Witsbckenkr Tsgblatt.
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„Tagdlatt-Haus" Nr. 6650-53.
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mittag!
Dienstag, 3. Zebruar 1914.
Morgen 'Kusgabe.
Nr. 55. * 62. Jahrgang.
Die neueste deutsch-tschechische Kusgleichsaktion.
X. W. Wien, 81. Januar.
Die österreichische Regierung hat eine neue Aus- gleichsaktion zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen eingeleitet und aus diesem Anlaß den verhandelnden Parteien eine Anzahl von G e s e tz e n t - würfen über die wichtigsten Ausgleichsfragen ein- gchändigt, die als Grundlage für die weiteren Verhandlungen dienen sollen. Es wird versichert, daß diese Gesetzentwürfe auf Grund von Vereinbarungen ausge- rrbeitet wurden, die bereits in einem früheren Ver- iandlungsstadium zwischen den deutschböhmischen und den tschechischen Parteien getroffen wurden und baß. die Regierung nur in jenen verhältnismäßig wenigen strittigen Punkten selbständig eine Art Mittelweg ein- geschlagen hat, über welche es bisher nicht gelungen ist, eine Vereinbarung zu erzielen. Eigenartig muten diese Gesetzentwürfe an, die am Ende des nunmehr schon ein halbes Jahrhundert währenden Leidensweges der Deutschen in Böhmen aufgepflanzt werden: sie bedeuten die v o l I st ä n d i g e Abdikation von allen historischen Rechten der deutschen Sprache in Böhmen, die v o l l st ä n d i g e Unterwerfung unter die tschechische Landesmehrhe.it und ans ihrem .Titelblatte sollte stehen: Caesar, morituri te sälutant!
Alle einst so stolzen Wünsche der Deutschen in Böhmen hatten sich in den letzten Jahren auf eine einzige Forderung reduziert: Wahrung und Aufrecht-
erbaltnng des reinen deutschen Sprachgebietes! Die neuesten Regierüngspropofitionen er stören mit brutaler Hand auch diese letzte Position. Es müssen nunmehr auch in den rein deutschen Bezirken bei allen Ämtern, Behörden und Gerichten schriftliche und mündliche Einbringungen in tschechischer Sprache vorgenommen und erledigt werden. Die Erledigung muß in diesem Falle ebenfalls in tschechischer Sprache erfolgen. Bshördliche Verfügungen werden auch im deutschen Sprachgebiete tschechischen Parteien in tschechischer Sprache . zugsstellt werden müssen. Tschechische Minoritätsschulen werden mit den deutschen Gemeinden in tschechischer Sprache zu ver- kehren haben. Tschechische Aussagen oder Erklärungen bei deutschen Gerichten und Behörden sind in tschechischer Sprache zu beurkunden. Deutsche Behörden müssen mit tschechischen Gemeinden in tschechischer Sprache verkehren, dasselbe gilt für den Verkehr deutscher Behörden mit tschechischen, auch wenn letztere untergeordnete Behö'-den sind. Es wird also ein deutsches Landgericht mit den tschechischen Bezirksgerichten in tschechischer Sprache verkehren müssen. Mit einem Wort: die
tschechische Sprache ist auch in rein de ut- s ch e n Sprachgebieten gleichberechtigt geworden, der heldenmütige Kampf der deutschen Richter, die sich 'Jakre hindurch wehrten, tschechische Eingaben anzu- nebmen, war ergeblich.
Als n n a n t a st b a r c s Prinzip galt bisher zur alle Regierungen die Anfrechterhaltung der i n n e r e n
Nachdruck verboten.
Saison!
Im Sommer, heißt sie „Season". Denn erstens klingt so ein bißchen Englisch vornehm, und zweitens wendet sich me Season insbesondere an die Fremden, während die Saiion mehr für die Berliner, die angestammten und die eingewam derten, berechnet ist. Die Season ist außerdem für uns noch »m: seltener Vogel, ein fremdes Gewächs, das man im Vorjahre zum erstenmal nach Berlin zu verpflanzen versucht hat iunter uns gesagt, mit nicht gleich allzu großem Gelingen). Die Saison aber kehrt alle Jahre wieder und wird immer langer, immer stürmischer, immer anstrengender. Sie beginnt im November mit den ersten Helden, die in den Ballzaal rufen, und endet um die Zeit der Osterglocken mit den letzten
Frühlingsbällen.
