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Verlag Langgasse 21

Tagblatk-HauS".

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Sonntag, 1 . Sebruar 1914. MOVgEN - KUSgttbb. Nr. 5F. » 62. Jahrgang.

Oie elfatz-lothringischen Schwierigkeiten.

Ein neuer Statthalter und eine neue Regierung sollen in Elsaß-Lothringen einer u h i g e, ein h e i t- l i ch e, gerechte, aber f e st e V e r w a I t u n g" durch- sühren. so hat es der Reichskanzler am 23. Januar aus- gedrückt/ und mit dem Programm kann man auch zu­frieden sein. Man braucht nicht erst .zu unter­suchen, ob die bisherige.Verwaltung, die Eigenschaften, die der neuen angehören sollen, wirklich vermissen lassen, und vielleicht hat Herr v. Bethmann-Hollweg auch gar nicht sagen wollen, daß sie sie vermissen ließ. Wir nehmen das darum , an, weil cs denn doch ein starkes, . diesen! Kanzler nicht zuzutrauendes Stück wäre, von der Regierung des Grafen Wedel , zu be­haupten, sie sei unruhig oder ungerecht gewesen. In­dessen geht jetzt alles so in einem hin, bei dem großen Kladderadatsch in den Reichslanden fragt man nicht länger, wie es war und wieviel Unrecht den abtreten- den Männern angetan worden ist, sondern man richtet vernünftigerweise den Blick vorwärts und fragt so- init, wie es werden soll. Was schwebt nun eigentlich der Reichsleitung bei dem umfassenden Personenwechsel vor? Wir haben in der letzten Zeit so viele Phrasen aufgetischt bekommen, daß uns bei der Fülle der leider selten schmackhaften Gerichte, vollends der Appetit ver­gehen konnte. Das Kernstück, der zäheste Braten auf dem vollbesetzten Tisch, war und ist der vielberufene preußische Geist. Hat doch sogar der Schwabe T h e o b a l d Ziegler das stramme Preußentum, als allein' befähigt zur Herstellung der Ordnung in Elsaß- Lothringen bezeichnet! Der treffliche.'Herr.könnte so reden, weil er fern vom Schuß weilt. Was weiß denn ein. Württemberger, der seit den'Jugendjahren im SüdeU wurzelt . von unseren Regierungspräsidenten UN- Landräten? Gewiß, sie. sind verschieden, sie sind in Ostelbier! wohl anders als im Westen, und es wäre ungerecht, in Bausch und Bogen Stellung zu nehmen. Sic sind so verschieden, wie es preußischer Geist und preußischer" Geist sind. Der preußische Geist, das ist für uns der Geist von 1813, der Geist der Stein und Hardenberg, der Scharnhorst und Gneisenau, der Humboldt und Hippel. Derpreußische" Geist dagegen ist der der unseligen Männer, die erst n ieder gerun­gen werden mußten, damit jene tapferen und klugen Charakterköpfe für die engere und die weitere Heimat so herrlich wirken konnten, daß ihr Ruhm durch die Jahrhunderte leuchten wird. Soll dieser preußische Geist, den wir meinen, in Elsaß-Lothringen walten, so werden wir mit Freud e n z u st i m m e n. Aber so scheint es leider nicht gemeint zu sein, so meinen es jedenfalls die echtpreußischen Leute nicht, die in den letzten Wochen eine so beschämende Hetze betrieben haben, die,, wenn ihnen das Handwerk nicht gelegt wird, draus und dran sind, durch Entfesselung , eines unabsehbar gefährlichenpreußischen" Partikularismus das Reich den schwersten Erschütterungen nahezn- bringen. __

Die Rache des Paschas von Myiilene.

Bon Friedrich Frcksa.

