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Freitag, 39. Januar 1914.

Tagesschau.

Wie verlautet, wird der Kaiser in den nächsten Tagen über das Entlassungsgesuch der elsaß- lothringischen Regierung die Entscheidung treffen.

Im Reichstag wurde gestern die Weiterberatung bes E t a t s d e s Reichsam. ts des I n n e rn fortgesetzt.

Das Abgeordnetenhaus beschäftigte sich gestern mit dem Gestütsetat und Sem Domänenetat.

Auf der Fahrt von Bornholm nach Hamburg ist der deutsche SchonerVorwärts" mit Besatzung untergegangen.

68. Jahrgang.

Zw Stauf um dir Mißen (taerffßnften.

Von unserem sozialpolitischen Mitarbeiter.

Der im katholischen Lager neu und heftig entbrannte Kampf um die christlichen Gewerkschaften ist nicht nur in sozialpolitischer, sondern auch in politischer Hinsicht über­aus bedeutsam. Zwischen der Zentrumspartei und den christlichen Gewerkschaften besteht ein zwar oft bestrittener, aber tatsächlich unleugbarer enger äußerer und innerer Zusammenhang. Schon die Gründung der christlichen Ge­werkschaften Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahr­hunderts war ebenso eine politische wie eine gewerkschaft­liche Tat des Zentrums, gerichtet gegen die sozialdemo­kratische Hochflut, die die Zentrumswälle der westlichen Jnduftriegegenden bedroht. Hervorragende Gründer und Führer der katholischen Arbeitervereine wie Brust, Gies- bertS, Dr. Pieper waren oder wurden bald danach ein­flußreiche Abgeordnete der Zentrumsfraktionen im Reichs­tag und im preußischen Landtag, angesehene Zentrums­führer wie Prof. Hitze, Trimbor» u. a. protegierten die christlichen Gewerkschaften.

Nicht zum wenigsten der starke Schutz und Einfluß des Zentrums verschaffte der jungen, aufblühenden christlichen i Gewerkschaftsrichtung ihre unerwartet großartigen Erfolge. Nach wenigen Jahren schon hatte, sie die alten Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereine, die bis dahin einzige bürger­liche Konkurrenz der sozialdemokratischen Gewerkschaften, an Mitglieberzahl und Leistung weit überflügelt und be- legte seitdem die zweite Stelle unter allen deutschen Arbeiterorganisationen. Gegen die heftigsten Angriffe der Sozialdemokratie und gegen noch schädlichere Angriffe aus den eigenen Reihen nahm sie an äußerer Macht und innerer Geschlossenheit zu und war auf dem besten Wege, innerhalb des Zentrums einen ähnlichen Einfluß zu er­ringen wie ihn die sozialdemokratischen Gewerkschaften in der sozialdemokratischen Partei erstreben und teilweise heute schon haben.

Aber die Gegner im eigenen Lager wuchsen an dem .jl Widerstand der neuen gewerkschaftlichen Richtung ihrer­seits mit. Aus denFachabteilern", die aus gewerkschaft­lichen Bedenken ein Heraustreten von besonderen Berufs­vereinen aus der großen, katholischen Gesamtaxbeiterschaft bekämpften und nur eine Organisation zu Fachabteilungen innerhalb der großen katholischen Arbeiter- und Gesellen- - verbände gutheißen wollten, entstandendie Berliner", die aus kirchlich-katholischen Gründen das Zusammengehen der katholischen mit den evangelischen Arbeitern in gemein­samen christlichen Gewerkschaften mißbilligten unddie Kölner" als minder gute Söhne der Kirche hinzuftcllen sich ^bemühten. Der Streit griff, wie Inan aus dem

