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.»Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Nr. 54. * 62. Iahrgang.

Montag, 2. Februar 1914.

Kbend-Ausgabe.

Oer Regierungswechsel in Elsatz-Lothringen.

Das „Wolfssche Telegraphen-Bureau" meldet: Wie schon bekannt, hat sich der Statthalter von Elsaß- Lothringen Graf v. Wedel auf Wunsch des Kaisers be­reit erklärt, noch einige Monate auf seinem Posten zu bleiben. Dem Staatssekretär Frciherrn Zorn von Bulach wurde die nachgesuchte Dienstentlassung unter Verleihung der K r o n e zum Roten A d I e r o r d e n erster Klasse erteilt. Auch ist er vom Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats in die Erste Kammer des elsaß-lothringischen Landtages berufen worden. Ferner hat der Kaiser bei Genehmigung ihrer Abschiedsgesuche dem Nnterstaatssekretär Pr. Petri den Königlichen Kronenorden ersten Klasse und dem Unterstaatssekretär t>r. Mandel den Stern zum Roten Adlerorden zweiter Klasse verliehen. Unterstaatssekretär Köhler wird in seinem Amt verbleiben. Zum Staats­sekretär von Elsaß-Lothringen ist der Oberpräsidial­rat Graf v o n R ö d e r n in P o t s d a m ernannt worden. Er wird auch die Leitung der Abteilung des Innern im elsaß-lothringischen Ministerium über­nehmen. Zum Leiter der Jkbteilung für Landwirt­schaft und öffentliche Arbeiten, die bisher vom Staatssekretär geleitet wurden, ist der zum Unterstaats­sekretär ernannte bisherige Vortragende Rat im Reichs» nmt des'Innern Geh, -Oberregierungsrat Freiherr v. Stein ausersehen. Tie Entscheidung über den Rach'olger des Unterstaatssekretärs Pr. Petri ist noch Vorbehalten.

Die neuen Mcinner.

Graf v. Rödern.

'■ Berlin, 1. Febr. Oberpräsidialrat Graf v. Rödern in Potsdam ist am 27, Juli 1.870 als Sohn des Oberstleut­nants Graf v. Rödern ist Marburg geboren. Nach Vollen­dung ferner Studien war er zuerst Regierungsassessor beim Landratsamt in Freienwalde und dann wenn Oberpräsidium in Posen beschäftigt. 1803 zum Hilfsarbeiter in die Abteilung des- Etats- und Kastenwesens im Finanzministerium berufen, wurde er 1605 zum Verwalter des Landratsamtes des Kreises Niederbarnim und im selben Jahre noch zum Landrat des Kreises ernannt. Seit 1911 ist er Oberpräsidialrat in Potsdam-

Der günstige Eindruck in der Presse.

Dem neuen Staatssekretär geht ein guter R u f voraus. So schreibt das „Berliner Tageblatt": „Diejenigen, die den Grafen Rödern kennen, rühmen ihm vortreffliche Eigenschaften nach und versichern, er sei nicht allein ein sehr geschickter und schnell erfassender Verwaltungsbeamter, son­dern auch versöhnlich, weltgewandt und keineswegs ein Mann von sch ro ff j un k c r l icher Art, Auch mit dem Berliner Magistrat hat er immer in den besten Beziehungen gestanden." — Die „B o s s i s ch e Zeitun g" sagt: „Wenn auch wie-Wahl des künftigen Statthalters nach der einen oder anderen Richtung einen Kurswechsel bedeuten kann, was aber keineswegs anzunehmen ist, so dürften sich jedenfalls irgend­welche Hoffnungen auf ejne Vergeltu n gspolit i k nicht erfüllen. Graf Rödern ist eine zielsichere und durchaus selbständige Persönlichkeit und dabei von liebenswürdigem und entgegenkommendem Wesen." -—Der „B er l ine r Lokal-Anzeige r" sagt: „Die Bereitwilligkeit des Grafen Wedel, noch einige Monate an der Spitze.der Regierung aus­zuharren, bietet eine der elsaß-lothringischen Bevölkerung ge­wiß sehr wertvolle Garantie für die Kontinuität der Ver-

