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Samstag, 31. Januar 1914. KheNd-KUSgade. Nr. 52. 62. Jahrgang.

Graf weöe?.

O Berlin, 30. Januar.

In politischen Kreisen wird es als eine w e s e n t l i ch e Milderung der elsaß-lothringischen Schwierigkeiten ge­würdigt (Darauf wurde auch in einer in der Morgen-Ausgabe wiedergegebenen Drahtmetdung unserer Berliner Redaktion über den Eindruck im Reichstag schon hingewiesen. Schrift!.), daß sich Graf Wedel bereit erklärt hat, noch einige Monate auf seinem Posten zu bleiben. Der gemeinsame Rücktritt des Statthalters und der Regierung würde der Situation eine Schärfe verliehen haben, die ihr nunmehr erspart bleibt, in­dem durch die einstweilige Fortdauer der Wedelschen Statt­halterschaft dargetan wird, daß ein so schroffer Bruch mit dem bisherigen System, wie er zunächst befürchtet worden war, vermieden bleiben soll. Die Person und die Amtsführung des Grafen Wedel bieten wertvolle Bürgschaften dafür, daß die neuen Männer, deren Ernennung bevorsteht, nicht die Vertreter eines absoluten Gegensatzes zu ihren Vor­gängern sein können. Die Ernennung der Nachfolger wird nach den Vorschlägen des Grafen Wedel erfolgen, sie wird zu einenr erheblichen Teile sein. Werk sein, es besteht also eine starke Sicherheit gegen unliebsame Überraschungen. Man kann nach dem Entschluß des Grafen Wedel eigentlich auch nicht mehr sagen, daß in dem Zwist zwischen den bürgerlichen und den militärischen Gewalten die Entscheidung aus­schließlich zugunsten des Militärs gefallen sei. Graf Wedel würde nicht bleiben, wenn er nicht die Überzeugung ge­wonnen hätte, daß ihm die Genugtuung gewährt werden wird, die er in D o n a u e s ch i n g e n beansprucht hat. In welcher Form das geschehen soll, das wird sich noch zu zeigen haben. Die wiederholten Straßburger Meldungen, nach denen Herr v. Deimling das Generalkommando von Karlsruhe erhalten soll, können nach der neuen Wendung immerhin als wahrscheinlicher denn zuvor gelten.

Der Eindruck im Rcichsland.

* Straßburg, 31. Jan. Die Nachricht, daß Graf Wedel noch einige Monate auf seinem Posten verbleibt, wird hier­mit, einiger Befriedigung ausgenommen. Wie man hier erfährt, ist die Entscheidung über die Hinausschiebung des Rücktritts des Grafen Wedel gestern nachmittag gefallen. Der Besuch des Kaisers beim Reichskanzler dehnte sich zu einer längeren Konferenz aus, deren Ergeb­nis war, daß Graf Wedel gebeten wurde, noch zu bleib en. Der Statthalter hat sich telegraphisch dazu bereit erklärt.

Narömal Nopp.

In Zentrumskreisen wird erzählt, daß Kardinal Kopp an Gallenstein und N i e r e n k r a n k h e i t leide, und daß sein Gedächtnis geschwächt sei. Ob dies zu seiner Ent­schuldigung gesagt wind oder um die tatsächliche Stellung des unbequemen Widersachers zu schwächen, muß dahingestellt bleiben. Wir verzeichnen einsttveilen die Mitteilung. Fürst­bischof I)r- Kopp steht im 77. Lebensjahr.

