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„Tagblatt-H-us" Nr. 6650-83.

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Mittwoch. 4. Februar 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 57. » 62. Jahrgang.

Oer hellenische Ministerpräsident Venizelos.

Einer Uon denen, welche seit fast 20 Jahren die Politik aus der Balkanhalbinsel gemacht haben, ist Gast des deutschen Kaisers beim Geburtstagsmahle im Spreeschlosse gewesen: ein Stück weiter auf der Leiter seines, diplomatischen Ehrgeizes.

Als Lohn der Minosinsel wurde Eleutherios VenizeloD 1862 in Kanea geboren. Sein Vater Kyriakos war ein betriebsamer Kaufmann, welcher von den Türken seiner hellenischen Gesinnung wegen verfolgt und endlich von der Insel verbannt worden war. Der frühreife Sohn hatte schon mit 15 Jahren seine Gym­nasial-, mit 22 ferne Universitäts-Studien in Athen vollendet. 1884 in sein Vaterland zurückgekehrt, über­nahm er eine Advokatur und trat 1887 aus Familien­tradition und früh erwachtem Ehrgeiz in das politische Leben ein. Schon jetzt zeigte er sich als gewandter Redner. Seine Volksgenossen beriefen ihn 1889 ins Parlament, wo er zunächst zur Gefolgschaft von Kon­stantin Fuinis gehörte. 1897 erwies er sich in einem neuen Ausstande, einem der unzähligen seit dem griechischen Freiheitskriege, auch als militärischer Führer. Von schmächtigem Körperbau türmte er gleich­wohl bei Malara Fels auf Fels zur gewaltigen Schanz­arbeit und feuerte durch sein Beispiel steine Leute, an. Als die Großmächte mit ihren Flotten eingegriffen hatten, spielte er bei den Verhandlungen eine ziemliche Rolle. In dem kretischen Exekutivkomitee, welches dann die Geschicke der Insel in die Hand nahm, gehörte er; obgleich einer der Jüngsten, bald zu den Führenden. Als Prinz Georg von Griechenland, ein Sohn des Königs Georgias, der Schützling Rußlands, als Groß- kommissar am 22. Dezember 1898 auf Kreta landete, gewann er bei ihm einen großen Einfluß. Als Justiz­minister hat er sich manches Verdienst erworben. Sein Ehrgeiz brachte ihn im März 1902 in politische Diffe­renzen mit dem Prinzen. Venizelos verschwand eine Zeitlang vom kretischen Schauplatze und machte in Europa „Studienreisen". Seine Gegner behaupteten, „ hätte damals mit dein Herzog der Abruzzen wegen Übernahme des Kommissarpostens in Kreta unter­handelt. Der Aufstand von Therison 1905, an, welchen sich Kretas beste Söhne wie Konstantin Fumrs und Konstantin Manos beteiligten, war auf Venizelos als Urheber zurückzuführen. Ein Jahr darauf verließ Prinz Georg die Insel. Politisch hatte der Aufstand den Vorteil, daß Kreta in nähere Beziehung, zum . helleni­schen Mutterlands treten konnte, König Georgios, so­wohl den Großkommissar ernennen als auch Offiziere zur Organisierung einer Miliz entsenden durfte.,. Der Sturz Abd:ul Hamids, welcher zu manchen Umwälzun­gen auf öer Balkanhalbinsel führte, veranlaßte dre Kreter, ihre Union mit Griechenland zu proklamieren. Das Exekutivkomitee, welches wiederum an die Spttze trat beauftragte Venizelos. mit der Leitung der aus­wärtigen Angelegenheiten. Hatten ihm seine Erfolge politische Berühmtheit und in seiner engeren Hermat grobe Popularität gebracht sc riefen sie auch erne