Bom Berliner Presseball berichtet die „Franks. Ztg.": Als am Samstagabend kurz vor Mitternacht auf dem Preste- ball diese Ernennungen bekannt wurden, sind sie von vielen Sachkundigen besprachen worden, denn alles, was von Zabern stammt, beherrscht nach das Interesse. Da fanden sich alle kündigen Beurteiler beisammen, der R e i ch s k a n zl e r, Minister Delbrück, die meisten Staatssekretäre und Minister. Berliner Stadt^iter und Mitglieder der Pro­vinzialverwaltung. Es hieße nur die Wahrheit konstatieren, wenn man feststellt daß über die Auswahl dieser neuen Minister für die Reichslande eigentlich mit eine Stintmc besteht, und daß diese Stimme bestätigt, was Herr von D e t h man n - H o 11 ® c st. der sorgende Vater der elsaß­lothringischen Verfassung, ssdem, der es hören wollte, sagte: „Wir haben nicht einen Augenblick daran gedacht, etwa soge­nannte scharfe Männer nach den Reichslanden zu ent­senden. Wir haben das Beste und Tüchtigste gesucht, auch Wert gelegt auf die Fähigkeit freundschaftlichen Umgangs und auf ^das Verständnis für süd-

deutscheEigenart.

Frhr. v. Stein.

Ter neue elsaß-lothringische Unter st aatssekretär Frhr. v. Stein begann seme Laufbahn im bayerischen Staatsdienst, wo er zunächst als Regierungsassessor in Würz­burg tätig war. Dann trat er rm Jahre 1903 als Hilfs­arbeiter heim Reichsamt des Innern ein und wurde während dieses Kommissoriums rum Bezirksomtmann befördert. Im

Mai 1805 erfolgte dann seine Ernennung zum Geheimen Regierungsrät und Vortragenden Rat im Reichsamt des Innern. Was Staatssekretär Delbrück von ihm sagte, das läuft ungefähr darauf hinaus, daß er keinen Besseren zu ent­senden wüßte. Frhr. v. Stein ist ein Schwiegersohn des früheren Staatssekretärs Graf v. Posadowsky.

Der Empfang beim Kaiser.

wh. Berlin, 1. Febr. Der Kaiser empfing im Schloß den zum Staatssekretär von Elsaß-Lothringen ernannten Oberpräsidialrat Grafen v. R ö d e r n und den künftigen Leiter der Abteilung für Landwirtschaft und öffentliche Arbeiten im elsaß-lothringischen Ministerium, Geh. Oberregierungsrat Frhrn. v. Stein.

Der Reichskanzler doch noch als Statthaltcrkandidat?

wb. Straßburg, 2. Febr. In politischen Kreisen nimmt man immer mehr an, daß Graf Wedel nur der Platz­halter auf dem Statthalterposten für den Reichskanzler von Bethmann-Hollweg ist, dessen Ernennung man nicht un­gern sähe, da man meint, daß er persönlich viel für Elsaß- Lothringen übrig habe.

*

Eine bemerkenswerte Auslassung des Bischofs Zorn v. Bulach.

Köln, 31. Jan. Die „Köln. Volksztg." veröffentlicht eine Zuschrift des W e i h b i s ch o f s Zorn v. Bulach, eines Bruders des Staatssekretärs für Elsaß-Lothringen, worin er mitteilt, daß er die Absicht hatte, unter dem Titel „Eine ernst­friedliche Stimme" eine Schrift über die Zaberner Vorgänge herauszugeben. Nachdem diese Schrift bereits in Druck ge­geben war und er Kenntnis genommen hatte von den Debatten des Reichstags am 21. Januar, sei er zu der Ein­sicht gekommen, daß S ch w e i gen unter diesen Umständen vorzuzichen sei. Um aber Mißdeutungen vorzubeugen, sehe er sich gezwungen, seinen Gefühlen kurz Ausdruck zu geben. Der Bischof fährt fort: 1. Es hat mich als Elsaß-Lothringer geschmerzt und verletzt, daß durch bedauerliche, aber mensch­lich natürliche Vorgänge meine lieben Landsleute in Alt- dcutschland v i e l s a ch v e r k a n n t und verurteilt worden sind. Man sollte sich vor Übertreibungen und Verall­gemeinerungen hüten. 2. Als Mitglied der Ersten Kammer des Landtags für Elsaß-Lothringen und als Sohn eines Mannes, der zu den Pionieren der elsaß-lothringischen Auto­nomie gehörte, der von dem Gefühl getragen und von dem Wunsche beseelt war, Elsaß-Lothringen zu einem vollständigen Bundesstaat erhoben zu sehen, würde ich es tief bedauern, wenn dieses schöne Werk durch Schwierigkeiten, welche nach Gewährung der neuen Verfassung entstanden sind und übrigens für den Politiker vorauszusehen waren, gefährdet werden sollte. Ich würde es besonders, bedauern, wenn das von einer gewissen Seite für das einzig richtig erachtete System der st a r,k e n Hand in dem Sinne zur Geltung kommen sollte, daß man die Eigenart der E l s a ß - L o t h - nng er nicht in dem nötigen Maße würdigt und mit Gewalt größere Erfolge erwartet würden als von der mit rücksichts­vollem Verständnis und mit Milde verbundenen Festigkeit. Das snnviter in incxlo ist besonders im Reichslande zu empfehlen.

