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Donnerstag. 3. Februar 1914.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 39. » 62. Jahrgang.
Kngft der Agrarier vor dem Kommenden Mann"!
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Dle „R ordd. A l l g. Z t g." hat am Montagabend den Wortlaut der Rede wiedergegeben, die vom deutschen Botschafter in London, F ü r st e n L i ch n o w s k y, bei der Kaisergeburtstagsfeier gehalten wurde. Vermutlich teilte das Regierungsblatt den Wortlaut dieser Rede deshalb mit, weil letztere am Morgen des gleichen Tages_ von dem Berliner Organ des Bundes der Landwirte in auffälliger Weise angegriffen worden war. Mit emer Heftigkeit, die bloß belustigend wirkte, wenn sie nicht mit einer charakteristischen Hinterhältigkeit gepaart wäre, hat die „Deutsche Tagesztg." jene Botschafterrede ^ in einen gequälten Zusammenhang mrt ernem Artikel des „Standard" gebracht,. um auf dem Wege haltloser Unterstellungen mit handgreif- licher Deutllchkelt den Kaiser gegen seinen Londoner Botschafter e r n z u n e h m e n. Die Zeitumstände, unter denen das Berliner Bundesorgan seinen Pfeil auf den Fürsten Lichnowsky abschießt, verleihen dem extrem-agrarischen Borstoß die ihm sonst fehlende Bedeutung. man spricht seit der Donaueschinger
Konferenz bon einer latenten Kanzlerkrisis und nennt jetzU wo das einstweilige Verbleiben des Grafen Wedel in straßburg angekündigt worden ist, den Reichskanzler als Anwärter für den Statthalterposten. Fürst Lichnowsky aber gilt manchen — gleichviel ob mit Recht oder mit Unrecht — als künftiger Reichskanzler- er hat zu den Vertrauten des Fürsten Bülow gehört und steht in dem Ruse, die staatsmännischen Anschauungen des früheren Reichskanzlers zu teilen. So erklärt sich die Hast, mit der die „Deutsche Tagesztg " versuchte, den liberalen Ideen vielleicht nicht unzugänglichen Diplomaten als „kommenden Mann"- dadurch unmöglich zu machen, daß sie ihn im Lichte eines demokratischen Unitariers und Anhängers des englischen Parlamentarismus zeigte.
Den Vorwand 'dazu mußte teils die Zurückweisung der S o n d e r b c st r e b u n g e n hergeben, vor denen Fürst Lichnowsky in seiner Rede gewarnt hat, teils ein Artikel des „Standard", der vom Standpunkte des britischen Honstitutionalismus und im Sinne seiner deutschfeindlichen Richtung die Art erörtert hatte, wie der Kaiser die Glückwünsche des Reichstagspräsidiums aufnahm. Mit Rücksicht hierauf „befürchtet" die „Deutsche Tagesztg.", daß Fürst Lichnowsky durch seine Äußerung: mitunter müsse sich der Reichsgedanke auf Kosten der Einzelstaaten betätigen — die Auffassungen und die Stellung des Kaisers Mißverständnissen in England ausgesetzt habe; sie wirft ferner dem Botschafter vor, die deutschen Verfassnngsverbältnisse in Vergleich mit den englischen gestellt zu haben, weil er auf englischem Boden von den inneren Verhältnissen des Deutschen Reiches sprach, und krönt diese Unterstellung durch folgenden Zusatz:
„Im Jahre 1896 schrieb der „Standard": der
deutsche Kaiser solle in England eine Unterrichtsstunde in politischer Weisheit nehmen. Auch in dieser Richtung könnten die Ausführungen des Kaiserlichen Botschafters mißverständliche Auffassungen in England erregen. Das wäre besonders bedauerlich."