Zu der Efgenbrödelei des Kardinals Kopp wird derKölnischen Zeitung" mitgeteilt:Kar­

dinal Kopp ist alt und eigensinnig geworden und da seine Ansichten sich mit jenen der zurzeit maßgebenden Strömung im Vatikan decken, steht hinter diesem Eigensinn die Autorität des Heiligen Stuhles, welche von den polnischen Zwischen- ,männern, über die Graf Oppersdorfs an die Kurie verfügt, mit Geschick zugunsten der Berliner Richtung beeinflußt wer­den. Das alles sind Dinge, die in kirchlichen Kreisen übel ver­merkt werden. Der deutsche Episkopat dürfte es auf die Dauer nicht ertragen können, sich unter die Fuchtel eines ein­zelnen Mannes beugen zu müssen, der das Ansehen seiner Sonderstellung nicht in den Dienst friedlichen Aus­gleichs, sondern des Haders und der künstlich ausgebauschten Mißverständnisse stellt. Es scheint, daß Kardinal Kopp seinen letzten Aufenthalt in Rom nach der Richtung benutzt hat, daß er sich mit neuen und scharfen Instruktionen gegen die christlichen Gewerkschaften versah. Diese Entwicklung des alten, früher gerade wegen seiner Persönlichkeit hochgeschätzten Mannes weckt in kirchlichen Kreisen ernste Besorgnisse. Sie ist auch unverständlich, wenn man den hohen Grad von Rücksichtslosigkeit beachtet, den Kardinal Kopp gegen­über den M i t b i s ch ö f e n an den Tag legt. Es sind das Vorgänge, welche nach dem Urteil erfahrener Führer des kirchlichen Lebens in Deutschland bisher nicht zu verzeichnen gewesen sind. Denn eine Verschärfung der interkonfessionellen Verhältnisse im Reiche, wie sie bei Anwendung der Kopp- Oppersdorffschen Rezepte unfehlbar eintreten müßte, würde einen nicht genug zu beklagenden Eingriff in unsere kulturelle Entwicklung bedeuten. Es wäre zu wünschen, daß der greise Fürstbischof sich darüber klar würde, daß auch die Ehr­furcht vor dem Alter ihre in den Erwägungen ruhiger Überlegung begründeten Grenzen hat, und daß er nicht das ihm sehr unliebsame Schauspiel erlebe, daß sich die deutschen Bischöfe ebenso geschlossen gegen ihn äußern, wie er sich vor aller Öffentlichkeit gegen sie gestellt hat."

DZutscheZ Reich.

* Hof- und Persona!-Aachrichtcn. Gestern abend verschied nach kurzer Krunkbett Freifrau v. Spitz enberg. die Gattin des ehetnaligim tpürttembevgi scheu Gesandten. Mutter des Kabinettsrats der Kaiserin und Schwiegermutter des deut­schen Botschafters in Konstantinopel Freiherrn v. Wangenheim.

Gestern starb in Karlsruhe irrt Alter von 71 Jahren der Ebrenrabbiner Dr. Alexander »teilt, ein geborener Badener, der über 40 Jahre in Worms als Rabbiner überaus segensreich gewirkt batte, und durch den Grotzberzog von Hessen n. et. durch die Verleihung des Philippsordens mit der Krone ausgezeichnet worden war.

* Der Dank des Kaisers. DerReichsanzeiger" ver­öffentlicht einen an den Reichskanzlei» gerichteten kaiserlichen Erlaß, in dem der Kaiser für die freundlichen Glück- und Segenswünsche zu seinem Geburtstag wärmsten Dünk sagt und die Einmütigkeit hervorhebt, mit der das Volk entschlossen ist, gleich seinen Vätern znm Schuhe des Vaterlandes und zur Erhaltung seiner Wehrkraft jedes erforderliche Opfer darzu­bringen, um die schwer erkämpfte Stellung unter den Kultur­völkern der. Erde auch zu behaupten.

* Zum Wechsel im Oberpräsidium von Brandenburg. Als Nachfolger des verstorbenen Oberpräsidenten v. Conrad

SH!

Rückblicke.

Nachdruck verboten.

(Für dasW iesbadener Tagblakt".) Von Julius Nosentval.

War in zartem Jugendlenze Ein Herr Leutnant, schmal und stramm,'

Der nach unsrer Westmarkgrenze,

Nach dem schönen Elsaß kam.

War von Preußens kühlem Osten In das Reichsland 'reingeweht.

Wo' das Deutsche Reich aus Posten Immer vor dem Erbfeind steht.

