geister der Nacht sind ihm näher als die Menschen. Mit niedergiehenden Gewichten hängt der Stoff der Erde stch an ihn, und bit Flüge seines Geistes werden nie frei und kühn 'beschwingt. Er flieht in die Einsamkeit seines Ich',und in dieser Zuflucht voll Eiseskälte, die er sich selber als eme letzte Illusion auf­reden möchte, ringt er schmerzlich 8; e, 8 en die Vereinsamung. Er ist Individualist und Anarchist Stlrner,cher Prägung; aber wenn man genauer zusieht, merkt man, wie er sich die Not nur zur Tugend umgeschaffen. Enttäuschung, bittere Er­kenntnis sind die Grundstimmung, aus der seine Werke fließen, und sie sind auch dir treibende Kraft seiner Welt, anschauung.

Um den Teil seines Werkes zu verstehen, der gewisser­maßen das menschliche Erlebnis in eine zeitbedingte, doktri­näre Formulierung einkapselt, und der schon deshalb nicht umgangen werden darf, weil aus ihm Mackays Bekanntwer- den sich" gründete, muß man die geistige Situation betrachten, die er vorfand, als er an das Welt- und Lebensproblem her­antrat. Damals standen im Vordergrund des Daseins die materiellen, wirtschaftlichen Kämpfe. Sie waren Schicksals­macht, der die Individuen sich unterworfen fühlten, und der

junge Idealismus ;derer, die in dieser Zeit als Eroberer des Lebens vorzustürmen sich anschickten, ergriff leidenschaftlich diese Lage der Dinge. Weltverbesserer waren sie alle, die Jungen von damals, Sozialisten des Herzens, die tief für die Erniedrigten und Beleidigten empfanden. Das war das Bild, das sie vor Augen hatten: eine Welt voll Jammer und Verelendung auf der einen und voll Roheit und Genußgier auf der anderen Seite. Das war das wahre Gesicht des Lebens, und das wollten die naturalistischen Dichter geigen: eine Welt, reif zum Fallen. Für diese Kämpfe aber hatte dieser Jugend eine andere Macht der Zeit die Waffen gehäm­mert: die Naturwissenschaften. Das wissenschaftliche Denken mar frei geworden, war führend geworden, und an Stelle alter, geistiger Auffassungen war die natürliche Erklärung aus Ursachen getreten. Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft ging so weit, daß man das Geistige überhaupt negierte. Die Denkweise der Zeit war rein materialistisch, wie auch das allgemeine Lebensintereffe dem Materiellen zu­gewendet war. Die Wissenschaft lehrte die Abhängigkeit Individuen von den materiellen Einflüssen der Umwelt, welche die Menschen damals erlebten. Das Materielle war das Wichtige, war das Wesentliche, und von seiner Wandlung hing das Heil ab. So bildete die Jugend der Zeit die Lebens- idoale, die ans Verbesserung der äußeren Daseinsbedingungen hinausliefen, und sie gab diesen Idealen die Formulierung der Wissenschaft. Der historische Materialismus sozialistischer Färbung war ihr Glaubensbekenntnis.

Wir begreifen heute diese enge Denkwesie nicht mehr. Aber in Mackays Jugend war sie Macht, und sie bedingt die