Es war im Jahre 1868, als mein Onkel, der Augenarzt in Könstantinopel war, mit einer Gesellschckft von französi­schen Offizieren eine Fahrt in das Ägäische Meer machte. Das alte berühmte MHtilene auf Lesbos war ihr Ziel. Das Fahrzeug, das sie in Könstantinopel bestiegen, war ein würdi­ges Schiff- das noch die^malerische Besegelung der Nelsonzeit trua, ein als. Dark gekarerter Zweimaster, dessen Segel durch die' mannigfachen gelbbraunen, roten und schwarzen Flicken einen außerordentlich bunten und freudigen Anblick gewähr­ten. Kein Mensch. Härte gegmubt, daß diese Bark vor Zecken einmal ein bilüsaub.eres Holländisches Fahrzeug gewesen wäre. Und bunt wie. die Takelage ,whr auch die Gesellschaft. , Da drängten sich aus dem Vorderdeck griechische und armenische Händler mit ihren Warenpacken neben Maultieren und ein paar Pferden, die trotz oer gefesselten Beine bockten, wenn einmal eine länger rollende Welle Spritzer auf Deck hinauf

Auf dem Hinterdeck hotten sich di- Europäer gelagert; denn in der Kajüie duftete e.- w kräftig nach Knoblauch, Zwiebeln und nach verwesendem Fleisch, £> a g mohl von Ratten herrühren mochte, die i» veroorgenen -Winkeln verreckt waren, daß cs die Gesellschaft vorzog, aus den Deckplanken unter den mitgebrachten Reisezeiten zu f.ampieren. Hinter ihnen am Steuer spannten sich zwe: einfache Ledcrzelte. in denen ein paar Türken von Stand stw einqnartiert hatten. Es waren drei Herren in. einfacher, dunkelblauer, Gewandung; nur die kostbaren Gürtel und die feine Wickelung der altertümlichen

Immerhin wollen wir nunmehr abwarten, was m Elsaß-Lothringen geschehen soll; es bleibt uns ja auch nichts, übrig, als eben abzuwarten. Die größte Schwie­rigkeit wirb immer aus der unklaren staats­rechtlichen Stellung der Reichslande erwachsen. Autonom ist Elsaß-Lothringen nicht, aber eine Provinz ist es auch nicht. Diese Zwitterstellung wird noch sehr lange dauern, damit müssen wir rechnen. Die Verleihung der Verfassung an Elsaß-Lothringen war, obwohl das vorsichtigerweise niemals ausgesprochen worden war und Wohl auch nicht ausgesprochen werden konnte, doch wohl als ein Schritt zur allmählichen Verselbständigung des Landes gedacht. Jetzt, nach Zabern, wäre es u t o p i s ch, sich vorzustellen, daß an den leitenden Berliner Stellen solche Absichten noch vorhanden sein sollten. Aber die Verfassung besteht und sie gibt der Bevölkerung denn doch soviel Selbst­bestimmung, daß eine Regierung, die es nicht gerade auf einen Konflikt abgesehen hat, stets genötigt sein wird, sich mit den Strömungen des Volksgeistes und zumal mit der Landesvertretung in Einklang zu hal­tet!. Theoretisch betrachtet, gewährt das somit eine ge­wisse Sicherheit gegen echtpreußische Experimente, aber es kann natürlich auch anders kommen, und wir wollen in diesen! Zusammenhänge auch nicht übersehen, daß ein erhebliches Maß von m o r a l i s ch - P o li­tt s ch e r Verantwortung fortan der Landes­vertretung und allen sonstigen Organen des öffent­lichen Geistes in den Reichslanden, vor allem der P r e s s e,kzugewiesen werden mutz. Es wird sich zu zeigen haben, ob der deutsche Sinn, dessen wachsende Erstarkung unter dem Einflüsse der Haltung des Reichstags die erfreulichste Erscheinung in den Wirren der letzten Monate war, die veränderten Zeichen der Zeit unbeirrt berücksichtigen und sich als ein Faktor erweisen wird, der schädliche Pläne zu durchkreuzen, wohlgemeinte Absichten zu fördern vermögen wird. Blickt man auf die jüngsten Vorgänge zurück, so bleibt es jedenfalls ein Grund zu aufrichtiger Genugtuung, daß sich ergeben hat, wie die frühere partikulari­st i s ch e Strömung, das h c i m l i ch e F r a n^z o s e n - t u tu, die gegen Altdeutschländ gerichteten Stimmun­gen eigentlich mehr verschwunden sind. Die Elsässer führten den Kampf gegen militärische Willkür und Be­einträchtigung verfassungsmäßig verbürgter Rechte Schulter an Schulter mit der überwiegenden Masse der altdeutschen Bevölkerung, und das Schönste an den zurückliegenden Vorgängen, vielmehr das einzig Schöne war es, daß ken! Unterschied zu be- merken war zwischen den Kampfgenossen diesseits und jenseits des Rheins. Zum ersten Male seit 43 Jahren war eine wirkliche S o l i d a r i1 a t der Volks- ii! e i n u n g hüben und drüben vorhanden. Das kann wohl nicht spurlos vorübergehen, das wird uns als moralische Errungenschaft bleiben, und bte Elsaß- Lothringer werden fortan daraus bauen dürfen, daß, was ihnen Gutes oder übles geschieht, einen unver­gleichlich stärkeren Widerhall in Attoeutschland finden wird als je zuvor. .

