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Seite 4 Morgen-Ausgave, 1. Blatt.

Kirchham. Regierungsbezirk Kassel). Sofern die Wahl die Bestätigung des Landrats findet, tritt zum erstenmal ein Be­rufsbürgermeister an die Spitze unserer städtischen Ver­waltung.

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kt. Idstein. 3. FeSr. Dem Nachtwächter von Wüstems oassierte neulich nachts ein drolliges Erlebnis. Es begegnete ihm nämlich während seines nächtlichen Runoganges durch den Ort ein — Schwein, ein herrenloses Schwein. Der pflichttreue' Mann rief etliche Leute aus dem Schlaf zur Rekognoszierung des landfremden Tieres. Da es niemand trotz vielfältiger Begutachtung erkannte, brachte inan es rn -inen zufällig leerstehenden Stall. Am nächsten Morgen stellte es sich heraus, das-, es des Nachtwächters Schwein selbst war. das sich heimlich von zu Hause entfernt hatte und nun seinem Herrn diesen viel belachten Streich spielte.

8. Marienberg, 3. Febr. Wie verlautet, hat Geheimrat Landrat B ü ch t i n g zu Limburg seine Stelle als Vorsitzen­der des Berkehrsausschusses vom „Westerwaldklub" wegen zu vieler anderer Arbeiten niedergelegt. Sein Nachfolger ist Landrat Freiherr M a r s ch a l l v. B i b e r st e i n zu Monta­baur geworden. Hoffentlich behält Herr Büchting sein Amt als Vorsitzender des Klubs. Seinen Rücktritt von diesem Amt würde man auf dem Westerwald sehr bedauern.

= Dillenburg, 3. Febr. Die Stadtverordneten- Versammlung beschäftigte sich mit einigen von der Bau- und der Finanzkommission vorbereiteten, . für die Etrts- beratung bestimmten Vorlagen, welche fast sämtlich Annahme fanden. Es wurden bewilligt 9400 M. für die Legung eines Kanals in der Wilhelmstraße, welche Kosten sich durch die Be­nutzungsgebühren vollständig verzinsen; ferner 6400 M. für den Ausbau des unteren Teils der Poststraße nebst Bau einer Kaimauer an der Dillseite; für Schaffung eines Bürgersteigs an der Hohl 2000 M., von welcher die Hälfte durch Anlieger­beiträge wieder eingezogen wird; 800 M. für die Instand­setzung des Paradeplatzes vor dem Archivgebäude; 200 M. für die Errichtung einer Badehütte für Schulkinder. Bei der Be­schlußfassung über weitere Mittel zur Überwölbung des Marbachs wird die Inangriffnahme dieser Arbeit in diesem Jahr gefordert. Für bauliche FnstandsetzungSarbeiten am Wilhelmsiurm werden im ganzen 2000 M. bewilligt. Die Umpflasterung der Marktstrahe soll erst erfolgen, wenn die Anlieger ihre Treppen vor den Häusern auf ihre Kosten be­seitigt haben; schon bis zum 1. April d. I. hat der Magistrat über den Stand dieser sich schon Jahre hinziehenden Ange­legenheit zu berichten. Die Kanalgebühren werden in seit­heriger Weise, nämlich 1 y 2 Prozent vom Nutzungswert, auch für 1914 festgesetzt.

klus der Umgeduntz.

Die Hamburger Kasernenfrage.