Zu allen diesen Vorwürfen gibt die Rede des Fürsten Lichnowsky keinerlei begründeten Anlaß. Es ist dem Botschafter gar nicht eingefallen, die deutschen
und die englischen Verfassungszustände zu vergleichen: im Wortlaut seiner Rede findet sich nicht eine einzige Silbe, die dahin gedeutet werden könnte. Fürst Lichnowsky ist bei seiner Warnung vor Sonderbestrebungen ausgesprochenermaßen allein von der Tatsache ausgegangen, daß sich zur Londoner Kaiserfeier die dortigen Deutschen ohne Unterschied des Berufs und der Herkunft zusammengefunden hätten. Hieran knüpfte der Botschafter folgende Ausführungen:
„Qb^. Preußen, ob Bayern, ob Sachsen oder Angehörige eines anderen Bundesstaates, wir betrachten uns alle als Deutsche mit gleichen Rechten, mit gleichen Pflichten und meinen, daß den Interessen des Deutschtums nicht gedient ist durch Sonderbestrebungen, die notgedrungen dem Reichsgedanken zuwiderlaufen. Was Preußen fürs Reich getan hat, ist zu sehr bekannt, als daß es besonders hervorgehoben zu werden brauchte, und auch dadurch anerkannt worden, daß das preußische Vorbild für die anderen Bundesstaaten aus vielen Gebieten maßgebend geworden ist: auf der preußischen Grundlage wurde der Reichsbau errichtet. So soll es auch allezeit bleiben, aber, meine Herren, es wäre eine Verkennung politischer Entwickelungsgesetze, wenn man einem staatlichen Gemeinwesen, nicht dieselben Rechte und Bedürfnisse zuerkennen wollte, die keiner lebenden Schöpfung versagt bleiben können. Der Ausbau der inneren Einrichtungen für die Bedürfnisse des Reiches, die Verschmelzung der Interessen, das naturgemäße Wachstum aller menschlichen Verhältnisse bringt es mit sich, daß der Reichsgedanke mitunter auf Kosten der Einzelstaaten sich betätigen muß. Das deutsche Volk will Weltpolitik treiben und keine Kirchturmspolitik, und ebensowenig, wie die Verhältnisse eines einzelnen sich um 30 Jahre zurückschrau-ben lassen, ist dies bei einem Gemeinwesen zulässig."
Anfang und Ende dieser Darlegung beweisen, daß Fürst Lichnowsky grundsätzlich a Ile deutschen Sonderbestrebungen ablehnt, nicht die preußischen allein. Er tut das aber selbstverständlich nicht aus Abneigung gegen irgend einen deutschen Einzelstaat, sondern darum, weil er auf seinem Auslandsposten einen geschärften Blick dafür hat, daß nur ein durch keinerlei einzelstaatliche Sonderbestrebungen gehemmtes Deutsches Reich die heute notwendige Weltpolitik durchführen kann, und weil ihm auf seinem Au s lan d sp osten nicht entgeht, welche Hoffnungen deutschfeindliche Kreise auf die Belebung des alten deutschen P a r t i k u l a r i s m u s setzen. In beiden Richtungen hat also Fürst Lichnowsky als deutscher Botschafter seine Pflicht und Schuldigkeit getan, wenn er so, wie es geschehen ist, sämtliche deutschen Einzelstaaten vor Sonderbestrebungen warnte. Daß er andererseits nicht die Taktlosigkeit beging, auf der Kaisergeburtstagsfeier dem Kaiser das parlamentarisch regierte England als Muster vorzuhalten, ist bereits oben erwähnt worden. Da aber die „Deutsche Tagesztg., eine solche Unterstellung iii bedingter Form ^orbringt, muß aus der Botschafterrede noch der nachstehende Schluß wiedergegeben werden, der dem Kaiserhoch unmittelbar vor- ausging:
„Ich darf wohl sagen, daß wir m unserem Kaiser
den ersten Patrioten des Deutschen Reiches erblicken, dessen Fürsorge allen Reichsangehorigen ohne Unterschied der Herkunft und des Standes gut und der auch in Zukunft, gestützt auf die E i n h eit 1 1 cf> fett des Oberbefehls wie aus die — ieog seines
Volkes, wie bisher zum Segen des Vaterlandes die Rechte der Krone und die Rechte der Bürger gleichmäßig schützen wird."
Die „Deutsche Tagesztg." tritt mit besonderem Eifer für die Unantastbarkeit der kaiserlichen Kom- mandogewalt ein; sie sollte daher Fürst Lichnowskys Hinweis auf die Einheitlichkeit des Oberbefehls mit ungeteilter Genugtuung begrüßen. Anstatt dies zu tun, behandelt sie den Fürsten Lichnowsky als Illusion s- Politiker, weil er von der englischen Regierung als von einer uns befreundeten gesprochen und bemerkt hat, daß die gemeinsame Arbeit der Großmächte während der Balkankrisis nicht nur die einzelnen Mächte, sondern auch die bestehenden Gruppen einander näher brachte.. Ganz ähnlich aber hat sich sowohl der Reichskanzler in der Reichstagssitzüng vom 9. Dezember wie Graf Berchtold in den Delegationen und Marchese di San Giuliano in der italienischen Kammer geäußert. Die leitenden Staatsmänner haben dabei die Hauptsache, nämlich die Ausrechterhaltung des Friedens während der Balkankrise, im Auge gehabt. Sieht die „Deutsche Tagesztg." hierüber hinweg, um dem Fürsten Lichnowsky Episoden von der Art der deutschen Militärmission in .Konstantinopel entgegenzuhalten, so zeigt sich auch hierin, daß sie die Person des Fürsten Lichnowsky bekämpft, der ihr als „kommender Mann" offenbar schwere Träume verursacht.