Schließlich gilt doch gerade von den Reichs­landen das Wort, das Herr v. Bethmann- Hollweg in seinem Briefe an Professor Karl

.Turbane verriet, daß sie keine gang einfachen Leute sein mochten.

Die. Neugierde der Europäer wurde schnell erweckt. Irgendwer hatte es irgendwo gehört und schleunigst weiterge­geben, jedenfalls waren alle bald davon unterrichtet, daß sich der Harem eines vornehmen Mannes an Bord «befände. Und als man unanfällig Umschau hielt, entdeckte man auch, daß unmittelbar unter der Kommandobrücke durch Segel eine schiefe Wand gebildet war, die den Raum von der Brücke bis zum Fockmaste wie ein abfallendes Dach überspannte.. Jeder, der vom Vorder- zum Hinterdeck passierte, mußte dicht am Reeling vorbei, da zwei spanische Wände, die ebenfalls von der Brücke bis zum Fock liefen, den Mittelraum des Decks unter dem Segeltuch den Blicken der Vorbeigehenden ent­zogen.

Die Fahrt im Mai bei stetem Wind durch das blaue Meer, aus dem die Inseln Jmbros und Tenedos empor- stiegen, um ebenso traumhaft wieder zu versinken, begeisterte die jungen Leute, und der geheimnisvolle Harem schien schon vergessen. Man hatte dafür gesorgt, daß eia .genügender Vor­rat guter, griechischer Weine von den Dienern mitgenommen worden war, und bald wurde die Stimmung recht ausgelassen. Cs wurde gescherzt, gelacht, und endlich kam es zu den unver­meidlichen Wetten, die nur der Wein eingibt. Mein Onkel, der sich mit dem schweren Griechenwein sthx gründlich ange­freundet hatte, versticg sich zu einer kühnen Wette. Ehe man es hindern könne, so gelobte er, wolle er den Harem ent­schleiern, ohne daß es jemand bemerke.

Die Europäer sprachen miteinander Französisch und kei­ner glaubte, daß ihre Scherze und Späße verstanden würden. Die drei türkischen Herren, die kaum drei Schritte von der übermütigen Gesellschaft entfernt mit uutergeschlagencn Beinen gemächlich auf ihren Kissen hockten, saßen so gleich-

Lamprecht prägte, nämlich, daß es ein Irrtum ist, zu glauben, die Gewalt könne erhaltest, was die Gewalt zusammengebracht habe. Wie schrieb doch einmal Heinrich HeinesDie Elsässer und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, und wenn wir diese überflügeln in der Tat, wie wir es schon getan in Gedanken. . . . Ja, nicht bloß Elsaß unsi Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsbald zufallen, ganz Europa, die ganze Welt die ganze Welt wird deutsch werden. Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandte." Aber freilich, das schrieb Heine im Jahre 1844, heute würde er sich wohl hüten.

Ltaatsgesinnung.

Sonntagsbetrachtung von Pfarrer Spieß in Hatzfeld.

Die winterliche Stille ist in diesem Jahre durch zwei innerpolitische Vorgänge jäh und heftig unter­brochen worden. Erst Zabern und dann der Preußen­tag haben eine starke und tiefgehende Erregung aus­gelöst. Bemerkenswert erschien dabei, daß die Bewegung über die Parteigrenzen hinausgriff und eine Einmütigkeit zuwege brachte, die bei uns eine seltene Erscheinung ist und von der sich nur ein kleiner Kreis ausschloß.