Kt. Bad Homburg v. d. H., 3. Febr. Die seit Monaten herrschende Ungewißheit über den Platz der zukünftigen Kasernen-Neubauten erregt die Bürgerschaft in steigendem Maße. Im Vordergrund stand bisher ein Gelände an der Saalburgstraße, das auch schon die Genehmigung des Kaisers fand und für das zahlreiche Gründe hygienischer, finanzieller, wirtschaftlicher und militärischer Art sprechen. Vor kurzem tauchte jedoch ein neuer Plan auf, nach dem die Neubauten hinter dem Güterbahnhof erstehen sollen. Gerüchten zufolge soll von einem reichen Herrn dort bereits ein großes Gelände angekauft sein. Durch Anhandgabe hat sich der Vermittler dieses bis zum 1. Juli gesichert, so daß demnach Aussicht be­steht, daß die Kasernen hier erbaut werden. Gegen dieses Projekt herrscht in der Stadt durchweg Erbitterung, da die weitesten gewerblichen Kreise dadurch schweren Schaden er­leiden. Um über diese Fragen, die für Homburg von ein­schneidendster Bedeutung sind, Klarheit zu erlangen, wurde heute an den Magistrat eine Interpellation gerichtet, die vom Stadtverordneten Kappus eingehende Begründung erfuhr. Oberbürgermeister Lübke erklärte, daß die Stadt dem Kriegs- Ministerium ein Grundstück an der Promenade angeboten habe, eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Für den Ankauf der alten Kaserne habe Homburg 450 000 M. ge­boten; wertere Zugeständnisse könne die Stadt nicht mehr machen. An die Kaufsumme habe man aber die Bedingung geknüpft, daß die neue Kaserne auf Hamburger Gemarkung gebaut werde. In der Debatte sprach man sich überwiegend für die Bebauung des Platzes an der Saalburgstraße aus, da nur hierdurch Homburgs Interessen gewahrt bleiben können.

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bs. Mainz, 3. Febr. Die alte Mainzer fortschritt­liche Volkspartei veranstaltete gestern abend im „Kötherhof" eine öffentliche Versammlung, in der der Vor­sitzende der Fortschrittspartei in Straßburg i. Elf. Dr. Back einen Vortrag hielt über das Thema: „Die Lage in Elsaß- Lothringen". Die Versammlung war von etwa 150 Frauen und Männern besucht. Der Vortrag selbst bewegte .sich im großen und ganzen auf der Grundlage der durch die Tages­presse hinreichend bekannt gewordenen Vorfälle im Elsaß und bot nur dadurch erhöhtes Interesse, daß er aus dem Munde eines mit den Ber^Ätnissen vertrauten Einheimischen kam. Erne Resolution wurde nicht beschlossen.

M. Frankfurt a. M., 3. Febr. Der Militärfiskus hat jungst den im Bezirk der Handwerkskammer Wiesbaden an­sässigen .Schneidermeistern einen schönen Auftrag zu­gewiesen. Es wurden für über 100 000 M. Schneiderarbeiten an Handwerker vergeben. In den Strafanstalten Preunges­heim und Diez werden fortan keine Arbeiten für Privatunter­nehmer hergestellt, um eine Schädigung des Handwerker­standes zu vermeiden. — Die Kinogesellschaft „Frank­furter Lichtbühne" ist in K o n k u r s geraten. — Einem Transport Kamele, die der Zirkus Carre heute früh nach Ofsenbach bringen lassen wollte, stellte sich an der Konstabler­wache eine Anzahl Schutzleute entgegen, die den Befehl hatten, den Transport zu verhindern. Die Beamten fielen den Tieren in die Zügel, wobei einer der Reiter stürzte und einen Arm brach. Es entstand eine Panik. Die Tiere waren von Tscherkessen und Cowboys begleitet. Ein Tscherkesse wurde sistiert. — FC. Hier wurde gestern eine Gesellschaft für künstlerische Lichtbildkultur, G. m. b. H., Sitz Frankfurt a. M., ins Leben gerufen.

=. Frankfurt a. M.. 8. Febm Um einen Kapitalgrundstock zu-' Ermöalichung einer Altersversicherung der Frank­furter bildenden K ü n st l e r zu schaffen, bat sich die hiesige Künstlergesellschaft und der Verein Frankfurter Kunitfteunde zu- sammenaetan In der Festballe soll an zwei Tasen ein Frankfurter Wäldchestag von Anno Dazumal veran­staltet werden Das Fest soll am 25 und 26 April stattfinden.

kt. Bad Homburg v. d. H., 3. Febr. Infolge einer Strom­unterbrechung trat heute abend im gesamten Straßenüahn- betrieb eine mehrstündige vollständige Verkehrsstockung ein. Auch in zahlreichen Häusern, u. a. im Kurhaus, machte sich die Störung unliebsam bemerkbar.

