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Msrgen-Ausgabe, 1. Blatt _ WreSÄKÄe»eV £ fl £ Mit ft* Freitag. 3S. Januar 1814. Nr» 4».

eine Fahrkarte von Köln nach Leipzig gelöst hatte. In Mel­sungen angelangt, verübte der Unbekannte auf der Straße und in den Häusern, in welche er wahllos hineinlief, einen Heidenspektakel, unter anderem drang er in die Wohnung eines Sanrtätsrats und geberdete sich wie von Sinnen, so daß dieser die Polizei holen ließ. Die Polizei konnte nur mit großem Aufgebot den Rasenden überwältigen. Der Kreisarzt stellte sodann plötzlichen Ausbruch von Geistesgestörtheit fest und ordnete die Überführung in die Jrrenheilanstalt zu Marburg an. Der Unglückliche ist der 26 Jahre alte Sohn eines Musikdirektors in Köln und wollte nach Leipzig reisen, um dort sein Studium fortzusetzen.

Gerichtssaal.

Eine Abenteuerin.

ö. Mainz, '29. Jan. Ein förmlicher R o m a n. spielte sich gestern an der Strafkammer in Mainz ab. Die bisher unbestrafte 27jährige Schauspielerin Emma G e m m aus Marburg, wohnhaft zuletzt in W i e s b a d e n, hatte sich wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu verantworten. Die elegant gekleidete Künstlerin wurde aus der Untersuchungshaft vor­geführt. Es wurde ihr zur Last gelegt, in den Jahren 1912 und 1913 eine Pensionsbesitzerin in Wiesbaden um 200 M.» einen Wirt von Mainz um 2800 M. und die Frau eines Mainzer Kaufmanns um 1200 M. betrogen zu haben. Ferner soll sie auf den Namen eines Amtsgerichtsrats von hier und auf den Namen der Schwägerin deS durch Selbstmord geende­ten Kreisarztes Medizinalrat Dr. Lindenborn in Mainz Schriftstücke gefälscht und davon Gebrauch gemacht haben. Die Angeklagte lernte vor 5 bis 6 Jahren in Wiesbaden den Kreisarzt Dr. Lindenborn aus Garnisch, der damals in Groß-Gerau und später in Mainz tätig war, kennen. Linden­born interessierte sich sehr für die Angeklagte, die zu jener Zeit unter dem Künstlernamen Luzi Douglas in Wies­baden schauspielerisch auftrat. Er veranlatzte sie, nach ihren Angaben, der Bühne zu entsagen. Zu ihrer Aushaltung ver­wendete L. namhafte Beträge, die er ihr monatlich zusandte. Die Angeklagte, welche damals schon für ein uneheliches Kind, dessen Vater ein Zahnarzt sein soll, sorgen mutzte, nützte das Verhältnis mit dem Arzt gehörig aus. Sie lebte in Saus und Braus. Das Verhältnis hielt sie aber nicht ab, auch noch andere zärtliche Verbindungen einzuhalten, darunter mit einem gewissen Fürst aus Essen, der mit ihr in dem Pen­sionat in Wiesbaden wohnte. Damit die Gemm sich nach seinem Tod für einige Zeit noch über Wasser halten könne, vermachte ihr Dr. Lindenborn ein Legat auf eine Unfallver­sicherung in Höhe von 5000 M. Im September 1912 wurde die Angeklagte mit der Todesnachricht des Dr. Lindenborn überrascht. Sie will damals noch nicht erfahren haben, daß er durch Selbstmord geendet hatte. Wer schon im Oktober wurde ihr bei einem Termin am Amtsgericht eröffnet, daß, da Lindenborn nicht infolge eines Unfalls, sondern durch Selbstmord geendet, die Versicherung deshalb hinfällig sei und sie nichts ausbezahlt erhalte. Auch wurde ihr mitgeteilt, oaß der Nachlaß des Verstorbenen stark überschuldet sei. Die Gemm geriet, da die Zuwendungen des Arztes aufhörten, in große Not. Sie wendete sich brieflich an die Verwandten des Verstorbenen, erhielt aber keine Antwort. Sie blitzt, noch einige Zeit in Wiesbaden wohnen, und da sie nicht zahlen konnte, schwindelte sie der Pensionsinhaberin und anderen' Leuten vor, daß sie aus dem Nachlaß des Dr. Lindenborn mehrere tausend Mark erhalte. Durch diese schwindelhaften Angaben verschaffte sie sich in den zur Anklage stehenden Fällen Kredit. Die Angeklagte wurde zu 10 Monaten Ge­fängnis verurteilt. Die Angeklagte nahm die Strafe an.