- Wo man deutsche Stammesbrüder Lange hielt von uns getrennt,

Dort, wo freier die Gemüter,

Südlicher das Temp'rament.

Dahin also kam der Leutnant, Landesunerfahren, jung.

Als erWackes" dort die Leut' 'nannt'.

Gab es ein'ge Aufregung.

Denn es lautet ^ gar so übel.

Man empfindet's dort als Tort.

Was heißtWackes? siehe Rüpel,

Lump. Plebs, Dreck,acknd so fort.

- Also es bedeutet alles.

Was nicht Ruhm noch Ehre schaff-,

Wem es gilt, dem jeden Falles Jst cs gar nicht schmeichelhaft.

Drum auch gab s tu Zaberns Mauern (Schiller nennt es noch -Ladern)

Tief empfundenes Bedauern.

Wer wohl war' ein Wackes gern?

Dies der Anfang der illüstern Mar, benamsetZ ab er n fall"

Was im Anfang nur ent Flüstern.

Leute ist's ein D o n n e r h ct 11.

Plumpe Fäuste, hohle Geister

Wirkten inniglich vereint.

Immer gröber, immer dreister Ward das Menschentum verneint.

Statt mit Takt, diskret und leise,

War sofort man stoßbereit Und verzapfte fuderweise Sogenannte Tapferkeit.

Stürmte los und hört' und sah nicht. Wer uns hold und wer uns bös.

Nur damit ein Leutnant ja nicht Schließlich gar im Unrecht saß.

Und man schlug und hieb und rannte. Packte zu und sperrte ein.

Wer sich nicht zu Mars bekannte,

Dem galt's, Mores einzubläu n.

Ging auch viel Kultur zunichte,

Wem könnt' das nach wichtig sein?

E i n's nur galt's bei der Geschichte, Militärisch tüchtig sein.

Damit Deutschlands viele Feinde Sehen, wir versteh'n nicht Spaß,

Schlug man schneidig auf die Freunde, Krieg im Frieden nennt man das.

Endlich, daß den Streit sie schlichte. Stellt' Justitia sich ein.

Endlich sprachen die Gerichte,

War hier einer schuldig? uein!

Schuldsrei jeder, das verstand sich Ganz von selbst, denn, was gescheht, Anno 1820

War der Fall schon vorgeseh'n.

Brot war schiminlich, Butter ranzig, Brächt' man sie aus jener Zeit,

Ein Befehl aus Anno 20 Hat jedoch noch Gültigkeit.

Schleppen doch Gesetz und Rechte Wie ein DauerLeid sich fort,

ist der derzeitige Regierungspräsident in Frankfurt a. d. O-, v. Schwerin, ausersehen.

* Buiidesratsbeschlüsse. Der Bundesrat hat in seiner am 29. Januar unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. Delbrück abgehaltenen Plenarsitzung außer den bereits mitgeteilten Beschlüßen auch den Entwurf eines Gesetzes über die weitere Zulassung von Hilfs Mitgliedern im Kaiserlichen Patentamt angenommen. Ferner wurde über die Be­setzung von Stellen bei den kaiserlichen Disziplinar- b e h ö r d e n über die Festsetzung des Ruhegehalts von Reichsbeamten sowie über eine Reihe von Eingaben Beschluß gefaßt.

* Ein neuer Telegrammwechsel zwischen dem Kaiser und Präsident Wilson. Anläßlich des Geburtstags des deutschen Kaisers richtete Präsident Wilson folgendes Kabeltelegramm an den Kaiser:Gestatten Sie mir, Ihnen meine aufrichtige Gratulation und die besten Wünsche für Ihr Wohlergehen darzubringen. Das Gedenken daran, in welchem Umfang so viele Menschen deutschen Blutes zur guten Bürgerschaft und zum Fortschritt der Vereinigten Staaten beitrugen, läßt mich mit um so größerer Freude in meinem und meiner Lands­leute Namen den herzlichen Wunsch zum Ausdruck bringen, daß dem Deutschen Reiche der glänzende Fortschritt und die Wohlfahrt, die es während Ihrer Regierung erfahren hat, amh fernerhin beschieden sein mögen."51a iser W i lh e lm antwortete:Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank für Ihre freundlichen Wünsche entgegen. Ich bin sehr erfreut über die Würdigung, die Sie der Mitwirkung amerikanischer Bürger deutscher Abstammung an der Entwicklung der Vereinigten »taaten zuteil werden lassen. Ich bringe Ihnen meinerseits die besten Wünsche. für den ferneren Fortschritt und die Wohlfahrt des amerikanischen Volkes zum Ausdruck."