scharfe Opposition hervor. Der politische Kamps kennt weder sonst noch auf der Balkanhalbinsel besondere Schonung. Der greise Michelidakis, ein Mann von großem politischem Ansehen, und eine Reihe von Abge­ordneten, wie Kunduros und Polygeorgis, warfen Venizelos vor, er habe durch seinen maßlosen Ehrgeiz die ruhige, freiheitliche Weiterentwicklung Kretas ver­hindert und den Prinzen Georg ohne Not entfernt. Der Boden der Insel wurde für Venizelos zu heiß. , ^m richtigen Moment hatte nach verschiedenen politischen Umwälzungen die hellenische „Offiziersliga" in Athen ihren Blick aus den feurigen Kreter geworfen. Nachdem sie mit ihm einen heimlichen Pakt geschlossen, geleitete der hellenische Dampfer „Spezia" am 17. September 1910 Venizelos nach Athen. König Georgios verhielt sich nicht ablehnend. War er selbst sowohl wie sein Sohn Georg vor einigen Jahren in Wort und Schrift auch von Venizelos stark angegriffen worden: in der verworrenen Lage, in welcher sich der hellenische. Thron durch das Vorgehen der Offiziere befand, erschien der neue Herr, nachdem er dem König gewisse . Garantien gegeben hatte, als ein Retter in der Not. Die Ereig­nisse folgten einander in der Öffentlichkeit wie ern Theaterconp. Die „Offiziersliga" verschwand, wenig­stens offiziell, in der Versenkung. Ein in der bisheri­gen hellenischen Parlamentsgeschichte noch, nicht dage­wesener Fall trat ein: der König berief den von

Theotokis offiziell empfohlenen Venizelos als, Führer der Parlaments Minorität zur Bildung, der neuen Regierung. Stillschweigend mit allen möglichen gewünschten Vollmachten aüsgestattet, löste Venizelos die alte Volksvertretung unverzüglich auf, setzte Wahlen für eine neue an und schuf sich, ein Meister der Wahl­mache, für die schwierigen politischen hellenischen Ver­hältnisse in kurzer Zeit eine gefügige Partei und ent- sprechende Presse. Das neue Parlament hing durchaus von seinem Willen ab. Die alten Parteien und ihre Führer Maromichalis, Rallis, Theotokis usw. waren vollkommen an die Wand gedrückt. Mit Venizelos' Re­gierung waren für Volk und Dynastie ruhigere Tage gekommen. Sie waren um so wertvoller, da die Um­wälzung in Konstantinopel noch nicht vollkommen zum Abschluß gekommen war. Was die ausländische Presse in diesen Tagen kaum berührt hat, darf als wesent­licher Faktor nicht vergessen werden. Vom ersten Augenblick an war die englische Vertretung in Athen und von ihr beeinflußt, der größte Teil der politisch wertvollen englischen Presse für Venizelos und seine Mission energisch eingetreten. Hochgespannte Erwar­tungen welche in Hellas an wde politische führende Größe herantreten, konnte auch Vemzelos nicht erfüllen. Sie hingen in der Hauptsache Mit den schlechten helleni­schen Finanzen zusammen, die Folge einer jahrzehnte- langen Mißwirtschaft! Immerhin hat sich aber auch auf diesem Gebiet manches unter ihm gebessert. Mit weitschauendem politischem Bücke sah er vor allen Dingen, daß Kellas für alle Umwälzungen, welche auf der Balkanhalbinsel zu erwarten warm militärisch ge­rüstet sein müsse. Eine französische Mmtarmission sür die Armee unter General, Eydoiix und eine englische für die Marine sind zu diesem Zwecke 1911 berufen

Nachdruck verboten.

im Winter.

Von vr- Hans Wantoch (Wien).

Seid) ein Gedanke, jetzt nach dem Norden zu fahren! Aus -tichwort „Reise" gibt die Gesellschaft in diesen rauhen ; die Antwort „Riviera" zurück. „Nizza" und alle die inen Orte südwärts davon bis Ramle und Kairo. Die die des russischen Winters ist nicht in den Erlebnissen leuropas zu finden, sondern nur in seinen Büchern, in frostiger Raureif umpreßt er die Menschen im Zaren- er macht sie zu Alkoholikern, häuft erdrückende Dächer ire Architekturen und bestimmt ihre ganze Lebcnshal- Der russische Winter ist gleichsam der Schöpfender hen Abt. Dennoch kennt man ihn nur vom Hörensagen, ,je brütende Pracht des italienischen Sommers. Auch rlin und in München gibt es in den Hundstagen Hitze i ur ,b im Winter schüttelnde Kälte. Aber es ist ein un- eibliches Ergötzen, im Sakko durch die Gärten von e Carlo zu schlendern, wenn die in der Heimat noch den strapazieren, oder schon den Heübstüberzicher irgendwo andinnvischen Strand zuzuknopfen. wenn Minderbe- :te zu Hause unter 30 Grad stöhnen. Leute, die rn Gedanken gewöhnlich ein paar, Jahrhunderte hinter­sind, haben wenigstens durch den ständigen Wechsel ihres ithaltes drei Monate vor den anderen voraus. Und es Sommers dem Süden zu und im Winter nach Norden dem stimmt man schließlich mit einem imfamen Lachern -acknicht zu. Was kann man tun? Man versteht. Es ist >r 'per Ärmste reist zu kleinen Preisen. Nun ja. Aber lkensch. der zu kleinen Preisen reist, ist auch ein Mensch en Grades, ein Lebewesen niederer Ordnung , , . Na