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w. Mordprozetz gegen einen Musketier. T h o r n, 29. Jan. Vor dem Kriegsgericht begann heute die Verhand­lung gegen den Musketier Straskiewitz. Außer zwei­fachen Mordes, räuberischen Überfalls und -versuchten Tot­schlags werden ihm schwere Diebstähle zur Last gelegt. Bei einem Einbruch in Charlottenburg schoß er zweimal auf einen Gastwirt und bedrohte einen Musketier mit einem Revolver.

nnb Spiel,

* Pferderennen zu Pan, 29. Jam Prix des Tertres»

2000 Franken. 1. Comte P. du Verdiers 'Fränce (Maisonnave), 2, Hambl.,Lassy, 3. Raton 2. 115:10; 30, 25, 86:10. — Prix de la Societe des Steeple-Chases de France. 2600 Franken. 1, I. Bougeards Zacharie (Powers), 2. Calendal, 3. Boston 4. 249:10; 43, 19, 34:10. — Prix de la Societe des Steeple- Chases de France. 5000 Franken. 1. Bar. La Gazes Better (Maisonnave), 2. Urbaine, 3. Bonjour 2. 198:10;. 65, 25,

54:10. — Prix de la Pelouse. 8000 Franken. 1. D. Guestiers Nerac (Kalley), 2. Conscrit, 3. Beau Rivage 2, , 3. Capt. Fracasse, totes Rennen. 28:10; 15, 28:10.

* Die Rodelbahn am Ehaussechaus ist seit gestern vor- lnittag von der Biebricher Polizeiverwaltung wieder zur Be­nutzung sreigegeben. Die Bahn hat durch den in letzter Nacht auf dem Taunus gefallenen Schnee eine neue Decke von un- gesähr 10 Zentimeter Höhe erhalten, wodurch, sie sich jetzt wieder in gutem Zustand präsentiert.

Neues aus crller Welt.

Traurige Folgen von Arbeitslosigkeit. Berlin, 29. Jan. Gestern nachmittag versuchte der Arbeiter Döbler in Reiniken- dor'.bei Berlin, der seit drei Tagen nach längerer Zeit schwerer Entbehrungen wieder Arbeit hatte, drese aber abermals v e r l o r e n hatte, durch Trinken von Lysol sich das Leben zu nehmen. Seine'Frau entriß ihm das Gift, lief auf die Straße und trank ebenfalls. Rach 10 Schritten brach sie bewußtlos zu­sammen. Man brachte die Unglückliche in die Wohnung, wo man auch mm Mann bewußtlos auffand. Die Frau starb nach kurzer Beit Den Mann brachte man nach dem Kranken­haus. wo er schwer darniederliegt.

AUS Unvorsichtigkeit die Braut erschossen. .Stettin 29. Jan Sei“* S»ia mit einem Desching erschoß, gestern der 25 Jabre arte Llthogtaph Becker seine 22jährige Braut Pieper in deren Wohnung in hem Augenblick, als sie durch die Tür in das Zimmer trat.. Das Mädchen wurde in die Schläfe ge-, tröffet' und tvcx sofort, tot. Becker wurde verhaftet. Die Polize: steht flitr dem Standpunkt, daß es sich um, einen Un- glückssall bandelt. . -

Ein zweiter Brand ctner Papierfabrik. Niefern bei Pfa.-zheim. 28, ^an. In Niesern hat es heute nacht in der Pavierfabrik von Bohnenbergcr u. Co. abermals ge­brannt Gegen 143 Uhr brach { m Turbinenhaus Feuer aus. durch das die Turbinenan.age zerstört wurde. Der Schade tt wird auf 50 000 M geschätzt