Über die Vorkommnisse selbst läßt sich kaum noch etwas Neues sagen; sie sind genug und übergenug erörtert worden. Wir greifen nur auf sie zurück, weil sie Anlaß zu ein paar nachdenklichen Betrachtungen über unser öffentliches Leben geben. Wenn man an die hochgehende Erregung denkt, die anfangs herrschte und in der Dezembersitzung der Volksvertretung, sich so eindrucksvoll aussprach, und nun, nachdem die Ange­legenheit formell ihren Abschluß gefunden hat, das Er­gebnis betrachtet, wird man kaum ein Gefühl der Be­friedigung empfindest. Dabei ist es weniger das Miß­verhältnis zwischen Anlaß und Endresultat, das einen bedrückt, als das Gefühl, daß wieder Sinmal eine Menge sittlicher Energie ziemlich fruchtlos verbraucht ward. Wir können daruin auch von dem einzelnen Fall ganz absehen und brauchen nicht den Versuch zu machen, Recht und Unrecht auf beiden Seiten abzuwägen. Denn die entscheidende Frage ist doch die: Wie kommt es überhaupt, daß Erregungen, die das ganze Volk durch­wühlen, letzten Endes doch im Sande verlaufen?

Die. Frage würde ihr Recht auch dann behaupten, wenn sie in einem Einzelfalle einmal gegenstandslos erschiene. Sie berührt einen empfindlichen Punkt un­serer nationalen Sittlichkeit: den Mangel an staat- lichem Verantwortungsgefühl, an Staats- g e s i n n u n g.

Die Zahl der Staatsbürger, die am politischen Leben inneren Anteil nehmen, ist verschwindend gering. Politisch Lied ein garstig Lied." So wenig dies Wort auch in dem Sinne gemeint ist, in dem es ge­wöhnlich verstanden wird, so wenig es auf unsere heuti­gen, gänzlich veränderten Zustände anwandbar ist, es bildet doch noch für Unzählige das Leitwort für ihr

mütig und gelassen da, als ginge sie das Leben an Deck nichts an. Sie hatten gewiß nichts verstanden. Mein Onkel hatte bemerkt,, daß das Segeldach durch ein einziges Haltetau, das durch Schlusen des Segels und durch Haken an der Brücke lief, hochgehalten wurde. Unauffällig zog er sein einschlag­bares Jagdmesser aus der Tasche, schlich sich leise an die eine Seite der Brücke. Der Kapitän, ein griechischer Renegat, be­gann gerade mit einem der französischen Offiziere ein Ge­spräch. Niemand achtete auf meinen Onkel; mit einer kurzen Handbewegung durchschnitt er das Haltetau.

Mit . möglichst harmloser Miene war er zu seinen Ge» führten zurückgekehrt, als alle plötzlich sahen, joie das Seil des Zeltes sich langsam zu lockern begann. Das Schiff machte eine Wendung, der Wind geriet stärker unter die Zeltdecke: und plötzlich klappte das Segel zurück. Lautes Kreischen er­klang und die Herren gewahrten nun unten an der Brücke sechs oder acht entschleierte Damen, von denen einige ihre Haare kämmten, andere mit Schminken beschäftigt waren oder sich wuschen. Das ganze Schiss geriet in Aufruhr. Die Orientalen und Griechen am Vorderdeck wandten die Gesichter a«b. _ Die europäischen Herren aber starrten ungeniert die wenigen Minuten, die ihnen zwei schwarze Eunuchen und die Schiffsmannschaft ließen, hinab. Ruhig blieben allein die drei Türken, als ginge sie alles, was an Deck vorging, nichts an.

Mein Onkel hatte seine Wette gewonnen. Als sich der Tumult gelegt hatte, wurde er beglückwünscht, tlnter Späßen und Scherzen, die sich auf die Frauen bezogen, die sie gesehen hatten, ging die Fahrt weiter, bis sie in Mitilene landeten. Da aber wurden ihre Gesichter sehr lang, als sie sahen, daß Soldaten am Strande erschienen, eine ganze Karawane von schöngeschmückten Maultieren und Dienern, ^die die türkischen Damen in Empfang nahmen, während die Soldaten vor den

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