8. Altenkirchen (Westerwald), 3. Febr.. Der G e - schworenen-Berein des Landgerichtsbezirks Neuwied,

MkrkSdsdeAer Donnerstag, 3. Februar 1914.Nr. SS.

der hier eme außerordentliche Generalversammlung hielt, hat mit großer Mehrheit beschlossen, auch in Zukunft zweiter zu bestehen, obgleich staatliche Tagegelder für die Geschworenen beschlossen sind.

Gerichtssaal.

# Berlin, 4. Febr. (Eig. Drahtber'icht) Die Schwurge- richisverhandlungen gegen den Grafen M i e l z i n s k i wegen Ermordung seiner Frau und seines Neffen findet ans Anord­nung des Jnstizministers am 2 3. Februar vor dem zu­ständigen Schwurgericht in Meseritz statt.

Sport und Spitt

* Fußball. Am Sonntag, 3 Uhr nachmittags, tritt auf dem Sportplatz an der Frankfurter Straße die 1. Mannschaft des Wiesbadener Gymnasial-Fußballveveins 1909 der ersten Schülermannschaft des F.-Kl. „Olympia"-Darmstadt gegen­über .

* Eissport. Die Eisbahn auf den Krippen in Biebrich vor dem Strandheim ist. wie uns mitgeteilt wird, wieder eröffnet. Die Bahn hat spiegelglattes Grundeis.

hw. Turngau „Süd-Nassau". Zu der Statistik der Deutschen Tucnerschaft für das Geschäftsjahr 1913 liefert der Gau folgende Zahlen,: In 46 Städten und Ortschaften mit zusammen 100 418 Einwohnern bestehen 52 Turnvereine mrt insgesamt 4887 Mitgliedern (54 Vereine mit 4842 Mitgliedern im Geschäftsjahr 1912). Mithin gehören 4.86 Proz. aller Em- wohner Turnvereinen an. 1600 Mitglieder betätigen stch aktiv bein, Turnen. 16 Vereine pflegen das Turnen schulpflichtiger Kinder, daran nehmen 633 Knaben und 225 Mädchen teil Am Frauenturnen beteiligen sich in 8 Vereinen 159 Frauen sowre Mädchen über 14 Jah.en. Während nur 7 Vereine im Besitze einer eigenen Turnhalle sind, verfügen 19 überfeinen eigenen Turnplatz. 137 Turner sind im Berichtsjahr ins Heer ern- getreten Von 34 Vereinen wurden 110 Wanderungen nnter- iiommcn. und zwar von 12 Vereinen in Verbindung mit Ge­ländesvielen. In 5 Vereinen bestehen Schwimmriegen und ttt einem eine Fechtriege. Neu beigetreten stich dem Gau die Tgm. Eltville und der Tv. Welterod. Ansgetreten sind zufolge Übertritts in den nengeg-ründeten TaunuKgau, die Vereine Wehen, Hahn, Neuhof, Breithardt und Bleidenstadt, Tgs. Die 6 größten Vereine im Gau sind Tv. Biebrich (595 Mit­glieder) , Tarn. Schierstein (380), Tgm. Sonnenberg (250). Tv. Dotzheim (235), Tgm. Geisenheim (233) und Tgm. Rüdesheim (210 Mitglieder)._

Neues aus aller well.

Ein Automobil auf einen Personenzug gefahren. Rade­berg (Sachsen), 4. Febr. Amtlich. Auf dem Staatsstvaßen- übergang am Bahnhof Radeberg fuhr gestern abend em von Dresden kommender Kraftwagen durch dre geschlostene Schranke in den einfahrenden Personenzug 707. Sg, Kraft­wagen wurde vollständig zertrümmert. Ein ,In­sasse. der Mechaniker Lorwarth aus Dresden, erlitt einen Schädelbruch und schwere Knochenbrüche. Er wurde be­sinnungslos in das Radeberger Krankenhaus übergeführt, wo er bald verstarb. „