Ein Kind von einem Wolf zerrissen. Paris. 29. Jan. Eine Begleiterscheinntm des heftrgen Frostes, der in-den letzten zehn Tagen in ganz Frankreich gewütet hat. ist das Auftreten von Wölfen einzeln und in Rudeln an' Orten, wo man sie scholl lange nicht beobachtet bst. In einem Dorfe bei Beüansw:

wurde ein achtjähriges Schulmädchen auf dom Heimwege von der Schule von einem Wolfe überfallen und zerrissen. Als man, beunruhigt durch das lange Ausbleiben des Kiirdes, nach chm suchte, fand man nur eine blutige Schürze, sein Körbchen und einige benagte Knochen,

Einbruch in ein britisches Konsulat. Petersburg, 29. Jan. Gestern abend sind Einbrecher in das Gebäude dies vrttrschen Genevalkonsulats eingedrung-en. Die Diebe konnten ungestört die Schlösser sprengen lind sich alles Wertvolle an- esMen. Man vermißt ein goldene Uhr und eine Anzahl von Schniuckgegenständen. Man befürchtet, daß außerdem noch politische Dokumente von großer Wichtigkeit gestohlen worden sind.

Zur Explosion der Pulverfabrik Arezzi. Genna, 29. ^an. Der Explosion, die ans die Unvorsichtigkeit eines Soldaten zurückgeführt wird, sollen sechs Persone,! zum Opfer gefallen sein, darunter fünf Soldaten vom 89. Jnsan- terte-Rogiment und ein Zivilist. Die Rettungsarbeiten wer­den fortgesetzt.

Deutscher Reichstag.

Eine Wirtschafts- und Mittelstanösdebatte.

s - Berlin, 29. Jan. (Eig. Drahtbericht) Die fort­gesetzte Wirtschaftsdebatte inr Reichstag drohte heute eine Zeitlang völlig ins Fahrwasser der p e r s ö n- lr ch e n P o I e m i E und der Wah lkr'ei sp o litik zu geraten. Der konservative Abgeordnete Dt. Heß Polemisierte fast ausschließlich gegen die volkswirtschaft­lichen Darlegungen des Abgeordneten Gothein und insbesondere gegen die gestrigen des Abgeordneten Bartschat, dem er höchst geschmackvoll und vornehm vorwarf, er lasse sich vom Hansabund bezahlen. Die innere Kolonisation, auf die wir alle noch warten, nahm Herr Heß als Verdienst — inan höre und staune — der konservativen Partei in Anspruch. Noch hübscher war die darauffolgende Rede des. Abgeordneten He st er mann. Herr Hestermann hat eine große Wandlung durchgemacht; er ist einstmals, wie er selbst anführte, Mitglied und Wanderredner des Bun­des den Landwirte gewesen, ging dann zum Bauern­bund über und ließ sich schließlich als Kandidat der Nationalliberalen mit fortschrittlicher Hilfe in den Reichstag wählen. Heute kämpfte er ausschließlich g eg e n die Na tionalliberalen, gegen die Fortschrittlichen, gegen den Bauernbund, aus dom er inzwischen ausgetreten ist, und gegen seinen einstmaligen politschen Busenfreund Dr. Böhnre an. Es erwirkte stürmische Heiterkeit, besonders als er die ganze Skala noch einmal von links nach rechts und von rechts nach links machte, um zuletzt einen Appell an alle bürgerlichen Parteien zum Zusammen­schluß gegen den „inneren Feind" richtete.