wirklich, man mutz sich schämen, von dem überlieferten Trott seitwärts zu biegen und dieses, edle Vergnügen des Reifens zu einer Kunst zu steigern, die ihren Stil hat wie jede andere.

Was Hunderttausend berühren, wird abgegriffen und abgeschliffen. Es verliert seine harten Kanten der Charakte­ristik und seine prägnanten Konturen der Individualität. Die Masse nivelliert die Tinge und man kann diese traurige Erfahrung umdrehen: die Masse sucht immer nur das Durch­schnittliche. Zwischen der afrikanischen Küste und den nor­wegischen Fjorden gibt cs Tage in jedem Jahr, die genau dasselbe Gesicht halben tote ein paar Monate frühere oder spätere Tage in unserer mitteleuropäischen Heimat. Die Februar-Atmosphäre in Nizza ist tvieeine späte Aprilluft in Wien, und in Malmö erlebt man mitten im August einen NympheNburger Spätherbst. Atempo stürzt sich der Strom der Amüsementreisenden gerade dann nach Nord öder Süd, wenn er dort die wenigst befremdliche Erinnerung an die Heimat findet. Das Gang- und Gabe-Reiseliche verdeckt und verhängt unserem Blick das Besondere jedes Landes.

Niemals erlebt der Großstädter das Alpendorf, wie es sanft und still und von unsäglich beharrender Ruhe ist. Der Großstädter kennt nur die Sommerfrische, eine für den Tanz­boden lächerlich aufgetakelte Vauerndirn. Das Dorf mit seiner gedämpften Schönheit, die durch Jahrhunderte gewor­den ist, verbirgt sich vor ihm. Das Herrenrecht des Groß- stadtmenschen drängt es zurück und hängt seine modische Maske vor das ehrwürdige Gesicht des Dorfes. In der Som­merfrische findet der Großstädter schließlich nur sich selber, wie er auf Wight und in Venedig zur „Saison" nur sich selber findet. .

Dazu braucht man sich nicht viele I) - Zugs- stnnden vom Haus fortzubemühen. Mit dem Märzklima von Fiesoie und dem sanften Schimmern junggrüner Hügel

worden. Bekanntlich hatte im letzten Türkeirkriege 1897 die hellenische Armee nicht bloß eine Reihe von Niederlagen erlitten, sondern war durch schlechte Vor­bereitung und mangelhafte Führung fast aufgelöst wor­den. Weniger der fremden Leitung als der Einkehr des hellenischen Volkes bei sich ist es zu danken gewesen, daß 15 Jahre später, 1912/13, das hellenische Heer unter der Führung des im In- wie im Auslande stark verleumdeten Kronprinzen Konstantin seine Scharten aufs glänzendste ausgewetzt hat.. Anders wie in Bul­garien war dabei die diplomatische „Leitung, mit der militärischen durchaus auf gleicher Höhe geblieben. So hatte denn Venizelos vom Londoner Friedenskongreß reiche territoriale Erfolge mitgebracht. Dem hochge­spannten hellenischen Nationalgefühl waren sie freilich nicht ausreichend genug. Die bisherigen Nachrichten stimmen darin überein, daß Venizelos, ein zweiter Odysseus, mit neuen Erfolgen von seiner Europareise zu 'einen Penaten heimkehren wird. Was, er in Paris und Berlin begonnen, wird er in Wien ganz erreichen. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß erfahrene Diplo­maten, darunter der Vertreter einer Dreibundsmacht in Athen, vom ersten Augenblick ab Venizelos als einen politischen Scharlatan charakterisiert haben, dem eine günstige politische Lage, niemals seine Fähigkeiten zu vorübergehenden politischen Erfolgen verholfen haben.