Ein Theaterskandal in Prag. Prag. 2. Febr. Im tschechischen Nationalrheater ist es heute abend zu einem regel­rechten Theaterskandal gekommen. Es sollte crn Ballett „Rokoko" von dem hiesigen Tanzmeister August Berger anf- gesührt werden, dessen weibliche Hauptrolle als Gast die italie­nische Primadonna Frl. Gaetana Azzolini spielte. Kurz nach Beginn der Aufführung erhob sich auf der Galerie wüster LÄ.in. es wurLe gezischt, gepfiffen iwtb seiohlt. SenwreLstucke, Orangen-, und Apfel schnitten wurden auf die Buhne geworfen. Ein Teil siel auch in das Parkett und traf Zuschauer Der diensttuende Polizeikommiffar eilte mit mehreren «chMeuten auf die Galerie und nahn, die Hcmptschrmer fest. Es stellte sich he aus daß es zwei slawische Studenten waren. Man nimmt in tschechischen Künstlerkreisen an. daß die Demonstrationen dadurch veranlaßt wurden, daß dre tschechische Prrmcch'onna Frl. Koretzkv sich von der Theaterleitung zurnckgesetzt suhlt.

Zur Mordtat in San Remo. S t n t t g a r t. 4. Febr Der Polizeiberscht meldet: Der angeMche Ingenieur Longfmld-- Wolf der nach Zeitungsnachrichten an der am 30. v. M. m San Nemo verübten Mordtat beteiligt war. wurde am letzten Samstag in der Person des ledigen Mechanckrs Albert Wolf, geboren am 22. Septernber 1894 in Thamm, Obsramt Ludwias- burg (Württemberg) — nicht Thann tn SSasern —, amtlich ermittelt Wolf war bis vor kurzemWahrer wohnhaft und tn dem Geschäft seines Vaters tätig. .Seme angebliche Frau ist ebenfalls Stuttgarterin Wolf hatte sich schon leit längerer Zeit als Sohn eines reichen Ananasplanlagenbesttze's m Sa'utorosn Esgegeben und zuletzt unter Schädigung hwstger Personen auf großem Fuße gelebt. Es ist nicht unwahrschein­lich. daß durch ihn noch meistere Personen als dre bereits fest- gestellten geschädigt worden sind.

Deutscher Reichstag.

vereinsgesetzdebatte.

8 . Berlin, 4. Febr. (Eig. Drahtbericht.) Kaum jemals zuvor Hai der Präsident so häufig wre jetzt der Teilnahme des Reichstags an Katastrophen aller Art Worte leihen müssen. Heute war es der schwere Unfall, der zwei Zentrums­abgeordnete aus dem Weg zum Parlament getroffen hat. — Im übrigen galt der Tag heute ausschließlich der Erörterung über die Handhabung des V e r e r n s g e s e tz e s. Man weiß, daß dieses Hauptwerk des Bülowdlocks von vornherein erhebliche Schönheitsfehler aufwies, aber ohne den Sprachen- Paragraphen beispielsweise hatte sich damals eben das Kam-, promiß nicht machen lassen. Auch tu der heutigen Debatte wurde eigentlich von keinem Redner geleugnet, daß das Ver­einsgesetz einen erheblichen Fortschritt gegen den früheren Zustand bedeutet. Die Klagen richten sich nur gegen den kleinlichen (viele Redner sagten, preußischen) P o l, z e i g e i st bei der Ausführung. Der Pole Laszewski ver­langte recht energisch die Aufhebung des Sprachenparagraphen und des Verbots, der Teilnahme jugendlicher Personen an Vereinen und Versammlungen, und erzählte einige Kuriosa aus der Ostmark, wo man den Gebrauch der polnischen Sprache selbst bei privaten Besprechungen verboten und be­straft habe. Der Sozialdemokrat L e g r e n verlangte nun endlich die bestimmtere Fassung des Gesetzes, kriftuerte die Beschlagnahme der Mitgliederliste des Essener Transport­arbeiterverbands, die er einen politischen Einbruchs- d i e b st a h l nannte, und polemisierte dann sehr lebhaft gegen die polizeiliche Überwachung der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Jugendbewegung. H^rr Marx, der Zentrumsredner, trat für eine authentische Interpretation dessen ein, was unter einem geschlossenen Verein zu verstehen sei und erklärte auch seinerseits sowohl den Sprachenparagra- vhen wie die Bestimmungen Jugendlicher an Versammlungen für antiguiert und überholt. Auch das Jagowsche Verbot der Berliner Schutzmannschaftsvereinigung spielte in allen diesen Reden eine Rolle. — Der Ministerialdirektor Dr. Lewald, der sich für die hier angeschnittene Frage verantwortlich er­klärte, machte sich die Sache ein wenig leicht, indem er, aller­dings unter dem Widerspruch der Mehrheit, der Meinung