Viele haben geglaubt, daß über der diesjährigen Saison eine sieghafte Flagge weht, die argentinische, und daß man unter - ihrem Schutz Dango, Tango und nochmals Tango tanzen würde. Aber ganz ;o, ich weiß nicht, ob ich sagen M schlimm- oder schön, ist es doch nicht gekommen. Es wird alles nichts nützen, alle Tanzturniere, alle Taiizbreviere und alle ^anzverbote werden den Tango nicht zur Herrschaft bringen. Das Signum unserer Feste ist die Fülle. Wir fühlen uns in Berlin erst wohl, wenn wir unsere Mitmenschen recht nahe fühlen. Versuchen Sie aber einmal Tango zu tanzen, wenn in einem Raum, in dem tau)end Menschen sitzen können, zwei- tausend tanzen sollen! Und versuchen Sie gar einmal, ichon^ Leserin/ dann mit einem ganzer das Spiel zu wagen, der Ihnen eben vorgcstellt worden pt. Der Tango ist eben kein Tanz, sondern eine sportliche Übung. Eine Übung gewiß, dst 'ntzückend aussehcn kann, aber nur, wenn die Ausübenden ganz genau auf einander eingearbeitet sind. Die wahren Slütestätten des Tango sind daher nicht die öffentlichen Bälle,
deutschen Amtssprache auch in nichtdeutschen Kronländern. Es geschah einerseits im Interesse einer einheitlichen Zentralverwaltung des Staates, andererseits, und das war für die höchsten Kreise die Hauptsache, weil man befürchtete, daß ein Ausgeben der inneren deutschen Amtssprache naturgemäß mit der Zeit auch ihre Folgen in der einheitlichen deutschen A r m e e s p r a ch e äußern müßte. Das Beispiel Ungarns und. die Anstrengungen, die dort seit Jahrzehnten gemacht werden, um der ungarischen Sprache die Gleichberechtigung mit der deutschen im Heere zu sichern, boten eine genügende. Warnung. Trotzdem hat die Regierung nunmehr auch diese letzte Position der deutschen Sprache freiwillig aufgegeben: der neueste
Sprachgesetzentwurf verfügt, daß in den tschechischen Bezirken für die Zukunft auch im inneren Aintsverkehr die tschechische Amtssprache zu Anwendung gelangt. Nur der Verkehr mit den Behörden außer h a l b des Landes. mit den Militärbehörden und mit den Zentralstellen bleibt wie bisher deutsch. Es ist richtig, daß dieser Zustand in der Praxis heute schon besteht. Aber das beweist schließlich nur, daß er von s 6s w a ch e n Regierungen nur zu dem Zwecke trotz der deutschen Proteste geduldet wurde, um den Tschechen später ein förmliches Anrecht darauf zu schaffen. Jetzt steht es bereits schwarz auf weiß in der Gesetzesvorlage.
Nicht einmal der Schein des deutschen Sprachgebietes bleibt mehr aufrechterhalten. Nicht nur, daß die innere Amtssprache auch hier nur auf das Notwendigste eingeschränkt und im. äußeren Verkehr die tschechische Sprache gleichberechtigt ist, aucktz die Hauptforderung der Deutschen, daß im deutschen Sprachgebiete Böhmens n u r deutsche Beamte und Richter angestellt werden dürfen, ist dadurch durchbrochen. Die Anwendung der tschechischen Sprache im Parteienverkehr würde an sich schon auch im deutschen Sprachgebiete die. Anstellung einer gewissen Anzahl von tschechischen Beamten bei den Behörden und Ämtern notwendig niachen. Zum Überfluß schreibt jedoch der neue Gesetzentwurf ausdrücklich vor, daß bei den Gerichten auch in leitenden Stellen dafür gesorgt werden muß, daß Verhandlungsleiter Leider Landessprachen mächtig sind. Was natürlich gleichbedeutend ist damit, daß 'auch in deutschen Gebieten tschechische Richter angestellt werden müssen, was in den letzten fünf Jahren nicht mehr der Fall war. Schließlich wird nach dem neuen Sprachengesetzentwurf selbst die L a ritz e s h a u pt st a dt Prag nur in den höheren Instanzen als zweisprachig erklärt, die unteren Instanzen, darunter sämtliche Bezirksgerichte lallen rein tschechisch sein Die SO 00» Deutschen tn Prag sind mit einem Federstrich als rechtlos erklärt und die alte Forderung der Deutschen, daß Prag als Landeshauptstadt zweisprachig sein müsse, 'st f c r ts JJ