Im Verkehr ist der Ministerpräsident Venizelos von großein persönlichem Entgegenkommen. Schreiber dieses bat ihn zum erstenmal gleich nach seiner Landung in Athen am 17. September 1910 zu sprechen Gelegenheit gehabt. Von mittlerer Größe, ziemlich schlanker Gestalt, macht er einen elastischen, jugendlichen Eindruck. Auf seinem Antlitze sind die Züge der hellenischen Rasse weniger scharf ausgeprägt, als es sonst bei seinenLands- lenten der Fall zu sein pflegt. Die geistsprühenden Augen decken Brillengläser. Die Erscheinung erhält damit einen Zug ins Professorenhafte. Sprachlich sehr gewandt, beherrscht er das Französische vollkommen, versteht das Deutsche und spricht es einigermaßen. Sein frisches, liebenswürdiges Wesen nimmt sehr ein. Die ihn länger kennen, halten es für eine angenommene Maske. Dem deutschen Kaiser ist er kein Fremder gewesen. 1911 bat König Georgios seinen, Premier­minister persönlich auf dem Achilleion vorgestellt. 8.

politische Übersicht.

Nasfenschinach.

Die „Mitteilungen der deutschen Kolonialgesellschaft" schreiben:

Wir haben es wiederholt erlebt, daß aus Deutschland junge, nicht nur in kolonialen Fragen unerfahrene Personen einen Briefwechsel mit Negern unserer Schutzgebiete begannen. In der Regel handelt es sich dabei um sogenannte „Liebes­affären". Als vor einem halben Jahr die „Usambara-Post" unter der Überschrift „Weiß-schwarze Liebe" wieder ein solches Schreiben veröffentlichte, waren wir der Ansicht, es läge eine Mystifikation vor, um gegen die Mischehen Pro­paganda zu machen. Denn in jener Zuschrift wendete sich eine „bisher gänzlich Unbekannte" an den „sehr geehrten und

ergötzt Grinzing bei Wien zu Anfang Mai. Aber cs gibt Tage im Arnotal, wollüstig atmende, dampfende Tage, die nirgendwo in der Welt so verglühend keuchen, es gibt Tage an der Themse, die nirgendwo so grau und schwer die Seele belasten. Und aus dieser beklemmenden Melancholie heraus wird uns daS einsilbige, kantige Wesen der Engländer ver­ständlich.

Wer einem Land und seinen Menschen nahe kommen will, muß sie in ihrer spezifischen Atmosphäre suchen. Italien im August, London im November und die Russen im Winter. Auf einmal hat dann der Steinboden in den neapolitanischen Palazzi und die massive Zwiebelkuppel des Kremels orga­nischen Sinn. Auf einmal fügen sich dann Mensch und Land­schaft, jegliches Ding und jegliches Tun harmonisch inein­ander. Volkscharakter erklärt sich aus Volksklima. Zum Ganzen gerundet sind Leute und Land. Ihr Innerstes wird offenbar in der Atmosphäre, die das Innerste gebildet hat. In der Saison aiber sehen sich alle Länder, alle Nationen und alle Städte zum Verwechseln ähnlich. Hie und da schleift ja noch ein Überbleibsel aus der signifikanten Jahreszeit her­über, ein Brauch, eine Tracht, eine Geste. Mer sie sich uns nicht auf. Wir sehen sie bloß, wir müssen sie nicht tun und erleben. Ganz beruhigt können wir bei unserer Kleidung, bei unseren Gewohnheiten und Sitten verharren; Fremdkörper in der Fremde. Zur richtigen Zeit aber gretft das fremde Land in unsere Gewohnheiten. Land und Leute und wir selber sind eins und aus dem Reisevcrgnugen ijt eine Reisekunst geworden, die alle, Schauer und Beschaute, zu einer stilvollen Einheit verschmilzt und uns — selber nun unter dem Bann dieser Fremde — seinem Wesen ganz nahe bringt. Wirklich, es ist trotz maliziösem Lächeln das einzig Richtige, zu kleinen Preisen in ein Land zu reisen, wenn es seine besondere Zeit hat, und nicht, wenn es unserer „Zeit", unserem Klima am verwandtesten ist.