Ausdruck gab, die. Klagen richteten sich ja nicht gegen di« Exekutivbehörde, sondern gegen die Gerichte, und dagegen könne er natürlich nichts machen. Der Berliner Polizeipräsi­dent habe merkwürdigerweise den Schutzleuten gegenüber fast zur selben Zeit dieselbe Haltung eingenommen wie sein Londoner Kollege, und einem Polizeipräsidenten müsse man den Schutzleuten gegenüber dieselben Rechte zugestehen, wie z. B. — das war ein Hieb gegen das Zentrum — einem Bischof gegenüber seinen Klerikern. Gewerkschaft oder Sozialdemokratie seien ein- und dasselbe.

Kein Wunder, daß sich die beiden Rechtsparteien, vertreten durch die Abgeordneten vr. v. Veit und M e r t i n, nun erst recht auf das hohe Pferd vollständiger Ablehnung gegenüber allen Anträgen setzten. Für sie sind die Dinge, so wie sie sind, gut. Besonders Herr v. Veit erregte mit seinen Ausführungen den oft stürmischen Widerspruch der Linken. Morgen wird die Debatte, die man ursprünglich in einem Tage hat beenden wollen, fortgesetzt.

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Sitzungsbericht.

Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener TaablaitS".

sitz Berlin, 4. Februar,

Am Bundesratstisch: Staatssekretär des Innern

Dr. Delbrück.

Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 1,18 Uhr mit folgenden Worten: Auch bei Beginn der heutigen Sitzung mutz ich Ihnen eine

unerfreuliche Mitteilung

machen. Die beiden Kollegen Hebel und Puetz sind heute morgen in der Nähe ihrer Wohnung von einem Kraftfahrzeug umgefahren und zu Boden geschleudert worden. Beide sind verletzt und in das St. Heidwigskrankenhaus verbracht wordem Auf meine telephonische Anftage habe ich erfahren, daß das Befinden des Herrn Kollegen Puetz verhältnismäßig gut, da­gegen das des Herrn Kollegen Hebel weniger günstig sei. Ich glaube in Ihrer aller Namen zu sprechen (die Abgeordneten hatten sich erhoben), wenn ich beiden Herren baldige Wieder­herstellung und Genesung wünsche.

Die zweite Lesung zum

Etat des Keichsamts des Innern

wird fortgesetzt, und zwar mit der Besprechung der bei der Generaldebatte zurückgestellten Resolutionen des Zentrums, der Polen und der Sozialdemokraten, betr. das

Bereinsrecht.

Abg. Dr. v. Laszewski (Pole): Der Sprachenparagraph ist ein politisches Ausnahmegesetz gegen die Polen. Wir ver­langen gleiches Recht für alle und fordern, daß es jedem Zu­gehörigen einer bestimmten Nationalität unbenommen bleibt, seine Muttersprache zu gebrauchen, namentlich bei Be­sprechungen mit Stammesbrüdern. Der Sprachenparagraph muß aufgehoben werden. Bon einer freiheitlichen Anwendung des Gesetzes, wie seinerzeit zugesagt war, ist wenigstens uns Polen gegenüber keine Rede. Mit Gewalt kann man ein Land erobern, nicht aber auf die Dauer regieren. (Beifall bei den Polen.)