Ern anderer Zweikampf wurde zwischen dem sozial­demokratischen Abgeordneten Erdmann und dem Zentrumsabgeordnoten Giesberts ausgetragen. Der Sozialdemokrat bezeichnete die letzten Vorgänge in der Gewerkschaftsfrage als einen „Terrorismus" der Bischöfe gegen die christlichen Gewerkschaften. Herr Giesberts erklärte darauf in einer zweiten Rede, von einem Terrorismus der Bischöfe könne nicht die Rede sein und an eine Änderung dieses Firmenschildes denken die christlichen Gewerkschaften nicht im entfern- ; testen. Zu bedauern sei nur, daß in einem so ernsten Augenblick, wo das Koalitionsrecht aller Arbeiter in Gefahr sei, die Sozialdemokratie einen neuen Zwiespalt in die Arbeiterschaft trage.

Darauf hielt Herr B r u h n von der „Wahrheit" vor einem leeren Saale eine Rede, außerdem sprach noch der Abgeordnete Schwabach für den national- liberalen Antrag auf Vorlegung einer Denkschrift über die Rechts- und Arbeitsverhältnisse der Arbeiter in Staatsbetrieben, ein Wunsch, dessen Erfüllung Staats­sekretär Delbrück zusagte. Der württembergische Konservative Vogt-Hall polemisierte noch ein wenig gegen den Abgeordneten Gothein und später erklärte noch der Abgeordnete B a r t s ch a t, daß er kein Gehalt vom Hansabnnd beziehe. Ganz zum Schluß gab es noch einen heiteren Moment. Der Abgeordnete Basser- - mann gab die Erklärung ab, daß Herr Hestermann ilicht im Auftrag der nationalliberalen Fraktion ge­sprochen habe. Die Fraktion habe die Konsequenzen ge­zogen und einstimmig das Hospitantenverhält­nis mit Herrn Hestermann gelöst.

Sitzungsbericht.

Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener TagblattS".

H- Berlin, 29. Jqnuar.

Am Bundesratstisch Dr. Delbrück, Kommissare.

Präsident Dr. Kaempi eröffnet die Sitzung um 1.16 Uhr.

Aus der Tagesordnung steht die Fortsetzung des

Etats für das Reichsamt des Innern,

Titel Staatssekretär. (7. Tag.) Hierzu liegen bisher 17 Re­solutionen vor.

Abg. Hösch (kons.): Was wir vorausgesagt haben, ist

eingetreten. Wenn unsere Handelsvertragsstaaten auch noch keine definitive Entscheidung getroffen haben, so ist doch in­offiziell laut geworden, daß sie keineswegs bereit sind, so ohne weiteres die Handelsverträge mit uns zu erneuern. Die Er­gebnisse unserer Wirtschaftspolitik sind erfreulich, insbeson­dere hat unser industrielles Leben einen ungeahnter; Auf- 'chivung erfahren. Bei der Landwirtschaft sind nicht die gleichen günstigen Ergebnisse zu verzeichnen, da bei ihr wesentlich ^ andere Produktionsverhältnisse bestehen. Der Getreideanbau rst ungeheuer ausgedehnt worden und unser Viehbestand ist um 126 Prozent in seinem Wert gewachsen. (Hört! _ Hört! rechts.) Die enorme Leistungsfähigkeit ' der Landwirtschaft, war nur unter dem Schutzzoll möglich, (sehr richtig! rechts.) Die Einfuhr an Nahrungsmitteln beläuft 'ich, wie wir zugeben, auf fast eine Milliarde. Sehen wir aber einmal nach, in welchen Artikeln die Steigerung stattge- 'linden bat, fo werden sie finden, daß es in der Hauptsache Stoffe sind, die zur Ernährung unseres Viehbestandes be­nötigt werden, vor allem Futtergerste. Die Ausführungen des. Abg. Gothein, insbesondere bei Besprechung der Anbaufläche, beruhen auf Unrichtigkeiten,. da seine statistischen Unterlagen

ungenau sind.

Bon der fortschreitenden inneren Kolonisation ist eine Zunahme des Anbaues von Futterpflanzen nicht zu erwarten.

Je kleiner der Besitz, desto größer der Roggenanbau.