katholischen Arbeiterlager auf die katholische Presse über und zog zuletzt auch das Zentrum und die katholischen Bischöfe in seine Wellen. Während sich das Zentrum ge­schlossen hinter die christlichen Gewerkschaften stellte und die einzige Ausnahme, den Grafen von Oppersdorfs, aus seinen Reihen ausmerzte, bewährte der deutsche Episkopat zunächst eine abwartende Stellung. Ais xZ hanp denBer­linern" gelang, die päpstliche Enzyklikasingulari qnadam" v zu extrahieren, die den reinkatholischen Arbeiterbestre- ' Lungen vollstes Lob spendete, diechristlichen Gewerk­schaften" dagegen nur dulden zu können erklärte, kam es auch innerhalb des Episkopates zu vielbeachteten Mei­nungsverschiedenheiten. Die geistlichen Borkämpfer der ^Berliner", Kardinal Fürstbischof v. Kopp-Breslau und /Bischof Korum von Trier traten offener als vordem gegen den gewerkschaftlichverseuchten" Westen auf und der ver­storbene Erzbischof Fischer von Köln mit dem Bischof von Paderborn gaben sich deutlicher als bisher als Freunde TNnb Beschützer der christlichen Gewerkschaften zu erkennen. Um den ärgerlichen Streit einzuschränken, wurde eine versöhnlicheauthentische Interpretation" der Enzyklika durch die Bischöfe veröffentlicht und nachher auf dem Metzer

Katholikentag feierlich Frieüensschluß zwischenBerlinern" undKölnern" verkündet. Die christlichen Gewerkschafts­führer erhoben wieder hoffnungsvoll ihre Häupter und wehrten die Beschuldigung zahlreicher sozialdemokratischer Zeitungen, sie hätten ihre gewerkschaftliche Unabhängigkeit ihren kirchlichen Oberen preisgcgeben, durch Proteste auf einem außerordentlichen Gewerkschaftskongreß in Essen vorigen Herbst und durch einen großen Beleiöigungsprozetz vor einigen Wochen ab. Bei beiden Gelegenheiten betonten sie indessen ihre volle Unabhängigkeit in so starken Aus­drücken, daß jetzt der Vorsitzende des deutschen Episkopats. Fürsterzbischof v. Kopp, in einem, vom Grafen Oppersdorfs veröffentlichten Brief dieses Verhalten der Gewerkschafts­führer bedauert, dieauthentische Interpretation", die nur eine private Ausarbeitung des Paderborner Bischofs dar- stellc, als wirkungslos und verwirrend preisgibt und aus­drücklich mitteilt, daß auch an anderer Stelle, also offenbar in Rom, feine Ansichten und Urteile über das Verhalten der katholischen Arbeiterführer geteilt würden.

Damit ist nicht nur in der katholischen Arbeiterschaft, in der katholischen Presse und in politischen Zcntrums- kreisen, sondern was noch nie erlebt wurde auch im katholischen Episkopat das Feuer der Zwietracht zu heller Flamme entfachte Schon veröffentlicht die gewerkschafts- freundltche Presse der Kölner" einen anderen, diametral widersprechenden Brief des FürsterzbischofS vom November 1612 und die Nachricht, daß Justizrat Dr. Porsch jetzt sein Amt als fürstbischöflicher Konsistorialrat niedergelegt habe. Schon wird ans Rom gemeldet, daß auch die Kurie über den neuen Kopp-Brief bestürzt sei und die Bloßstellung des Paderborner Bischofs Dr. Schulte aufs lebhafteste bedaure. Natürlich werden auch die christlichen Gewerkschaftsführer nicht schweigen dürfen. Es ist offenbar, daß augenblicklich eine nie bisher gekannte Verwirrung und Ratlosigkeit im politischen und gewerkschaftlichen Lager des Zentrums Platz gegriffen hat, und der Ausgang des Ganzen läßt sich noch nicht entfernt absehen. 8. 8.

Das Christentum in Japan.

Man teilt uns folgendes mit:

Noch immer ist in weiten deutschen Kreisen die Mei­nung verbreitet, die Japaner seien ein unfrommes Volk, sie hätten keinen religiösen Sinn und wollten keine Reli­gion. Dabei kann man in Japan kaum einen Kilometer weit gössen, ohne auf Tempel zu stoßen, in denen auch am Alltag Männer und Frauen andächtig beten. Hundert­tausende besuchen die Tempelfeste aus innerstem eigenen Antrieb.

In manchen Kreisen der Japaner freilich, die mit der religionsfeindlichen Strömung der europäischen Wissenschaft in Verbindung gekommen waren, war früher die Meinung verbreitet, gebildete Menschen Unserer Zeit seien erhaben über alle Religion. In der japanischen Regierung herrschte früher auch die Meinung, Religion sei für das heutige Japan nebensächlich. Viel nötiger sei Förderung nützlichen praktischen Wissens, Hebung des Handels und der Indu­strie, Verstärkung des Heeres und Ausbau der Flotte Man achtete alle idealen Güter gering.