Versetzung des Obersten o. Reuter und Leutnants v. Zorstner.

wb. Berlin, 2. Febr. Oberst v. Reuter ist als Kom­mandeur des Grenadier-Regrments Prinz Karl von Preußen (2. Brandenburgisches) Nr. 12 nach Frank­furt a. d. O. und Leutnant Frhr. v. F o r st n e r in das In­fanterie-Regiment Graf Schwerin (3. Pomrnersches) Nr. 14 nach Bromberg versetzt worden. — Die Order des K a i s e r s, durch die dem Obersten v. Reuter persönlich seine Versetzung mitgeieilt wird, ist ihm am Sonrrtagnachmittag zugegangen. Der „95. L.-A." bemerkt dazu: Der Oberst v. Reuter tritt da­mit an die Spitze eines durch seine ruhmvolle Kriegsgeschichte weit bekannten Regiments, -rce Versetzung erhält noch dadurch eine besondere Bedeutung, daß einft sein Vater an der Spitze des Regiments im Jahre 1870 auf reichsländi­schem Boden einen ehrenvollen Soldatentod gefunden hat. Wenn eine Versetzung des Obersten v. Reuter im Interesse der Beruhigung der Gegensätze vielleicht manches für sich hat, so ist sie doch in einer Form erfolgt, die für ihn durchaus

ehrenvoll ist.

Die Lage in Zabern.

* Zabern, 2. Febr. Kreisdirektor Mahl hat gebeten, von einer vom gesamten Kreis Zabern geplanten Sympathie­kundgebung für ihn abzuseh e n. Das Zaberner Kasino, dem die Offiziere des Regiments 89 sowie die in Zabern wohnenden Beamten, zumeist Reserveoffiziere, angehären, hat Oberst v. Reuter ersucht, seinen Austritt zu erklären.

Eine Entschließung des Reichsvcrbandes der Vereine der

»ationalliberolen Jugend

lautet wie folgU „Nach der Beleuchtung, die die Zustände im Reichsland, im Verlauf der Zaberner Angelegenheit erfahren haben, erwartet der Geschäftsführende Ausschuß des Reichs- verbandcs der nationalliberalen Jugend von der Reichsregie­rung, daß sie mit der stetigen aber energischen Ver­waltung, die bisher immer vergeblich angekündigt wurde und die jetzt der Kanzler wieder versprochen hat, endlich E r n st mache. Sie wird sich dabei eine energische Unterdrückuna

nationalistischer Hetzereien mit allen Mitteln.ebenso angelegen sein lassen müssen, als eine der Stammes­eigenart entsprechende verständige und liberale Behandlung der Bevölkerung."

Eine deutsche Familie von Fanzöslingen auf reichS- ländischem Boden belästigt!

Über einen neuen krassen Übergriff nationalistisch ge­sinnter Elemente in einem elsäjsischen Städtchen wird uns von einem Wiesbadener Herrn aus Südfrankreich geschrieben: „Ich befand mich auf der Reise nach Nizza, wo ich 3 Monate zu bleiben gedenke. E h e wir aber die d e u t s ch e G r e nze verließen, zwang uns die hereinbrechende Dunkelheit, in einem elsässischen Städtchen, Sonnheim, zu übernachten. Wir hatten das Auto untergestellt und begaben uns nach dem Abendessen zur Ruhe. Um 12 Uhr nachts etwa zog eine an­scheinend halbbeirunkene Banide vor das Hotel und begann zu rufen: „Da sind Schwobeköpf drin! Les Prussiens!