(Hört! Hört! rechts.) Die Vergangenheit hat gezeigt, daß mit dem Einsetzen der Caprivischen Handelsverträge der Roggen­bau, ganz bedeutend Angenommen hat. Wir halten daran fest, daß, wenn eine Zollpolitik für den Osten.überhaupt ein gebnis haben soll, das System der Einfuhrscheine beitzehalten werden muß. (Sehr richtig! rechts.) Herr Gothein ärgert sich -darüber, daß diese Einfuhrscheinc nicht nur den Händ- .lern, sondern auch, den Produzenten zugute kommen. (Sehr gut! rechts.) Dr. Böhme hat, da sachliche Gründe für seine Polemik nicht vorhanden waren, sich mit einzelnen Persön­lichkeiten beschäftigt. Dieses Kampfmittel hat Herr Bart­schat sogar noch weiter angewendet, indem er ehrenwerte Frauen in das parteipolitische Gezänk hineingezogen hat. Unsere Frauen wollen wir doch aus dem Kampf lassen. (Bravo! rechts.) Seine Kritik an dem Vorsitzenden des Bun­des der Handwerker war wenig ruhmreich für ihn. Ich weiß nicht, ob Herr Bartschat vom Hansabund gleich schlecht be­zahlt wird, wie Herr Vogt vom Bund der Handwerker. Diese fortgesetzten Debatten der Linken müssen für das Ausland geradezu aufstachelnd ivirken, wenn betont wird, daß Ruß­land uns die Getreidepreise diktiere und die Saison­al b e i t e r, vorenthalten könnte. Beides trifft nicht zu. Rußland exportiert das 15fache von dem, was wir dorthin exportieren und es ist. genötigt, den Überschuß cm Arbeits- krästeu als Saisonavbeiter über die Grenze gehen zu lassen. Das hat auch der preußische Landwirtschaftsminister zuge- statrdeu, als er mitteilte, daß Rußland nach wie vor die lOh^-- Monatspässe ausstellen werde. Uber die innere Kolonisation ist die Linke vollständig falsch unterrichtet. Die Konservativen sind davon überzeugt, daß eine Arbeiterkolonisation verfehlt ist. ^ Die innere Kolonisation ist auf Anregung der Käufer-, vativen geschaffen worden. So gibt es noch heute keinen ent­schiedeneren Vorkämpfer dieser Bewegung, als den Vorsitzen­den, des Bundes der Landwirte, Herrn von Waugenhetm. (Sehr richtig! rechts.) Völlig verkehrt ist die Annahme, daß der . Großgrundbesitz sich durch die innere Kolonisation zuver­lässige und -gefügige Arbeiter beschaffen wolle. Unsere innere Kolonisation hat ihre Kinderkrankheiten durchgemacht, namentlich während der Ära Caprivis.

Unsere Politik geht auf eine Erhaltung des Bauern­standes und die Besitzbefestigung hinaus.

Man darf aber nicht verlangen, daß in kurzer Zeit alle Domänen verschlagen und die Güterschlächteret im Großen , be­trieben wird. Die Freisinnigen haben allen Anlaß, ihre An­sicht über die Politik der Konservativen wie auch über die Er­folge unserer Wirtschaftspolitik zu revidieren. (Beifall rechts.)

Präsident Dr. Kacmpf: Herr Abgeordneter Hösch! Sie haben in bezug auf den Abg. Dr. Böhme gesagt, er scheine über die Frage der Einfuhrscheine nicht überzeugungstreu sprechen zu wollen. Eine derartige Äußerung ist parla­mentarisch nicht zulässig.

Abg. Westermann (wild-natl.): Der größte Fehler in

der Landwirtschaft besteht darin, daß, wenn ein Zweig der Landwirtschaft rentabel ist, alsbald eine Überproduktion ein« tritt und diese Betriebsart unrentabel gemacht wird. Der Bauernbund hat von jeher die Schutzzollpolitik vertreten, ins­besondere für den Hopfen und für den Gemüse- und Obstbau. Auch ein Milch- und Rahmzoll ist notwendig.