gewor- Er hat
In Deutschböhmen lodert schon setzt,
Tage nachdem die Regierungsvorlagen bekannt den sind, der Widerstand gegen sie ans. aber, n i ch t mehr die Kraft . üne _ früher unter der Badeni-Zeit, wo ein ganzes Ministerium, binnen weni- ger Tagen von der deutschen Entrüstung hinwsggefegt
sondern die Klubs und Privatzirkel. _ Man erzählt sich da .Wunderdinge, nicht nur von den Preisen, die gezahlt werden. Und wenn man einmal eine Bwgraph-eniamrnlung derHerrscher in diesem Reich herausgeben wollte, wurde man auf manches interessante Exemplar stoßen. Iw denke da an die Freundin des bekannten Berliner Zeichners, die sich erst in Baden- Baden preiskrönen ließ und dann so viel Hundertmarkscheine täglich als Tanaolehrerin der besten Gesellschaft verdiente, daß sie ihrer Freude darüber Ausdruck geben konnte, sich nun nicht mehr jeden Abend um U Wt anzichen und aufs Bureau gehen zu müssen! An den Referendar, der mit Begeisterung der Jurisprudenz entfloh, und'» einer eleganten Wohnung am Kurfürstendamm mit lanschlgen Resichen Tangöweisheit lehrt! An den Photographen, der urplötzlich im fernsten Osten und in den Bergen der Schweiz Tanzturniere arrangiert und sich dabei als, Manager des überschlanken blonden Meisters der „Eleganz" betätigt, von dem man nicht recht weiß, ob er das schmale Einkommen als schrst-steller, als. Tanzmaitre für die bessere Lebewelt vermehrt oder seinem „verdienstlichen" Wirken als- Tangoprophet -durch die Schriftstellerei ein schöneres Relief zu verleihen, sucht-
Auf der Bühne freilich leuchtet der Tango immer noch im hellsten Glanz. Im Thaliatheater erlebte die „Tangoprinzessin" schon über 100 AufführungLn, obwohl die Darstellerin der Titelrolle in dem prächtigen Ensemble deS Theaters durch ihre Unfähigkeit ungewöhnlich auffallt (es wäre ein interessantes Kapitel zu untersuchen, wie das hübsche Mädchen an diese Stelle gelangt ist). In den Uniontheatern wurde der Tangorausch auf dem Film lebendig. Im Walhallatheater brennt lichterloh auf -der Bühne das „Tanaoficber": Aber
auf den Bällen tritt er doch sehr in den Hintergrund. Nicht nur auf -den vornehmen, deren Publikum aus Pflicht oder Neigung nach dein kaiserlichen Verbot sich richtet. Es ist selbstverständlich, daß beim Presseball vom Tango nicht die Rede fein wird. Dieser Ball ist ja stets ebenso vornehm wie
wurde. Es ist richtig, daß einenwTeile des Ausgleichs- Elaborates auch die deutschen Abgeordneten zugestimmt haben. Sie waren aber dazu gezwungen, weil sich bisher noch alle Regierungen offen oder im geheimen auf die Seite der Tschechen gestellt.haben und weil sie die traurige Erfahrung gemacht haben, daß ihre Position dadurch bei den Ausgleichsverhandlungen von Jahr zu Jahr schlechter wird. Außerdem weiß jeder, daß das, was jetzt unter dem Titel Ausgleichsverhandlungen von der Regierung in Szene gesetzt wird, nur mehr ein Scheingefecht bedeutet. Der l e tz t e A k t der Tragödie der Deutschen in Böhmen hat begonnen: die Regierung wird, gleichgültig ob sich die Parteien in Böhmen einigen oder nicht, den Ausgleich in Böhmen auf Grund des Notparagraphen durchführen, ebenso, wie sie mit kaiserlichem Patent im Vorjahre die Verwaltungskommission' eingesetzt hat. Mit Böhmen fallen die letzten Reste der deutschen Vormacht- st e I l u n g der Deutschen in Österreichs überhaupt, weil das gegebene Beispiel naturgemäß früher oder ^später auch in den übrigen gemischtsprachigen Kronländern Nachahmung finden muß. Morituri te salutant!
politische Übersicht.
Halbes Entgegenkommen.