A la mort!“ Diese Rufe wiederholten sich fortwährend von der Menge, die darauf begann, gegen unsere Fensterläden mit Steinen zu werfen; einer kletterte an der Hauslaterne hoch. Diese Beschimpfung dauerte etwa }/£ Stunde, bis endlich ein Polizeiaufgebot erschien und die Menge zerstreute. Es ist bezeichnend, daß die Bevölkerung dort, in einem Ort, der nun doch schon über 40 Jahre deutsch ist, unter sich aus­schließlich Französisch spricht, selbst der Briefträger, der die Post brachte. Der ganze Vorgang ist lediglich eine Folge der Z a b e r n e r V o r g ä n g e, die die. Leute "dort stark aufgereizt haben. Aus dem Text der gesungenen Lieder konnte man dieses deutlich entnehmen. Ich muß sagen, daß wir uns wesentlich Wähler, fühlten, als wir auf franzö­sischem Boden angelangt waren."

So der Bericht des Wiesbadener Herren, der zu Viesen anderen ein neues Beispiel bringt für die bekannte Wirkung der nationalistischen Verhetzung im Reichslande. .Wir wiesen schon in dex Sonntag-Ausgabe darauf'hin, welche V er ant- wortung im Interesse einer mit der oben genieldeten Neu­besetzung der leitenden Posten nun hoffentlich eingeleiteten Gesundung der Verhältnisse im Reichsland in Zukunft m i t der Landesvertretung vor . allem der veichslänöischen Presse zugewiesen sein wird, deren nationalistischer Teil außerordentlich viel auf dem Gewissen hat.

Deutschland» England und Portugal.

Die „Wiener Allgemeine Zeitung" meldet von „beson­derer Seite aus Paris: In hiesigen diplomatischen Kreisen werden die Vorgänge in Portugal mit großer Aufmerksamkeit und Spannung verfolgt, da inan hier unterrichtet ist, daß das deutsch-englische Abkommen über die portugiesischen Kolonien knapp vor denc Abschluß steht und daß es von der Entwick­lung der Dinge in Portugal abhängt, ob der Territorialbesitz der portugiesischen Kolonien jetzt schon an Deutschland und England übergeben wird. Das deutsch-englische Überein­kommen besagt, daß Deutschland und England sich dahin ge­einigt haben, die portugiesischen Kolonien in Interessensphären wirtschaftlicher Natur zu teilen, und zwar soll nach dem Ver­tragsentwurf Deutschland die portugiesische Kolonie Angola an der Westküste Afrikas erhalten. Von dem por­tugiesischen Kolonialbesitz in Ostafrika fällt Laurenco Marques mit einem Teil von Mozambique in die englische, der andere Teil von Mozambique in die deutsche Interessensphäre. Goa in Indien wird zur englischen Interessensphäre erklärt. Weiter sind Deutschland und England übereingekommen, daß für den Fall, als es sich Herausstellen sollte, daß Portugal un­fähig sei, die Kolonien zu behaupten, aus der Teilung in Interessensphären eine materielle Teilung der. portugiesischen Kolonien werden soll, d. h., Angola und ein Teil von Mozam­bique würden deutsches Territorium, Laurenco Marques mit dem anderen Teil von Mozambique und Goa englisches Terri­torium werden. England sei es vor allem darum zu tun, nicht neuen Territorialbesitz zu erwerben, als durch Beherrschung der Delagoabai bei Lauranco Marques seine Stellung in Südafrika wesentlich zu verstärken. Die Verhandlungen zwischen Deutschland und England seien so weit gediehen,' daß ein Scheitern derselben als ausgeschlossen gelten kann und man ihrem Abschluß in der allernächsten Zeit entgegensieht.

So weit die Darstellung des Wiener Blattes, die uns immerhin interessant genug erscheint, um mitgeteilt zu wer­den ; obgleich man gerne glaubt, was man wünscht — diese Art der Regelung wäre ja für Deutschland viel günstiger, als die früheren Angaben lauteten —> wird man dieser Wiener Darstellung gegenüber doch viel starken Zweifel sich Vorbe­halten müssen. _ .

Deutsches Reich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser empfing

Samstagabend den Reichskanzler v. Bethmann-Vouweg zum Vortrag. . .

* Zum Gedächtnis des elshundcrtjährisen ^odestagcs Kaiser Karls des Grossen, ihres Schutzpatrons,, hatte die Stadt Aachen festlichen Schmuck angelegt, be>oliders der Marktplatz bietet einen prächtigen Anblick. Die Feier er- öffnete gestern ein Pontifikalamt iin Münster, das von dem Kölner Erzbischof Pr- v. Hartmann zelebriert wurde, an