Die Folge war eine sittliche und soziale Entartung gerade der Volkskreise, die mit der europäischen Kultur in Verbindung kamen. Ja, auch die noch unberührten Volkskreisc ergriff eine sittliche Zerrüttung. Nun erwachte die Sorge der führenden Krei,e: Was soll und kann da­gegen geschehen?

Da war es der damalige Vtzemtnister des Innern Tokonami, der im Jahre 1911 das Leben der europäischen Völker auf einer langen RciF st^vrerie, der der Regierung seine Meinung dahin aussprach: Die Wurzeln der Kraft der westlichen Völker saugen ihre Nahrung aus der Religion, aus dem Christentum. Darum müsse Japan das religiöse Leben wieder stärken und auch das japanische junge Christentum, das Werk der Mlsstonsarbeit, fördern.

Die japanische Regierung halte bis dahin das Christen­tum immer als eine verderbliche Macht angesehen, hatte Lehrer und Beamte, die ihr Christentum betätigten, straf­versetzt, hatte die Schulkinder vor dem Besuch christlicher Sonntagsschulen warnen lassen usw. Dabei waren die Christen treue Bürger und zeichneten sich sittenreines Leben aus.

Nun ward das Urteil und Verhalten der Regierung den christlichen Fragen gegenüber anders. Am 28. Febr. 1912 berief das Ministerium eine Konferenz von Priestern des Shintoismus und Buddhismus und von Predigern des Christentums. Hier ward das Christentum zum ersten Male in Japan als eine wichtige und heilsame Sache an­erkannt. Die Beratungen behandelten die Frage, wie die drei Religionen das sittliche und geistige Leben des Volkes fördern könnten.

Am 1., 3. und 4. November 1913 hat der Unterrichts- minister, dem jetzt alle religiösen Angelegenheiten unter­stellt sind, eine zweite ReligtonSkonferenz in Tokio abgc- halten. Der Minister hat diesmal die Vertreter der drei Religionen nicht in einer Besprechung vereinigt, sondern hat Sonderkonferenzen mit den Vertretern der drei Reli­

gionen abgehalten. In einer Ansprache, die im wesent­lichen gleichlautend war, hat er die Religionen aufgeforöeri, sie möchten als Prediger und Lehrer nur sehr gut wissen­schaftlich gebildete und sehr charakterfeste Männer anstellen und möchten ihre Liebeswerke zur Bekämpfung allge­meiner Notstände ausbauen. Den Vertretern des Shin­toismus und des Buddhismus hatte er außerdem noch ge­sagt, unter den Priestern seien sehr viele unwissende und charakterlose Leute. Diese Bemerkung hat er in der An­sprache an die Christen fortgelassen. Er konnte das den Christen auch nicht sagen. Denn auf die christlichen Pre­diger trifft das nicht zu.

Auf die Ansprache des Ministers haben eine Anzahl christlicher Männer, vor allem Dr. Jbuka und Prediger Kozaki dem Minister folgende Wünsche der Christen an die Regierung in aller Offenheit und Klarheit vorgetragen.

In den letzten Jahren noch war den japanischen Schulen, die religionslos sind ober sein wollen, befohlen worden, regelmäßige Besuche der Shintotempel auszu­führen. Auch die Christenkinder versuchte man dazu zu zwingen. Die Regierung werde gebeten, einen solchen Druck, der der Verfassung widerspricht, nicht auszuüben. Auch sollte nun wirklich avch all und jede Beeinträchtigung der Christen aushören. Die Regierung möge ferner ge­statten, daß die Missionsschulen christlichen Religionsunter­richt in ihren Lehrplan aufnehmen dürften. Bisher darf das nicht sein. Man mutz den Religionsunterricht geson­dert halten. Die Regierung möge ferner zur Seelsorge in den Gefängnissen nicht nur Bubdhistenpriester zulassen, sondern auch christliche Prediger. Auch möge man bei der 1914 bevorstehenden feierlichen Kaiserkrönung des Kaisers Yoshrhito die Christen als den andern gleichberechtigt be­handeln.