Abg. Legre« (Soz.): Jede schikanöse Anwendung des Ver­einsrechts soll nach den früheren Zusicherungen des jetzigen Reichskanzlers unterbleiben. Die liberalen Parteien hätten, wenn sie die Entwicklung vorausgesehen hätten, dem Sprachen- parographen sicherlich nicht zugestimmt. Die Polizeibehörde in Essen hat sich eine Abschrift der Mitgliederliste des Trans- portarbeiterverbanides verschafft und die ihm angehörenden Eisenbahnarbeiter denunziert. Die Polizeibehörde hat dabei nichts anderes als einen Einbruchsdiebstahl begangen. (Hört! Hört!) Die betreffenden Arbeiter wurden entlasten. So steht das liberale Vereinsrecht aus.

Auch die Gewerkschaften sind der Einmischung der Polizei ausgesetzt,

da ihre Veranstaltungen als politische angesehen werden. Wir wollen das ganze überwachungsrecht der Polizei beseitigt wissen. Es wird widerrechtlich angewenidet und widerrechtlich von den Gerichten sanktioniert. Es mutet auch höchst sonder­bar an, daß für die schriftliche Genehmigung einer Versamm­lung unter freiem Himmel seitens gewisser Polizeibehörden eine Gebühr erhoben wird, da doch im § 7 des Gesetzes steht, daß ein ablehnender Bescheid kostenftei bleiben soll (Heiter­keit.), somit für eine Genehmigung doch selbstredend auch keine Gebühr erhoben werden darf. Wir verlangen, daß die für politische Vereine gegebenen Bestimmungen auf die­jenigen Vereine zu beschränken sind, welche die Erörterung politischer Angelegenheiten in Versammlungen bezwecken. Heutzutage werden auch alle Sportvereine, die nur lose im Zusammenhang mit der Sozialdemokratie stehen, als politische Vereine bezeichnet, während Turn- und andere Sportvereine der bürgerlichen Parteien unbehelligt bleiben. Ebenso verhält es sich mit den gewerkschaftlichen Organisationen.

Wenn es nach der Polizei ginge, gebe es überhaupt keine unpolitische« Vereine in Deutschland, denn jeder Verein ist gelegentlich gezwungen, zu irgend einer ihn interessierenden Frage in seinem Vereinsorgan Stellung zu nehmen. Auch der Poftzeiprästdent von Berlin, Herr v. I a g o w, hat in diesen Fragen Gutachten abgegeben, von denen man nicht weiß, ob man sich mehr über seine juristische Unkenntnis oder über steinen Mangel an Gewissenhaftigkeit Wundern soll. (Vizepräsident Dr. Paaschc rügt diesen Aus­druck und ersucht den Redner, sich in seiner Kritik zu mäßigen.) In seinem Gutachten über die Zusammensetzung und die Be­tätigung der Generalkommission gibt Polizeipräsident von Jagow einen falschen Bericht. Das Gutachten ist zu ver­gleichen mit einer eidlichen Aussage vor Gericht, und er hätte sich leicht überzeugen können, daß das Gutachten die Unwahr­heit enthält. (Glocke. Vizepräsident Dove: Wollen Sie behaupten, daß der Polizeipräsident unter Eid die Unwahr­heit gesagt hat?) Abg. Legten: Es war nur ein Vergleich. (Heiterkeit.) An den Sitzungen des Aktionsausschusses hat die Generalkommission niemals teilgenommen, wie in dem Gutachten behauptet wird, und dieses Gutachten wird dem Urteil des Oberveüwaltungsgerichts zugrunde gelegt, um die Gewerkschaften zu politischen Vereinen zu stempeln und ihnen die Mitgliedschaft der Jugendlichen zu entziehen. Wie das Reichsvereinsgesetz gehandhäbt wird, das ist Rechtsbeugung. Es ist Zeit, gut zu machen, was an unserer Arbeiterbewegung und an unseren Jugendlichen gesündigt wird. Auch für Deutschland wird die Zeit kommen, wo das wahre Recht an die Stelle der Rechtsbeugung treten wird. (Beifall bei den Soz.)

Abg. Marx (Zentr.) i Es ist höchste Zeit, an eine freiheit­lichere Änderung des Reichsvereinsgesetzes heranzutreten. Auch geaen die christlichen Gewerkschaften und katholischen Vereine'ist zeitweilig von den Polizeibehörden zu Unrecht