* Der Vorfall bei einer Kaisergeburtstagsseier in Sablon. Die offizielle Darstellung zum Bericht derFrkf. Ztg.",Zabeln macht Schule", ist diesmal, tvie man erkennen mutz, mit der nötigen P r o m p i h e i t erfolgt. Das Generalkommando des 16. Armeekorps gibt folgende (zum Teil schon in der heutigen Morgen-Ausgabe mitgeteilte) Richtigstellung: Die vier Loth­ringer erregten im Vorderzimmer des Lokals den Unmut der dort anwesenden Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, weil sie ihrefranzösisch geformten" Mützen auf dem Kopfe behielten und sich laut in französischer Sprache unterhielten Dieses Benehmen mußte gerade am Geburtstage Seiner Majestät als eine Herausforderung angesehen werden <v>er höflichen Aufforderung eines Offiziers, das Lokal zu ver- assen, weil es tu allen Teilen von dem 20. Pionier-Bataillon für den Übend gemietet sei, wurde nicht nachgekommen. Der sodann herbergeeilte Bataillonskommandeur hat nicht wie angegeben, dem einen dieser Leute die Mütze vom Kopfe ge- schlagen, j andern sie ihm ab genommen, weit er der Uns- forderung, die Mütze abzunehmen, nicht nachkam. Auch von einer Ohrfeige durch den Bataillonskommandeur ist keine Rede. Darauf siwd die Leute in durchaus ruhiger Form aus dem Lokal herausgebracht und der Polizei zugeführt worden. Die Unrichtigkeit der Schilderung des Vorfalls durch die Frankfurter. Zeitung" beweist ferner der Umstand, daß schon heute eine schriftliche Erklärung der vier beteiligten Lothringer vorliegt, in der sie bedauern, die Feierlichkeit gestört zu haben,

Goethe, wenn man's recht erwägte,

Kam im Kriegsgericht zu Wort.

Leider hat von Goethes Geist sich Sonst nicht viel auf uns vererbt,

Selbst derP r e u ß e n b u n d" erweist sich Gar nicht von ihm abgefärbt.

Aus dem Zaberyer Zerwürfnis Ging der Preußenbund hervor Als ein schreiendes Bedürfnis Und als preußischer Decor.

(Die Gefahr herrscht unbedingt), ® nicht Deutschlands Riesenrachen Preußen auffrißt und verschlingt.

Denn dann führen in die Hölle

(Der Verlust war' groß und schwer), - Privilegien, Hochschutzzölle,

Ausfuhrscheine und noch mehr.

Und der deutsche Erdenpilger Faßte wieder Mut und Kraft,

Auch der Spiritus würd' bill'ger,

Kurz und gut, 's war' schauderhaft.

Ja, es war' höchst unerbaulich,

Drum aus Lust und List zugleich Macht der Preußenbund uns graulich Vor dem bösen Deutschen Reich.

Kracht und and're Generäle Machten's deutlich uns und klar,

Was der Geist und wer die Seele Der G e n'r a l - Versammlung war.

Bayern nahm gebührend Kenntnis Von dem Lobspruch, der ihm wurd';

Tags d'rauf war's einM i tz v e r stä n d n i s ?* Vurn, es war 'ne Mißgeburt.

Daß in jener Feierstunde e uch der Reichstag wurd' versohlt, die Herrn vom Preußenbnndc .Hegen Reich und Recht gejohlt,