Das verrät die „Deutsche Tagesztg." am Dienstagabend selbst auf das deutlichste, indem sie einen zweiten Angriff auf den Fürsten Lichnowsky mit dem Satze schließt: „Derartige politisierende Ausführun
gen sind für einen Botschafter recht bedenklich, zumal wenn sein Name in Verbindung mit einer etwaigen Neubesetzung- des R e i ch s k a n z l e r p o st e n s gebracht wird." — Das Berliner Bundesorgan hat hiermit über den Zweck seiner gegen den Fürsten Lichnowsky gerichteten Stilübungen die wünschenswerte Klarheit geschaffen!
Deutsches Reich.
* Eine Denkschrift über den Donau-Main-Kanal. Das
bayerische Berkehrsminsterium Hai dem Landtage eine Denkschrift über den Donau-Main-Kanal vorgelegt. Es darf nach dieser Denkschrift angenommen werden, daß es mit dem im Gebiet des Donau-Main-Kanals vorhandenen Wasser möglich ist, den Kanal auch nach dessen Erweiterung für den Verkehr von 200-Tonncn-Schiffen genügend zu speisen. Jedoch steht ohne Zweifel fest, daß die Heranziehung neuer Wassergänge zur Kanialspeisung nach den neuen wassergesetzlichen Bestimmungen Schwierigkeiten bieten würde. Die Kosten, die .der Ausbau des Kanals zu einer Wasserstraße für 200-Tonnen-Schiffe erfordern würde, veranschlagt die Denkschrift auf zusammen 52 Millionen.
LC- Über die Frage des Geburtenrückganges bringt Abgeordneter D. Naumannin der neuen Nummer der „Hilfe" einen auf statistische Angaben gestützten Artikel, der zu recht pessimistischen Ergebnissen kommt. Er zeigt, daß auch auf dem Lande seit 1906 ein Sinken der Geburtenziffer eintritt; es handle sich um einen sehr gleichmäßigen von den Städten kommenden Niedergang, dem die Landorte eine Zeitlang in guter Zähigkeit sich entzogen, der nun aber auch eine ländliche Erscheinung zu werden beginne. Als kinderreichste Regierungsbezirke iverden Marienwerder, Bromberg und Oppeln, aber auch die industriellen Kreise Münster und Arnsberg aufgewiesen. Demgegenüber herrscht hohe Säuglingssterblichkeit in den drei erstgenannten Bezirken, aber nicht in
Professor Ehrlich in Paris.
Eine Ehrung des Professors Ehrlich wurde, wie wir bereits berichteten, gestern von Pariser Ärzten und Studenten im Broca-Spiial veranstaltet, ,wo der Frankfurter Gelehrte persönlich evschienen war, um die französische Anwendung seiner Mechode kennen zu lernen. Als er mit seiner Gattin und der Baronin James de Rothschild das Amphitheater des Spitals, das für „Experrmental-Opevationen" vor den jungen
Assistenten und Ssndenten dient, betrat, bereiteten ihm die sich drängenden Mediziner eine stürmische Ovation. Professor Pozzi hieß den deutschen Kollegen in herzlichster Weise will- kommen. Dann hie.t Dr.^Jeanselme, Hauptarzt des Spitals, einen längeren Vortrag, «eit 25 Jahren hatte er sich speziell der Syphilisbehandlung gewidmet und nie auch nur einen
einzigen Fall von kritikfreier Heilung feststellen können. Jetzt arbeitet er seit ^ Zähren mit dem „606" und seitdem ist
kein einziger der als geyerlt entlassenen Kranken wegen eines Rückfalles zurückgekommen. Früher, wenn jemand das Unglück hatte, von der schreck.ichen Krankheit befallen zu werden, kam er zu seinem Arzte und fügte ihm ungefähr: „Doktor, nehmen Sie mich iss Eehandiung; ich meiß zwar, daß dies Leiden nicht heilbar ist; ober tun «,e wenigstens alles, daß ich mit meiner Feindin, so gut es geht, leben kann." Heute verlangt der Kranke in bestimmtestem Tone: „Befreien Sie mich vollständig von diesem Leiden. Diese veränderte Sprache der Kranken ist ans die Überzeugung znrückznführen, daß das „606" die „avaries" auszutrecken, vermöge. Ist b j e f e Über