Man sieht bereits, wie sich der Reichskanzler in seiner schwierigen Stellung zwischen der Reichstagsmehrheit und den von rechts hier, aus dem Preußenbund, wie von höhergestellten Personen ans ihn eindriugenden Tendenzen zu helfen versuchen wird. Die Änderung der Dienstvorschrift von 1899 soll die Forderung der Mehrheit nach be- stinimter Abgrenzung der Zuständigkeiten der bürgerlicher und der militärischen Gewalt beschwichtigen, ohne daß diese Forderung selbst auf r e i ch s.g e s e tz l i ch e m Wege erfüllt werden wird. In der Sache soll also ein gewisses Entgegenkommen geleistet werden, in der Form aber nicht. Sonst geschieht zumeist das Entgegengesetzte,, und wenn es zunächst so ausfehen könnte, als ob der jetzt beabsichtigte Ausweg zu befriedigen vermöchte, da es doch -schließlich auf die Sache und nicht auf die Form ankoimnt, so scheint es nur so; der Reichs- tagsmebrheit wird das bittere Uxfühl bleiben, wieder einmal vor ein schroffes Nein gestellt werden zu sollen. Was indessen die Nachprüfung der Dienstvorschrift von 1899 betrifft, so kann man nunmehr doch wohl in der Tat annehmen, daß sie. nrit der Kabinettsorder von 1820 endgültig aufräumen wird. Es war schon vor der vom Kaiser angeordneten Nach-- prüfuny bekannt, daß im Justizministerium Zweifel an der Rechtsgültigkeit der Kabinettsorder von 1820 bestehen. Wenn setzt in die zur Nachprüfung eingesetzte Kommission auch Mitglieder des . Justizniinisteriums wie des Reichsjustizamts berufen worden sind, so läßt sich mit ziemlicher Zuversicht erwarten, daß das Ergebnis die Ungültigkeitserklärung der Kabinettsovder sein wird. Als wesentlich kommt aber in Betracht, daß die Dienstvorschrift über den Waffengebrauch des Militärs im Frieden im Einklang mit den entsprechenden Vorschriften in anderen Bundes st aaten gehalten werden soll. Nun kennen weder Bayern noch Württemberg ein selbständiges Einschreiten der militärischen Behörden ohne vorangegangenes Ersuchen durch
langweilig, obwohl das nicht immer identisch sein mutz. In diesem Jahr aber übertrifft er sich selbst an Glanz, da der Kronprinz erscheint. Es ist ein bißchen seltsam für das objektive Empfinden, daß der Thronfolger just eben, nachdem er eine so ungewöhnlich schlechte Presse gehabt hat, zu diesem Ball erscheint, und es wäre vielleicht im beiderseitigen Interesse besser gewesen, man hätte in diesem Jahre auf einander verzichtet. Obwohl es nach der Erklärung des Kronprinzen in einem Berliner Blatte ruhiger um ihn geworden ist und vielleicht wirklich nur wenige Leute wissen, wie weit ihn bei dieser Erklärung sein Gedächtnis unterstützt oder im Stiche gelassen hat. (Mackensen ist Soldat und plaudert nicht, selbst 'wenn, .es heißt: „Vorläufig noch Kaiserliche Hoheit!") Aber ich fürchte, der hohe Besucher des Presseballes wird nur zu bald über die Wirkung dieses Besuches sich enttäuscht sehen.
Schließlich führt ja auch der Presseball im Grunde seinen Namen daher, daß die Presse von der Menge der anderen Besucher bei Seite gepreßt wird. Man macht ihn zur Not einmal mit, um ;i>a§ glanzvolle Bild gesehen zu haben, verzichtet aber dann für alle Zukunft gern auf die grenzenlose Öde eines solchen Abends und stürzt sich mit weitgeöffneten Armen in den Strudel der anderen Vergnügungen, welche die Saison uns bietet. Sie wachsen wie die Pilze aus der Erde, und zu den alten gesellen sich immer neue. Die jüngste Nme trug das Deutsche Opernhaus in die Saison hinein. Es ließ den alten Opernball auf seine Art Widder -aufleben und mit einem Erfolg, der dem Fest für die Zukunft die regelmäßige Wiederholung sichert. Für den Balltiger bot sein Publikum ein besonderes Interesse. Obwohl man sehr viel gutgekleidete Frauen sah, fühlte man sich in einer Wmospbäre ao;ol>itester Bürgerlichkeit. Mit großer Begeisterung wurden die künstle- lerischen Darbietungen ausgenommen, insbeiondere die köstliche Vorführung der Opernlöwen durch 'den Komiker Joseph Plaut, der sich im Sturm einen Namen in Berlin erobert hat.
Mit dem Mut der Jugend batte das Deutsche Opernhaus