Die Frage der inneren Kolonisation darf nicht als Schlagwort in die Massenversammlungen geworfen werden. (Hu!-Rufe bei den Soz.) Die Güterschlächterei ist für den Bauernstand äußerst gefährlich. Ich habe nicht rechts oder links zu vertreten, sondern das Wohl des Bauernstandes. Deshalb bedauere ich, daß Dr. Böhme immer nur Angriff« gegen rechts richtet, gegen links findet er keine Worte. (Glocke. Vizepräsident Dr. Paasche: Ich bitte, die persönlichen Auseinandersetzungen an dieser Stelle zu unterlassen. Un­ruhe rechts.) Abg. Westermann (schließend): Wir haben den gemeinsamen Kampf zu führen gegen den inneren Feind: die Sozialdemokratie. (Lärm links) Bravo! rechts.)

Abg. Bruhn (Rfpt.): Die Regierung tut viel zu wenig für den Mittelstand, besonders zum Schutz der Bauhand- werker, die durch die Rücksichtslosigkeit der Terrainspekulanteu und Schwindelbauunternehmcr ausgebeutet werden. Es müßten hier schon längst gesetzliche Maßnahmen ergriffen sein.

Der Forderung, die Strafbestimmungen beim Streik zu verschärfen, können wir nicht zustimmen, da wir die bestehen­den Gesetze für ausreichend erachten.

Es mutz Vorsorge getroffen werden, daß die kleinen Müllereien und kleinen Brauereien nicht durch die Großbe­triebe völlig'vernichtet werden. In den Berficherungsämterri wird eine bedauerliche Rentenquetscherei getrieben. Das Wolfs sche Bureau steht unter dem Einfluß des Bank­hauses Bleichröder; das offiziöse Nachrichtenwesen muß daher verstaatlicht werden. Die innere Kolonisation muß weiter ge­fördert werden.

Ministerialdirektor Dr. Caspar gibt Auskunft über einen vom Vorredner angeführten Fall von sog. Rentenquetscherei. Dem betreffenden Versicherten sei lediglich die Zusatzrente entzogen worden.

Abg. Erdmann (Soz.): Dr. Nötiger hat sich seinep

gelben Schützlinge angenommen. Die verstehen eS sehr wohl, daß die Unternehmer sich dieser Hilfstruppen bedienen. Man soll ftc aber nicht noch in Schutz nehmen. Auch wir verurteilen ein blindes Vovwärtsst-reben, wollen alber auch nicht immer nur die Lichtseiten blind loben. Aus Freude über unsere Sozialpolitik dürfen wir nicht hochmütig über andere Länder werden. So herrlich weit haben wir es auch nicht gebracht- Wir,wollen den Reichtum der Millionäre nicht noch weiter steigern, sondern die Arbeiter endlich zu zu­friedenen Menschen machen.

Abg. Giesberts (Ztri): Die Sozialdemokratie hat den Ge- werkschaftsgeda-m-en in bie Parieischablone gepreßt. (Leb­haftes Bravo! im Ztr.) Ich weise den Vorwurf zurück, die christlichen Arbeiter handelten frevelhaft, wenn sie sich einer besonderen Gewerkschaft angliederten -und sich nicht der

Sozialdemokratie qnschlteßen.

Falsch ist auch die Nachricht, daß die christlichen Gewerk­schaften daran denken, ihr Firmenschild zu ändern.

Dieses ist rein und hat sich irefslich bewährt. (Lachen bei den Soz., lebhaftes Sehr richtig! im Ztr.) Ihr Reinfall (zu den Soz.) im Kölner Prozeß sollte sie vorsichtiger machen. (Lachen bei deit Soz.) Jetzt, wo die Arbeiter geschlossen sein müßten, um die Angriffe auf das Koalitionsrecht abzuwehren, bringen die Sozialdemokraten wieder den Zwiespalt in die Reihen der Arbeiter hinein. (Lebhaftes Bravo! im Ztr.)

Abg. Schwabach (natl.): Wir wünschen, daß -die in

Reichs- und Staatsbetrieben' beschäftigten Personen den in diesen Betrieben Festangestellten gleichgestellt werden. Um den mannigfachenWünschcn und der nach teilweise ungeklärten Lage eine Unterlage, zu geben, bitten wir den Herrn Reichs-

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