In sehr freundlichen Worten sagte der Minister eine ernste Prüfung dieser Wünsche der Christen zu.

An diese offizielle Konferenz schloß sich dann noch eine Bereinigung von 300 Vertretern der drei Religionen an in Form einer geselligen Zusammenkunft. Diese gipfelte darin, daß ein Ausschuß von Vertretern der drei Religionen gebildet wurde, der jedes Jahr eine Zusammenkunft be­rufen soll.

Das Christentum ergreift gern diese Gelegenheit mit den Priestern der andern Religionen zusammen zu kommen. So bekommen die christlichen Prediger Gelegen­st, die Schönheit und Herrlichkeit christlichen Geistes auf dre Priester der andern Religionen wirken zu lassen, -rarum kann man pch dieser zweiten Religionskonferenz von Herzen freuen. ' ' 1

Mi ssionsinspekt or Witte- Berlin.

Kim fmsiiße MonMe ffir Mmll«.

.C^ve sehr bedeutsame Anleihe ist soeben von der fran-

zonschen Kammer genehmigt worden. Die Kammer er- orterte eine Vorlage, welche die Negierung des Protek- torats Marokko ermächtigt, eine Anleihe von 170 Millronen Fr. zur Ausführung öffentlicher'Arbeiten und zur Tilgung der Schulden des Machsen aufzunehmen.

Der Berichterstatter Long, der auf die verschiedenen Elnwendungen antwortete, setzte auseinander, daß die Vor­lage 600000 Fr. für Eisen bahn st udien vorsieht. Der Bau dieser Eisenbahnen soll in dem wirtschaftlichen Programm inbegriffen sein. Long wies die Berechtigung für die Wahl von Casablanca als Hafen und für die dortigen Hafenarbetten unter Angabe von Gründen wirtschaftlicher und militärischer Natur nach. Der Bericht­erstatter fügte hinzu, daß das Protektorat Vorschüsse ge­währe, die es durch eine Taxe auf den Tonnengehalt der Schiffe decken werde. Ministerpräsident Doumergue führte aus, daß 80 Millionen der Anleihe zur Tilgung früherer Schulden dienen sollen und 140 Millionen für die kommenden Ausgaben vorgesehen sind. Der Klärte, daß das Parlament demnächst sich über eine oorlage zum Bau einer Eisenbahn von nöc ^ bez auszusprechcn haben werde, die das erste §Ä«n^a»4^^^9nischen Eisenbahn bilden werde. Zum L-chlutz bat -.wnmerguc die Kammer, für die Gesetzesvor- MfÄ ® eIt 5 e die wirtschaftliche Größe Nord-

Frankreichs mächtig unterstützen werde. Die

fettorrmtett 1Imi&e Handaufheben einstimmig an-

Kurze politische Nachrichten.

Zie Festsetzung ver Mattlkularlreitröge für 1811.

« Matrikularbciträge für 1014 sind setzt nach den w «* e des Bundesrats neu festgesetzt worden. Mit orer Ausnahmen sind die neuen Matrikularbeiträge ge- ringer bemessen als die für 1918. Im einzelnen betragen me Matrikularbeiträge für Preußen 153 928 296 M>, Bayern ->988 350 M Sachsen 18 411637 M., Württemberg 8 904 434 M-, Baden 8 211 454 M., Hessen 4 913146 M Mecklenburg- Schwerin 2 452488 M., Sachsen-Weimar 1 600 573 M., Mrck- icnburg-Strelitz 407 913 M., Oldenburg 1851137 sp>

Braunschweig 1894 438 M., Sachsen-Meiningen 1066 337 Nt Sachsen-Altenburg 828 268 M.. Sachsen-Koburg und Gotba 985 569 M., Anhalt 1268 971 M.. Schwarzburg-Sonde--s° hausen 344 684 M-, Schwarzburg-Rndolstadt 385 917 M Waldeck 236 477 M.. Neuß ältere Linie 278 869 M. Reust jüngere Linie 685 385 M., Sffjanmvurg-Lippe 178 783 M Lippe 578 428 M., Lübeck 446 837 M., Bremen 1147 858 M" Hamburg 8 888 436 M., Elsaß-Lothringen 7178 649 M Die Gesamtsumme der Matrikularbeiträge beläuft sich auf