zeugung gerechtfertigt? Dr- Jeanselme beantwortet diese Frage mit einer persönlichen Statistik. Seine sämtlichen Patienten, die er zur rechten Zeit und mit einer ausreichenden Zahl von Einspritzungen mit „606 behandelte und die er seit 21/2 Jahren im Auge behieü, befinden sich in der „Schweigeperiode". Sie können nach semer Ansicht als geheilt betrachtet werden. Er versteht unter „Heilung" nicht bloß eine anscheinende, objektive, klinische,sondern den Nachweis, daß jede Bazillentätigkeit ausgehört hat (Reaktion Wassermann usw.). Den Hauptbeweis, daß das Salvarsan Ehrlichs radikal heili, erblickt Pr- Jeanselme in der unbestreitbaren Tatsache von vier Fällen der Reinfektion, die er beobachten konnte. „DaS Salvarsan hat auch noch andere bedeutende Nachwirkungen, nicht bloß für das Individuum, sondern für die Rasse. Ich kenne kein therapeutisches Mittel, das erfolgreicher wie das „606" die tödliche Wirkung
der Syphilis auf Neugeborene ankarupsen könnte. Alle Statistiken stimmen darin überein, daß 75 sg E0 ^ en j; bex Neugeborenen nicht lebensfähig sind, wenn die Mutter syphilitisch ist. Das Salvarsan scheint sie vor ihrem schrecklichen Geschick zu bewahren. Die Methode Ehrlichs ist die beste prophylaktische Waffe, die es gegenwärtig gim . . . Bon den einen mit Mißtrauen, von den andern skeptisch ausgenommen, zählt die neue Methode heute in Frankreich nur noch ganz wenige unversöhnliche und systematische Gegner. Sie gewinnt jeden Tag an Terrain und wird sich endlich allen unparteiischen Köpfen aufzwingen; denn die Wahrheit, aas welche Feindseligkeit sic stoßen mag, überwindet schließlich immer die Hindernisse, die man ihr entgegenstellt."
Auch Dr- Hudelo pries seine Erfahrungen mit dem Salvarsan der Arseno-Benzol-Basis. Professor Ehrlich, der seit 10 Jahren nicht mehr, in Frankreich weilte (damals war er gekommen, um im Institut Pasteur krebsinfizierte Ratten zu holen), - dankte in französischer Sprache sehr gerührt. „Niemand ist Prophet im eigenen Lande", sagte er, „in Paris wurden meine Methode und meine Ideen am besten verstanden und zur Anwendung gebracht. Wenn meine Anstrengungen von Erfolg gekrönt wurden, verdanke ich es zum großen Teil den französischen Medizinern, die vor allem die technischen Einzelheiten der Adereinspritzungen gut verstanden. Dafür danke ich ihnen." Die Pariser Doktoren waren für diese Anerkennung gern zu haben und applaudierten lange — der „Matin" bauscht die Geschichte sogar zu einem prächtigen Stückletn chauvinistischen Eigenlobs auf, als wäre Ehrlich ohne die Franzosen nie durchgedrungen . . . Der „Matin" hat die Kampagne vergessen, die er selbst und andere gegen den Frankfurter „Charlatanismus" geführt hatte. Na, Ende gut, alles gut. Heute wird in der Tat überall, selbst im staatlichen Frauengefängnis Saint-Lazare, nur noch das „606" angewandt. Dr. Emery berichtete Ehrlich, er habe im Rothschild-Spital 918 Kranke mit 3145 Einspritzungen, in anderen Kliniken weitere 3000 Kranke mit rund 25 000 Einspritzungen behandelt und nicht einen einzigen üusall gehabt. Auch er wies auf die Bedeutung des frisch destillierten Wassers hin; Ehrlich habe mit Recht davor gewarnt, aufbewahrtes Destillierwasser zu verwenden. Im Institut,Pasteur wird in der Klinik ebenfalls nur noch das Salvavsan gebraucht. C. Lahm.
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